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Ausgabe:

1913

Spalte:

312

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die Philosophie des Thomas von Aquino und die Kultur der Neuzeit. 2. Aufl 1913

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 10.

312

tifchen Sitten. So vollzog fich fortan die Wiedergeburt
Frankreichs, der Kampf um die foziale Gerechtigkeit, die
Arbeit an der Jugend, das Ringen um die höchften Ideale
der Menfchheit auf allen Gebieten ohne die Kirche, ja
gegen die Kirche. Das ift die moderne laientümliche
Orientierung des tief religiöfen Sinnes der franzöfifchen
Nation: fie geht aus von den praktifchen Bedürfniffen
des Lebens und ift in ihrem eminent fozialen Charakter
katholifch im edelften Sinne des Wortes. So berührt fie
fich aufs innigfte mit dem Modernismus, der den Beruf
hat, dem Katholizismus diefelbe Orientierung zu geben.
S. fleht den Modernismus trotz des von Pius X. organi-
fierten Terrors überall im fiegreichen Vordringen. Geiade,
daß fie mit allen Fafern ihres Wefens im Katholizismus
wurzeln, verbürgt den Moderniften in der Wiffenfchaft,
in der Philofophie und Gefchichte die engfte Gemeinfchaft
mit unferer Generation, ,weil ihre Träume von Kind auf
nicht nur an der Idee der Brüderlichkeit orientiert waren,
fondern an der einer univerfalen kosmifchen Gefellfchaft,
deren Namen die Kirche ftammelt, deren Geheimnis die
Wiflenfchaft fucht und deren Verwirklichung die Demokratie
fich zum Ziel fetzt' (S. 199f.). So optimiftifch S.
den Modernismus beurteilt, fo peffimiftifch denkt er vom
franzöfifchen Proteftantismus. Er empfindet ihn als Fremdkörper
in der franzöfifchen Volksfeele. Vor 1870 kam
in Frankreich die Hochachtung vor dem deutfchen Wefen,
vor deutfcher Wiflenfchaft, Literatur und Tugend auch
dem Proteftantismus zugut. Mit der Sympathie für
Deutfchland ift auch die für den Proteftantismus in
Frankreich erlofchen. Mit der religiöfen Orientierung
des modernen Frankreich in innere Fühlung zu kommen,
wird ihm trotz aller Bemühungen nicht mehr gelingen.

Ich begnüge mich mit diefer kurzen Skizzierung der
Grundgedanken des S.fchen Buches, deffen Lektüre ein
literarifcher Genuß ift, wenn es auch fehr ernfthafte Einwände
herausfordert.

2. Den lebhafteften Widerfpruch fand S. in Houtins
Historie du modernisme catholique. Mit diefem
Buch fetzt H. feine wertvollen Forfchungen zur religiöfen
Zeitgefchichte, die er 1902 mit feinem Werk La question
biblique chez les catholiques de France au XIX.6 siecle
begonnen hat, fort. Nur befchränkt er fich nicht auf
Frankreich, fondern zieht auch die Schickfale der moder-
niftifchen Bewegung in Deutfchland, Italien, England,
Belgien, Holland, Polen und Nordamerika in den Kreis
feiner Darftellung und widmet dem foziologifchen und
literarifchen Modernismus dieielbe Aufmerksamkeit wie
dem religiöfen und theologifchen. So bietet auch diefes
Buch H.s, wie alle feine Veröffentlichungen, vor allem
eine mit enormen Fleiß zufammengetragene, faft lücken-
lofe Dokumentenfammlung, an der keine Unterfuchung
über die religiöfen Strömungen der Gegenwart vorübergehen
kann. Aber auch H.s Beurteilung des Modernismus
ift aller Beachtung wert. Über die gleiche Sachkenntnis
wie Sabatier verfügend, kommt er zu einem völlig
entgegengefetzten Urteil über die Kraft und Ausfichten
diefer Bewegung unter ftarker Polemik gegen Sabatier,
die man um den Ton perfönlicher Gereiztheit gern gemildert
fähe. Ift Sabatier, der proteftantifche Theologe,
von einer myftifchen Verehrung für den Katholizismus
befeelt, fo hat H., der ehemalige Priefter, jedes perfön-
liche Verhältnis zur katholifchen Kirche, ja zu jeder
pofitiven Religion mit der Soutane abgelegt: mes etudes
me conduisaint ä la certitude, qu'il n'existe pas et qu'il
n'y a jamais eu de religion specialement revelee (S. VII).
Sieht Sabatier den Modernismus an der Schwelle einer
großen Zukunft, fo erklärt H. die ganze Bewegung für
erledigt. Was Sabatier als Morgendämmerung grüßt,
deutet H. als Abendfchatten. H. kommt zu feinem Standpunkt
durch eine gründliche Abhör der äußeren Tat-
lachen, Sabatier ift der Prophet des Glaubens an die
fieghafte Macht der im Modernismus wirkfamen Ideen,
denen mit Index und Bannftrahl nicht beizukommen

ift. Sicher hat jedes der beiden Bücher uns viel zu
lagen.

Leonberg (Württ.). E. Lachenmann.

Eucken, Rud.: Die Philofophie des Thomas v. Aquino u. die
Kultur der Neuzeit. 2. Aufl. (52 S.) Lex.-8°. Sachfa,
H. Haacke 1910. M. 2.50

Angefichts der Tatfache, daß der ,Thomismus' ent-
fprechend der Zeitlage unter den geiftigen Strömungen
der Gegenwart eine nicht unbeträchtliche Rolle fpielt, ift
diefe Schrift des hervorragenden Jenaer Philofophen mit
befonderem Danke zu begrüßen. Verfteht er es doch
in ungewöhnlichem Maße, aus der Fülle gefchichtlicher
Einzelheiten die Kernpunkte in anfchaulicher Klarheit
herauszuheben, im gefchichtlich Gegebenen das Bleibende
zu erkennen und in der Würdigung einer Erfcheinung
Recht und Unrecht mit kritifcher Befonnenheit zu verteilen
. So kommt in der großzügigen Darftellung die
auf der Verbindung von Ariftoteles und Chriftentum
fich aufbauende bedeutende fyftematifche Leiftung des
Thomas vollkommen zur Geltung; aber auch daß die aus
der Überlieferung aufgenommene Philofophie des Ariftoteles
bei Thomas nicht richtig gewürdigt, und der Verflach
vergeblich ift, feine in der griechifchen Kultur wurzelnde
Lehre in ein von der Religion beherrfchtes Syftem
gliedmäßig einfügen zu wollen (S. 16). Nur die große
logifche Schulung des Thomas, fein die Gegenfätze als
nur fcheinbar erweifendes ,diftinguierendes Verfahren' vermag
darüber hinwegzutäufchen. Die zweite Hauptfrage
aber, die nach dem bleibenden Wert der thomiftifchen
Philofophie, ift dahin zu beantworten, daß das Syftem des
.doctor angelicus' an einem Wendepunkte des gefchicht-
lichen Lebens hervorragend gewirkt und große Aufgaben
, befonders diejenigen einer umfaffenden Ausgleichung
der geiftigen Intereflen und einer einheitlichen
Zufammenfügung des gefamten damaligen Lebenskreifes,
erfüllt hat, daß es aber unter den gänzlich abweichenden
Verhältniffen der Neuzeit mit ihrer Loslöfung vom naiven
Realismus des Mittelalters, mit ihrer Verfelbftändigung
der ihren eigenen Gefetzen folgenden Natur und der dem
Einzelnen überlegenen Gefamtgebilde des Staates und
der Arbeitsgefellfchaft unmöglich von neuem eingreifende
Macht erlangen kann. Wird diefes Ziel dennoch erftrebt, fo
ergibt fich etwas ganz anderes, als was Thomas wollte,
,denn was damals den ganzen Umfang des Lebens zu
umfpannen vermochte, das findet fich jetzt einer neuen
Welt gegenüber, mit der es unvermeidlich aufs härtefte
zufammenftoßen muß'. ,So würde, was irenifch gedacht
wari gegen den Sinn des Urhebers polemifch gewandt,
und das univerfal Angelegte vom weiteren Lebenskreife
der Menfchheit fektenartig abgefondert'. Der .Thomismus'
der Gegenwart befagt daher etwas anderes als im Mittelalter
; ,mag es viele geben, die fich Thomiften dünken,
Thomiften im Sinne des Thomas gibt es nicht mehr' (S. 46).

Ein kurzes ,Nachwort' zu diefer zweiten, wefentlich
verbefferten Auflage (1. Auflage 1885) fetzt fich mit der
Kritik, ,foweit fie ernft zu nehmen ift', auseinander und
gibt einigen Hauptgefichtspunkten eine noch fchärfere,
zu weiterer Verdeutlichung dienende Faflung. Euckens
Schrift als Ganzes aber tritt eben durch ihre klare und
gerecht abwägende grundfätzliche Stellungnahme den
bellen unter den neueften mehr auf bloße Darftellung
fich befchränkenden Bearbeitungen der Philofophie des
Thomas von Bäumker (die Europäifche Philofophie des
Mittelalters 1909; in der Kultur der Gegenwart Bd. I, Abt. V,
S. 335 ff.) und von Baumgarten (Thomas von Aquin,
Große Denker, herausgeg. von Aller, S. 283—314) als
willkommene Ergänzung zur Seite.

Dresden. Th. Elfenhans.