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Ausgabe:

1912 Nr. 3

Spalte:

86-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kabisch, Richard

Titel/Untertitel:

Wie lehren wir Religion? Versuch einer Methodik des evangel. Religionsunterrichts für alle Schulen auf psycholog. Grundlage 1912

Rezensent:

Eger, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 3.

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Momente der in Wirklichkeit in einem Akt wirkenden
(Final-)Kaufalität Gottes. — Der Anhang über die älteften
trinitarifchen Formeln fucht zu zeigen, wie es von der
urfprünglichen: ,Gott, der Herr Jefus Chriftus und der
Geift' zu der ,Vater, Sohn und Geift' gekommen ift.
,Sohn Gottes', zuerft vom Menfchen Jefus als Geiftträger
gefagt, dann für den Herrn, der der Geift ift, eingefetzt,
neben den ,Vater' geftellt und auf das metaphyfifche
Verhältnis Gottes zu Chriftus gedeutet, wurde direkte
Bezeichnung der Gottheit Chrifti. So kam es zu dem
mythologifchen Gedanken, daß Gott einen Sohn ewig
erzeuge, und zum Subordinatianismus, der wohl fchon im
urfprünglichen Apoftolikum vorliegt. ,Herr' bedeutet die
Gottheit Chrifti im höchften Sinn. — Ferner ift aus den
trinitarifch(!)orientierten Stellen Ap. 3,12 Hebr. 12,22—24
zu entnehmen, daß hier das himmlifche Jerufalem, die
Stadt Gottes an Stelle des Geiftes fteht. Danach find zu
deuten die Stellen, wo der Geift als Weib, Braut (Chrifti)
oder Mutter (der Chriften) gefaßt wird, die jedenfalls Vor-
ftellungen der älteften Chriftenheit wiedergeben. Die
Verwirklichung der Kirche auf Erden, fofern fie die
einzelnen Chriften betrifft, ift Werk des Geiftes = der
Gottesftadt und Mutter. .Heilige Kirche' im Apoftolikum
verhält fich zu ,Geift', wie das gewirkte irdifche Abbild
zum wirkfamen Urbild. Dies Verftändnis des Geiftes
fcheint dem Verf. eine konkretere Erkenntnis feines Wefens
und Wirkens zu ermöglichen, als fie auf der üblichen
Linie der Parakleten-Vorftellung erreicht wird.

Ohne auf die Materie weiter einzugehen, kann ich
den Eindruck nicht verfchweigen, als umfchließe diefer
theologifche Typus unbefangenfte Fühlung mit ganz
modern beobachteter religiöfer Lebenswirklichkeit und
feltfames Zutrauen zu rein fcholaftifcher Begriffskonftruk-
tion zu unvermittelt, als daß er uns für das ganze
Problem, von dem die hier behandelte Frage nur ein
Spezialfall ift, wirkliche Förderung bringen könnte. .

Lobberich. Alfred Zilleffen.

Störring, Prof. Dr. Guft.: Die Hebel der rittlichen Entwicklung
der Jugend. (VI, 157 S.) 8°. Leipzig, W. Engelmann
1911. M. 4 —

Der Verf. erörtert in einer Einleitung S. 1—33 zu-
nächft den Begriff der Pädagogik. Er bezeichnet fie S. 8
als ,ein Syftem von normativen, unter Leitung eines Entwicklungsideales
durch Reflexion auf die Entwicklungs-
gefetze und auf beftimmte Entwicklungsftufen bedingten
Beftimmungen über Beeinfluffüng der geiftigen und körperlichen
Entwicklung der Heranwachfenden durch Erwachsene
'. Er teilt fie S. 10 ein in .intellektuelle Pädagogik
, Moralpädagogik, äfthetifche und religiöfe Pädagogik
'. Er berückfichtigt, wie ja auch der Titel des Buches
andeutet, nur die fittliche Pädagogik, ohne den Lefer darüber
zu orientieren, ob die ifolierte Darftellung derfelben
überhaupt angängig ift. Die Einleitung handelt ferner
über die .Entlehnungen (der Pädag.) aus der Gefühls- und
Willenspfychologie'. Ob Entlehnungen aus noch andern
Wiffenfchaften, hier namentlich aus der Ethik, erforderlich
find, wird nicht erörtert. Von S. 34 an behandelt
der Verf. fein eigentliches Thema, den Aufweis der .Hebel
der fittlichen Entwicklung der Jugend'. Es gefchieht in
eingehenden, regelmäßig durch hiftorifch-pädagogifche
Einführungen eingeleitetenfyftematifchenErwägungen über
die pädagogifchen Begriffe .Lohn und Strafe, Lob und
Tadel' S. 34—43; .Sympathiegefühle und Sympathie-Empfindungen
in ihrer Beziehung zur fittlichen Entwicklung
der Jugend' S. 44—72; .Erlebenlaffen der natürlichen :
Effekte des eignen Handelns des Zöglings' S. 73—77. Zu
diefen drei erften Gruppen werden in einem .Anhange'
Erwägungen über die in ihnen befprochenen pädagog.
.Prinzipien in ihrer Beziehung zu einander' angeftellt
S. 78—93, wobei namentlich auch über .körperliche Züchtigung
', welche der Verf. fchlechthin verwirft, und über

.Selbftregierung der Schüler', die er fehr hoch einfchätzt,
gehandelt wird. In 6 weitern Kapiteln fpricht der Verf.
überdie Bedeutung ,der Freude an höherer geiftiger Betätigung
' S. 94—97, über die .Beziehung der Sittlichkeit
zur Förderung des eignen wie des fremden Wohles' S. 98
bis 115, über ,die Perfönlichkeit des Erziehers und ihre
Beziehung zum Zögling'S. 116—123, über ,die Gewöhnung'
S. 124—132, über die .Beförderung der Entwicklung fitt-
licher Selbftachtung'S. 133—148, fowie über .Summations-
zentren fittlicher Gefühle' S. 149—157. Alle diefe Erörterungen
und Erwägungen kennzeichnen den Verf. als
genauen Kenner der Pädagogik, als fcharfen Beobachter
der Kindesfeele und feinfühlenden Ethiker. Einzelne feiner
Ausführungen verdienen befondere Beachtung, fo diejenigen
über die Perfönlichkeit des Erziehers, über den
Wert der Summationszentren der fittlichen Gefühle, wie
fie fich z. B. mit den Vorftellungen .Vater und Mutter'
bei dem Zöglinge verbinden, und über die erziehliche
Bedeutung heroifcher Perfonen, wie fie uns in der Literatur
befonders aber in der Gefchichte begegnen. In
letzterer Beziehung weift er namentlich auf .das Lebensbild
Chrifti, fodann das des Sokrates' hin, S. 157. Der
Hinweis auf das letztere ift von dem Standpunkte des
Verf. durchaus verftändlich, nicht dagegen in gleichem
Maße von diefem Standpunkte aus, wie mir fcheint, der
Hinweis auf das Lebensbild Chrifti, wenn diefes für den
Erzieher auch eine religiöfe Bedeutung in Anfpruch
nehmen follte. Denn S. 154 präzifiert der Verf. feinen
Standpunkt, den er bei der Darftellung der Moralpädagogik
einnimmt, dahin: ,Man muß fordern, daß die fittliche
Erziehung von religiofen Vorftellungsweifen frei gehalten
werde'. Er lehnt es deswegen wenige Sätze vorher
ab, ,die Vorftellung Gottes oder beffer den Geadnken
der Realität eines Gottes' als Faktor in feinem Kalkül
über die Hebel der fittlichen Entwicklung anzuführen.
Der Verf. wird es einem evangelifchen Theologen, der
darin kein Hindernis fieht, auch zugleich Pädagoge zu
fein, nicht verargen wollen, wenn er darüber anders urteilt
. Auch bei diefer prinzipiell abweichenden Auffaffung
weiß diefer fich doch berechtigt, dem Verf. feinen wärmften
Dank für die vielfache Anregung auszufprechen, die er
von den wohlerwogenen, beftimmten und klaren Ausführungen
desfelben gehabt hat, und damit den Wunfeh
zu verbinden, daß diefer neue Beitrag zur fyftematifchen
Pädagogik in weiten Kreifen die Beachtung erfährt, die
er in hohem Grade verdient.

Göttingen. K. Knoke.

Kabifch, Reg.- u. Schuir. Lic. Richard: Wie lehren wir

Religion? Verfuch einer Methodik des evangelifchen
Religionsunterrichts für alle Schulen auf pfycholog.
Grundlage. (IX, 324 S.) gr. 8°. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht 1910. M. 5.40; geb. M. 6 —

K. will durch das vorliegende Werk, ,ohne das Hergebrachte
zur Vorausfetzung zu machen, einen wirkfamen
Religionsunterricht aus feinen erften Gründen erbauen
helfen'. Dementfprechend wird in einem erften grundlegenden
Teil zunächft das Recht des Religionsunterrichtes
aus dem allgemeinen Erziehungsziel nachgewiefen
und die Anfprüche von Kirche, Familie, Staat als Ver-
anftalter des R.U. gegeneinander abgewogen, auch die
Frage nach Erfatz des R.U. durch Moralunterricht aufgeworfen
und verneint. Wefentlich ausführlicher (S.20—102)
wird dann die Möglichkeit des R.U., die Lehrbarkeit der
Religion, pfychologifch (insbefondere kindespfychologifch)
und religionspfychologifch (mit einem ftarken Einfchlag
von Religionsphilofophie) erörtert. Ein zweiter ausführender
Teil behandelt den Lehrftoff (117—181) und das
Lehrverfahren im R.U. (182—253). Dann werden die be-
fonderen Aufgaben des R.U. auf höheren Schulen (254
bis 272) und der Konfirmandenunterricht (273—282) be-