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Ausgabe:

1912 Nr. 25

Spalte:

779-781

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bardenhewer, Otto

Titel/Untertitel:

Geschichte der altkirchlichen Literatur. III. Bd.: Das 4. Jahrh. mit Ausschluß der Schriftsteller syrischer Zunge 1912

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 25.

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namens Gurias aus dem Dorfe, welches heißt Sarkidimia, gottesfurchtig
und mit aller Tugend ausgeriiftet, habend einen Gleichgefmnten in Gottesfurcht
aus demfelben Dorfe, welchen fie mit Namen Samonas nannten'.
Der Text ftellt nicht, wie v. D. S. XI Anm. 3 vermutet, ein Synaxarexzerpt
dar, fondern eine, ftark und gegen Schluß immer ftärker verkürzende,
Paraphrafe des Martyriums des Gurias und Samonas. In K. 32 flehen,
abweichend von A, nicht die armenifchen, fondern die römifch-griechifchen
Monatsnamen Auguft u. November; in K. 41 ift der Monat weggefallen;
in K. 67 ift, ftatt von der Tochter, von der Schweiler des Samonas die
Rede; gegen Schluß wird das Martyrium datiert auf den ,19. Tag des
Monats November'. Alle fonftigen Namen und konkreten Angaben find
ausgeladen. Die Faltung des erften Satzes und die Monatsnamen erklären
fich am leichterten, wenn der Text nicht aus A, fondern aus G 2 (vgl. K. 3)
gefloffen ift. Freilich fehlt gerade in G2 K. 67 ein Paffus über die
Tochter oder Schweiler, doch ift der jetzige Text von G2, wie v. D.
S. XXIX hervorhebt, möglicherweife verkürzt.

Erwünfcht wäre manchmal eine ausführlichere Art des Zitierens;
Zitate wie ,Straßburger Feftfchrift 1901' oder .Theophanes 126' find nur
dem Eingeweihten verlländlich.

Straßburg i/E. G. Anrieh.

Bardenhewer, Protonot. Prof. DD. Otto: Gefchichte der
altkirchlichen Literatur. 3. Bd.: Das 4. Jahrh. m. Aus-
fchluß der Schriftfteller fyr. Zunge. (X, 665 S.) gr. 8°.
Freiburg i. B., Herder 1912. M. 12—; geb. M. 14.60

Was man von der Fortfetzung der altkirchlichen
Literaturgefchichte Bardenhewers erwarten konnte, das
hat diefer dritte Band in vollem Maße erfüllt: der Ver-
faffer hat den Forfchern ein lang erfehntes, ausgezeichnetes
Hilfsmittel dargebracht und die unermeßliche Arbeit, die
auf dem Gebiete der kirchlichen Literatur des 4. Jahrhunderts
noch zu tun ift, bedeutend erleichtert. Die faft
iückenlofe Vollftändigkeit in bezug auf die Autoren und
ihre Schriften — ich vermiffe den Canon Mommsenianus,
manches Häretifche (mit Ab ficht ausgelaffen?), Kirchenrechtliche
und Hagiographifche —, die exquifiten und
zuverläffigen bibliographifchen Angaben, die umfichtige
und ruhige, knappe und lichtvolle Weife, in der über die
Fülle der Kontroverfen berichtet wird, endlich der mufter-
haft korrekte Druck find hohe Vorzüge und verdienen
den bellen Dank. In noch höherem Maße freilich verdient
diefen Dank der unverdroffene und gleichmäßige
Pdeiß, der in dem Werke fteckt. Ich habe es von der
erften bis zur letzten Seite durchgelefen und mit wahrem
Vergnügen. Diefes Vergnügen wird nicht jeder nachempfinden
können; aber der Patriftiker, dem nach vierzigjähriger
Arbeit zum erftenmal das Glück befchert wird,
eine zufammenfaffende Darftellung der kirchlichen Literatur
des 4. Jahrhunderts lefen zu können, folgt den, fei
es auch noch fo einförmigen, Ausführungen mit Freude
und läßt das Werk nicht aus der Hand.

Eine Literaturgefchichte in dem Sinne, den wir heute
mit diefem Begriffe verbinden, ift das Werk freilich nicht.
Es würde nicht fehr viel verlieren, wenn der Verfaffer es
ohne jede Disposition alphabetifch angeordnet hätte. Was
es ficherftellt, ift nicht einmal das Knochengerüft eines
lebendigen und fich entwickelnden Organismus, gefchweige
diefer felbft, fondern lediglich um einzelne Stücke handelt
es fich für den Verfaffer. Nicht einmal darauf wird zu-
fammenhängend geachtet, was hier offizielle Schriftftellerei,
was kirchenpolitifche Pamphlete, was liturgifch, was kate-
chetifch, was wiffenfehaftlich ufw. ift. Aber einige Ver-
fuche, die der Verfaffer macht, über feine Grenze hinauszugehen
, und noch mehr die Verwahrungen in bezug
auf die Verfuche Anderer (f. z. B. S. 90 f.) zeigen deutlich,
daß nichts Förderliches zu erwarten gewefen wäre, wenn
der Verfaffer Gefchichte hätte fchreiben wollen. Auch
fein ftreng katholifcher Standpunkt hätte ihn daran gehindert
. Schon jetzt droht an einigen Stellen die Unparteilichkeit
in die Brüche zu gehen — nicht nur, wo das
Gefpenft eines von Anfang an beftehenden depositum
fidei fich anmeldet, fondern auch, wo es galt, zu den
.Unficherheiten' anerkannter Kirchenlehrer Stellung zu
nehmen. Man vergleiche, wie die Lehre von H. Geift

eines Bafilius1 oder wie die Gefamtlehre des Chryfoftomus
oder wie die Perfönlichkeit des Hieronymus beurteilt bzw.
befchönigt wird'2, und ftelle damit die harten Urteile
über Theodor ufw. zufammen. Auf welchem Boden ferner
diefe Literaturgefchichte fich abfpielt, daran wird
man nur durch Namen — und auch das feiten genug

— erinnert. Streicht man die Namen, fo könnte fie fich
in Indien oder auf dem Monde und in irgendeinem fabelhaften
Jahrhundert abgefpielt haben. Daß es das 4. Jahrhundert
gewefen ift, daß fich in ihm Griechentum und
Chriftentum fo innig vermählt haben, daß man das Produkt
faft ebenfogut chriftlicb.es Hellenentum wie hellenifches
Chriftentum nennen kann, und daß eben die Literatur
der Hauptträger der Verbindung gewefen ift, davon bekommt
man kaum etwas zu fpüren.

Indeffen wir müffen für das Gebotene dankbar fein

— diefes Hilfsbuch hat keinen Rivalen und wird einen
folchen vorausfichtlich nicht fo bald erhalten. Mit Recht
fagt der Verfaffer im Vorwort, daß fich diefer neue Band
in Anlage und Haltung an die früheren Bände enge an-
fchließe. Wenn er hinzufügt, daß bei ihm in viel reicherem
Maße als bei den früheren Bänden Gelegenheit geboten
gewefen fei, neue Beobachtungen einfließen zu laffen oder
auch auf Fragen und Rätfei aufmerkfam zu machen, deren
Beantwortung weiteren Unterfuchungen überlaffen werden
mußte, fo kann ich das für die zweite Hälfte der Behauptung
in vollem Maße anerkennen. Es gehört zu den
befonderen Vorzügen des Werks, daß es pünktlich und
gewiffenhaft auf dieFülle der offenen literarkritifchenFragen
hinweift, und auch das muß hervorgehoben werden, daß
der Verfaffer, wo er innerhalb einer Kontroverfe felbftän-
dig eine Entfcheidung trifft, meiftens einen richtigen Blick
zeigt und nicht feiten durch ein fchlagendes Argument
das Schwergewicht in die Wagfchale wirft. Dagegen ift,
fbviel ich fehe, die Zahl der wirklich neuen Beobachtungen
nicht eben erheblich, und es wird dazu noch recht Vieles
in der Schwebe gelaffen, was m. E. ein abfchließendes
Urteil wohl zuläßt. Die Haltung, welche der Verfaffer
in bezug auf die Echtheit bzw. Unechtheit des 4. Logos
des Athanafius gegen die Arianer in den Worten einnimmt
(S. S4f): ,Eine tiefer greifende Unterfuchung der
Gefchichte des Buches dürfte am ficherften zu voller
Klarheit führen', ift für feine Stellung zu vielen Problemen
charakteriftifch.

Auf Einzelnes einzugehen muß ich mir verfagen;
denn lediglich die lange Tabelle abzudrucken, in der ich
mir intereffante literarkritifche Entfcheidungen des Ver-
faffers vermerkt habe, hätte für den Lefer kaum einen
Wert. An vielen Stellen wünfehte man, daß der Verfaffer
den Problemen, welche er behandelt, energifcher
zu Leibe gerückt und in der Unterfuchung ausführlicher
geworden wäre; allein die Überlegung, daß dann
das Werk wohl niemals beendet worden wäre, bringt
diefen Wunfeh fchnell wieder zum Schweigen. Allerdings
erhält man bei diefer Befchränkung auf die literarkritifchen
Grundlinien kein Bild davon, was man einzelnen
neuern Forfchern, z. B. was man Eduard Schwartz
für die Athanafiana, verdankt. Eben weil Bardenhewer
(m. E. mit Recht) die Gefamtbeurteilung des Athanafius,
welche aus den Schwartzfchen Unterfuchungen hervortritt
, ablehnt, hätten um fo mehr die hohen Verdienfte
hervortreten müffen, die fich diefer Forfcher hier erworben
hat. In zufammenfaffenden Urteilen ift der Verfaffer
zurückhaltend und vorfichtig; aber — von dem theologi-

1) Über Bafilius heißt es S. 159: ,Wie feil er auch von der Ho-
moufie des h. Geilles überzeugt war, fo hat er doch niemals den h. Geift
für fich allein 9s6<; genannt. Dem Umftande, daß noch keine offizielle
kirchliche Deklaration vorlag, wollte er gewiffenhaft Rechnung tragen'.
Alfo — Bafilius hatte die ausgebildete korrekte Lehre vom h. Geift; weil
aber Konzil und Paplt fie noch nicht deklarirt hatten, verhüllte er fie
noch — in keufcher Gewiffenliaftigkeitl

2) Die Gefamtbeurteilung des Hieronymus befonders um fo mehr,
als en passant recht viel Schlimmes in Bezug auf diefen Helden zu-
geftanden wird.