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Ausgabe:

1912 Nr. 24

Spalte:

761-763

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Predigten über ausgewählte Evangelientexte 1912

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 24.

762

Temperatur bringt nicht etwas zum Bewußtfein, fondern
ift das, was durch die Temperaturempfindung bewußt

. r-

fcheidene Anklänge an rhetorifche Geftaltung (z. B. S. 1
Mitte). Die Gedankenführung ift keineswegs immer durcn-

°-emacht gegeben wird. Alfo find Farben, Tempera- ! fichtig; St. verzichtet ganz auf die Gliederung durch
hiren ufw keine Bewußtfeinsvorgänge, keine pfychifchen ! Abfatze; durch die Gewöhnung an folche würde die
Prozeffe keine Empfindungen. Solange man die finn- Gedankenordnung klarer hervortreten, und wo folche
liehen Qualitäten mit den Empfindungen identifiziert hat, nicht fcharf genug durchgeführt ift (z. B. S. 3 ft), würde
konnte man die Empfindungen das Gegebene oder das eine beffere veranlaßt werden. Die Ausdrucksweife ift,
unmittelbar Gegebene nennen, konnte man auch von der ; wenn auch Fremdworte recht feiten find, doch keines-
Anfchaulichkeit' des Pfychifchen fprechen. Wer aber i wegs leicht. All das läßt die Predigten als durchaus

nicht populär erfcheinen; felbft dem akademifchen Hörer
wird das Folgen manchmal etwas Mühe machen. Der
Vorzug der Predigten befteht in ihrer zugleich das Nachdenken
anregenden und nachdrücklich an den inneren
Menfchen appellierenden Gedankenentwicklung. Dabei

eingefehen hat, daß die unmittelbar gegebenen Gegen
ftände, das Rote, Grüne, Blaue, das Kalte, Warme ufw.
uns durch die Empfindungen gegeben find, weil es die
Eigentümlichkeit der Empfindungen ift, etwas anderes
als fich felbft, einen .Gegenftand' bewußt zu machen,

der wird nicht mehr von dem unmittelbaren Ge- | wird der Text kräftig benutzt, ohne in allen Einzelheiten
gebenfein der Empfindungen und des Pfychifchen über- ! verwendet zu werden. Die Art, wie dem Text anhaftende

haupt fprechen. Sind aber die Empfindungen als Prozeffe
erkannt, die erfchloffen werden müffen, als pfychifche
Vorgänge, durch die uns Farben, Töne ufw. gegeben
werden, fo fleht nichts mehr im Wege, auch andere
pfychifche Vorgänge, durch die uns Beziehungen, Zeit-
geftalten, Raumpunkte und Raumgrößen ufw. gegeben
werden, ebenfalls zu erfchließen. Man gelangt auf diefe
Weife zu einem Verftändnis des Subftanzbewußtfeins,
des Kaufalbewußtfeins, des Begreifens, Urteilens, Schließens
, kurz aller höheren geiftigen Operationen, wie es
demjenigen Pfychologen durchaus unerreichar ift, deffen
Pfychologie das Seelenleben als ein Mofaik von Sinnes-
qualitäten behandelt. Titchener, der auf dem hier kriti-
fierten Standpunkt flehen bleibt, kommt von diefem
Standpunkt aus ganz folgerichtig zu einer Ablehnung
neuerer denkpfychologifcher und ähnlicher Beftrebungen.
Die Literaturangaben find nicht durchweg zuverläffig. So
heißt es von dem Ebbinghaus'fchen Werk .Grundzüge
der Pfychologie', es fei wegen des Verf. frühzeitigem
Tod unvollendet geblieben. Tatfächlich ift es Ebbinghaus
nicht möglich gewefen, fein Werk zu vollenden. Aber
wenn ein folches Werk von einem andern weitergeführt
und zum Abfchluß gebracht wird, wie das hier der Fall
ft, fo kann zwar jeder, der mit der Art diefer Fortführung
nicht einverftanden ift, feine Bedenken dagegen
ausfprechen. Aber die Behauptung, es liege nur ein
Fragment vor, trifft doch wohl nicht das Richtige

und keineswegs alltägliche Gedanken abgewonnen werden,
bietet befonderen Reiz. Ob freilich der genaue Textfinn
dabei immer zu feinem Rechte kommt, ift zweifelhaft:
ift denn der Lohn im Gleichnis von den Arbeitern im
Weinberg die Freude an der Arbeit im Dienfte des
Herrn? (Nr. 2). Irgendwelche kritifche Bedenken gegenüber
feinen Texten kennt der Prediger anfeheinend nicht;
er behandelt die Speifung Joh. 6, die Stillung des Sturms,
die Hochzeit zu Kana, die Verklärung, die Thomas-
erfcheinung mit gleicher Selbftverftändlichkeit als ge-
fchichtlich. Aber er verweilt nicht eigentlich bei den
berichteten Wundern; Jefu Wunder find ihm nur wie
eine unvermeidliche Zugabe zu dem, was er zu bringen
hat (18); in ihnen muß feine Perfon uns lebendig
entgegentreten. Diefe Methode kann auch den Hörer,
der den Berichten kritifcher gegenüberfteht, Gewinn von
der Predigt haben laffen. Immerhin bleibt manche Ausführung
über das Wunder nicht bloß bei folchen Hörern
ohne Widerhall, fondern fie muß auch rein fachlich
ernften Einwänden begegnen. Dahin rechne ich die
Sätze, in denen Wunder wie das Kanawunder oder die
Heilung des Ausfätzigen und des gichtbrüchigen Knechtes
einfach in eine Linie mit den Wundern des inneren
Lebens geftellt werden (185. 193). Gewiß, fchöpferifcher
Wille, verborgenes Geheimnis hier und dort. Und dennoch
: welche wefentlichen Unterfchiede! Aber das
Dogmatifche bleibe bei Seite; vom homiletifchen Stand-

Bern E Dürr. 1 Punkt ift zu urteilen, daß derartige Ausführungen auf

Bedenken und Fragen, die den Menfchen der Gegenwart,

— -----—*"■)

a- "hör wenn auch in fehr verfchiedenem Grad, zu fchaffen
Stange, Univerfitätspred. Prof. D. Carl: Predigten iwer , macheli( wemger Rückficht nehmen, als geboten erfcheint.
ausaewählte Evangelientexte. (IV, 211 S.) Leipzig, Ähnlich n-eht es mit manchen Sätzen über den Glauben
ä neichert Nachf 1912. m. 4—; geb. m. 4.80 1 jm ailgemeinen oder in beftimmten Beziehungen, z. B.

, ,■„„„. AVademifchen OfterMauben, Glauben an Chriftus. In erfreulicher Deut-

C.Stange läßt fernen Hchkeft wird' ausgefprochen, daß es noch nicht Glaube

Predigten' eitere 26 im GreiiwalderU^ ^ ^ feinen Verftand f ^bt (l88)> daß

dienft gehaltene J"fGn^ ! lebendiger Ofterglaube immer nur möglich ift als Glaube

Kirchenjahr geordnet,£ wrl^te Ä dSn 4- P- I an den Herrn Ml Die innerliche Begründung des
mit der vom 6. p. Epiph . dle^rletzte gut^ , rjaftK_

Epiph.; die letzte ift keinem beftimmten Sonntag zuge
wiefen. Sämtliche Texte bis auf zwei find der altkirchlichen
Evangelienreihe entnommen; auf das Reformations-
feft ift das Evang. vom 20. p. Trin. gelegt. Außer diefem
find andere Fefte nicht berückfichtigt; das hängt natürlich
mit dem akademifchen Gottesdienft zufammen. Die
Predigten find ziemlich knapp gehalten; verhältnismäßig
lang ift nur öfter die Einleitung; alle find zweigeteilt

Glaubens wird dabei recht nachdrücklich Detont.
Dennoch werden diefe Predigten den wirklich ernften
kritifchen, z. B. den hiftorifch-kritifchen, Fragen nicht
gerecht. Ich gebe bereitwilligft zu, daß es Dinge gibt,
über welche nicht der Verftand, fondern das Herz ent-
fcheidet (42). Schließlich gilt das fogar vor. allen
Dingen des — recht verftandenen — Glaubens. Aber
es fcheint immer wieder, als ob zu diefen Dingen nun

Thema und Teile find meift deutlich angegeben, aber auch allerhand Hiftorifches, Einzelnes und Spezielle
nicht befonders äußerlich hervorgehoben. Mehrfach fetzen gerechnet würde. Es fcheint ebenfo manchmal, als oh
die Teilthemata die gleichen Begriffe in verfchiedenerlei j beftimmte Fragen und Zweifel der Gegenwart, und nietff
Beziehung, damit ihr gegenfeitiges Verhältnis faft zu j bloß folche, die fich auf den Heilsglauben felbft be-
kunftvoll umwendend; z. B. Nr. 15: Um unferer Schwach- j ziehen, in allzu nahe Verbindung mit dem .natürliche"-
heit willen ift unfer Glaube immer ein Glaube an Zeichen | Menfchen gebracht würden (28). Homiletifch dürfte das

und Wunder; aber in folchem Glauben an Zeichen und
Wunder wird doch immer unfere Schwachheit offenbar
(ähnlich bei Nr. 5. 14). Teilthema und Ausführung

kaum richtig fein; d enn der religiös ernfte, aber aus
tieferen Gründen als folchen des .natürlichen' Menfchen
mit kritifchen Bedenken ringende Chrift wird fich vom

decken fich manchmal nur lofe (z. B. Nr. 25 Teil 1). Die 1 Prediger nicht verftanden fühlen und fich feiner Führuno-
Form ift ganz fchmucklos; fehr feiten finden fich be- ' darum nicht willig anvertrauen. Daher werden eine An"