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Ausgabe:

1912

Spalte:

56-58

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Forel, Aug.

Titel/Untertitel:

Kulturbestrebungen der Gegenwart 1912

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 2.

und Eucken, — denen er leider im übrigen doch ferner
fleht. Denn eben von diefen ,Tatmetaphyfikern' könnte
er lernen, daß, fo fehr die Philofophie Methode ift, fie
doch mehr bedeuten muß, will fie nicht ihre innerfte
fchöpferifche Kraft preisgeben.

Die Refultate des grundlegenden einleitenden Kapitels,
aus dem ich kritifierend nur wenige Gedankengänge ausgehoben
habe, werden dann in den folgenden Abfchnitten
über Logik, Ethik, Äfthetik zufammen mit der Religions-
philofophie und fchließlieh der Pfychologie in Einzelheiten
hinein verfolgt. Der Aufbau und die Ordnung diefer
Disziplinen berührt etwas feltfam. In der Logik als der
Philofophie der Wiffenfchaft wird insbefondere das Seinsproblem
erörtert und von da aus dann das Verhältnis des
Logifchen zur Mathematik in der bekannten Weife beleuchtet
. In manchen Partien werden naturgemäß ähnliche
Probleme berührt wie in den ,logifchen Grundlagen der
exakten Wiffenfchaften' und in der ,Logik in Leitfätzen'.
Doch kommen hier manche Gedankengänge neu hinzu.

Am wenigften gefällt mir der Abfchnitt über Ethik
trotz mancher feinen Bemerkung, weil erm.E. die ethifchen
Phänomene zu fehr logifiert. Natorp felbft gebraucht
den Ausdruck einer Logik des Sollens. Der Übergang
von der Logik zur Ethik ift doch etwas recht gewaltfam.
Die metaphyfifche Fundamentierung des Ethifchen kommt
entfchieden nicht zur Geltung. Wir erfahren höchftens
von der Form der ethifchen Gefetzmäßigkeit etwas, nichts
aber eigentlich vom Wefen des Ethifchen felbft. Die
,foziale' Wendung in dem letzten Teil diefes Abfchnittes
ift genauer aus Natorps .Sozialpädagogik' bekannt. Neu
find Natorps Darlegungen über Äfthetik. Auch hier
natürlich eine Intellektualifierung und Logifierung. Er
betont zunächft, daß im künftlerifchen Schaffen ein Urteilen
und Erkennen liege; er fpricht von einer Logik
des objektiven Kunftwerks. Aber gleichwohl anerkennt
er auch das Irrationale in der Kunft, und wenigftens als
Organ zum Erfaffen des Künftlerifchen läßt er Intuition,
Phantafie, Gefühl gelten. Im übrigen aber dringt doch
auch wieder in diefe Faktoren das Rationale in mancherlei
Geftalt. Ich halte dafür, daß diefe Gedankengänge
noch nicht ihre endgültige abfchließende Form gefunden
haben. Natorp ift uns eine wirkliche Äfthetik noch
fchuldig. Die letzten Darlegungen über Religion und
Pfychologie find aus anderen Werken Natorps z. T. bekannt
. Es erübrigt fich daher auf fie näher einzugehen.

Alles in allem find wir dem Verfaffer für diefes Ka-
binettftück feiner philofophifcher Methode aufrichtigen
Dank fchuldig; und wenn wir uns auch in vielem im
Gegenfatz zu ihm befinden, fo bekennen wir doch freudig
den Gewinn, den wir aus der frifchen, lebendigen Studie
fchöpfen konnten.

Einbeck (Hannov.). Bruno Jordan.

Koch, Prof. Dr. Wilhelm, und Rep. Dr. O. Wecker, Re-
ligiös-wiffenfchaftliche Vorträge für katholifche Akademiker.

3 Reihen. Rottenburga.N., W.Bader I910. 8°. M. 3.70
1. Reihe: Die Natur u. Gott. 2. Aufl. (IV, 80 S.) M. 1 —.—

2. Reihe: Chriftentum u. Weltreligionen. (IV, 112 S.) M. 1.50. —

3. Reihe: Katholizismus u. Chriftentum. (IV, 87 S.) M. 1.20.

Die vorliegenden 20 Vorträge, die in nuce eine und
zwar recht gefchickte Apologie des ganzen katholifchen
Glaubens und Kirchenfyftems enthalten, zeichnen fich
vor anderen ähnlichen Verfuchen vor allem dadurch aus,
daß die gegnerifchen Anfchauungen darin nicht verzerrt,
fondern hiftorifch getreu, gerecht und oft felbft nicht
ohne eine gewiffe Sympathie dargeftellt werden. Das
zeigt fich namentlich in wohltuender Weife bei den Vorträgen
der dritten Reihe, in denen die beiden Apologeten
das Verhältnis des Katholizismus zum Proteftan-
tismus befprechen und aufrichtig die ftarken religiöfen
Kräfte, Überzeugungen und Prinzipien anerkennen, die

im Proteftantismus wirkfam find, ja die denfelben hervor-,
gerufen haben. Dazu kommt als weiteres erfreuliches
Merkmal die offene Anerkennung vieler und tiefer
Schäden in der konkreten gefchichtlichen Form der
römifchen Kirche. So fchreibt Wecker z. B. III, S. 45:
Wir verurteilen das ganze Inquifitionsverfahren. Wir
flehen auf dem Standpunkt eines heiligen Bernhard, der
die fchönen Worte fprach: fides est suadenda, non im-
ponenda. Und fo wäre auch fonft noch auf viele
Äußerungen und Erörterungen hinzuweifen, in denen
wir uns des wahrhaft religiöfen Urteils der Verfaffer und
ihrer Milde und Befonnenheit von Herzen freuen können.

Und doch befriedigen die. Vorträge den Lefer nicht,
weil er fich nie ganz von dem Eindruck freimachen kann,
daß das, was diefe beiden Apologeten als das Wefen des
Katholizismus bezeichnen und erfolgreich verteidigen, mit
dem empirifchen Katholizismus wohl mannigfach verwandt
ift, aber doch bei weitem nicht identifch. Es ift ja begreiflich
, daß der Zweck, junge Studenten für die Größe
und Herrlichkeit des katholifchen Glaubens zu begeiftern,
diefen Vorträgen nicht nur einen ftarken religiöfen Grundtön
gegeben hat, bei dem öfters die wiffenfchaftliche Begründung
durch ein warmes, perfönliches Bekenntnis erletzt
wird, fondern auch die Verfaffer dazu geführt hat,
das katholifche Syftem möglichft zu idealifieren. Aber
gerade diefer Umftand nötigt zu einer um fo gründlicheren
Prüfung und Vergleichung. Und eine folche
ergibt meines Erachtens deutlich, daß Wecker und Koch
fehr häufig bei ihrer Schilderung der katholifchen Kirche
ihr hohes Ideal von derfelben mit der empirifchen Geftalt
derfelben verwechfelt haben. Wir Proteftanten könnten
ja nur wünfchen, daß der Katholizismus fo wäre, wie ihn
diefe beiden Gelehrten fchildern, aber leider zeigt uns die
Gegenwart auf Schritt und Tritt, daß dem nicht fo ift. Was
Koch z. B. Heft 3, S. 8 über Toleranz und ehriftliche Überzeugung
gefchrieben hat, oder ebenda S. 29 ff. über den
Geltungsbereich und das Wirken der Autorität im katholifchen
Syftem, das mag feine perfönliche Überzeugung
fein, aber es gibt nicht die allgemeine katholifche Anficht
darüber wieder. Und wenn Koch ebenda S. 40 fchreibt:
,Aber wenn die Spannung (zwifchen der Wiffenfchaft und
der Autorität) fich nicht bald löft, wird das katholifche
Geiftesleben unzweifelhaft fchweren Schaden leiden', fo
verrät er hier felbft in einem fehr gewichtigen Punkte,
daß er betreffend der Empirie feiner Kirche fehr ernfte
Bedenken hat, die feinem Idealbild von derfelben durchaus
nicht anhaften.

Esperanza, Arg. Alb. Bruckner.

Forel, Prof. Dr. Aug.: Kulturbeftrebungen der Gegenwart.

Vortrag, geh. in Bern am 27. Febr. 1910 f. den Internationalen
Orden f. Ethik u. Kultur. 4.—5, Tauf.
München, E. Reinhardt (1910). (53 S.) gr. 8». M. — 50

In diefem in Februar 1910 in Bern gehaltenen Vortrage
will der bekannte Verfaffer ,vor allem die wünfchens-
werten Kulturbeftrebungen unferer Zeit befprechen', und
zwar ,auf Grund der kulturfördernden, neuen Erkenntniffe
des 19. Jahrhunderts'. Als folche werden hervorgehoben:
1. die Evolutionslehre und 2. das vertiefte Studium des
menfchlichen Gehirns. Die Bedingung zur Weiterentwicklung
der Kultur befteht aus zwei Faktoren: ,der
progreffiven, aber äußerft langfamen, auf dem Weg der
Evolution durch Kampf ums Dafein, Zuchtwahl und
Lamarckfche Faktoren (Engraphie) erblich-phylogenetifch
erworbenen Vergrößerung des Gehirns und aus der Enzyklopädie
des Wiffens'. Nun find nach F. die erblichen
Gehirnwerte der Menfchen im 19. Jahrhundert nicht in
merklicher Weife in die Höhe gegangen, vielmehr hat
die Kultur eine Entartung der Raffe gezüchtet. Indem
F. die Urfachen diefer Degeneration in dem weitverbreiteten
Streben nach rein materiellem Fortfehritt und
Genuß fieht, tritt er vom moniftifchen Standpunkt, unter