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Ausgabe:

1912 Nr. 4

Spalte:

109-112

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gabrielsson , Johannes

Titel/Untertitel:

Über die Quellen des Clemens Alexandrinus. Zweiter Teil 1912

Rezensent:

Pohlenz, Max

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io9 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 4. 110

und zwar Proletarier waren es in der Hauptfache, die fich
zufammentaten. Kap. 2 fchildert Kultus und Glauben.
Die Meffiastheologie, die Stellung zum Judentum, die
neuen chriftlichen Elemente, Abendmahl, Taufe, die Uberlieferung
vom gefchichtlichen Jefus kommen hier zur Darfteilung
. Kap. 3 bringt die Anfänge der Miffion, der
erften Miffion in Paläftina, der Helleniftenmiffion in Vor-
derafien. Im 4. Kap. wird die Loslöfung vom Judentum
gefchildert: Die Verfolgung durch die Juden hat die Gefetzestreue
der jerufalemifchen Gemeinde nicht erfchüttert,
der Fortfehritt liegt bei Paulus und in der Diafpora. Dabei
wird das Judentum religiös überwunden, das Gefetz
nicht mehr befolgt. Damit ift der Platz für die große
Miffion des Paulus vorbereitet, die Kap. 5 fchildert. 'Das
letzte, 6. Kap. endlich bringt den Ausgang der erften
Generation zur Darfteilung: Paulus Gefangennahme und
fein Prozeß, die neronifche Verfolgung, das Ende des
Petrus und Jakobus, die Auswanderung der jerufalemer
Gemeinde, auch die Entftehung einzelner Stücke alt-
chriftlicher Literatur, die in jene Jahre fallen.

Nach der Art der Gefchichtsfchreibung, der M. bewußt
anhängt, treten in feiner Darftellung die großen
Männer weniger hervor als die Zuftände, die Umgebung
und die Kleineren. Paulus und feine Perfönlichkeit wird
in feiner Eigenart und Bedeutung gar nicht klar. Hingegen
ift großer Wert auf die Darftellung der vielen uns
oft nur dem Namen nach bekannten unbedeutenderen
Miffionare gelegt, und es ift M. gelungen, aus den Namen
felber, aus kurzen damit verknüpften Notizen lebendige
und wertvolle Nachrichten zu fchöpfen. Daß
vieles von dem, was M. als fichere Erkenntnis vorträgt,
unficher ift, ift bei der ganzen Art feiner Darbietung unvermeidlich
. Gewiß weiß er felber es auch. Nur gegen
eines möchte ich noch Widerfpruch erheben. S. 10 ff.
werden die liberalen Theologen' und die ,Religionshifto-
riker', die die Exiftenz des gefchichtlichen Jefus beftreiten,
einander gegenübergeftellt, es wird von ,religionsgefchicht-
licher' und ,theologifcher Seite' gefprochen. Es geht nun
aber doch nicht an, Drews, Kalthoff und Genoffen als
Religionshiftoriker zu bezeichnen, ihrer abgeleiteten aus
den Büchern gediegener religionsgefchichtlicher Forfchung
übernommenen und entftellten Arbeit .ungeheure Ge-
lehrfamkeit' (S. 13) zuzuerkennen. Wenn man liberale
Theologen und Religionshiftoriker unterfcheiden will, dann
gehören ernfte Philologen wie Reitzenftein, Wendland u. a.,
die fich mit hingebender Mühe und Sachkenntnis an die
Erforfchung der fchweren Probleme der helleniftifchen
Religion machen, zu den .Religionshiftorikern' und nicht
jene Dilettanten. Wie aber z. B. Reitzenftein und Wendland
über die reftlofe Herleitung des Chriftentums aus
dem Synkretismus denken, haben fie nicht verhehlt, vgl.
für jenen Poimandres S. 180 Anm. 4 und für diefen den
Satz auf Sp. 644 des 35- Jahr£- diefer Zeitfchrift: ,M. E.
genügt fchon die aramäifche Grundlage der Synoptiker
und die Tatfache einer von Paulus unabhängigen Miffion,
die Dilettanten, die ohne genügende hiftorifche Schulung
ihre Phantaftereien auf den Markt tragen, zu widerlegen'.

Wien. Rudolf Knopf.

Gabrielsfon, Dr. Jons.: Über die Quellen des Clemens Alexan-
drinus. 2. Tl. Zur genaueren Prüfung der Favorinus-
hypothefe. (XI, 490 S.) gr. 8°. Upfala 1909. Leipzig,
O. Harraffowitz. M. 12— (I u. II: M. 18—)

Wer mit Klemens' Schriften vertraut ift, dem find die
langen Abfchnitte wohl bekannt, in denen diefer plötzlich
eine Fülle von Material über den Lefer ausfehüttet, bald
Tatfachen der Philofophengefchichte, bald literarifche
Fragen behandelt, bald Liften von Parfüms, Weinen, Fifchen
oder allen möglichen Dingen vorlegt. Daß er diefes
Material fertig übernimmt, ift felbftverftändlich, und nur
wer die antiken literarifchen Gewohnheiten nicht kennt
wird darum Klemens als Kompilator anfehen wollen. Na-'

türlich ift aber für die Verwertung diefes Materials wie
auch für die Beurteilung von Klemens' Arbeitsweife die
Frage wichtig, wie und wo er es vorgefunden hat.

Es ift das Verdienft von Gabrielsfon, diefes Problem
im ganzen angefaßt und alle diefe Abfchnitte von einem
einheitlichen Gefichtspunkt aus unterfucht zu haben. Leider
find aber die Ergebniffe, zu denen er bei feiner Unter-
fuchung gelangt, unhaltbar, und die Art, wie er diefe
führt, verdient fchärffte Kritik. Diefes Urteil habe ich in
meiner Befprechung des erften Bandes feiner Studien aus-
gefprochen (in diefer Zeitfchrift XXXII, Sp. 718), und
muß es auch gegenüber dem zweiten aufrecht erhalten.

G. will nachweifen, daß Klemens das gefamte Material
in der Hauptfache einem Werk und zwar Favorins jravro-
dajtTj idrogla verdankt. Das ift von vornherein völlig
unwahrfcheinlich. Denn wer einigermaßen die Literatur
der Kaiferzeit kennt, der weiß, daß es Werke, aus denen
man den Stoff für gelehrte Arbeiten fchöpfen konnte,
damals wie Sand am Meer gab, daß namentlich die Mis-
cellanwerke, die als Vorläufer unferer Konverfationslexika
alles irgendwie Intereffante vereinigten, unendlich zahlreich
waren. Klemens felber fpricht ja Strom. VI, 2 von den
vielen Aet/imveg, 'EXixwveg, Äwp/a, IIejiXoi, die es gebe, und
nur aus großer Bequemlichkeit könnte Klemens fich mit
einem einzigen diefer Werke begnügt haben. Wollte
trotzdem G. diefe Thefe durchführen, fo war vor allem
der Beweis nötig, daß alle hier in Frage kommenden
Abfchnitte innerlich verbunden feien. Daß G. im erften
Bande der Studien diefen Nachweis zwar verflicht, aber
nirgends geführt hat, habe ich feinerzeit gezeigt. Noch
viel weniger ausfichtsreich war der Verfuch, ein beftimmtes
Werk wie das Favorins als Quelle des Klemens zu erweifen.
Wenn man die Fülle von ähnlichen Werken bedenkt,
die es damals gab, konnte der Beweis nur dann geführt
werden, wenn fich der Einfluß ganz beftimmter Stellen
Favorins aufzeigen ließ. Nun find die Fragmente aus deffen
Werk fo gering, daß G. felbft wörtlich genaue Berührungen
nicht erhofft (S. 342). Abqr er tröftet fich damit, daß er ein
ganzes Netz von Stellen und Beziehungen ausbreiten und in
diefes immer neue Stellen hineinfügen konnte, die irgendwie
auf Favorin bezogen werden können. Und er hat auch tat-
fächlich harmlofe Rezenfentengemüter gefunden, die vor
der Fülle feiner Entdeckungen ftaunen und fich die Mühe
erfparen, nachzuprüfen, ob denn in diefemNetze die Mafchen
nicht gar zu weit, die Knoten zu locker find, ob nicht die
einzelnen Fäden beim erften Anfaffen reißen.

Auf über 150 Seiten behandelt G. jetzt das Verhältnis
von Klemens und Diogenes Laertius. Gewiß finden fich
hier große Ubereinftimmungen (vgl. Schwartz in der
Realenzyklopädie V, 751), für Favorin beweifen fie aber
garnichts. Denn daß die zahlreichen Bemerkungen aus
diefem, die Diogenes gibt, überall den Zufammenhang
unterbrechen und mit dem Grundftock der Erzählung nichts
zu tun haben, ift von Bahnfeh, v. Wilamowitz, Schwartz
(a. a. O. 743) evident bewiefen. Wenn G. das nicht
glaubt, fo mußte er es zu widerlegen fuchen. Sonft ift
es einfach Rückftändigkeit und Willkür, wenn er Favorins
Benutzung bei Diogenes auf weitere Partien ausdehnt.
Grade der Schluß ift geboten: Wo Klemens mit der
Haupterzählung des Diogenes übereinftimmt, folgt er
nicht Favorin.

Auch mit Gellius, Aelian, Athenaeus, Sextus, Tatian
hat Klemens ftarke Berührungen, und was G. vorbringt,
ift teilweife recht nützlich und kann anregend wirken. Aber
für die Benützung Favorins hat er auch hier nicht den
geringften Beweis erbracht.

Der Abfchnitt über die Deifidämonie bei Klera. Protr. II, 38 ff. hat
wirklich große Ähnlichkeit mit Aelian H.an. XII, 5. Aber wenn G. hier
auf Favorinbenutzung fchließt, weil in dem Abfchnitt der Kult des
'Anöllwv Sfilv&ioi; vorkommt und Favorin den Namen (S. 207) der Stadt
Argilos vom thrakifchen Worte für Maus abgeleitet hat, fo verdienen folche
Argumentationen wirklich keine Widerlegung. — Bei Klemens Paed.
II, 59, Gellius I, 5, 11 u. ö. wird Therfites als Typus des frechen Schreiers
aus Homer angeführt. Da Favorin Therfites behandelt hat, muß er