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Ausgabe:

1913 Nr. 14

Spalte:

423-425

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bergh van Eysinga, G. A. van den

Titel/Untertitel:

Radical Views about the New Testament 1913

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 14.

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Sie wird zunächft nach ihren zwei Hauptdogmen charak-
terifiert: Immanenz und ftete Entwicklung nach aufwärts.
Dann wird von der angeblichen Religionslofigkeit des
Urmenfchen und gewiffer Naturvölker, von dem unrichtigen
Vergleich des Naturmenfchen mit dem Kinde, von Zauberei
, Animismus, Fetifchismus, Geifterglaube, Totemismus,
Tabu gehandelt. Endlich werden die gegen die evolu-
tioniftifche Theorie fprechenden Tatfachen aufgeführt:
urfprünglicher Monotheismus bei den Primitiven, Üroffen-
barung. Nach diefer allgemein religionsgefchichtlichen
Erörterung kehrt der 3. Abfchnitt zum A. T. zurück und
weift die Anwendung der religionsgefchichtlichen Theorie
auf das A. T. zurück. Hier wird dem Lefer vorgeführt,
welche angeblichen Spuren von Fetifchismus, Animismus,
Totemismus, Polytheismus auf Grund jener Methode behauptet
worden feien; fie haben als ,Überlebfel' (survivals)
zu gelten und find als Einwirkung des umgebenden Heidentums
zu betrachten. Im 4. Abfchnitt wird Israel den
Völkern des alten Orients gegenübergeftellt. Hier wird
der Lefer über die Bedeutung Kanaans als Völkerbrücke
unterrichtet, es werden ihm die hauptfächlichften Ausgrabungen
in Paläftina mitgeteilt und ihre Ergebniffe benimmt
, und er erfährt, was von den wirklichen oder vermeintlichen
Beziehungen Israels zu Ägypten, Babylonien-
Affyrien, Arabien und Kanaan zu halten fei. Zum Schluß
wird zufammengefaßt: Israels Religion ift nicht aus der
Naturreligion entwickelt, nicht bei feinen heidnifchen Nachbarn
entlehnt, fondern das Werk der Offenbarung Gottes.

Es ift ftaunenswert, welche Fülle von Problemen der
Verfaffer anfchneidet, wie er die verfchiedenften Frage-
ftellungen und Urteile aus der neuen und neueften Literatur
in die Debatte zu ziehen verlieht, wie er fich mit
der Literatur vertraut zeigt. Sehr beachtenswert ift das
außerordentliche Gefchick, mit welchem er die Dinge
zu gruppieren und fpeziell für feine Betrachtung zu nützen
verlieht. Und lehrreich ift dann vor allem, welche Zitate
aus der proteftantifchen Literatur er zugunften der be-
fonderen Abficht feines Buches auswählt, wie er feine
Schlüffe zieht und welche hiftorifchen und religionsgefchichtlichen
Anfchauungen als die im Intereffe katholifcher
Apologetik liegenden erfcheinen. Es findet fich natürlich
auch einiges gegen die Proteftanten Gerichtetes, doch tritt
die konfeffionelle Polemik fonft fehr erfreulich zurück.
Wir können pofitiv und negativ mancherlei aus diefen
Vorträgen lernen:

Breslau. J. Herrmann.

ßergh van Eysinga, G. A. van den: Die holländilche radikale
Kritik des Neuen Teftaments, ihre Gefchichte u. Bedeutung
f. die Erkenntnis der Entftehung des Chriften-
tums. (XIV, 187 S.) gr. 8°. Jena, E. Diederichs 1912.

M.4—; geb. M. 5.20

— Radical Views about the New Teftament. Translated from
the Dutch by S. A. Slack, M. A. With an Introduction
by the Translator. (XVI, 124 S.) 8°. London, Watts
& Co. 1912. s. 2 —

Der gegenwärtig die Gemüter bewegende Streit um
die Gefchichtlichkeit Jefu rückt die Kritik der radikalen
Holländer in den Vordergrund unferes Intereffes. Stellt
man doch da, wo man die Perfönlichkeit Jefu aus der
Gefchichte ftreicht, vielfach diefelben Erwägungen an,
zieht die gleichen Schlüffe, die fich fchon bei jenen finden.
Und das Unternehmen, die deutfche Gelehrtenwelt mit
der Arbeit der holländifchen Radikalen beffer vertraut
zu machen, ift um fo dankenswerter, als man dem Verfaffer
nicht wird abftreiten können, daß die deutfchen
Forfcher in der Regel nur eine ziemlich fummarifche
Kenntnis des Gegenftandes befitzen oder doch verraten.

Van den Bergh van Eysinga gibt uns ein deutliches
Bild von den Bemühungen des holländifchen Radikalismus

um das Neue Teftament. Er hat die Gefchichte diefer
kritifchen Richtung genau ftudiert und dabei Quellen
der verfchiedenften Art ausgebeutet: Bücher, Auffätze,
Vorträge, Briefe, Vorlefungshefte, handfchriftlichen Nachlaß
und Verfammlungsprotokolle. Auf Vollftändigkeit
will der Verfaffer felbft keinen Anfpruch machen. Nur
daß ihm nichts Wichtiges entgangen ift, glaubt er verbürgen
zu können. Und wenigftens ich bin nicht in der
Lage, ihm eine Lücke nachzuweifen.

E. Hellt das Werden des holländifchen Radikalismus
von feiner Entftehung an dar. Seinem Thema getreu be-
fchränkt er fich auf niederländifche Forfcher, Theologen
und Philofophen. Nur beiläufig treten Männer wie R. Steck
und W. B. Smith auf. Doch gibt er keinen trockenen
Bericht. Er macht feine Darbietungen intereffant durch
Mitteilung von Details aus dem Leben der wichtigften
Kritiker, vor allem dadurch, daß er zeigt, wie fich die
neuen Erkenntniffe in dem einzelnen langfam entfalten,
in verfchiedenen Zeiten wechfelnde Geftalt gewinnen und
gegenüber allen möglichen Einwendungen fich zu behaupten
fuchen. Als Gegner erfcheinen in der Hauptfache
gleichfalls Holländer. Und mit die fchärffte Kritik
üben die Glieder der radikalen Schule felbft an einander.

Verf. legt Wert auf dieFeftftellung, daß der holländifche
Radikalismus nicht von Bruno Bauer abhängig, fondern
in den Niederlanden bodenftändig ift. Hier geht er von
A. Pierfon aus. Die alle feine Vertreter verbindenden
Eigentümlichkeiten find einmal die Ablehnung der Echtheit
fämtlicher paulinifcher Briefe, fodann die Überzeugung,
daß das Markusevangelium nicht das ältefte der Evangelien
ift. Zweifel an der Gefchichtlichkeit Jefu dagegen
finden fich wohl hier und dort, werden jedoch nicht durchweg
geteilt. E. felbft bekennt fich zur radikalen Auf-
fafiung. Er hat feinem hiftorifchen Bericht einen /Rückblick
und Schlußbetrachtung' beigefügt und diefe mit der
Aufftellung von neuen .Grundfäulen' gekrönt, auf denen
nach feiner Meinung das Gebäude der radikalen Kritik
ficher ruht. .Aber genug', fo bricht er feine Darlegungen
ab, ,die holländifche Kritik hat den Echtheitsverteidigern
der Hauptbriefe viele Rätfei vorgelegt, die bis jetzt noch
nicht gelöft find.' Gewiß, es fragt fich nur, ob nicht die
Annahme der von den Holländern empfohlenen Löfung
uns vor eine andere Reihe von Problemen Hellt, deren
Bewältigung noch ungleich fchwieriger ift.

Zu gleicher Zeit mit feinem gefchichtlichen Überblick
über die holländifche radikale Kritik am N.T.
läßt E. eine Rechtfertigung derfelben ausgehen. Hat
er fich in jenem Buch der deutfchen Sprache bedient,
fo erfcheint diefes in englifcher Überfetzung. Der Grund
ift die Erwägung, daß fich der Engländer in der Regel
nur eine fremde Sprache aneignet, daß die für eine wiffen-
fchaftliche Behandlung des N. Ts. Intereffierten bisher
aber fall ausnahmslos das Deutfche erwählten und
fo in eine gewiffe Abhängigkeit von der deutfchen Kritik
gerieten. Nun follen fie in ihrer eigenen Sprache
vernehmen, welche Gründe die Refultate der holländifchen
Schule gebieterifch fordern.

Die Schrift, die fich zum Teil nahe mit der obigen
berührt, vermeidet ein ausdrückliches Eingehen auf die
ausgebreitete Literatur, ift mehr populär gehalten. Sie
ift gefchickt und gefchmackvoll gefchrieben und verbindet
die Vorlegung eigener Beobachtungen mit der Mitteilung
des wichtigften von den Gefinnungsgenoffen zufammen-
gebrachten Materials. Nach Vorbemerkungen des Über-
fetzers und einer Einleitung handelt das 1. Kapitel von
den Anfängen der radikalen Kritik in Holland. Das
2. Kapitel fucht den wahren Charakter der evangelifchen
Gefchichte zu beftimmen und ift ein Proteft gegen die
traditionelle Auslegung der Evangelien. Biographifche
Einzelheiten aus dem Leben eines Mannes darf man in
ihnen nicht fuchen. Nur die vergleichende Religions-
gefchichte gibt uns den Schlüffel zum richtigen Verftändnis.
Kapitel 3 führt den Nachweis der Unechtheit fämtlicher