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Ausgabe:

1912

Spalte:

820-822

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Crous, Ernst

Titel/Untertitel:

Die religionsphilosophischen Lehren Lockes und ihre Stellung zu dem Deismus seiner Zeit 1912

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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Jacoby, das muß anerkannt werden, hat fich feine Auf- I
gäbe nicht leicht gemacht: er prüft den Goethefchen Text
Zeile für Zeile, Wort für Wort und findet durch Ver-
gleichung mit Herderfchen Gedanken überall An- und
Gleichklänge; wo aber die Gleichfetzung fich nicht von
felbft ergibt, wird fie durch kühne, oft gewaltfame Interpretationen
herbeigeführt. Auf diefe Weife wird zwar
die fchon längft bekannte Tatfache, daß Herder auf
Goethe einen gewaltigen Einfluß ausgeübt hat und daß
beide in ihrem geiftigen Wefen und Streben, in ihrem
Fühlen und Schauen fich vielfach berühren, hie und da
tiefer begründet, nimmermehr aber erwiefen, daß Faufts
innere und äußere Erlebniffe, feine Gedanken, Ausdrücke,
Ideenprägungen u. dgl. auf Herder zurückzuführen feien.
Dem Verfaffer gelingt es, das Geiftesleben und die Geiftes-
verwandtfchaft beider Größen an manchem Punkte fchärfer
zu erhellen, das Wefen und Werden ihres Verhältniffes
dem Verftändnis näher zu bringen, doch das Hauptergebnis
feiner Unterfuchung bleibt durchaus unficher
und unbefriedigend. Von manchen Teilen der Dichtung
muß Jacoby felbft geftehen, daß fie ,mit Herder nichts zu
tun haben'. Demnach wäre die Gleichung ,Herder ift
Fault' auch dann falfch, wenn fich diefe Identität im
übrigen erweifen ließe. Was aber glücklicherweife nicht
der Fall ift, fonft müßten wir uns in die Vorftellung ergeben
, ,Goethe habe den Fauft aus den einzelnen Schriften
Herders zufammengeftoppelt' — eine ,Zumutung', die der
Verfaffer felbft ,lächerlich' findet.

Darmftadt. Karl Berger.

Böhtiingk, Arthur: Bismarck und das päpftliche Rom.

Genetifche Darftellung an der Hand der Quellen.
(XV,47oS.) gr.8 °. Berlin, Puttkammer&Mühlbrecht 1911.

M. 10 — ; geb. M. 12 —

Da die Politik Bismarcks gegenüber der römifch-
katholifchen Kirche und feine mit ihr geführten Kämpfe
ein bedeutfames Kapitel feines Wirkens bilden, und die
gegenwärtige kirchenpolitifche Lage ohne Rückgang auf
die Gefchichte der letzten fünfzig Jahre garnicht ver-
ftändlich ift, fo eröffnen fich diefem Buch, das zum erften
Male das ganze Zeitalter Bismarcks famt feinen Voraus-
fetzungen vorführt, günftige Ausfichten. Für den grund-
fätzlichen Gegenfatz zwifchen dem Wefen des Romanismus
und dem modernen Kulturfitaat hat der Verfaffer ein
offenes Auge, der Widerftreit zwifchen deutfcher Eigenart
und dem in der römifchen Kirche zur Herrfchaft
gelangten Jefuitismus ift von ihm klar erkannt, glühender
Patriotismus durchweht das ganze Buch. In temperamentvoller
Darfteilung, die auch auf itarke Ausdrücke nicht
verzichtet, wird die deutfche Gefchichte unter dem Ge-
fichtspunkte ihrer Beziehungen zu der römifchen Kirche
und der Stellungnahme Bismarcks dazu, von der Mitte
des 19. Jahrhunderts an gefchildert, vor allem die Vor-
gefchichte, der Verlauf und der Ausgang des Kulturkampfs
eingehend zur Darftellung gebracht. Die Gefamt-
haltung des Werkes läßt vermuten, daß der Verfaffer zu
weiteren Kreifen reden will. Diefe Abficht fchließt aber
nicht aus, daß es auch dem Hiftoriker mancherlei zu fagen
hat. Der Gebrauch des Buches zu wiffenfchaftlichen
Zwecken wird freilich dadurch erfchwert, daß die durch
den Titel erregte Erwartung nicht erfüllt wird, indem es in die
Quellen nicht einführt. Nach welchen Gefichtspunkten
der Verfaffer die Auswahl feiner lückenhaften Literaturangaben
getroffen hat, ift nicht erfichtlich.

Es feien noch einige kleine Verfehen notiert. Irrtümlich
wird S. 4 Papft Leo der Große ftatt Gregor des
Großen als Bekehrer der Angelfachfen bezeichnet. Daß
S. 9 von der heimlichen Rückkehr des Plerzogs Albrecht
von Preußen zur römifchen Kirche unter Berufung auf die
Theinerfche Schrift von 1846 geredet wird, ift nach den
Feftftellungen von C. A. Hafe, Herzog Albrecht von
Preußen (1879) S. 376 über die Skalichfchen Treibereien

nicht zuläffig. Die S. 22 von den Verhandlungen Preußens
mit der Kurie über die Mifchehenfrage gegebene Darfteilung
entfpricht nicht den Tatfachen, vgl. meinen
Artikel ,Drofte-Vifchering' in Realenzyklopädie V3 30 und
meine Quellen zur Gefchichte des Papfttums 3. Aufl.
Nr.488. Die Promulgation desDogmas von der unbefleckten
Empfängnis der Maria erfolgte 1854 nicht 1856, wie S. 32
zu lefen ift und S. 113 wiederholt wird. Der Satz ,Miffionen
fremder Nationalität duldeten in ihren Kolonien weder die
Franzofen felbft, noch die Engländer' S. 396 fteht nicht
in Einklang mit den tatfächlichen Verhältniffen.

Göttingen. Carl Mirbt.

Crous, Ernft: Die religionsphüofophilchen Lehren Lockes u.

ihre Stellung zu dem Deismus feiner Zeit. (Abhandlungen
zur Philofophie u. ihrer Gefchichte. PIrsg. v.
Benno Erdmann. 34. Heft.) (VIII, 118 S.) gr. 8".
Halle, M. Niemeyer 1910. M. 3—

Diefe Arbeit unternimmt es mit gutem Gefchick,
die .unausgeglichenen, doch ausgleichbaren Einzelunter-
fuchungen' (p. 5) Lockes über die Probleme der Religions-
philofophie und Religionspolitik zu einem Ganzen abzurunden
und auf Vorausfetzungen, Leiftung und Folgewirkungen
zu prüfen. Die außerordentlich klar und ftraff
gegliederte Unterfuchung zerfällt in zwei Teile. Der erfte
Hauptteil gibt einen fyftematifchen Überblick über die
religionsphilofophifchen Lehren Lockes; der zweite Hauptteil
erörtert die Stellung der religionsphilofophifchen
Lehren Lockes zu dem Deismus feiner Zeit.

Im erften Hauptftück werden nacheinander Unterpacht
1. die Lehre von der Offenbarung, 2. die Lehre
j von Gott, 3. die Lehre von der Vernünftigkeit des
I Chriftentums, 4. die Lehre von der Toleranz, 5. Lockes
Anflehten von Religion und Kirche. Diefe Uberficht ift
erfchöpfend und empfiehlt fich nicht weniger durch die
Klarheit der Anlage, wie durch die Vollftändigkeit des
herangezogenen und forgfältig verarbeiteten Materials.

Das Offenbarungsproblem anlangend, fo lehrt ein
flüchtiger Blick in das vierte Buch des Effays, daß Locke
offenbar und mit aller Kraft auf einen friedlichen Ausgleich
von Glaube und Wiffen hinarbeitet. Vernunft und
Offenbarung find hier für ihn nicht kontradiktorifch
I wirkende Mächte, fondern die Offenbarung ift die Verlängerung
, beffer vielleicht noch die Überhöhung der
Vernunft, wie umgekehrt die Vernunft als natürliche
Offenbarung aufgefaßt werden kann. Uber diefe elementare
Erkenntnis hinaus vermag Crous jedoch zu zeigen
(p. I4ff), daß Locke in Bezug auf das Offenbarungskriterium
gefchwankt hat zwifchen Vernunftbejahung
(Effay) und der Möglichkeit einer äußeren Beglaubigung
durch Wunder (Discourse of Miracles), und daß er die
Offenbarung felbft bald ausfchließlich als Supplement
(Effay), bald auch als Antezipation der Vernunft im
Leffingfchen Sinne gewürdigt hat (Reasonableness of
Christianity).

In der Darftellung der Gotteslehre reproduziert der
Verf. die bekannten Hauptftücke der Lockefchen Theologie
, den pfychologifchen Empirismus, der den eingeborenen
Charakter der Gottesidee aus prinzipiellen und
ethnologifchen Gründen energifch beftreitet, und den
kosmologifchen Rationalismus, der aus der Tatfache des
eigenen Ich das Dafein eines göttlichen Urwefens er-
fchließt. Hier wäre eine Anmerkung am Platze gewefen
über den Einfluß, den die Lockefche Modifikation des
kosmologifchen Arguments auf deffen fpätere Geftaltung
in Deutfchland gehabt hat. Locke fchließt, wie auch
Crous bemerkt (p. 27), nicht fowohl vom Dafein der Welt,
als vielmehr von der Exiftenz des eigenen Ich auf Gott:
das überlieferte Argument ift, den Prinzipien des neuzeitlichen
Denkens gemäß (unter unbewußtem Einfluß
1 Descartes?), fubjektiv verinnerlicht, und man follte es, um