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Ausgabe:

1912 Nr. 3

Spalte:

69-71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hertlein, Eduard

Titel/Untertitel:

Die Menschensohnfrage im letzten Stadium 1912

Rezensent:

Volz, Paul

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69

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 3.

70

Efther ift um fo willkommener, als bisher von ihnen nur
Bruchftücke, zum Teil fehr geringen Umfangs, bekannt
waren, vgl. die Lifte derfelben bei Thompfon S. X—XI.

Der Charakter des Textes ift in den verfchiedenen
Büchern verfchieden. Im Richterbuche hatte fchon La-
garde im 1. Teile feiner SeptuagintaStudien (Gött. 1891)
den Sahiden nach den damals bekannten Bruchftücken
zu B geftellt; auch nach Thompfon S. X kommt in Rieht,

danielifchen ,Menfchen' und fonftigen Mythen von ,Men-
fchen', etwa dem babylonifchen Adapa und Marduk oder
dem Urmenfchen im Poimandres oder dem perfifchen
und indifchen Mythus oder gar dem philonifchen Himmels-
menfehen. Der gnoftifche Menfchenfohn endlich flammt
aus den Evangelien.

Entfprechend dem literarifchen Befund, daß Dan. 7
die Quelle für den Menfchenfohn der Evangelien ift und

und Ruth durchfehnittlich nur eine Übereinftimmung mit i Dan. 7 aus der Römerzeit flammt, kann der .Menfchen-
A auf zwei mit B. Dagegen folgt der fahidifche Text j fohn' nicht Selbftausfage Jefu fein, fondern ift Erzeugnis
des Jofua nach Thompfon keiner der drei bei Swete ver- | der Evangelienfchreiber. H. dringt nun in die komplizierte
glichenen Handfchriften (ABFj, fondern fcheint fich auf j Menfchenfohnfrage ein: der Titel war, im Munde Jefu geeinen
felbftändigen Text mit manchen eigentümlichen j dacht, nie fo recht verftändlich; der Ausdruck o viog xov
Lesarten zu gründen. Über Judith und Efther äußert | avd-Qcoxov ftimmt mit dem danielifchen nicht völlig über-
fich Thompfon nicht, und auch ich kann nach Durchficht ! ein, fondern würde einem bereh d^barnäschä entfprechen
der Anfänge beider Bücher über den Textcharakter von
Judith nichts fagen. Bei Efther aber fand ich, daß der
Sahide überwiegend mit A gegen BS zufammengeht,
z. B. in folgenden Lesarten:

Kap. A, Vers 4 <paivai &opvßov (BS ipatval xal S-öpvßoq); A, 7
ohne azevovwQia; i, 12 avzwr (HS* aviov); l, 13 einer 6 ßaai7.evg
(BS* nur einer); I, 19 röv ßaaü.ea 'Apta^ep^vv (BS aveöv); 1, 20
Xöyoq (BS* röfio?'. Doch hat der Sahide in 1,22 bloßes aneatetXev =
BS* ohne den Zufatz 6 ßaai).evq, welchen ASc. a hinzufügen, und ftimmt
in I, 13 auffallig mit einer altlateinifchen Cberfetzung überein: ,und der
König erzählte voliov xal xpioiv zote apxovoiv' = Corb. et dixit rex
omnibus prineipibus legem et iudicium ftatt des fonft überlieferten noitjOaxe
ovv nepl Tovtor röfiov xal xpioiv. So bringt der neue Text auch
wieder ueue Probleme.

Die Ausftattung des Buches ift vorzüglich. Man vermißt
nur eine photographifche Probe der Handfchrift.

Göttingen. Alfred Rahlfs.

man hat darin einen chriftlichen Terminus für den chrift-
lichen Meffias zu fehen; er findet fich in originaler Weife
bei Markus wie eine Art chriftliches Myfterium; die Übernahme
aus dem A. T. entfpricht der ganzen Art des
Markus, der das Lebensbild des Chriftus als Erfüllung
der altteftamentl. Offenbarung darftellt. H. erweift fich
als ausgezeichneten Kenner der Evangelienfchreiber; er
betont mit Recht, daß fchon die Synoptiker (nicht erft
das Johannesevangelium) nicht den hiftorifchen Jefus
zeichnen wollten, fondern den Chriftus ihres Glaubens.

Trotz ihrer Gefchloffenheit hat die vorgelegte Deduktion
doch einige Lücken. Es bleibt dunkel, wie
die Umdeutung der Danielftelle auf den perfönlichen
Chriftus vor fich ging; die Henochftellen, die H. vor Markus
anfetzt, genügen nicht völlig als Brücke. Weiter, wie
entftand der Ausdruck ,Sohn (des Menfchen')? H. macht
felbft darauf aufmerkfam, daß das ,Sohn' des neuteftamentl.
Ausdrucks (im Unterfchied vom danielifchen) nicht un-
wefentlich fei; wie erklärt fich die Abweichung? Gelegentlich
erwähnt H. die Vorliebe für gegenfinnige Ausdrücke
(z. B. .Menfchenfohn' für ,Gottesfohn'). Genügt dies, um
die Entftehung der Formel begreiflich zu machen, wenn
man die ftarke Anlehnung an Dan. vorausfetzt?

Indes, die ganze Deduktion unterliegt prinzipiellen
Bedenken. FI. nennt feine Methode die rein literarifche
und empfiehlt fie, befonders gegenüber der mythologifti-
fchen Methode, genauer gegenüber derjenigen, die mit
alten ungefchriebenen Traditionen rechnet. Nun hat H.
allerdings formal betrachtet Recht, wenn er fagt, die
literarifchen Dokumente feien die einzige Tatfache, die
der heutige Menfch noch habe; er hat weiterhin darin
Recht, daß er den .Mythologiften' auf die Finger fieht,
jede Ungenauigkeit rügt, jede bloße Behauptung unerbittlich
prüft. Trotzdem bedauere ich, daß er fich auf die
literarifche Methode verengert. Es ift doch ganz zufällig,
welche Schriftftücke uns gerade erhalten geblieben find,
noch weit mehr find gefchrieben worden; neben den literarifchen
Dokumenten ging in breitem Strom das Leben,
das ift auch eine Tatfache; nicht alles z. B., was in den

Hertlein, Eduard: Die Menlchenfohnfrage im letzten Stadium.

Ein Verfuch zur Einficht in das Wefen altchriftlichen
Schrifttums. (X, 193 S.) 8°. Stuttgart, W. Kohlhammer
1911. M. 4 —

In feinem Buch ,der Daniel der Römerzeit' hatte H.
den Nachweis angetreten, daß Dan. 7 aus der Zeit um
70 n. Ch. flamme. Damit wäre auch die berühmte Men-
fchenfohn-Stelle in diefe Zeit, alfo in die Zeit nach Jefus
verwiefen, und es entflieht die Frage, ob fich dies mit
dem Verhältnis zwifchen dem danielifchen und dem neuteftamentl
. .Menfchenfohn' vertrage. So wurde H. veranlaßt
, die Menfchenfohnfrage in einer befonderen Brofchüre
zu behandeln. Bei der Wichtigkeit des Gegenftandes darf
die Abhandlung auf vielfeitiges Intereffe rechnen, und fie
ift es wert, beachtet zu werden. Zuerft fucht H. nach-
zuweifen, daß die Danielftelle die Quelle fei fowohl für
den Ausdruck in der Apok. Henoch und 4. Efra wie für
den im N. T. Dies laffe fich mit der fpäten Anfetzung
des Danielkapitels wohl vereinen, denn die Apok. Henoch
und die Evangelien feien erft nach 70 verfaßt. In Hen.
14 und 71 werde die danielifche Geftalt, deren urfprüng-

liehen Sinn man nicht mehr kannte, auf Henoch umge- Myfterienkreifen gefprochen wurde, wurde gebucht. Ich

deutet. Eine andere Quelle für den .Menfchenfohn' außer j kann mich der Anficht H.'s nicht anfchließen, daß die
der danielifchen brauche man nicht; die Ausfagen in der , .Menfchenfohn'-Stellen auf Dan. 7 ruhen. Dan. 7 hat nicht
nachdanielifchen Literatur laffen fich reftlos aus Dan. 7 j die Tragkraft, die man ihm gibt, vollends wenn man das

erklären.

Dies führt zu der weiteren Frage, ob man für Dan. 7
felbft mythologifche Erklärung beizuziehen habe. H. verneint
es. Die Bilder in Kap. 7 feien ebenfowenig mytho-
logifch wie die in Kap. 8. Das Bild der Tiere und das
des Menfchen im Gegenfatz zu den Tieren bieten fich
von felbft; die vifionäre Figur des Menfchen in Dan. 7

Kapitel fo gefund und natürlich exegefiert wie H. Das
.Kommen mit den Wolken' in Mark. 14,62 z. B. beweift
nichts, denn dies war immer die naturgemäße Beförderung
zwifchen Himmel und Erde, und gerade H. wird damit
rechnen, daß der danielifche Menfch (nur vorübergehend)
hinaufgeht, der neuteftamentl. Menfchenfohn vom Händigen
Sitz herabfteigt. Allerdings hat der danielifche .Menfch'

habe nichts Mythifches an fich. Mit gutem Blick weiß nichts Mythifches an fich, aber damit ift nicht gefagt, daß
H. fie verftändlich zu machen: fie ift eine rein irdifche ! der neuteftam. .Menfchenfohn' nicht mit dem Mythus
Geftalt, die nicht zum Himmel gehört, fondern erft von 1 vom Menfchen zufammenhänge. Statt den neuteftam.
der Erde hinaufgebracht wird ; fie ift auf das Volk Israel ; ,Menfchenfohn' an die einzige, nichtsfagende Danielftelle
zu deuten, wie die Auslegung 7,15 fr. richtig anzeigt; die | anzuhängen, wobei man 1) das Manielifche Israel in den
Deutung auf eine Perfon (Engel, Meffias) empfiehlt fich Meffias umdeuten, 2) den danielifchen Menfchen in den
nicht. Ift fo in Dan. 7 felbft nichts Mythifches zu finden, ' Sohn des Menfchen ändern muß, erfcheint es mir natür-
fo befteht ferner auch keine Verwandtfchaft zwifchen dem | licher, den neuteftam. Ausdruck mit der weitverbreiteten