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Ausgabe:

1912

Spalte:

124

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burdach, Konr.

Titel/Untertitel:

Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Reformation 1912

Rezensent:

Wernle, Paul

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frage angeregt und ftimmt denen zu, die die Haupt-
fchwierigkeit in diefem Punkte erblicken: entweder man
habe den Mut, die kritifch gerichteten Lehrer von den
theologifchen Fakultäten zu entfernen, oder aber man
breche mit der bisherigen Praxis, einzelne Pfarrer um
ihrer kritifchen Theologie willen zu maßregeln. — Die
meiften AusführungenM.s find demRef., der einer Kirche angehört
, die keine allgemein vorgefchriebene Lehrverpflichtung
der Geiftlichen kennt (26), aus dem Herzen gefprochen.
Mögen feine tapfern Worte die erwünfchte Wirkung
haben, nicht durch Verfchleierung der in der evangelifchen
Kirche Deutfchlands beftehenden Differenzen, wohl aber
durch Schärfung des Gewiffens, durch ungefchmälerte
Betonung der Pflicht der Wahrhaftigkeit und durch Forderung
der mit der Pietät gegen den Glauben der Väter
nicht unverträglichen evangelifchen Freiheit!

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Lueken, Pfr. Lic. Wilh.: Die zehn Gebote in Predigten. (Moderne
Predigt-Bibliothek, IX. Reihe. 2.) (102 S.) 8°. Göttingen
, Vandenhoeck & Ruprecht 1911.

M. 1.20; geb. M. 1.80

Lueken gibt 10 Predigten über die Gebote nach
reformierter Zählung und Faflung. Die Predigt über das
Bilderverbot, die wir fonft in Dekalogpredigten feiten j
finden, ift befonders bemerkenswert; fie zeigt vielleicht I
am klarften die Methode, mit der L. feine Texte anfaßt.
Er verweilt gar nicht oder höchftens ganz vorübergehend
bei ihrer altteftamentlichen Bedingtheit; in diefer Hinficht
hätte er ruhig etwas weiter gehen dürfen und follen, ob- ,
wohl allerdings von allen altteftamentlichen Worten gerade |
diefe als Katechismusftücke am wenigften zu hiftorifcher
Behandlung raten und feine Zurückhaltung darum zu ehren
ift. Er fühlt fich ganz in die allerletzten religiöfen und
fittlichen Abfichten der Gebote ein und füllt fie fo, öfter |
allerdings zugleich eintragend und nicht bloß auslegend,
mit chriftlichem Inhalt. Wo dennoch der urfprüngliche J
Sinn und Wortlaut der Anwendung Grenzen zieht, ift das j
mehr angedeutet als ausgefprochen; die Andeutungen aber
zeigen ein feines Gefühl für diefe Grenzen. Auf alle Fälle
hat er kraft diefer Methode den Texten ein Verftändnis
abgewonnen, das fie für eine Gemeinde von heut außerordentlich
wirkfam macht. Es ift ihm gelungen, den Gehalt
der Gebote in der Tiefe zu erfaffen und ihn auf die
Verhältniffe einer Frankfurter Großftadtgemeinde lebensvoll
anzuwenden. Dabei kann man fich der reichen Bezugnahme
auf Denker und Gedanken unferer Zeit (Kierkegaard,
Nietzfche, Carlyle, Ibfen ufw.), des Eingehens auf vielverhandelte
Lebensfragen (Gefundheitsflege, Heimatsgefühl,
Kulturfreude, religiöfe Kunft ufw.) aufrichtig freuen; man
kann die belebte und anfchauliche Art der Darftellung
(gelegentlich auch einmal eine etwas reichlich bekannte
Illuftration) begrüßen; man kann befonders anerkennen,
daß er die Lage der eigenen Gemeinde durchweg im Auge
behält; aber den Hauptvorzug der Predigten wird man
doch in einer anderen Eigenfchaft finden: darin nämlich,
daß fie nicht etwa durch moderne Fineffen den Texten
neue Seiten abzugewinnen fuchen, fondern ihren ganzen
heiligen Ernft in aller feiner Wucht beliehen laffen und
dem Hörer in unmittelbar auf ihn paffender Form nahebringen
. Offen und ernft, aber weder klagend noch fchel-
tend, fondern einfach gewiffenfchärfend geht L. dabei auf
die Schäden unferes Chriftentums ein, fchont auch die
eigene Stadt nicht. Man merkt, er gehört nicht zu den
Übermodernen, denen die Religion fich in äfthetifche
Empfindungen oder myftifche Gefühle verflüchtigt; er fpürt
ihren fchneidenden Ewigkeitsernft und ihre unerbittlichen
Imperative, und er läßt feine Hörer beides mitempfinden.
Er hat in diefem Bändchen wenig Anlaß zu religiöfen
Erkenntnisgängen; aber die religiöfe Begründung der fittlichen
Forderung klingt überall durch. Er fetzt eine gebildete
Gemeinde voraus, aber er fcheut fich nicht vor

Kulturkritik vom Standpunkt des Chriftentums aus. Die
Gedankenführung ift einfach und durchfichtig; ausdrücklich
markiert wird die Einteilung nicht. Die Sprache ift frifch,
ungekünftelt, kräftig. Kurz, es find Predigten, wie fie in
unfere Zeit, namentlich in Gemeinden mit nicht unbeträchtlicher
Bildungshöhenlage hinein gehören; — Predigten,
die auch der modernen Theologie zur Ehre gereichen,
weil man aus ihnen erfleht, daß fie ihre Freunde weder
unpraktifch macht noch ihnen den Mut nimmt, Sünde zu
nennen, was Sünde ift.

Gießen. M. Schian.

Referate.

Burdach Konr.: Sinn und Uriprung der Worte Renaiffance
und Reformation. [Aus: ,Sitzungsber. d. preuß. Akad.
d.Wiff.'] (S. 594—646.) Lex. 8°. Berlin, G. Reimer 1910.

M. 2 —

Der Verfaffer fucht dem Urfprung und der Grundbedeutung
der Worte Renaiffance und Reformation nachzugehen
, indem er aus den NTlichen Wiedergeburts-
vorftellungen, aus den orphifchen Bildern, aus dem
Gedankenkreis der Dichter des augufteifchen Zeitalters,
aus der Legende vom Phönixvogel und ihren aftrologifchen
Zufammenhängen ein überreiches Material vor uns ausbreitet
und die Wirkung aller diefer Bilder und Gedanken
auf die beginnende Renaiffance, d. h. fpeziell auf die Ideen
Joachims von Floris, und des heiligen Franz, Bonaventuras,
Dantes und befonders Rienzos darlegt. Aus der Rienzo-
forfchung des Verfaffers und feiner Edition der Rienzo-
briefe ift diefe Studie hervorgegangen, fie ftützt fich auf
ein bedeutfames Wort Machiavellis von der Wiedergeburt
Roms unter Rienzo und hebt fehr ftark den religiöfen
und myftifchen Charakter der Rienzofchen Politik der
Erneuerung des alten Roms hervor. Für die Rienzo- und
Danteforfchung ift aus der Studie fehr viel Gewinn zu
holen, weniger dagegen für das Verftändnis der Renaiffance.
Der Verfaffer ift von einer ungeheuren Überfchätzung
des Einfluffes Rienzos kaum freizufprechen; davon ab-
gefehen fcheint mir die von Thode übernommene Thefe:
die Renaiffance nicht im Gegenfatz zur chriftlichen Religion,
fondern aus der Vollkraft eines religiöfen Auffchwungs
hervorgegangen, auch in diefer neuen Beleuchtung aller
Überzeugungskraft zu entbehren, und im Gegenfatz zu
ihr die alte Auffaffung Jackob Burckhardts, die das Moderne
und Antichriftliche fo ftark unterftreicht, immer noch zu
Recht zu beliehen.

Bafel. Paul Wer nie.

Neftle, D.D. Eberhard: Septuagintattudien VI. (Programm [Maulbronn
].) (23 S.) Lex. 8". Stuttgart 1911.
Da Neftle .vorauslichtlich zum letztenmal Gelegenheit hat, als
Beilage zu einem Jahresbericht Septuagintaftudien zu veröffentlichen
', gibt er Nachträge zu den früheren fünf Heften und fchlieiit
Bemerkungen über die Bedeutung der Septuaginta für das
hebräifche Wörterbuch an.
Göttingen. Alfred Rahlfs.

Loyola, S. P. Jgnatii de, Exercitia spiritualia. Verfio lateralis
ex autographo hispanico. Notis illustrata auctore Präpos.
R. P. Joanne Roothaan, S. J. (Bibliotheca ascetica. II.) (XL,
599 S. m. Abbildgn. u. Titelbild.) 16«. Regensburg, F. Puftet
1911. M. 2 —; geb. M. 2.60

Es ift wefentlich das Verdienlt von Holl gewefen, die Auf-
merkfamkeit der Proteftanten erneut auf Loyolas exercitia spiritualia
hingelenkt zu haben. Ihre Kenntnis ift zum Verftändnis
des Katholizismus fchlechthin notwendig, jede handliche Ausgabe
daher zu begrüßen. Die vorliegende, handliche, fehr hübfch aus-
gcftattete bietet den Text nach dem fpanifchen Original mit den
Noten von Roothaan; Bibelzitate, Text, Noten find in verfchie-
denen Typen gefetzt, der Druck ift korrekt. Beigegeben ift das
directorium in exercitia spiritualia von 1599, urfprünglich nur für
die Jefuiten beftimmt, und die ratio meditandi, auch Regifter
fehlen nicht. Über die Bedeutung der Exerzitien ift hier weiter
nicht zu handeln.
Zürich. W. Köhler.