Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 25

Spalte:

772

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Casanova, Paul

Titel/Untertitel:

Mohammed et la fin du Monde 1912

Rezensent:

Horten, Max

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

771

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 25.

772

tung der beiden Völker gegenüber den göttlichen Himmelskörpern
und den chthonifchen Mächten der Unterwelt.
Sie betreffen die Kosmogonien in Oft und Well, ihre
Anflehten über die Schöpfung der Welt und den Ur-
fprung der Menfchen; was diefe Dinge betrifft, fo fcheinen
gewiffe Mythen, die lieh leicht verbreiten, Hellas in diefer
frühen Periode noch nicht erreicht zu haben. Sie betreffen
das religiöfe Temperament des Babyloniers und
des Hellenen, das fo verfchieden geartet ift wie die einander
gegenüberliegenden Punkte desPols; der hinreißende,
fanatifche und fich felbft erniedrigende Geift des Oftens
kontraftiert lebhaft mit der Kühle, der Nüchternheit und
dem Selbftvertrauen des Weftens. Sie betreffen die
eschatologifchen Ideen der beiden Völker; denn Totenkult
und eine gewiffe Vorftellung von einem Gericht nach
dem Tode finden fich fchon im frühen Hellas, während
in Mefopotamien jener feiten war und diefe kaum zu entdecken
ift. Sie betreffen fchließlich das Ritual; und hier
find die fpringenden Punkte die verfchiedenen Anflehten
über das Opfer, . . . die Reinigung und die Sündenvergebung
; die mit dem Tod des Gottes verbundenen Trauerriten
, die in Babylonien fo charakteriftifch find, bedeuten
(im Vergleich dazu) für Hellas nichts; der Mylitta-Ritus
und der Dienft der Hierodulen ift ungriechifch; und um
mit dem allerwichtigften Unterfchied zu fchließen, die
Magie und ihre enge Verknüpfung mit den Volksreligionen
, . . . die für Mefopotamien bezeichnend ift, fpielt
in Hellas keine Rolle' (S. 304!.). In diefem Hauptrefultat
wird man dem Verf. zuftimmen müffen, wenn man nicht
durch die Scheuklappen der Aftralmythologie und des
Panbabylonismus geblendet ift. Im Einzelnen ift F.
durchaus kein Fanatiker; fo hält er für wahrfcheinlich,
daß der Mythus von dem Kampf des Zeus mit Typho-
eus auf den babylonifchen Mythus von dem Kampf Mar-
duks gegen Labbu (?) zurückgehe (S. 182 ff.).

Das vorliegende Buch aber ift empfehlenswert in
erfter Linie nicht wegen der Ergebniffe, zu denen es
kommt, fondern wegen der Methode, die darin angewandt
wird. In Kap. I äußert fich F. prinzipiell über die Art,
wie die Vergleichung der Religionen betrieben werden
und vor allem, welche Fragen man an den Stoff heranbringen
muß, um ihn zum Reden zu zwingen. Die übrigen
Kapitel kann man als Mufterbeifpiel der komparativen
Methode betrachten. Wie wertvoll eine folche Unter-
fuchung ift, lehrt die Fülle feiner und anregender Beobachtungen
, an denen faft jedes Kapitel überreich ift. Es
mögen ein paar beliebige Beifpiele herausgegriffen werden:
,Nur diejenigen Gottheiten, deren Namen in keiner Weife
mit der materiellen oder natürlichen Welt verknüpft
waren, konnten fich zu freien, moralifchen Perfönlich-
keiten entwickeln und die religiöfe Einbildungskraft des
Volkes beherrfchen' (S. 9). ,Der Theriomorphismus (wie
er für die ägyptifche Religion bezeichnend ift) führt von
felbft zum Myftizismus, während die anthropomorphe
Idololatrie Griechenlands ihm gerade entgegengefetzt war'
(S. 14). ,Der hellenifche Gott mochte den Stolzen und
Hochmütigen beftrafen, aber er liebte keine Kriecher,
fondern eher den Mann, der in feinem Leben, feinem Ton
und feiner Handlungsweife gemäßigt ift (man beftürmt
den Gott nicht mit Tränen 1). So ift er ein Gott für die
bürgerliche Religion des freien Mannes, während die
babylonifche Liturgie das despotifche Staatswefen wider-
fpiegelt' (S. 193). Diefe wenigen Proben müffen genügen,
um zu felbftändiger Lektüre zu reizen; das Buch zu lefen,
bringt Gewinn und ift Genuß.

S. 42 ftatt ,In-Hinni' lies In-Ninni; — S. 52 Die Erklärung der
Geftalten des Maltaja-Reliefs als ,Planetengottheiten' ift veraltet; — S. 53
Die Deutung auf .Pinienzapfen' und ,cista mystica' wird jetzt nur noch
von wenigen aufrecht erhalten; — S. 64f. Für einen eventuellen Zu-
fammenhang der minoifchen Gottheiten mit der kleinafiatifchen Religion
find die Unterfuchungen von Hugo Prinz in den Athenifchen Mitteilungen
1910 S. 149fr. zu beachten; — S. 71 (unten) lies .baetylic'; —
S. 107 lies Jeremias' ftatt .Ezechiel'; — S. 174 lies .Tiamat' ftatt ,Tia-
mit'; — S. 185 Zu dem Formen des Menfchen aus Lehm findet fich doch

eine babylonifche Parallele im Gilgamefch-Epos; — S. 191 ,ein Gott-
betrunkener Menfch' ift kein Deutfch und beleidigt unfer Sprachgefühl
lies .gottestrunken'; — S. 211 lies .Mount Dikte'; — auch fonft find
mir vereinzelte Druckfehler aufgefallen, die jeder leicht korrigieren wird
(S. 64; 118; 132 ufw.)

Berlin-Wertend. Hugo Greßmann.

Casanova, Paul: Mohammed et lafin du Monde. Etüdecritique
surl'Islam primitiv. (83 S.) gr. 8°. Paris,Geuthner 1911.

Es gehört zu den Grundideen der Prophetenmiffion,
| daß durch fie die beftehende Ordnung der Dinge zu Ende
geht, um einer Neuordnung der Welt, dem Reiche der
Gerechtigkeit, Platz zu machen. In den Lehren von dem
Mahdi, dem Imäm des Zeitalters, treten diefe Vorftellungen
immer wieder hervor. In Chriftus verdichteten fie fich zu
der Erwartung des baldigen Weltendes, der phyfifchen
Vernichtung der Welt, nach der ein neuer Himmel und
eine neue Erde entliehen follte. Auch Muhammed foll
nach der Thefis Cafanovas das baldige Ende der Welt
mit Beftimmtheit erwartet haben — eine Parallele zur
chriftlichen Parqufie-ErWartung, die zur Zeit Muhammeds
in Syrien und Ägypten wieder aufgelebt zu fein fcheint.
In der Tat ift es auffällig, daß der Prophet des Islam
keine Beftimmungen über feine Nachfolge getroffen hat.
Diefe wichtigfte aller Anordnungen hätte er ficherlich
nicht unterlaffen, wenn er eine längere Dauer feiner Religion
vorausgefehen hätte. Eine andere gewichtige Tatfache
ift die, daß der Tod Muh. feine Gemeinde in die
größte Verwirrung verfetzte: ,Wie kann derjenige geftorben
fein, der am jüngften Gerichte Zeugnis für unfere guten
Werke ablegen follte'. Diefen Beforgniffen der Gläubigen
I antwortete Omar: ,Muh. ift nur für 40 Tage zu Gott ent-
1 rückt und er wird bald wiederkommen'. Muh. hielt fich
ferner für einen Zeitgenoffen des Antichriften (S. 29). So-
j dann: ,Ich und die Stunde (des Weltendes) find fo unzertrennlich
wie mein Zeigefinger und Mittelfinger' (S. 15).
,Der Tag der Abrechnung ift über die Menfchen hereingebrochen
. Der Befehl Gottes ift bereits ergangen' ufw.

Sollte die Thefis C.'s fich als richtig erweifen, dann
fleht eine Umgeftaltung unferer Vorftellungen über die
Entftehung des Islam bevor. Manche andere Tatfachen
z. B. der tiefe Ernft der älteften Predigt des Propheten,
feine felfenfefte Glaubensüberzeugung und Ausdauer in
j Verfolgungen würden unter der Wirkung der Schauer des
j Weltgerichtes, deffen Zeuge Muh. zu feinen Lebzeiten zu
werden erwartete, eine neue Beleuchtung erfahren. — In
J zwei weiteren Heften will der Verfaffer den kritifchen
Apparat bringen, der die Vertufchung diefer älteften
Lehre des Islam und die Unterdrückung der zu erwarten-
I den diesbezüglichen Korantexte durch abu Bekr verftänd-
: lieh zu machen verbuchen wird.

Bonn. M. Horten.

Ben Jehuda, Elieser: Thesaurus totius hebraitatis et veteris
et recentioris. (In hebr. Sprache.) Vol.1—III. (S. 1—1746.)
Lex. 8°. Berlin-Schöneberg, Langenfcheidt.
Je M. 20 —; geb. M. 23 —; auch in 36 Lfgn. zu M. 1.70

Mit bewundernswertem Fleiß ift in diefem auf
12 Bände berechneten hebr. gefchriebenen Lexikon das
gefamte Sprachmaterial gebucht, das im hebr. Schrifttum
niedergelegt ift, von der Bibel angefangen bis zu den
| gekünftelten Neufchöpfungen der Jung-Hebraiften, zu
! welchen auch unfer Verf. zu zählen ift. Entfcheidend für
j die Aufnahme in den Thesaurus ift nicht der fprachliche
I Charakter eines Wortes, fondern das Bürgerrecht, das ihm
ein beliebiger Autor in feinem hebr. Buche verliehen hat,
mag es im übrigen ein griechifches oder perfifches Lehn-
! wort fein oder unter hebräifchem Gewände einen ara-
mäifchen Eindringling verbergen. Durch 3 Sigel werden
3 fpätere Perioden der Sprache auch äußerlich von der
hiiblifchen unterfchieden: die talmudifche, in weiteftem