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Ausgabe:

1912

Spalte:

117-120

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoffmann, Raoul

Titel/Untertitel:

Kierkegaard und die religiöse Gewißheit 1912

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 4.

Hoffmann, Predigtamtskand. Dr. med. Raoul: Kierkegaard
u. die reiigiöfe Gewißheit. Biographifch-kritifche Skizze.
Aus dem Franz. v. Dr. G. Deggau- Vorwort v. Dr.
H. Gottfched. (X, 210 S. m. 1 Bildn.) 8°. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht 1910. M. 3 —; geb. M. 3.80

K. gehört zu den Geiftern, die von ihrer Zeit unverstanden
, Später zu großer Wirkung kamen. Er wirkt jetzt
mächtig und muß noch wirken. Und doch ift feine Zeit
im Grunde vorbei. F. W.FörSter hat mit feiner Losung.Auto-
rität und Freiheit' den Geift der Gegenwart beffer erfaßt.
Aber wie in ihm die Sehnfucht nach einem Feften in
einem der Auflöfung nahen Zeitalter wiedergekehrt ift, fo
vertritt K. einen Grundzug der Seele, der immer wieder
wiederkommen muß, wenn die Welt die Schäden an der
Übergewalt des Objektiven nicht mehr ertragen kann. —
Durch das ganze zuerft genannte Buch geht als Grundton
die leidenfchaftliche Frage nach der ewigen Seligkeit
. Die Antwort, die K. gibt, ift die, daß man Sie nur
erhält, wenn man Sich mit Innerlichkeit und Leidenfchaft
zu der Paradoxie verhält, daß der ewige Gott in einem
Augenblick der Gefchichte unter die Menfchen getreten ift.

Ehe wir das näher ausführen, foll K.'s doppelte Front
befprochen werden, gegen die er all feine unerfchöpflich
geistvollen und gleichmäßig leidenfchaftlichen Angriffe
richtet. Erhaßterftensalles.wasden Glauben erleichtern,was
ihm die Art unbedingten Wagens nehmen könnte. Darum
haßt er vor allem, was nur zur üblichen Art des kirchlichen
Christentums gehört. Er haßt alles, was man
als objektive Stützen dem Glauben anbietet: fo die objektiv
behandelte, verteidigte oder in eine verständige
Ordnung gebrachte Bibel; denn diefe objektive Behandlung
ift tödlich für den Glauben, weil Seligkeit und Leidenfchaft
zusammengehören. Ebenfo heftig weift K. den
Verfuch Grundvigs ab, in der gegenwärtigen Kirche
eine folche Sicherung zu bieten, weil die Befeitigung des
Rifikos ein objektives Christentum übrig läßt, das nur j
Heidentum ift. Ganz befonders heftig fpricht er über die
Kindertaufe, weil fie am meiften das Verfahren kennzeichnet
, jemand ohne Innerlichkeit und Leidenfchaft zum
Chriften zu machen. Mit dem ,Beweis der Jahrhunderte
' geht er nicht fchonender um: aus einer 3coojähri-
gen Hypothefe wird nie auf dem beliebten Weg der
quantitativen Approximation eine Wahrheit, die für die
ewige Seligkeit verantwortlich werden kann; nur mit dem
einzelnen Subjekt will Sich das Christentum auseinanderfetzen
. 1

Ebenfo haßt er zweitens die Spekulation, weil Sieden
Glauben leicht machen will. Der Spekulant will ja auch
objektiv werden, um von Sich felbft frei, die Dinge sub
specie aeterni zu fehn. Aber das ift ja die Torheit, in
diefen höchsten Fragen davon abzufehn, daß man fie nur
als leidenfchaftlich Existierender löft. Darum weil der
Spekulant davon abfieht, ift er noch nicht einmal komifch,
was er würde, wenn er Sich mit Leidenfchaft zu feiner
Spekulation in Beziehung fetzte. Ganz befonders widerlich
aber ift die Mediation, alfo der Verfuch der
Hegelfchen Philofophie, zwifchen Christentum und Philosophie
zu vermitteln, wie K. überhaupt alle Vermittlung,
jedes ,bis zu einem gewiffen Grade', befonders natürlich
auch auf praktifchem Gebiete, verhaßt ift. Mit der Spekulation
haßt er alle Abitraktion und alle Syftemfucht,
die die Wirklichkeit und das Innerliche vergewaltigt, felbft
wenn ,der Privatdozent' beiden noch fchnell einen Paragraphen
in feinem Syftem einräumt.

All diefem Objektiven gegenüber preift und fordert
K. die leidenfchaftliche Innerlichkeit. Exiftenz will Inte-
reffe, will Leidenfchaft, erfordert den Willen; das Denken
als das Höchste zu Schätzen, ift Selbstmord. Wagend
muß man die Seligkeit erlangen; und Sie ift nur zu bestimmen
als das, was man erlangt, wenn man alles andere
aufgibt. Darum ift die Subjektivität allein Wahrheit und

Wirklichkeit. Aber nur die ethifche Subjektivität ift diefe
Wahrheit. In dem einzelnen Menfchen ift die Möglichkeit
, Gott zu fehen und ihn dann überall gewahr zu
werden. Darum darf man von Gott nur indirekt Mitteilung
machen; denn das Welentliche diefer Gotteserkenntnis
befteht ja in der Aneignung, und der Existierende,
der Stets im Werden ift, kann nie mit Fertigem abgefpeift
werden; aber 16jährige Konfirmanden wiffen alles, während
Sokrates nichts wußte. Darum fpielt Sokrates für K. eine
große Rolle als Vorbild eines Lehrmeisters, der den
Schüler frei machen und zu eigner Aneignung bringen
will. Er wollte bloß die Veranlaffung zu folcher eigner
Erkenntnis fein. Aber fo fehr diefer fubjektive Zug feiner
Erkenntnis K. gefällt, fo muß doch das Christentum noch
einen Vorzug vor diefer heidnifchen Weisheit haben, und
den hat es darin, daß Gott nicht nur die Veranlaffung,
fondern auch die Bedingung zur Erkenntnis der Wahrheit
felber herftellt. Das tut er, indem er als Menfch in
einem Augenblick der Gefchichte auftritt. So wird das
Christentum die einzige Religion, die durch das Geschichtliche
dem Menfchen der Ausgangspunkt für fein ewiges
Bewußtfein hat fein wollen. Das ift die vollendete Paradoxie
. Das ift das Wunder. Das hiftorifche Detail ift
gleichgiltig; man erreicht nie jene Erkenntnis von Gott,
der Menfch ward, um uns zur Wahrheit zu verhelfen,
durch wiffenfchaftliche Approximation. Aber wenn man
von Gott die .Bedingung', und das ift die Wiedergeburt
erhält, fo wird man gleichzeitiger Schüler, dem die Berichte
des NT. nur Anlaß zum Glauben find. So ift das
Chriftentum keine Lehre, fondern die Tatfache, daß Gott
da gewefen ift als einzelner Menfch.

Im leidenfchaftlichen Glauben an diefen Gott gibt es
ein Verhältnis zur ewigen Seligkeit. Die Vorftellung von
der ewigen Seligkeit bildet die ganze Exiftenz um; fonft
wäre es nur eine äfthetifch-pathetifche ftatt einer exiftie-
rend-pathetifchen Sache, um die es fich handelt. An
einem zwiefachen Kennzeichen ift die Zugehörigkeit zur
ewigen Seligkeit fichtbar: an tiefem Leiden und an tiefer
Schuld; denn in beiden zeigt fich, daß fich der Chrift zu
einem abfohlten Ziel verhält und allem andern abftirbt.
Nur dürfen Leid und Schuld nicht aus der Innerlichkeit
heraustreten, um fichtbar zu werden, wie das Mittelalter
argwöhnifch alles Innerliche äußerlich fehen wollte. Diefes
Pathos von Leid und Schuld ift größer bei der paradoxen
Religion (B), die das Ewige auf ein Gefchichtliches
ftellt, als bei der andern Form der Religion (A), die es
immanent überall und nirgends fieht. —

Das find die Grundgedanken diefer gewaltigen Schrift
des .experimentierenden Pfychologen', der die Aufgabe
empfangen hat, die Religion möglichft fchwer zu machen.
Es ift nicht leicht, jene herauszuheben; denn immer wieder
flutet der Strom der Rede vorwärts und zurück und vor
allem in die Breite. Ganz koftbar find bei aller Bitterkeit
ftets die Ausführungen über ,den' Privatdozenten und
,den' Pfarrer. Als Probe der fcharfgefchliffenen Bemerkungen
nur die eine: ,es war töricht von Gott, etwas
Schriftliches von fich zu geben; nun muß er fich darein
finden, was die filbenftechenden Juriften daraus machen'. —
Die acht chriftlichen Reden geben einen Eindruck
von der Frömmigkeit K.'s, für die er fo geftritten hat.
Es liegt ein wundervoller Hauch von erkämpftem Frieden
über ihnen. Sie wirken ftark anfaffend und erbaulich.
Gott und immer wieder Gott und feine Ewigkeit — das
ift der Hauptgefichtspunkt. Vor Gott fchweigen die
forgenden Gedanken, die Geld, Vornehmheit und fonft
noch allerlei wünfchen; vor Gott kommt auch das unruhige
Herz des Leidenden zur Ruhe, oder es wird zur
Sorge für andere hingelenkt. Gerade in den drei Reden,
die von der Trübfal handeln, glaubt man K.'s Herzfchlag
zu fpüren. Diefe find ohne Text, aber ein biblifches Wort
klingt als Leitmotiv durch jede hindurch. Die erften
| fünf Reden behandeln Matth. 6, 24—34. Wie reizend führt
I K. Vögel und Lilie als .Hilfslehrer' ein! Was fie unbe-