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Ausgabe:

1912 Nr. 25

Spalte:

776-777

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlageter , J.

Titel/Untertitel:

Der Wortschatz der außerhalb Attikas gefundenen attischen Inschriften 1912

Rezensent:

Debrunner, Albert

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775

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 25.

77h

mir mithin eines der heften und notwendigften, die im
Verlauf der Debatte um die Chriftusmythe gefchrieben
wurden.

Die Trennung zwifchen hiftorifchem Jefus und dogma-
tifchem Chriftus, deren Entwicklungsgefchichte K. aus der
Gefchichte der Philofophie erheben will, führt er auf Spinoza
und Kant zurück; aber auch HegelsGottmenfchheitsidee bedeutet
ihm — obwohl fie eine Brücke zur kirchlichen Chrifto-
logie zu fein fcheint — doch einen Schritt weiter auf
dem von jenen eingefchlagenen Wege; die Entwicklung
der Hegelfchen Linken bezeugt das: die beiden Pole,
Gott und Menfch. fließen in ein Einziges, die Natur, zu-
fammen; hiftorifcher Jefus und dogmatifcher Chriftus
werden unvereinbar gefchieden und werden beide ihres
Wertes für die Menfchheit entkleidet. Sehr fcharf urteilt
K. dementfprechend über die Vermittlungsverfuche der
Hegelfchen Rechten, recht fkeptifch aber auch über
Schleiermachers Chriftologie. Hier wird des Autors Blick
zweifellos von der Problemftellung etwas beengt, die ihn
nur den Unterfchied zwifchen abfoluter Idee und ge-
fchichtlicher Erfcheinung fehen läßt. So muß K. vor
allem die ,fchreiende Inkonfequenz' beklagen, mit der
Schleiermacher die abfolut vollkommene Perfönlichkeit
des Erlöfers zur einen Hälfte den Gefetzen natürlicher
Entwicklung unterworfen, zur anderen Hälfte — fofern
fie Typus der Selbfttätigkeit ift — davon dispenflert hat.
Bei der Kritik der neuhegelianifchen und neukantiani-
fchen Verfuche, auf fpekulativem Wege die abfolute Bedeutung
der gefchichtlichen Perfönlichkeit Jefu ficherzu-
ftellen, kann fleh K. auf die Einwände berufen, die Eduard
von Hartmann gegen Biedermann, Pfleiderer und Lipfius
erhoben hat. Mit großer Deutlichkeit wird dabei aus
der Gefchichte der Vergangenheit die eine Hauptfrage
der Gegenwart herausgearbeitet: wie kann das — notwendigerweife
unvollkommene — erfte Auftreten der Idee
in Jefus normgebend, wie kann unferes Glaubens Anfänger
auch fein Vollender fein? Und die folgende Kritik Ritfchls
und Harnacks — abgefehen von der günftigeren Beurteilung
des erkenntnistheoretifchen Unterbaus etwa im
Sinne Pfleiderers gehalten — ftellt uns vor eine zweite
Hauptfrage, ,für die Harnack als Hiftoriker kein tieferes
Intereffe gefühlt hat': ,kann Chriftus noch eine andere
als hiftorifche Bedeutung haben, wenn er das, was
er fchöpferifch erlebt hat, doch nur in der Weife uns
mitteilen kann, daß wir es auch fchöpferifch in uns nacherleben
?' Mit dramatifcher Lebendigkeit führt K. nun
Tröltfchs Verzicht auf die Abfolutheit des Chriftentums
ein; feine Konfequenz wird anerkannt, feine Verbindung
von ,relativ' und .normgebend' aber als unmöglich angefochten
. Nun erft geht K. auf,das individualiftifche Jefus-
bild' ein — etwas verfpätet, wie mir fcheint; diefer Ab-
fchnitt wäre beffer an die Kritik Ritfchls angefchloffen
worden. Der bequemen Kampfesweife, die verfchie-
denen Auffaffungen von Jefus in der modernen Theologie
gegen einander auszufpielen, hat fleh K. enthalten. Er
zeigt fleh vielmehr durchdrungen von der Kraft und
Größe folchen Jefusbildes; gerade Hartmanns Angriff
gegen den Glauben an einen perfönlichen Vatergott zeige
doch, daß diefer Glaube nicht eine allgemeine wertlofe
Formel fei, und die Unmittelbarkeit, mit der die Jefus-
worte zu uns reden, könne durch den Hinweis auf die
Stoa oder das Judentum nicht aus der Welt gefchafft
werden. .Werke wie Jülichers Gleichnisreden follten doch
nicht als ungefchrieben ignoriert werden können.'

Am Ende diefes Abfchnitts aber wirft K. die Frage
auf, die er fpäter in einem ,Die Alternative' überfchrie-
benen Kapitel zum eigentlichen Prüfftein für die Chrift-
lichkeit der .individualiftifchen Theologie' macht: muß das
Chriftentum, wenn es das .doppelte Evangelium' vereinen
will, nicht auch die Perfon feines Stifters in übermenfeh-
liche Höhen erheben? K. beantwortet die Frage mit ent-
fchiedenem Ja: .warum gerade an diefem Punkte der Troft
des Chriftentums hing, ift in klaffifcher Weife in den bekannten
Werken von Athanafius und Anfelm entwickelt'
Darum entweder: Anerkennung des heilsgefchichtlichen
Wunders oder Zerftörung des chriftlichen Gottesbegriffs.
An diefem Punkte hat fleh bei der Lektüre mein Wider-
fpruch am ftärkften erhoben, denn eben die Chriftlich-
keit des vorausgefetzten Gottesbegriffes wäre noch zu erweitern
Zwifchen der Darftellung des .individualiftifchen'Jefusbildes
und der eben fkizzierten Kritik an demfelben fteht
nun der Abfchnitt über die Beftreitung der Gefchichtlich-
keit Jefu. Man wird es bedauern, aber verliehen, wenn
K. dabei für die Eigenart religionsvergleichender Arbeit
keinen Sinn zeigt, vielmehr nur eine dem Gegner zugute
kommende Nivellierung und Entwertung darin fleht; diefe
Arbeit verträgt es nicht, nur unter dem Gefichtspunkte
des gegenwärtigen Streites angefehen zu werden, denn
fie darf keiner Partei dienftbar werden, wenn fie der
Wahrheit dienen will. Ebenfo wird man es begreiflich
finden, daß der Dichter des .Emanuel Quint' vor diefem
Forum fchlecht abfehneidet; Kunftwerke find eben keine
Beiträge zum Streit um die Chriftusmythe. Aber diefe
Mängel des Buches find wirklich Korrelate feiner Vorzüge
; denn diefelbe einfeitige Frageftellung, die hier die
Beurteilung drückt, hat zu einer Darftellung der Drews-
Bewegung geführt, wie ich fie in der Einleitung diefes
Referats angedeutet habe.

Zum Schluß drei Fragen. Warum hat das Buch
einen fo undeutlichen Titel? Warum hat es kein Re-
gifter? Und warum hat der Autor feine reiche Belefen-
heit anderen nicht nutzbarer gemacht, indem er bei
Zitierungen neben den Verfaffernamen auch die Werke
nannte?

Berlin. Martin Dibelius.

Schlageter, Gymn.-Prof. Dr. J.: Der Wortfehatz der außerhalb
Attikas gefundenen attifchen Infchriften. Ein Beitrag zur
Entftehg. der Koine. (104 S.) gr. 8°. Straßburg,
K. J. Trübner 1912. M. 3 —

,Die attifche Grundlage der Koine wird heute allgemein
zugegeben' (S. 7). Auch die Anficht Thumb's,
das Zwifchenglied zwifchen dem Attifchen und der Koine
fei die Sprache des attifchen Seereiches, das .Großattifche',
hat vielerorts Anklang gefunden. Um diefer Theorie eine
fefte Stütze zu geben, hat Schlageter die vor das Jahr
200 vor Chr. datierbaren attifchen Infchriften des ägäifchen
Meeres und des Küftenfaumes bis zur Krim unter-
fucht; die Refultate hat er zuerft in dem Programm Zur
Laut- und Formenlehre der außerhalb Attikas gefundenen
attifchen Infchriften (Freiburg i. B. 1908), dann in der
vorliegenden Arbeit (urfprünglich Freiburger Differtation,
erfchienen als Beilage zum Jahresbericht des Konftanzer
Gymnafiums 1910 und I9I2) niedergelegt.

Schi, glaubt den ftrikten Nachweis geliefert zu haben,
daß feine Infchriften wirklich das Übergangsftadium zur
Koine bilden. Ich würde eine vorfichtigere Formulierung
vorziehen: Da das attifche Seereich hauptfächlich ioni-
fches Gebiet umfaßte, waren von vornherein die Bedingungen
gegeben, unter denen ein ,mit Ionismen durch-
fetztes Attifch' (S. 81), wie es die Koine tatfächlich darfteilt
, entfliehen konnte, und ich fehe den Wert der Arbeiten
Schl.'s darin, daß er aus dem infchriftlichen Befund diefe
Vermutung beftätigt hat. Auch Schi, fcheint die Beweiskraft
feines Materials im Grunde nicht für weitergehend zu
halten; wenigftens legt er S.69 befonderes Gewicht darauf,
daß die große Anzahl von fonft erft fpäter belegten Wörtern
in den großattifchen Infchriften mehr als der übrige Wort-
fchatz zu dem Schluß zwinge, der Wortfehatz der Koine
fei in diefem Gebiete entftanden. Es wäre aber, wie mir
fcheint, erft noch zu unterfuchen, ob nicht z. B. bei Arifto-
teles ein ebenfo großer Prozentfatz von Koinewörtern auch
zum erftenMal auftritt, ohne daß man daraus fchließen dürfte,
die Koine verdanke ihre Entftehung Ariftoteles. Ich