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Ausgabe:

1912 Nr. 2

Spalte:

53-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Natorp, Paul

Titel/Untertitel:

Philosophie. Ihr Problem und ihre Probleme. Einführung in den kritischen Idealismus 1912

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 2.

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heit' in der Church of England mehr Anklang finden,
als im deutfchen Proteftantismus. Funks Entfchluß, mit
feinen Genoffen in der Kirche zu bleiben und an ihr
die nötige kritifche und pofitiv-religiöfe Weckarbeit zu
vollbringen, kann ich durchaus billigen; nur ift der Grund-
fatz, ,Unfer Gewiffen geht uns über das kirchliche Urteil',
in Wirklichkeit nicht mehr katholifch.

Frankfurt a. M. Johannes Kübel.

Natorp, Prof. Dr. Paul: Philolophie. Ihr Problem und ihre

Probleme. Einführung in den krit. Idealismus. (Wege
z. Philofophie. Ergänzungsreihe: Einführungen in die
Philofophie der Gegenwart. Nr. 1.) (IV, 172 S.) 8°.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1911. M. 2.40

Die fchier unerfchöpfliche Produktivität Natorps, die
uns in der jüngften Zeit wiederum zwei glänzende Proben
tief bohrenden Scharffinns und frifcher temperamentvoller
Darfteilung bot, hat uns in der vorliegenden .Einführung
in den kritifchen Idealismus' nun endlich das lang erfehnte,
von hiftorifchen und fyftematifchen Seitenbeziehungen
freie Elementarbuch des Natorpfchen Idealismus gefchenkt.
Zwar nach Abficht des Verfaffers nur ein Programm, enthält
das Buch doch in durchfichtiger Klarheit die grundlegenden
Gedankengänge des Syftems. Was bei Natorp
immer aufs neue feffelt, die fchöpferifche, lebendige Beweglichkeit
der Methode in glücklichem Verein mit dem
logifch ficheren und geordneten Aufbau, die Reinlichkeit
und Fertigkeit der Terminologie ebenfo wie die .Arbeitsmöglichkeit
' an der immer wieder vertieften Problem-
konftellation, alles das tritt vorzüglich in diefem klaffifchen
Werkchen zu Tage.

Erft in der jüngften Zeit ift die Philofophie fich felbft
Problem geworden. Ihr Wefen und ihre Genefis find die
Hauptprobleme, alles andere Inhaltliche tritt dagegen mehr
und mehr zurück. In der Tat müffen wir auf vertiefter
und verbreiterter Bafis aufs neue die Frage ftellen, was das
denn eigentlich fei, was wir treiben, wenn wir philofophifch
denken oder erkennen wollen. Das Wahrheitsproblem ift
über fich felbft hinaus erweitert. Über die Inhalte hinaus
will man das Wefen und die Genefis der Wahrheit begreifen
. Aus den Tiefen der .Seele' fteigen neue Fragen
auf, erheben fich neue Hoffnungen und Wünfche. Und
am Ende will fich das Gefamte in feiner unruhigen Gärung
felber begreifen, felber zu fchöpferifchen Pofitionen gelangen
, neue Tiefen erfchließen, das Erfcheinen neuer
Wirklichkeiten vorbereiten. In diefe und ähnliche Stimmungen
und Strebungen führt uns Natorp temperamentvoll
ein. Lebendige Schilderungen gibt er von der gewaltigen
Anftrengung der Philofophie unferer Tage, eine
Einheit der Wiffenfchaft und Kultur zu fchaffen. Die
Kultur will fich gründen auf die feften und ficheren Fundamente
der Wiffenfchaft, diefe umgekehrt eintauchen in
den lebendigen Strom des gefamten Kulturlebens. Darum
die Erhebung der Wiffenfchaft zur Philofophie, die alles
Vereinzelte der Erkenntniffe zu zentraler Einheit zufammen-
faffen will, die mit ficheren Methoden auch in die verborgenen
Tiefen hinabzufteigen fucht, und die Außen-
und Innenwelt in der .zufammenfaffenden Einheit einer
durchgehenden Wechfelbeziehung zu umfpannen' trachtet.
Und diefem hohen Ziele entfprechend die fchöpferifche
Methode, ,die nie vollendete Arbeit der Erforfchung auch
des bisher Unbekannten'. Ich geftehe freilich, daß ich
hier von dem verehrten Verfaffer abweiche. Ich bin überzeugt
, daß die Philofophie nicht fo fehr eine Krönung der
Wiffenfchaften ift, nicht fo fehr ein abfchließendes, erhöhendes
Ideal, fondern daß fie vielmehr ein eigenes
Leben entfaltet, zwar nicht im Gegenfatz zu der Wiffenfchaft
aber auch nicht mit ihr, vielmehr nach eigenen
Gefetzen fich entwickelt. Ich bin der Meinung, daß die
Philofophie ihr Wefen anders konftituiert und ihre Genefis
aus anderen Quellen ableiten muß als felbft die Einheit

der methodifch fundierten Wiffenfchaft, der ich alfo gleichfalls
eine befondere Exiftenz und Berechtigung zuerkenne.
Darum bleibt doch das fruchtbare Wechfelverhältnis
zwifchen der Einheit der Wiffenfchaften und den Einzel-
wiffenfchaften ebenfo wie zwifchen jener und der Philofophie
(zu der fie, von ihr aus betrachtet, eine Art Propädeutik
bildet) ungefchmälert beliehen. Natorp hat
durchaus recht zu fordern, daß die Philofophie feft in
den Einzelwiffenfchaften wurzeln folle. Es ift charakteri-
ftifch, daß Natorp dabei doch die wachfenden Schwierigkeiten
eigentlich mehr auf Seiten der Philofophie fieht,
der er eine ihr eigentümliche Aufgabe freilich nur in
Verbindung mit der der Einzelwiffenfchaften zu wahren
vermag. Darin aber wieder liegt die Größe und Kraft
der Natorpfchen Methode, wie er die fo gefaßte Aufgabe
der Erkenntnis fogleich als eine unendliche begreift. Es
lieft fich wie eine glänzende Wiederlegung des von Berg-
fon freilich mit tiefgrabendem Scharffinn wieder eingeführten
Intuitionsbegriffes, wenn Natorp fchreibt: .Wäre alfo das
der Sinn der Philofophie, diefer Unendlichkeit ein Ende
zu fetzen in einer abschließenden Erkenntnis der Dinge,
wie fie in fich find und nicht bloß relativ für die je
erreichte Erkenntnisftufe fich darftellen, fo wäre ihre Aufgabe
in der Tat chimärifch'. Der Unerfchöpflichkeit der
Erkenntnisgegenftände gegenüber fleht die Gefetzmäßigkeit
des Erkenntnisweges. Zwar hier harren noch tiefere
Probleme der Löfung. Denn eben diefe Gefetzmäßigkeit
der Erkenntnis als ein erkanntes Stück fcheint fich gegen
die Übertragung auf ein zu erkennendes Reales zu
fträuben. Auch das möchte ich betonen, daß das Begnügen
mit der Tat fache der Erkenntnis, mit ihrem
Bewußtfein, diefes ewige Eingefchloffenfein in das unruhige
Suchen und unendliche Forfchen ohne den idealen
Befitz der Wahrheit, ohne das Aneignen des Wahrheitsmomentes
und deffen Umfetzung in freilich notwendig
zerftörbare Inhalte fchließlich doch etwas Ermüdendes,
wo nicht an generelle enoyr) Erinnerndes mit fich führt.
Ebenfo fcheint mir die .Gefetzmäßigkeit' der Erkenntnis,
fo wenig ich fie als folche preisgebe, doch fchon bei Kant
felbft z. B. durch die .Form' der transzendentalen Apperzeption
, durch die .Form' der Ideen gefprengt zu werden.
Natorp felbft ftreift diefe Probleme, und ich gebe ihm
durchaus recht, wenn er fich fcharf gegen die Seins-
philofophie und Gewißheitserkenntnis wendet. Allein ich
meine, daß es grade die höchfte Anerkennung der kritifchen
Philofophie ift, wenn man das Gefetz der Wahrheit
(nicht als ein Gefetztes, fondern als ein Gefetz des zu
Setzenden und des Setzens gedeutet) nicht in Relationen
fich zerfplittern laffen will.

Auch darin ftimme ich Natorp nicht zu, wenn er das
Sein als einen Begriff, als den von allem Inhalt entblößten
Allgemeinausdruck des Zuerkennenden überhaupt aufzu-
faffen fucht. Ich bin überzeugt, wenn Kant irgendwo
Übermenfchliches geleiftet, fo war es im Ringen mit dem
.Wirklichen', das er niemals in die bloßen Begriffsmafchen
einfangen wollte. Lehrreich ift, wie aus dem heraklitifchen
Natorp ,des unendlichen Fluffes der Aufgabe' plötzlich
ein ftarrer Eleate ,der Identität von Sein und Denken'
wird. Aber auch im Widerfpruch liegt Größe.

Mit Glück verfchmilzt Natorp freilich felbft beide
Gedankenreihen in der bekannten Formel von dem ewigen
Fortfehritt von Beftimmung zu Beftimmung, und feine
fcharfe Abwehr der Vorwürfe eines leeren .Panmethodis-
mus' befteht durchaus zurecht. Gelänge es ihm nur, die
beiden Refultanten feiner Gedankenarbeit: Korrelativität
und unbegrenzte, unendliche Entwicklungsmöglichkeit zu
einer gefchloffenen Einheit zu verfchmelzen und fie mit
gleicher Sicherheit auf den Quell oder Urfprung der
fchöpferifchen Hervorbringung als das höchfte Prinzip
eindeutig zu beziehen!

In der ftarken Betonung des Tatcharakters der Erkenntnis
, die fich zur .vollen Tiefe und Selbftficherheit
des Tatbewußtfeins erhebt', berührt fich Natorp mit Fichte