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Ausgabe:

1912

Spalte:

58

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lomer, Georg

Titel/Untertitel:

Krankes Christentum. Gedanken eines Arztes über Religion und Kirchenerneuerung 1912

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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'Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 2.

58

Betonung der Identität von Gehirn und Seele, für eine
neue Ethik ein, bei der das erbliche ethifche Gefühl oder
Inftinkt, das Gewiflen, und die Objekte diefes ethifchen
Fühlens die beiden konftiüotiven Elemente bilden. ,Sie
muß ihre ganze Kraft darauf verwenden, erblich altru-
iftifche Menfchen zu erzielen, was jedoch hauptfächlich
nur durch richtige Zuchtwahl gefchehen kann'. Gleichwohl
,wird es darauf ankommen müffen, dem hohen
plaftifchen Können des menfchlichen Gehirns möglichft
adäquate foziale Zwecke und Ziele als Pflichten einzupauken
(sie!) und es in denfelben zu üben' oder ,die
plaftifche Anpaffungsfähigkeit unfers Gehirns nach einer
rationellen Ethik, d. h. auf rationelle Objekte derfelben
hin zu richten'. Die Religion muß bekämpft und von
Staat und Schule völlig ferngehalten, die Ethik von jeder
religiöfen Begründung und Beeinfluffung befreit werden.
Die Medizin muß das Gehirn vollftändig für fich annektieren
'; die Hygiene soll nur lebenskräftige Individuen zu
erhalten fuchen, foll ,die befferen Menfchheitswerte zur
kräftigen Fortpflanzung, die minderwertigen dagegen zur
Sterilität anhalten', eventuell durch zeugungsverhindernde
Mittel; fie foll narkotifche Mittel und Alkohol völlig
meiden lehren. Das Strafrecht bedarf einer ablöluten
Umwandlung. Die rechtliche Gleichftellung beider Ge-
fchlechter muß durchgeführt werden. An die Stelle der
Theologie foll eine Schule der praktifchen, fozialen Ethik
treten; die Kunft foll gebeten werden, nicht für das Zerfetzende
und Korrumpierende zu wirken. Die Nationalökonomie
muß fleh vor rein materialiftifchen Gefichts-
punkten und Schutzzoll hüten. Krieg, Patriotismus, Politik
, Militarismus und Nationalitätenethik find abzufchaffen.
Anzuftreben find Gartenftädte und eine Weltfprache,
Mutterfchutz und Eugenetik, Erklärung von Produktionsmitteln
und Boden zum Gemeingut, Verhütung kapitali-
ftifcher Ausbeutung, ftrenge prohibitive Gefetze gegen
Narkotika und Alkohol, endlich ein ganz anderes Schul-
wefen mit Landerziehungsheimen. Zum Schluß wird das
Arbeitsprogramm des internationalen Ordens für Ethik
und Kultur' wiedergegeben (S. 47—50) und für diefen
Orden um Beitritt und Geld geworben.

Der ganze Vortrag, ftiliftifch und logifch fehr falopp,
ift ein Gemifch von Gutem und Bedenklichem, Zufälligem
und Notwendigem, Kleinem und Großem, Richtigem und
Unrichtigem. Verftändnis für die Religion geht dem
Verfafler völlig ab; fie befteht ihm aus .Offenbarungsmärchen
' und beruht auf Halluzinationen und unfinnigen
Einbildungen. Ihre Anhänger fpielen fich als .Anwälte
und Stützen' Gottes auf. Anftelle der Religion muß man,
wie F. fich ebenfo gefchmackvoll wie bezeichnend ausdrückt
, ,ein neues, dem modernen Wiffen beffer angepaßtes
Gefühlskleid zurechtfehneidern' (!). Bei feiner Ablehnung
aller Metaphyfik fcheint F. nicht zu merken, daß
er felbft von ganz beftimmten metaphyfifch-dogmatifchen
Vorausfetzungen ausgeht, von denen freilich eine ganze
Reihe feiner konkreten Forderungen fich kaum ableiten
laffen. Der Bankerott der orthodoxen religiöfen Ethik
(S. 21) wird, wie fo manches andere, wohl behauptet,
aber nicht bewiefen. Die Ausführungen über das Bewußtfein
auf S. 18 find doch zum minderten irreführend.
Selbft auf dem Gebiete der Gehirnforfchung werden
Dinge behauptet, die gerade nach den neueftenForfchungen
keineswegs allgemein anerkannt find; z. B. ift es keineswegs
nur die Größe des Gehirns, fondern feine Windungen
und der Stirnlappen, auf deren Geftaltung die geiftige
Leiftungsfähigkeit befonders beruht. Was von der Uber-
brückung der Lücke zwifchen Menfch und Affen S. 17
getagt ift, erinnert nur zu fehr an den Zirkusbefitzer, der
verkündet hatte, er wolle einen Baftard von einem Hafen
und einer Ente zeigen, aber in Ermangelung des Baftards
dann dem Publikum nur die beiden Eltern, den Hafen
und die Ente, zeigte. Denn das ift ja gerade das Problem:
wie kommt der Menfch zu feinem .Ernndungsgeift' (S. 18),
zu feiner Fähigkeit, feine Erkenntniffe zufammenhängend

zu ordnen und zu überliefern, zu fprechen und Abftraktes
zu denken, Willensentfchlüffe und Pläne gegen feine natür-
| liehen Triebe und Empfindungen zu faffen und durchzuführen
, für das Gute und das foziale Wohl der Menfch-
heit einzutreten, bewußt Kultur und Ethik zu pflegen usw.?
Es ift charakteriftifch, daß am Schluß der .Internationale
Orden für Ethik und Kultur' für feine Propaganda ausdrücklich
das Urchriftentum fich zum Vorbild nimmt
(S. 45f.). Mag er es verfuchen; vielleicht wird es ihm
dann klar werden, daß die Kraft des Urchriftentums nicht
j in der Organifation, fondern in einer beftimmten religiöfen
j Erfahrung beftand und daß diefe erft die Organifation
i mit allen ihren Mitteln hervorgebracht hat.

Frankfurt a. M. W. Bornemann.

LomeiqDr.Georg:KrankesChriftentum. Gedankene.Arztes
üb. Religion u. Kirchenerneuerg. (V, 109 S.) gr. 8°.
Leipzig, J. A. Barth 1911. M. 2—; geb. M. 2.80

Der Mediziner am Krankenbett der Kirche. Diag-
nofe: dogmatiftifche Arterienverkalkung. Das wird bewiefen
mittels einer Prüfung des kleinen Katechismus.
Hauptftück um Hauptftück wird mit den Erklärungen
Luthers gemeflen an der .Vernunft' und der modernen
Wiffenfchaft. Dabei kommt natürlich vor allem das zweite
Hauptftück vom Glauben fehl echt weg: Gott ift ja die
Welt felbft; das Erlöfungsbedürfnis parallel mit der als Melancholie
bezeichneten Geifteskrankheit; im Wirbeltanz der
Welten ift kein Platz für den Himmel; die normale
menfehliche Vernunft follte doch ausreichen, um an Chriftus
zu glauben; jede religiöfe Gemeinfchaft behauptet den
rechten Glauben zu haben; das Gebet, oft ein Beftechungs-
verfuch Gottes(I), ift als Autofuggeftion nicht ohne Wert;
bei den Sakramenten wollen wir uns etwas denken können,
was mit unferer Gefamtweltanfchauung in Einklang fleht.
Das Gefangbuch ift teilweife abnorm blutrünftig; ftatt der
Perfon Chrifti foll feine Lehre behandelt werden; wir
wollen ftatt einer Glaubens- und Bekenntniskirche eine
Erkenntniskirche; am Gottesdienft ift viel zu beffern; die
Theologie ift keine genügende Vorbildung für zukünftige
Geiftliche. Therapie: mehr naturwiffenfchaftlicheBildung
für unfere Theologen, eine Verbindung folcher Vereine
wie Moniftenbund, Bund freireligiöfer Gemeinden, Giordano
Brunobund, jungdeutfeher Kulturbund, Ethifche Kultur, mit
der Kirche, um einen Neuproteftantismus, eine zeitgemäße
Kirche herzuftellen, damit das Chriftentum Sauerteig
im Staat und der Proteftantismus fähig zu feiner
Weltmiffion werde; vor allem aber mehr Pflege der (Natur-)
Wiffenfchaft, da fie befonders einzudringen fucht in das,
was man Gott nennt. ,Die Kirche die Hüterin der Sternen-
fehnfucht nachdem Unendlichen, die Wiffenfchaft ihre Wehr'.

Wenn nur diefe Kur nicht zu häufig an die des Dr.
Eifenbart erinnerte! Aber wir wollen weitherziger fein
gegen den theologifierenden Arzt als die Medizin gegen
den Lehmpaftor. Wir wollen uns herzlich freuen über
diefen Arzt, der tatfächlich kein vereinzelter Freund deffen,
was er unter Chriftentum und Kirche verlieht, fondern
eine ganz typifche Erfcheinung in diefem Stande ift. Nur
müffen wir uns erlauben, auch die Sache umzukehren
und den Arzt als Patienten zu betrachten.

Diagnofe: hochgradigerpantheifierendmoraliftifcher
Intellektualismus. Therapie: Verftändnis für das was
Religion, Chriftliche Religion und Chriftlicher Glaube ift.

Wenn wir auf folche Stimmen hören, dann werden
wir nicht nur auf vieles merken, was nicht mehr zeitgemäß
erfcheint, falls wir es nicht fchon von felbft wiffen,
fondern vor allem werden wir um fo feiler lernen, zu
I fehen, was Evangelium ift. Dann aber müffen auch die
Leute, in deren Namen L. fpricht, endlich ihren bloß antiorthodoxen
Wiffensdünkel aufgeben, um fich dem Geilte
Chrifti und Gottes zu erfchließen.

Heidelberg. F. Niebergall.