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Ausgabe:

1912

Spalte:

759-760

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bartmann, Bernhard

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Dogmatik. 2., verm. u. verb. Aufl 1912

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Theologifche Literäturzeitung 1912 Nr. 24.

760

.grundfätzlichen Ablehnung' der Eschatologie (120) bei
ihm nicht gefprochen werden. Ebenfo wenig ift es
richtig, daß die Gemeinde bei ihm ,als etwas abfolut
Neues in der Welt erfcheint' oder daß fie ,zur Sünde in
gar keiner Beziehung fteht' (115 vgl. 147). Nur eine
Karikatur ift die Behauptung, daß Ritfehl felbft ,feine
Gefamtanfchauung vom Chriftentum auf feine Erkenntnistheorie
zurückgeführt' habe (50), oder daß er auch
nach der Sündenvergebung ,die fittliche Schuld als folche
bleiben' laffe (131), daß er ,das Gewiffen für das reli-
giöfe Verhältnis zu Gott gänzlich ausfchalte' (134) u. dgl.
Wie man fieht, fehlt dem Verf. noch die genügende Vorficht
und Feinheit der dogmatifchen Diftinktion. Doch
intereffiert die Abhandlung trotz aller Verftöße durch
den Verfuch zur Unparteilichkeit und zu energifcher
Herausarbeitung des Problems.

Göttingen. Titius.

Bartmann, Prof. ür. Bernhard: Lehrbuch der Dogmatik.

2. verm. und verb. Aufl. (Theologifche Bibliothek.)
(XIX, 861 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder 1911.

M. 14 — ; geb. M. 15.50

Die katholifche Dogmatik vermag nicht zwifchen
Religion und Theologie zu unterfcheiden. Sie kann nicht
zugeben, daß alle Dogmen mehr oder minder vollkommene
Verfuche find, eine erlebbare Glaubenswahrheit
begrifflich zu formulieren. Dies wäre proteftantifch oder
moderniftifch. Kant und Schleiermacher find für fie nicht
dagewefen. Oder wo fie einzudringen gefucht haben,
find fie ausgefchieden. Auch die vorliegende Dogmatik
operiert nicht mit den Begriffen ,Erleben' und Formulierung
des Erlebbaren, fondern mit natürlicher Vernunft,
die einige Glaubenswahrheiten erkennt, und mit der Ergänzung
der unzureichenden Vernunft durch eine übernatürliche
Lehrmitteilung, die mit dem Intellekt zu
erfaffen ift und der der Wille zu gehorchen hat. Der
Glaube ift daher ein verdienftlicher Akt, denn er bringt
das Opfer des Intellekts, indem er als Wahrheit annimmt,
,was er felbft nicht einfieht, wovon er aber weiß, daß es
von einem höheren Intellekt, dem göttlichen, als wahr
erkannt und verbürgt wird' (S. 54). ,Da die Dogmen
aber von dem unverirrlichen Lehramte der Kirche vorgelegt
werden, fo hat die Vernunft überall, wo fie zu
inkongruenten, disharmonifchen Refultaten gelangt, Gott
und feiner Kirche die PTire der Wahrhaftigkeit zu geben
und für fleh felbft die Unehre des Irrtums nicht abzulehnen
' (S. 68). Infolgedeffen find die pofitiven Lehrent-
fcheidungen der römifchen Kirche, die nach dem ,Enchi-
ridion symbolorum, definitionum et declarationum' von
Denzinger zitiert werden, für die Dogmatik das maßgebende
Prinzip. Man kann eine folche Dogmatik nur
.lernen', nicht begreifen. Eine fpekulative Behandlung
der Dogmatik ift nicht möglich, fondern nur ,eine wefent-
lich pofitive' (S. 67). D. h. der in den Lehrentfcheidungen
gegebene Stoff ift das pofitiv gegebene, das dem Studenten
zum Auswendig-Lernen überfichtlich dargeboten
werden muß. ,Ks ift auch nachher nicht möglich, ihren
Gefamtgehalt rationell zu entwickeln und aus einer oder
mehreren Hauptideen oder Grundwahrheiten folgerichtig
abzuleiten' (S. 67f). Der Referent kann daher nur beftätigen,
daß die Zufammenftellung der Lehrentfcheidungen der römifchen
Kirche überfichtlich und vollftändig ift und demgemäß
den Beifall der oberften Inftanz haben wird. Eine fub-
ftantiale Veränderung des Dogmas wird nicht zugegeben,
aber ,es gibt einen objektiven Fortfehritt der Glaubenslehre
, d. h. der Gegenftand ues Glaubens an fleh (fides
quae creditur) ift im Laufe der Zeit gewachfen und wird
noch weiter wachfen bis zum Ende' (S. 62). D. h. den
Theologen werden immer mehr Feffeln angelegt werden,
und der Spielraum, der für den einzelnen bleibt, wird
allmählich immer enger. B. wagt fogar zu fagen, daß
der Kirche .fittliche Mißftände nicht fo gefährlich find

als dogmatifche Irrtümer' (S. 70). Befondere Mühe hat
B. nach der Vorrede auf den Beweis des Dogmas aus
der Bibel und aus der Dogmengefchichte gelegt. Bei
letzterer wird fehr häufig die Harnack'fche Dogmengefchichte
bekämpft, bei erfterer die kritifche proteftantifche
und moderniftifche Theologie. Eine Verftändigung ift
hier nicht möglich, wenn von vornherein die vatikanifchen
Lehrentfcheidungen als das zu Beweifende vorgetragen
werden. Wo keine Lehrentfcheidungen vorliegen, wie
beim Streit zwifchen Thomiften und Moliniften, bekennt
auch B.: ,Es gibt keine Pflicht, weder eine dogmatifche
noch eine wiffenfehaftliche, fich dem einen oder andern
Syfteme anzufchließen. Es gibt noch einen dritten
Standpunkt, der fehr erlaubt ift, fein Nichtwiffen zu bekennen
. Da die Kirche amtlich alle vier Syfteme frei
gegeben und gegen Verdächtigungen gefchützt hat
(Thomismus, Auguftinianismus, Molinismus, Kongruismus),

1 fo hat auch der einzelne hier volle Freiheit' (S. 473).

' Die wichtigften der Glaubenswahrheiten find fide divina
zu glauben, d. h. die Autorität Gottes verbürgt fie;
eine zweite Klaffe derfelben ift fide ecclesiastica zu glauben;

! die Kirche verbürgt fie. Sie flehen den erfteren nahe.

j In dritter Linie flehen die theologumena, bei denen eine

I gewiffe Freiheit dem Subjekt gelaffen ift. Doch kann
die Kirche fpäter diefe theologumena zu Glaubenswahr-

| heiten erheben. Daß eine folche Dogmatik Freude am

S dogmatifchen Studium zu erwecken vermöge, ift fchwer
zu glauben. Der neue Kurs des Vatikans muß zu immer
größerer Entwertung der wiffenfchaftlichen Dogmatik
fuhren.

Bafel. Johannes Wendland.

Titchener, Prof. Edward Bradford: Lehrbuch der Pfycho-

logie. Überf. v. Priv.-Doz. O. Klemm. 2. Tl. Mit 21 Fig.
(VII n. S. 303—561). 8°. Leipzig, J.A.Barth 1912.

M. 5—; geb. M. 5.80

Diefer zweite Teil des Lehrbuches von Titchener
behandelt die verwickeiteren Vorgänge des Seelenlebens,
i die Wahrnehmungen, die fich aus reizbedingten und
zentralbedingten Prozeffen zufammenfetzen, die Gedächtnis
- und Phantafieleiftungen, die Willenshandlungen, die
Affekte und die Denkakte. Dabei tritt natürlich noch
auffallender als in der Betrachtung der pfychifchen Ele-
mentargefchehniffe der pofitiviftifche, ja fenfualiftifche
Standpunkt des Verfaffers zu Tage. Außer Kmpfindungen
1 und Vorftellungsbildern, worunter Titchener nichts anderes
| verfteht als was andere Autoren .zentral bedingte Em-
! pfindungen' nennen, fowie Gefühlen gibt es im Sinne
: diefer Auffaffung keine PLlemente des Seelenlebens. Die
! Empfindungen werden aufgefaßt als identifch mit dem,
1 was der naive Menfch Farben, Töne, Gerüche, Tempera-
| turen, kurz Gegenftände von Empfindungen nennt. Sie
follen demgemäß die Eigenfchaft der räumlichen Ausdehnung
befitzen. Aus ihnen fetzen fich alle noch fo
komplizierten Erkenntnisfunktionen zufammen.

Bis vor kurzem herrfchte diefe Auffaffung in der
Pfychologie unbeftritten. Gegenwärtig ift das nicht mehr
der Fall. Es gibt jetzt Pfychologen, die eingefehen haben,
daß eine ausgedehnte Farbenfläche kein pfychifchtr
Prozeß ift, fondern etwas durch einen folchen Prozeß
.Gegebenes'. Was hier .geben' heißt, läßt fich freilich
nicht durch Analogien anderer Vorgänge erläutern. Die
Naturprozeffe haben fämtlich eben nicht die Eigentümlichkeit
, Gegenftände bewußt zu machen, zu .geben', zu
! erfaffen oder wie man diefe Eigentümlichkeit der Be-
| wußtfeinsvorgänge fonft bezeichnen will. Außer phyfifchen
Prozeffen, die diefe Eigentümlichkeit der Bewußtfeinsvor-
gänge, etwas bewußt zu machen, nicht befitzen, und
pfychifchen Vorgängen, die eben diefe Eigentümlichkeit
: haben, gibt es überhaupt keine für uns erkennbaren oder
[ wenigftens keine bisher erkannten Gefchehniffe. Eine
! Farbe empfindet nicht, fondern wird-empfunden. Eine