Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 5

Spalte:

144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmiedel, Hans

Titel/Untertitel:

Nikolaus Lubich (1360-1431), ein deutscher Kleriker im Zeitalter des großen Schismas und der Konzilien, Bischof von Merseburg 1411-1431 1912

Rezensent:

Ficker, Gerhard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

H3

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 5.

144

Jörgenfen, Johannes: Der heilige Franz von Aflili. Eine
Lebensbefchreibg. Autorifierte Uberfetzg. a. dem Dä-
nifchen v. Henriette Gräfin HolfteinLedreborg. Volks-
ausg. (XVIII, 538 S. m. Bildertaf.) 8°. Kempten,
J. Köfel 1911. M. 3—; geb. M. 4 —

Wenn man den Anfang diefes Buches lieft, fo er-
fchrickt man. Ift es ein hiftorifcher Roman? Es hört
fich fo an: .Eines Morgens erwachte in Affin, jetzt vor
700 Jahren, ein junger Mann, der auf dem Wege war,
fich von einer fchweren Krankheit zu erholen. Es war
ganz frühmorgens, die Läden waren noch vor den Fen-
ftern. Draußen war der Tag fchon in vollem Gange, es
hatte fchon längft zur Meffe geläutet in der Kirche Santa
Maria del Vescovado, die dicht vor den Fenftern lag.
Wo die Fenfterläden fich begegneten, quoll das ftarke
Licht des Morgens draußen durch den Ritz herein. Der
junge Mann kannte das alles fo gut — fo war es ja jeden
Morgen gewefen in den langen Wochen, die die Rekonvaleszenz
gedauert hatte. Bald würde feine Mutter hereinkommen
und die Läden auffchlagen und das Licht würde
mit blendender Stärke hereinftrömen. Dann würde er
feinen Morgentrank (warum nicht gar Morgenkaffee?) bekommen
und das Bett gemacht werden; er pflegte fich
auf die eine Seite des breiten Bettes hinüberzulegen,
während die andere für ihn gemacht wurde' usf. So geht
es durch fieben Seiten, dann heißt es in einer Anmerkung:
,der Stoff zu diefer Schilderung findet fich unausgeführt,
aber deutlich genug im 1. und 2. Kapitel von Thomas
von Celanos vita I, fowie in Bonaventura und Julian von
Speier'. Würde es fo fortgehen, fo würde das unfern
fchärfften Widerfpruch herausfordern. Aber glücklicherweife
geht es nicht fo weiter, wenn auch dann und wann
(z. B. S. 48fr. u. 64fr.) ähnliche Stellen wiederkehren.

Aber immerhin, das ift unverkennbar: Das Buch ift
und will wohl auch fein eine katholifche Konkurrenzarbeit
zu Sabatiers Vie de S. Francois, von einem Dichter ge-
fchrieben. Bei dem außerordentlich reichen Ertrag der
wiffenfchaftlichen Arbeit feit demErfcheinen des berühmten
Buches könnte man auch eine wertvolle Weiterführung
diefes Stoffes erwarten. Aber J.'s Buch unterfcheidet fich
doch von dem Vorbild wie die Kopie von dem Original.
Gewiß, der ganze große Legendenftoff und die ganze
neuere Literatur über Franz ift verwertet, die Darftellung
ift anfchaulich, lebendig, wenn auch entfchieden zu breit,
es fehlt auch nicht im einzelnen an kritifchem Urteil,
aber es fehlt an einheitlicher und ficherer Beleuchtung.
So fleht die ergreifende Tragik im Lebensgang des Heiligen
wohl heraus, aber immer wieder werden allen gefährlichen
Urteijen die Spitzen abgebrochen.

Über Einzelheiten mit dem Verfaffer zu rechten, hat
keinen Sinn, die finds auch garnicht, die uns Anftoß
geben. Man kann für alle feine Behauptungen Gründe
angeben, und er felbft tut das in den für eine .Volksausgabe
' überreichlichen Anmerkungen oft genug. Was uns
das Buch unfruchtbar macht, ift gerade das, was der
gegenwärtige Papft Pius X an ihm befonders rühmt,
nämlich die Abficht des Verfaffers .durch Entfaltung des
fchriftftellerifchen Fleißes ein praktifches Refultat, eine
moralifche Lehre zu erzielen'. Das war ja auch die Abficht
der mittelalterlichen Legendenfchreiber und deshalb
gerade wiffen wir bei ihnen fo oft nicht, was aus dem
Beftreben, die Wahrheit zu fagen, und was aus dem Be-
ftreben ,eine moralifche Lehre zu erzielen' gefagt oder
verfchwiegen ift. Die Wahrheit ift eben manchmal nicht
erbaulich und das Erbauliche ift manchmal nicht wahr.
Wenn man aber im Sinn des h. Franz moralifch wirken
will, dann darf man überhaupt keine Bücher fchreiben.
Das hat J. felbft im Vorwort angedeutet, aber nicht
befolgt.

Stuttgart. E. Lempp.

Schmiedel, Dr. Hans: Nikolaus Lubich (1360—1431), ein
deutfcher Kleriker im Zeitalter des großen Schismas
und der Konzilien, Bifchof von Merfeburg 1411 —1431.
(Hiftorifche Studien. Heft LXXXVIII). (158 S.) gr. 8°.
Berlin, E. Ebering 1911. M. 4.50

Diefe auf ausgedehnten archivalifchen und quellen-
kritifchen Studien beruhende, gründliche, forgfältige und
angenehm lesbare Arbeit verfteht es vortrefflich, den
Entwickelungsgang des einzigen bürgerlichen Bifchofs von
Merfeburg Nikolaus Lubich, feine Tätigkeit, feinen Charakter
, feine Bedeutung im Rahmen der großen Zeitereigniffe
zur Geltung zu bringen, ohne doch fich irgendwie Übertreibungen
fchuldig zu machen und das Gepräge des
ausgehenden Mittelalters zu verwifchen. Wir erhalten
ein intereffantes Bild, das Bild eines ftrebfamen und vom
Glücke begünftigten Klerikers, der doch fein geiftliches
Amt nur von juriftifchem und finanziellem Gefichtspunkt
aus zu würdigen vermochte. Aus bürgerlicher Familie in
Eilenach Rammend, in Prag gebildet, war er päpftlicher
Sachwalter in Rom, und diefe Stellung wurde ihm das
Sprungbrett für feine große geiftliche Karriere. Seine
Verbindung mit der Kurie und den meißnifchen Markgrafen
verfchaffte ihm eine Reihe kirchlicher Pfründen
und endlich den Bifchofsfitz von Merfeburg. Als Gefandter
der Markgrafen war er auf dem Pifaner Konzil tätig und
hat vielleicht einen Anteil an der Gründung der Univer-
fität Leipzig. Auf dem Konftanzer Konzil fiel ihm wegen
feiner Gefchäftsgewandtheit teilweife die Vertretung der
deutfchen Nation zu; leider läßt fich nicht mehr feftftellen,
in welcher Weife er in den wichtigen Sitzungen tätig
gewefen ift; wir wiffen aber, daß er das Votum der
deutfchen Nation zu verkünden hatte. In dem Straßburger
Elektenprozeß, der auf dem Konftanzer Konzil
entfchieden wurde, erlebte er eine Niederlage. Dies Konzil
bedeutet für ihn den Höhepunkt der Wirkfamkeit. Nach
Merfeburg zurückgekehrt hatte er mit Kriegsnot, Zänkereien
und vor allem mit der üblen Finanzlage feines Stifts, für

I die feine lange Abwefenheit und feine forglofe Lebensweife
mit verantwortlich zu machen ift, zu kämpfen. Die
Gefchicke diefes als Jurift, Diplomat und Politiker tätigen
hohen Geiftlichen können uns gut einführen in die Ver-
hältniffe der allgemeinen und der fächfifchen Kirche in

| der Zeit des Schismas und der Reformkonzilien, laffen
uns aber auch verliehen, daß fie fo nicht bleiben konnten,
fondern auf eine durchgreifende Änderung zudrängten.

I Schmiedel hat feiner anziehenden Darftellung zur
Überficht des Itinerars und der Chronologie Regelten zur
Gefchichte des Bifchofs Nikolaus mit den Literaturangaben
und eine Reihe von Urkunden aus dem Vatikanifchen
Archiv, dem Domarchiv zu Merfeburg und anderen Archiven
beigefügt. An feiner Arbeit fleht man fehr deutlich
, wie bedeutend von lokalgefchichtlichem Intereffe aus
unternommene Forfchungen für die allgemeine Kirchen-
gefchichte fein können.

Kiel. G. Ficker.

Mehring, Gebhard: Stift Lorch. Quellen zur Gefchichte
e. Pfarrkirche. Bearbeitet. (Württemberg. Gefchichts-
quellen. 12. Bd.) (XXXIV, 243 S.) gr. 8°. Stuttgart,
W. Kohlhammer 1911. M. 5 —

In diefem Bande, dem 12. der ,Württembergifchen
Gefchichtsquellen', die von der Württembergifchen Kom-
miffion für Landesgefchichte herausgegeben werden, veröffentlicht
der Verfaffer urkundliche Nachrichten über
das Stift Lorch, um für eine künftige Gefchichte einer
Pfarrkirche das ihm zugänglich gewordene Quellenmaterial
zu bieten. In einem I. Abfchnitte werden S. 1—128
nicht weniger als 154 Urkunden teils in extenso, teils im
Auszuge, teils unter bloßer Bezeichnung der Inhaltsangabe
aufgeführt. Der II. Abfchnitt S. 129—203 enthält ent-