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Ausgabe:

1912 Nr. 24

Spalte:

764-763

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolbe, Johannes

Titel/Untertitel:

Das Verhältnis des Religionsunterrichts der Schule zum Konfirmandenunterricht der Kirche 1912

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 24.

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zahl diefer Predigten nur für Hörer geeignet fein, die
von vornherein St.s dogmatifche Pofition teilen. Andere
aber bieten jedem Chriften ernfte und vielfach feine
Gedanken. Zwar wäre es homiletifche Pflicht gewefen
bei der Stillung des Sturms nicht bloß allgemein auf j
die Helfermacht des Heilands hinzuweifen, fondern das |
Vertrauen auf diefe Macht fchärfer zu definieren und
von falfcher Hoffnung abzugrenzen (Nr. 25); aber meift i
greifen die Predigten kräftig ins religiöfe Leben ein; fie j
wecken das Gewiffen und weifen energifch die Wege, |
die zu Gott hinführen.

Gießen. M. Schi an.

Referate.

Qlawe, Priv.-Doz. Lic. Dr. Walther: Für oder wider die neue Moral?

(40S.)kl.8". Berlin, Vaterländifche Verlags-u. Kunftanftaltl911.

M. — 50

Der Titel diefer kleinen Schrift könnte zu dem Glauben verleiten
, daß hier die Probleme der fog. ,neuen Ethik' d. h. fpeziell j
Eheprobleme behandelt würden. Der Verf. verlieht unter der
neuen Moral aber die ethifche Gefamtanfchauung der modernen j
Zeit, zu der als ein Spezialgebiet die Sexualethik hinzugehört.
Die Wurzeln diefer neuen Moral fieht er in einem dreifachen:
a) in dem von der Romantik gepredigten, von Nietzfche zur vollen
Auswirkung gebrachten Individualismus, b) in dem an Darwin |
anfchließenden, von Spencer u. a. flegreich vorgetragenen ethifchen '
Evolutionismus, c) in dem praktifch unüberwundenen Materialismus
. Die Frucht, die aus diefen Wurzeln erwächft, ift zwei-
fchlächtig: Idealismus und Realismus ringen mit einander. ,Zwei |
Welten find es, die einander gegenüberftehen. Der moderne
Menfch will bald in diefer, bald in jener leben. Und er verfucht
beides, weil er fich ausleben will, weil dem Individuum alles j
gehört' (S. 11). Das Mufterbeifpiel dafür ift die Philofophie Nietz- 1
fches; ,fie ift eine Herberge, in der hochgefpannte indi vidualiftifche j
und echte idealiftifche Gedanken fich mit ausgeprägten materia- I
Iiftifchen Ideen ein Stelldichein geben' (S. 12). Die dramatifche
Verarbeitung des Zwiefpaltes bietet Hauptmanns ,Verfunkene
Glocke', eine konkrete Veranfchaulichung der Inhalt der neuften
Erörterungen über ,GefchIechtIichkeit und Sittlichkeit'. Der
kurzen Darftellung der modernen Moral fügt Verf. dann eine
Kritik auf nicht ganz 13 Seiten bei, die wefentlich eine Kritik
Nietzfches ift, fich in einem befonderen Abfchnitt auch mit den
,Ehereformen' auseinanderfetzt. Man kann bei der Kürze der
Ausführungen kaum eine befriedigende Widerlegung der modernen
Anfchauungen erwarten. So gewinnt die Kritik mehr den
Wert eines Zeugniffes als einer Widerlegung. Das ganze Schriftchen
aber legt die Frage nahe, ob es nutzbringend ift, ein fo
umfallendes Thema in fo fkizzenhaften Ausführungen zu erörtern. I
Man kann das mit Grund bezweifeln.
Göttingen. Heinzelmann.

Hauer, Karl: Von den fröhlichen u. unfröhlinhen Menfchen. Ge-

fammelte Effays. (Mit unveröffentlichten Arbeiten.) (288 S.) 8". j
Wien, Jahoda & Siegel (1911). M. 4—; geb. M. 5 —

Einem Theologen, der den ,modernen Menfchen' ftudieren
will kann diefe Sammlung von Elfays empfohlen werden. Nicht 1
nur an den Zitaten, auch am Stil und den Hauptgedanken merkt
man bald, wem H. die bekannten beiden Tätigkeiten abgeguckt
hat: es nietzfchelt überall in dem Buch. So wenn er das Gefindel
und das Weib, das nach Recht ftrebt, verachtet; fo wenn er die Triebe
und Sinne vor ihrer ,Hinrichtung' durch den Intellektualismus
chützt; fo wenn er mit derfelben Verachtung wie der Meifter
das Chriftentum mit feiner verlogenen Keufchheit und Trüb-
falsftimmung verfolgt, die er auch aller fog. Humanität zu teil
werden läßt. Am liebften bewegt fich der Verfaffer auf dem Gebiete
der Sexualpfychologie: Die Krone des weiblichen Gefchlechts
die Hetäre, die nach antikem Vorbild dazu da ift, den Mann froh
zu machen, de Sade als Menfchenkenner und Entdecker der fee-
lifchen Tiefen, die Erotik der Kleider und der Graufamkeit; das
find feine Lieblingsgegenftände, die er fcharf und klar, offen aber
ohne Lüfternheit behandelt. Wir haben uns alle zu viel aus
Ekel vor dem ganzen Gebiet verfchloffen, um aus diefem
Buch nicht vieles lernen zu können, was nun einmal doch vorhanden
ift und eine fehr große Rolle in der moralifchen Welt
fpielt. — Eine Reihe von Auffätzen über künftlerifche Fragen |
machen den Schluß des Buchs.
Heidelberg. F. Niebergall.

Kolbe, Palt. Kreisfch.-Infp. Johannes: Das Verhältnis des Religionsunterrichts
der Schule zum Konfirmanden Unterricht der
Kirche. (30 S.) 8". Leipzig, H. G. Wallmann 1911. M. —25
Der Verfaffer führt zuerft aus, daß Schule und Kirche das-
felbe in den allgemeinen Beftimmungen gegebene Ziel erreichen
wollen, daß aber der Konfirm-mdenunterricht befonders die Aufgabe
hat, die Kinder zu Gliedern der Kirche zu erziehen. Sodann
handelt er von dem Wege, auf dem beide zum Ziele
kommen wollen: beide gehen denfelben Weg, müffen methodifch
und erbaulich unterrichten und gegenfeitig aufeinander Rückficht
nehmen. Da der Vortragende ein Mann ift, der fich bereits feit
Jahren theoretifch um diefe religionspädagogifchen Fragen bemüht
hat, und zugleich, wie man feinen Darlegungen anmerkt,
ein alter Praktikus, fo wird man mit Gewinn, was er fagt, erwägen
, wenn auch die Ausführungen etwas kurz und bunt ausgefallen
find und im Einzelnen zu Fragen oder Bedenken anregen
.

Frankfurt a. M. W. Borne mann.

Speckamp, Dr. Hans: G. Th. Fechners Ethik im ZuTammenhange
feines Syltems u. im Vergleich m. dem engl. Utilitarismus.
(VII, 93 S.) gr. 8". Straßburg i. E., J. Singer 1911. M. 2—
Sp. fkizziert im einleitenden Kapitel den englifchen Utilitarismus
nach feinen Hauptvertretern (Bentham, J. St. Mill, Spencer,
Sidgwick). Dann folgt eine kurze Charakteriftik der philofophi-
fchen Grundlehren Fechners, insbefondere der ethifch bedeut-
famen Gefühlspfychologie. So ift der Rahmen abgegrenzt, in
dem nun das eigentliche Thema behandelt wird. Sp. analyfiert
und interpretiert befonders eingehend Fechners Schrift ,Über
das höchfte Gut', die als wichtigfte Quelle für deffen Ethik in
Betracht kommt. Außerdem wird auch das reiche Material verwertet
, das ein bekannteres Hauptwerk des großen Denkers birgt:
,Die Tagesanficht gegenüber der Nachtanficht'. Die zum Vergleich
herbeigeholten Parallelen aus dem englifchen Utilitarismus
find fehr inftruktiv. Sie machen die feinere Struktur der Fechner-
fchen Lehre in ihrer Eigenart fichtbar. Für das hiftorifch-gene-
tifche Verftändnis fcheinen fie indeffen belanglos zu fein. Denn,
wie Sp. felbft zugefteht, ,hat Fechner offenbar unabhängig von
den Engländern feine ethifche Theorie aufgeftellt'. Eine ent-
wickelungsgefchichtliche Unterfuchung des Fechnerfchen Utilitarismus
ift noch immer ein Defiderat.
Königsberg i. Pr. A. Kowalewski.

Fuchs, Pfr. Lic. E.: Offenbarung u. Entwicklung. (Sammlung gemein-
verftändlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der
Theol. u. Religionsgefchichte. 66.) (VIII, 37 S.) gr. 8°. Tübingen
, J. C. B. Mohr 1912. M. 1 —
Fuchs befchreibt, wie der Glaube an eine Offenbarung
Gottes durch den Gedanken der Entwicklung in Natur und Ge-
fchichte beftritten wird. Er zeigt dann, daß die perfönliche Erfahrung
und lebendige Anfchauung uns die Abhängigkeit unferes
Lebens von einer höheren Macht ahnen läßt, die wir fymbolifch
Gott nennen dürfen. — Nach dem Vorwort foll der Vortrag das
Präludium eines größeren Werkes über die ,Bedeutung der Einbildungskraft
für Weltanfchauung und Erkenntnisbildung des
Menfchen' fein. Der Inhalt des Vortrags würde mit diefem
Titel beffer wiedergegeben fein als mit der Überfchrift ,Offenbarung
und Entwicklung'. Denn die in diefen beiden Begriffen liegenden
fchweren Probleme werden nicht aufgerollt. Fuchs kommt über
einen Dualismus zwifchen Anfchauung und Intellekt nicht hinaus.
Bafel. Johannes Wendland.

Mitteilung.

35. Die Haager Gefellfchaft hat (zur Beantwortung vor dem
15. Dezember 1914) die Preisfrage ausgefchrieben: ,Eine Unterfuchung
nach dem Einfiuffe ökonomifcher Faktoren auf die Reformation
des 16. Jahrhunderts'. Bis zum 15. Dezember 1913 läuft
der Termin für ,Eine Abhandlung, in welcher die leitenden Gedanken
der römifch-katholifchen Moraltheologie auseinandergefetzt
werden, die Ausarbeitung diefer Gedanken durch die führenden
Autoritäten unter den römifch-katholifchen Moraliften,
auch der neueren Zeit, unterfucht und deren Zufammenhang
mit dem römifch-katholifchen Glaubensfyftem deutlich gemacht
wird'. Exemplar des vollftändigen Programms erhält man auf
portofreie Anfrage beim Schriftführer der Gefellfchaft Prof.
Dr. Cannegieter-Utrecht.