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Ausgabe:

1912 Nr. 25

Spalte:

786-788

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Böckenhoff, Karl

Titel/Untertitel:

Katholische Kirche und moderner Staat 1912

Rezensent:

Hoensbroech, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 25.

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Traug.Schieß. 3. (Schluß)-Bd. 1549—1567. (XX.936S.)
gr.8°. Freiburg i. B., F. E. Fehfenfeld 1912. M. 30 —

Mit Freuden ift der Abfchluß des Briefwechfels der
Brüder Ambrofius und Thomas Blaurer im 3. Band, zu
welchem die badifche hiftorifche Kommiffion und der
Zwingliverein die Mittel aufgebracht haben, zu begrüßen.
Der Bearbeiter Traugott Schieß in S. Gallen hat aufs
Neue hervorragende Tüchtigkeit zur Veröffentlichung
reformatorifcher Korrefpondenzen, zähe Ausdauer und
große Sachkenntnis bewiefen, und es wäre nur zu wün-
fchen, daß er weiter mit derartigen Publikationen, etwa
des reichen Bullingerfchen Briefwechfels, betraut würde.
Der 3. Band umfaßt nicht weniger als 1148 Briefe, welche
unmöglich alle im vollen Wortlaut mitgeteilt werden
konnten, wenn der Band von 936 S. den Schluß des Briefwechfels
geben follte. Schieß hat fich aber beftrebt, in
feinen Regelten alles hiftorifch wichtige Material anzugeben,
und nicht etwa dem Beifpiel des Calvinbriefwechfel im
Corp. Ref. zu folgen, der nur aufnahm, was Calvin felbft
betraf und alles andere wegließ, was man nicht anders
denn als verfehlt bezeichnen kann. Zu feiner in diefem
Band notwendig ftärkeren Verkürzung war Schieß umfo-
mehr berechtigt, als manche Briefe rein perfönliche oder
familiäre Angelegenheiten ohne weiteres Intereffe betreffen.
Überhaupt fteht der 3. Band an Wert für die Gefchichte
jener Zeit hinter den beiden erften zurück. Es liegt Abend-
ftimmung über ihm, feit die Brüder ihren heimatlichen
Boden verlaffen haben und keinen größeren Wirkungskreis
mehr finden konnten, obwohl Ambrofius Berufungen z. B.
nach Bern, Bafel, Memmingen, in die Pfalz angeboten
wurden. Die alten Freunde und Korrefpondenten find
tot. 1562 fühlt fich A. Blaurer bei einer Reife durch Ober-
fchwaben nach Lauingen in einer völlig fremden Welt,
begrüßt weder die Theologen noch die Obrigkeiten der
fchwäbifchen Städte, welche ihm fo viel verdankten. An
die Stelle der Freunde Zwingiis und Luthers find Lutheraner
oder unter dem Hafenrat Papiften getreten. Dafür
gewinnen jetzt die Beziehungen zu Zürich, Bafel, Biel,
Bern und zur Weftfchweiz. Bullinger ift der treuefte
Korrefpondent, der zugleich eine ganz außerordentliche
Kenntnis der Zeitereigniffe und theologifchen Neuigkeiten
in feinen Briefen beweift. Aber auch Calvin, Farel, Touffain,
Libertet begegnen uns jetzt. In Straßburg ift es Kon!
Hubert, der Blarer treu bleibt und überrafcht mit feinem
Eifer für die SammlungvonButzersBriefen undOkolampads
Werken. Von Bafel fchreibt Joh. Jung, von Bern der
treffliche Wolfg. Musculus, deffen ruhiges, billiges Urteil
wohltut und von dem Ungeftüm des mißtrauifchen Farel
ftark abfticht, von dem fich auch fagen ließe, was Bullinger
im Blick auf Brenz und Genoffen fagt: certe ubi Lutherani
sunt, ibi turbas movent (S. 598). Musculus wagt feine
Bedenken über die Hinrichtung Servets und über Ketzer-
prozeffe auszufprechen. Er fagt: Mihi magis placet agi
cum haereticis patienter et moderate, ut secundum admo-
nitionem apostoli locus permittatur resipiscentie. Luther
ift ihm auch im Tod zu groß, um von dem .unnützen'
Musculus verdunkelt zu werden (S. 239, 240). Der bittre
Ton in den Schriften Calvins und feiner Freunde (nebulo,
canis, latrator) ift ihm ganz zuwider: Existimo . . moderatius
cum contradicentibus agendum. (S. 419). Die ausgedehnten
Familienbeziehungen laffen einen Blick in die Verbreitung
des Schwenkfeldianismus unter dem Adel tun und geben
über die Hoffnungen diefer Leute auf den Sieg und den
Druck von Schwenkfelds Werken Licht. Der Graf S. 824
ift Graf Sebaftian von Helfenftein. In die Zeit von Thomas'
Aufenthalt in Wittenberg gehört fein und Peter Sua-
vens Kampf gegen die Schmidberger Propheten (S. 697)

in Deutfchland, die Kämpfe in Frankreich und den Niederlanden
, das Gefchick der evangelifchen Kirche Englands
unter Eduard, Johanna Grey, Maria und Elifabeth ins
Licht gerückt, ebenfo der neue entbrannte Abendmahls-
ftreit mit dem bitterften Haß gegen Brenz, der Bullinger
fogar die fehr gefährliche Äußerung entfahren läßt: In
veteri ecclesia dudum fuisset confossus a ministris Christi
fidelibus; nunc videntur dormitare plures, quam sit e re
ecclesiae (S. 729). Schmerzlich trübt die finanzielle Sorge
den Lebensabend der Brüder, aber auch die Entwicklung
des einzigen Sohns von A. Bl., der, wie der Vater fürchtet,
zum energielofen yrjq ßd(>oc wird, wenn er auch kein
fchlechter Menfch ift.

Schieß gibt einen trefflichen Überblick über den Inhalt des Bandes
und eine gute Charakteriftik der beiden liriider. Seine Textbearbeitung
verdient alle Anerkennung. S. 737 ift veles nur Schreibfehler von Th. BL
für feles. Die ratfelhaften licsolaman.es carmina, welche Bullinger zurückverlangt
, (S. 119) find deffen Gedichte auf S. Nicolaus bei Peftalozzi,
Bullinger S. 315. Zu lefen ift Beselesmanes (Mann mit dem kleinen
liefen oder der Rute). S. 491 L Fauseri ftatt Faufti. Gemeint ift Pfaufer.
S. 62S C. Rorarius ftatt Forarius. Gemeint ift Ge. Rörer. Das S. 779
Z. 13. nicht ganz entzifferte Wort dürfte cappelmeifter zu lefen fein.
Bullinger ftellt Brenz als Tonangeber hin. S. 810 A. 3 ift vielleicht
lumen zu ergänzen. S. 684 Z. 117. ea ab ipso zweifelhaft. Die confessio
Wirt, brauchte doch Herzog Chriftoph nicht erft anzunehmen. Die Kardinäle
find Karl und Ludwig Guife, mit welchem der Herzog famt Brenz
in Zabern zufammentraf. Nicht richtig datiert ift der Brief Nr. 1788
S. 146. Er wird in das Jahr 1562 gehören, vgl. Nr. 2524, 2536, 2540.
Die Schrift von Chemnitz ift nicht die Anm. 5 angegebene, fondern die
Repetitio sanae doctrinae de vera praesentia corporis et sanguinis Domini
in coena. Urseiiis MD. LXI. 8. S. 856 wird der Brief in das Jahr 1562
gehören, da Naogeorgs Stellung in Eßlingen wegen des Hexenprozeffes
bedroht war und er fich nach einer andern umfehen mußte. Unter den
Erläuterungen ift zu beffern S. 35 Abusiacum nicht Abensberg, fondern
Füßen. Henifch, Thesaurus 1324, 31. Roth A. Ref. G. 3,390. BBKG 9,145.
10,86. Da es fich um Reichsftädte handelt, kann S. 106 auch Biberach
gemeint fein. Organift ift S. 110 wörtlich zu nehmen. Walch S. 117
ift nicht Walker, fondern Welfcher. Vgl. Nr. 1753 Mirandula. Ant.
Reuchlin von Isny S. 199 ift kein Neffe Joh. Reuchlin S. 217 ift Sinapius
vielleicht Ludwig Send in München. S. 228 Reißenzahn kam von Ulm
nach Pforzheim, dann nach Durlach, fchließlich nach Speyer BBKG. 3. 108.
Cardinalis ad Aram Scelerum S. 311 ift Sarkasmus für Aram Coeli.
S. 361 ift Plattislin neben Stockfifch nicht Biigeleifen, fondern es find
Fifche. Henifch, Thesaurus 468,26. S. 432 Cyllenium vielleicht Zihlfchacht
S. 443 Rupetum Dornach (Kubetum). S. 444 die Poftille Werners ift nicht
der Liber deflorationum ff. des Abts Werner von Blafien 1170—78,
fondern das Predigtbuch des ascetifchen Schriftftellers Leonhard Werner,
der im Interim Brenz Nachfolger als Prediger in Hall war, dann in die
Nähe von Worms nach Efenheim kam. Beck, die Erbauungsliteratur
S. 324 fr. Theol. Stud. a. WUrttb. 2,222. Der Brief NT. 2220 S. 486
ift wohl nicht aus Isny, fondern aus Meersburg abgefandt auf der Rückkehr
von Isny. Vgl. Nr. 2225. S. 544. Duloianus wohl Hans Knechten-
hofer S. 549. S. 584. Die Torheiten Iconclusiones S. 587) von Huberinus
find die wieder aktuell gewordenen fiebzig Schlußreden von der rechten
Hand Gottes. Wittenberg 1529 und Magdeburg 1530. Zu dem von
Schieß angezweifelten fastangred vgl. S. 671 und Henifch 1014,64 Faften-
kraut, salgama und Nr 2655 S. 843 satyricus pauis. S. 674 Dr. Petrus
ift Martyr Vermigli RE. 203,550f. Der Aufklärung wert wäre S. 694,
welcher Prediger in Weimar den Frauen das Nachtmahl verweigerte,
weil Chriftus es nur mit Männern gehalten habe, ebenfo die Quelle für
die Mähre, daß die Heidelberger Lehre vom Anabaptismus durchtränkt
fei (S. 750I, und der Pfalzgraf kein Kind vor dem 12. Jahr getauft wiffen
wolle und die Tauffteine abbrechen laffe (S. 751). S. 860 Ministre du
cour heißt Hofprediger, nicht Ilofmeifter S. 912,922. Vgl. concionator
Germanus S. 297, 314 und das Reutlinger Gymn. Programm 1893 von
Votteler über Schradin.

Das find einige Beiträge zu den reichhaltigen fachlichen
Erläuterungen, welche Schieß in willkommener
Weife darbietet. Ihm, der bad. hift. Kommiffion und dem
Zwingliverein gebührt warmer Dank für die Bereicherung
der Wiffenfchaft durch alle drei Bände.

Stuttgart. G. Boffert.

Böcken hoff, Prof. Dr. Karl: Katholifche Kirche und moderner
Staat. Das Verhältnis ihrer gegenfeitigen Rechts-
anfprüche. (144 S.) gr. 8°. Köln, J. P. Bachem 1911.
Der" Tag 'des Xä^ä^^A^ulm''daä Klofter lTt der | M- 24Q; geb. M. 3.20

5. Juli 1522 (S. 775). Dann ift es das Interim, der Zuftand
in Konftanz mit den ungeheuerlichen Leiftungen des neuen
Predigers Val. Fabri, der Regierungswechfel in Württemberg
, der Fürftenkrieg, der Fortfehritt des Calvinismus

Auf engem Raum Bücher zu befprechen, die wichtigfte
Fragen behandeln und von denen jede Seite eingehende
Widerlegung fordert, ift fchwer. Mein Möglichftes will
ich tun, Knappheit und Gründlichkeit zu vereinen.