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Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

215-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deutscher Geschichts-Kalender für 1912, 9. Heft

Titel/Untertitel:

September 1913

Rezensent:

Eger, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

216

Shaftesbury die neue kosmozentrifche religiöfe Denkweife
fteckt, die zum erften Male von Giordano Bruno hinreißend
ausgefprochen war und der fchon Nicolaus von
Kues präludiert hatte. Darauf hätte Lempp mehr eingehen
dürfen, ftatt diefe Denkweife nur als ,intellektualiftifche'
zu würdigen. Sie ift eine neue kosmozentrifche Konzeption
des Religiöfen entgegen dem biblifch-mittelalterlichen
Anthropozentrismus, aber mit chriftlichem Seelengehalt
erfüllt. Im Anfchluß daran zeigen Lempp und Wegener
die Ausbreitung diefer Gedanken in der popularphilofo-
phifchen und poetifchen Literatur. Sie werden die eigentliche
Religion des Zeitalters und flehen vor allem in
Deutfchland im Zentrum des öffentlichen Intereffes. Sehr
fein zeigt nun aber insbefondere Lempp, wie in diefer
Literatur das alte anthropozentrifche Intereffe wieder
durchbrichtunddadurchdasGanzeineineneudämoniflifchen
Optimismus verwandelt. Ebenfo weift er auf die Steigerung
des anthropozentrifchen Intereffes hin, die aus der
pelfimiftifchen und fkeptifchen Entwicklung derTheodicee
in Frankreich und England fowie aus der Zerfetzung der
idealiftifchen Metaphyfik fich ergab. So kommt es zu
einer Neugeftaltung des Theodiceeproblems bei Kant, in
welcher der Anthropozentrismus feine prinzipielle Erneuerung
erfährt, aber durch die Befchränkung auf den
rein ethifch-rationalen Gehalt der Perfönlichkeit diefes
Anthropozentrismus doch mit dem Kosmozentrismus
wieder verbunden wird. Der Kosmozentrismus wird aus
einem moniftifchen, Natur und Geift gleicherweife im
Weltzweck umfaffenden zu einem dualiftifch-fpiritualifti-
fchen, in welchem nur die Vernunft und fittliche Perfön-
lichheit als Weltzweck und die Natur lediglich als Mittel
erfcheint. Damit ift der Eudämonismus in jeder Hinficht
ausgefchieden und der menfchliche Lebenszweck in den
allgemeingiltigen, kosmifchen Beftandteil, in die ethifche
Vernunft, verlegt, die zugleich als Ausdruck des göttlichen
Gefetzes oder Wefens in einem Reich ethifcher
Geifter erfcheint. Die Theodicee befteht fodann lediglich
in der allgemeingiltigen Vernunftverpflichtung zu dem
Glauben an den Sieg des Guten, das die Natur fich völlig
als Mittel unterwirft, während der metaphyfifche Zu-
fammenhang von Geift und Natur, von Weltordnung und
Sünde unerforfchlich bleibt, immerhin aber durch den
Gedanken einer auffteigenden, die Natur überwindenden
Entwicklung eine gewiffe Beleuchtung erfährt. Diefe
Theodicee, die Schillers innerem Wefen entfprach, ift
dann durch Schiller zur Nationalreligion des deutfchen
Bürgertums geworden bis heute unter Milderung desGegen-
fatzes von Geift und Natur durch die äfthetifche Betrachtung
, während Goethe mehr in dem Gedankenkreis von
Leibniz und Shaftesbury verblieb, wie die Theodicee des
Fauft zeigt. Damit bricht dem Thema entsprechend die
Unterfuchung ab. Dadurch entlieht freilich zu fehr der
Schein, als ob mit Kant und Schiller ein Abfchluß erreicht
fei. Beide Verfaffer Rheinen diefer Meinung zu
fein. Übrigens fei die fehr forgfältige und lehrreiche
Analyfe Kants bei Lempp hervorgehoben, die mit vollem
Recht den fcharfen Unterfchied zwifchen dem Kant des
reinen naturwiffenfchaftlichen Transzendentalismus und
dem Kant der ethifch-autonomen Freiheitslehre und einer
darauf begründeten kosmifchen Teleologie hervorhebt.

Heidelberg. Troeltfch.

Der Fall Traub.

Harnack, Adolf: Die DienftentlalTung des Pfarrers Lic. G. Traub.

(31 S.) 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1912. M. — 50

König, Dr. Eduard: Der Fall Traub u. angebliche fowie wirkliche
Krankheiten der Landeskirche, unter Kritifierung der bezüglichen
neueflen Veröffentlichungen beleuchtet. 1. u. 2. Tauf.
(63 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1912. M. — 80

Pingoud, Gen.-Superint. G.. Über den Lehr- u. Liturgiezwang in der
evangelilehen Kirche. Eine Entgegng. auf die Schrift Profeffor
Harnacks: Die Dienftentlaffg. des Pfarrers Lic. Traub. (31 S.)
8°. Riga, Jonck & Poliewsky 1912. M. — 50

Moeller, Geh. Oberkirchenrat D.: D. Harnack u. der Fall Traub.

Eine Entgegng (66 S.) 8". Berlin, M. Warneck 1912. M. 1 —
Schiele, Pfr D. Friedrich Michael: Was geht uns Pfarrer die Verurteilung
des Pfarrers Traub an? Ein Wort zum Frieden.
(28 S.) 8». Berlin-Schöneberg, Proteflantifcher Schriftenvertrieb
1912. M. — 50
Traub, Lic: Meine Verteidigung gegen den evangelifchen Oberkirchenrat
. Enth. zugleich lämtl. Akten des Verfahrens. (164 S.) gr. 8°.
Bonn, C. Georgi 1912. M.—80

— Was tut der evangelifchen Kirche not? Vortrag. (25 S.) gr. 8».

Berlin-Schöneberg, Proteflantifcher Schriftenvertrieb 1912.

M. - 50

Kraemer, Rechtsanw. Dr.: Der Fall Traub. Erinnerungen u. Gloflen

feines Verteidigers. (53 S.) 8". Berlin-Schöneberg, Prot.

Schriftenvertrieb 1912. M. 1 —

Dörries, Paft. Bernhard: Das Syftem Voigts, die Berufsttellung

der Pfamr u. der Fall Traub. Vortrag. (16 S.) 8». Göttingen.

Vandenhoeck & Ruprecht 1912. M. — 30

Baumgarten, Otto: Das Urteil des preußilchen Oberkirchenrats

über Traub analyfiert u. beurteilt. Kirchliche Chronik aus

dem Septemberheft der .Evangelifchen Freiheit' 1912. (16 S.)

gr. 8». Tubingen, J. C. B. Mohr 1912. M. — 25

Deutfcher Gefchichts-Kalender für 1912, 9. Heft, September (S. i48bis

173 der ,Fall Traub' in zulammenfaflcnder Darfteilung.)

Leipzig, F. Meiner. 8°. M. 1.35

Der Fall Traub hat eine reiche Brofchürenliteratur
gezeitigt. Bei der grundfätzlichen Bedeutung des Falles
erfcheint es angebracht, die wichtigeren Veröffentlichungen
auch in diefem Blatte zu regiftrieren und in ihrer
wefentlichen Tendenz zu charakterifieren, während eine
eigne kritifche Stellungnahme zu den einzelnen Ausführungen
der Schriften dem Charakter diefer Zeitfchrift
nicht entfpricht. Am meiften Auffehen erregt hat Harnacks
Votum. Die Schrift zerfällt in zwei Teile. Im erften
Teil kritifiert Harnack dieEntfcheidung des Oberkirchenrats,
die er trotz der unleugbar von Traub begangenen Fehler

— auch im Ton fehr fcharf — mißbilligt: er findet die
Strafe nicht im Verhältnis flehend zu den Verfehlungen
Traubs und vermißt Berückfichtigung der allgemeinen
Lage, aus der heraus Traub polemifiert hat, feiner Stellung
als Verteidiger Jathos und des Umftands, daß der Oberkirchenrat
in der Angelegenheit Beleidigter, Ankläger und
Richter zugleich war. Im zweiten Teil findet er als den
Boden, auf dem der Fall Traub gewachfen ift, den in der
Kirche immer noch aufrechterhaltenen, mit dem modernen
Wahrheits- und Wirklichkeitsfinn unverträglichen Zwang
zum Gebrauch veralteter liturgifcher Formeln, fpeziell des
Apoftolikums. ,Nehmt den liturgifchen Zwang hinweg,
und alles kommt in Ordnung.' Für die Annahme, daß
die von Traub vertretene Lehre in feiner Verurteilung
indirekt getroffen werden follte, fieht Harnack keinen
Grund. Bei allen von ihm geltend gemachten Anftänden
und Befchwerden bleibt es aber Harnacks Überzeugung:
,Wir leben nicht in einer Epoche des Rückfehritts, wohl
aber in einer Epoche, die durch den überaus langfamen
Fortfehritt und manchen fchweren Mißgriff die Geduld auf
eine harte Probe ftellt'. — Im Unterfchied von Harnack
kommt König in längerer Prüfung zu dem Ergebnis, daß
das Urteil über Traub ein gerechtes und notwendiges war.
Er fieht in der Fähigkeit der organifierten Kirche, ein
ihre gefunde Entwicklung Hörendes Element wie Traub
auszufcheiden, kein Symptom der Krankheit, fondern
gerade der Gefundheit des kirchlichen Organismus. Im
zweiten Teil feiner Schrift fetzt König fich mit Harnack
über ,angebliche und wirkliche Krankheiten der Landeskirche
' auseinander; zur Heilung landeskirchlicher Schäden
will er nichts von einer Entleerung der Reformation
zu einer nur negativen Größe und von Einimpfung eines
modernen ,Wirklichkeits- und Wahrheitsfinnes' wiffen.
Vielmehr befitzt die Kirche der Reformation fchon jetzt
das Mittel, durch deffen Gebrauch fie ftets ihren Lebensquell
von neuem aufgraben kann. Es ift ,die echtkritifche
Methode der Quellenfchätzung', die zu einer geficherten
Überzeugung betreffs der Anfänge des Chriftentums