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Ausgabe:

1912

Spalte:

113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delisle, Léopold

Titel/Untertitel:

Enquête sur la fortune des établissements de l‘Ordre de Saint-Benoît en 1338 1912

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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H3

Theologifche Literaturzeitimg 1912 Nr. 4.

114

Deiisie, L.: Enquete sur la fortune des etablissements
de l'Ordre de Saint-Benoit en 1338. Tire des notices et
extraits des manuscrits de la Bibliotheque Nationale
et autres bibliotheques. (Tirages ä part des publica-
tions de l'Academie des Inscriptions et Belles-Lettres.
Tome XXXIX.) (54 p.) Lex.-8°. Paris, C. Klincksieck
1911. fr. 3 —

Die Urkunden, die Delisle hier veröffentlicht und mit
den nötigen Erläuterungen begleitet, find durch die Abficht
des Papftes Benedikt XII, den reichften der damaligen
Orden, den Benediktinerorden, zu reformieren, hervorgerufen
. Zu diefem Zwecke verlangte der Papft 20.
Juni 1336 (refp. 13. Dez. 1336) genaue Angaben über den
Befitz der einzelnen Ordenshäufer, ihre Einnahmen und
Ausgaben, über die Zahl ihrer Bewohner. Vom Papfte
ernannte Kommiffare follten die Erhebungen anftellen
und fie ihm unterbreiten, damit er beftimmen könne, wie
viel Mönche jedes Klöfter haben dürfe. Protokolle folcher
Erhebungen, wie fie für franzöfifche Klöfter ftattfanden,
hat Delisle entdeckt und zwar für die Abtei Mont-Saint-
Michel und die von ihr abhängigen Priorate in den Ar-
chives de la Manche (H 15123 und 15124, vom 25. Februar
1338), für die Abtei Saint-Ouen de Rouen in den Archives
de la Seine-Inferieure (fonds de Saint-Ouen, vom 10. April
I338). für das Priorat von Martigne, Diözefe Rennes, in
den Archives du departement d'Ille-et-Vilaine (I, H 3—5,
vom 8. Mai 1338). Sie find eine Fundgrube für die
Kenntnis des wirtfchaftlichen Betriebs in den Klöftern,
ihrer Befitzungen, ihrer Einkünfte ufw. Die Erhebungen
find nach einem genauen Plane und ganz fyftematifch
gemacht worden. Es finden fich Angaben über die
Korten von Reparaturen an Kirchengebäuden, über die
Summen, die man für die Bibliotheken aufwendete ufw.
Gewiß haben fich derartige Zufammenftellungen noch in
andern Archiven und für andere als franzöfifche Provinzen
des Benediktinerordens erhalten. Indem Delisle an
den von ihm veröffentlichten Stücken zeigt, welch hohe
Bedeutung für die Wirtfchaftsgefchichte des 14. Jahrhunderts
ihnen zukommt, will er zu weiteren Nachforschungen
anregen. Seine Publikation hat ein befonderes perfön-
liches Intereffe, weil er der Erzählung von der Auffindung
der Dokumente mancherlei Bemerkungen über feine gelehrte
Laufbahn eingefügt hat.

Kiel. G. Ficker.

Schmidt, P. Ulrich, O.F.M.: P. Stephan Fridolin, ein Franziskanerprediger
des ausgehenden Mittelalters. (Veröffentlichungen
aus dem kirchenhiftor. Seminar München
. III. Reihe, Nr. II.) (XII, 166 S.) 8°. München,
J. J. Lentner 1911. M. 3.80

Die Perfönlichkeit des Nürnberger Franziskanerpredigers
Stephan Fridolin war der Forfchung fchon bislang
nicht unbekannt. Nikolaus Paulus hatte in den
hiftorifch-politifchen Blättern mit der ihm eigenen Akribie
die Daten feines Lebens feftgeftellt und ebenda eine
Würdigung feiner literarifchen Tätigkeit gegeben. Ferner
hatte F. Joachimfohn für das von ihm publizierte, unter
Hans Tuchers Namen gehende Buch ,Von den Kaifer-
angefichten' Fridolins Verfafferfchaft erwiefen. Darüber
hinaus hat U. Schmidt neues biographifch.es Material
trotz anzuerkennender Bemühungen nicht beizubringen
vermocht Zum Erfatz dafür bietet er eine willkommene
Ergänzung unferer bisherigen Kenntniffe durch reichliche
Mitteilungen aus einem bislang unbekannten Predigtkodex,
der eine ftattliche Zahl von Predigten Fridolins enthält.
Über Alter und Herkunft der Handfchrift geben zwei in fie
eingetragene Notizen Auffchluß. Darnach hat Fridolin
diefe Predigten im Klariffinnenklofter zu Nürnberg, wo
er feit dem Jahre 1482 als Prediger wirkte, gehalten. Die
Ordensfchweftern des Klariffinnenklofters zu Söflingen bei

Ulm ließen fich nach dem im Jahre 1498 erfolgten Tode
Fridolins durch die junge Mitfchwefter Elifabeth Min-
fingerin im Jahre 1501 eine Abfchrift der Predigten fertigen
, die den erften Teil der Handfchrift bilden. Später
kam der Kodex in die Hände des Ulmer Hiftorikers
Veefenmeyer, nach deffen Tode auf Umwegen in den
Befitz der Berliner Kgl. Bibliothek, wo ihn Schmidt ausfindig
machte.

Da Fridolin ein charakteriftifcher Vertreter der ka-
tholifchen Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters ift,
bietet fich für den Verfaffer leicht Gelegenheit, allgemeinere
Fragen mit in den Bereich der Diskuffion zu
ziehen. Das ftark ausgeprägte Pietätsverhältnis, in dem
Schmidt zu feinem Stoff fteht, bildet dabei die Stärke
und die Schwäche feiner wiffenfchaftlichen Pofition zugleich
. Gewiß ift es fein gutes Recht, einer voreilig ab-
fprechenden Generalifation in der Beurteilung fpätmittel-
alterlicher Frömmigkeitserfcheinungen entgegenzutreten,
wie fie proteftantifcherfeits vor einigen Jahrzehnten üblich
war. Auf manche Äußerung echter Religiofität vermag
er bei Fridolin hinzuweifen, manche dem Proteftanten
fchwer eingehende Gedankengänge nachfühlend lebendig
zu machen. Aber in dem Eifer der Abwehr gerät der
Verfaffer zu oft in jene lobpreifende Monotonie, die
namentlich feit Landmanns Monographie über das
Predigtwefen in Weftfalen auf katholifcher Seite gegenüber
dem Wirken der katholifchen Prediger jenes Zeitalters
zur Gewohnheit geworden ift. Gar zu häufig er-
fcheint als ,Glanzpunkt', als ännigfchön' (vgl. S. 119), als
,von hohem rhetorifchen Schwung und hinreißender Be-
geifterung' (S. 30) getragen, was bei ruhigem Zufehen
über die durchschnittliche Norm der Frömmigkeitsbekundung
jener Zeit kaum hinausragt.

Im ganzen darf man Fridolin den von ehrlichem
religiöfen Eifer und fittlichem Streben durchdrungenen
Perfönlichkeiten des ausgehenden Mittelalters zurechnen.
In feinen Predigten — die von Schmidt aufgefundenen
find formal frei geftaltete, vornehmlich emblematifche
Reihenpredigten —, wie in feinen erbaulichen Schriften
(Schatzbehalter, geiftlicher Herbft, geiftlicher Mai) legt er
an vielen Stellen großen Nachdruck auf die Wichtigkeit, die
dem Leiden Chrifti für das Leben der Gläubigen zukomme
, vertritt alfo jene religiöfe Gedankenwelt, deren heil-
famen Einfluß Luther — von Staupitz auf fie hinge-
wiefen — in feiner vorreformatorifchen Periode an fich
erfahren hatte. Schon Nikolaus Paulus hat (in feinem
Kafpar Schatzgeyer S. 21) aus Fridolins Schatzbehalter
die Worte zitiert, ,das alles menfchliche Heil an dem
Leiden Chrifti fleht' und gleichzeitig darauf hingewiefen,
daß einige Jahre fpäter an der Wirkungsftätte Fridolins,
in Nürnberg, Johann von Staupitz ganz ähnliche Gedanken
wie diefer entwickelt hat. Fridolin hat fich der neuen
humaniftifchen Gedankenwelt gegenüber aufgefchloffen
gezeigt — obfchon die in feinem Buche von den ,Kaifer-
angefichten' niedergelegten hiftorifch-antiquarifchen Liebhabereien
kaum dazu berechtigen, ihn, wie Schmidt es
tut, der Zahl der Humaniften felbft einzureihen. Einmal
bekundet er auch im Urteil über Papft und Kardinäle
einen bemerkenswerten Freimut: man müffe, fagt er, am
Glauben der Kirche fefthalten, ,ob halt der Papft und
alle Kardinäle und die ganze gegenwärtige Welt, der
nicht zu glauben ift, irrt' — eine Stelle, deren Gewicht
Schmidt durch den dem Forfcher befremdlichen Zufatz
abfchwächen zu müffen glaubt, ,daß fpeziell die Infalli-
bilität des Papftes erft vier Jahrhunderte fpäter dogma-
tifch feftgelegt wurde' (S. 63 f.). — Aber dann finden fich
in Fridolins Predigten und namentlich in feinem .Schatzbehalter
' doch auch wieder fpröde Partien, durch die
einem lebendigen religiöfen Empfinden unmöglich Nahrung
hat gefpendet werden können. Die allegorifche
Deutungsweife treibt bei ihm wunderliche Blüten: fo
wenn er (S. 26f.) Chriftum am Kreuze mit dem verlorenen
Sohne vergleicht (der ältere Sohn im Gleichnis bedeutet