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Ausgabe:

1912 Nr. 24

Spalte:

740-742

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Balla, Emil

Titel/Untertitel:

Das Ich der Psalmen untersucht 1912

Rezensent:

Staerk, Willy

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 24.

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lung H.s .Indifche Gedanken in der islamifchen Philofopkie' j
in Vierteljahrfchrift f. wiffenfch. Philofophie und Soziologie
1911 S. 3ioft). Einige Stichproben, die ich gemacht,
ergaben die Zuverläffigkeit der Wiedergabe im allgemeinen.
Von Einzelheiten, die mir aufgefallen find, erwähne ich
hier nur folgendes: S. 66, iff. ,Das Eintreten ins Dafein
und das zeitliche Entliehen': überf. ,das Eintr. ift das
z. E.'; beide Mff. haben atturü' alhudüt und Iprachlich
ift hier nur ein Satz möglich. — S. 66, 13 fr. ,Es ift nun

aber kein Subjekt dieler Bewegung vorhanden.....

es ift kein Subjekt für das Zögern vorhanden': aber beide

Mff. haben laisa bimuntaqilin.....laisa biläbitin, und

es ift zu überfetzen: ,der Körper ift nun aber nicht

ortsverändernd.....nicht verweilend'. — S. 170, 27 m

,dann müßte fie' ufw., mit bezug auf die ,unkörperliche
Qualität' (ma'nä); hier darf aber nur zurückgegriffen
werden auf das i'räd ,parteilofe Zurückftehen', denn es
foll gerade erwiefen werden, daß diefes kein ma'nä ift.
Geftaltet fich bei der Nachprüfung einiges anders,
als H. es aufgefaßt, fo muß man erwägen, daß er die
große Menge verdienftvoller Arbeiten, in denen er als
Erfter die Hauptwerke der islamifchen Scholaftik zugänglich
gemacht hat, nur fchaffen konnte, indem er das Bild,
das der gelefene Text ihm vorführte, fchnell fixierte.

Ift der in Hortens .Probleme' bearbeitete Ibn Almur-
tadä ein fyftematifcher Kopf, der eine große Überficht
über das Gefamtgebiet des fcholaftifchen Betriebes befitzt
und in einem Kapitel feines .Tofenden Meeres' einen
durch Knappheit und Schärfe ausgezeichneten Überblick
gibt, fo verliert fich Abu Rafchid, um 1068, in Einzelproblemen
, die er .etwas weitfchweifig' (S. 8) und ,mit
geringerer Präzifion des Denkens' (S. 9) behandelt in
feinem Werke ,Die Streitfragen zwifchen Bafrern und
Bagdadern' (Berlin Mf. Glafer 12). Diefer Schüler des ■
Abdalgabbär, deffen Nachfolger er als Schulhaupt wurde, i
ift nicht unbekannt: Schreiner wies auf ihn hin und
Biram gab einen Teil feines Werkes heraus (,Die atomi-
ftifche Subftanzenlehre', Leiden 1902). Horten hielt den i
Mann für wichtig genug, ihn uns ausführlich nahe zu
bringen. Das Bild, das fich aus diefem Werke ergibt,
zeigt nicht Züge von befonderem Intereffe; wir finden
vielmehr einen in dem gewohnten Kreife fich bewegenden
Geilt, der gegen den verhältnismäßig freien Abulqäsim
Albalchi gen. Alka'bi nach orthodoxem Rezepte eifert,
und den H. als unpräzifen Schwätzer gut kennzeichnete.
Die Bearbeitung ift fo geftaltet, daß S. 1—40 eine fyfte- |
matifche Zufammenftellung der Lehre verfucht wird, S. ;
41—219 Belege zu diefer Synthefe enthalten. Der zweite
Teil ift nicht gleichmäßig. S. 41 —117 (fol. 62b) ift als !
überfetzungsartige Wiedergabe anzufehen; der Reit ift j
meift Auszug, der bis zur Unverftändlichkeit fummarifch
ift (dazwifchen aber Überfetzungen bzw. Paraphrafen, wie
f. 164a—165a = S. 161 —164, f. 165b, 14— 166a, 3 =
S. 164—165, f. 172a, 14—174b,2 = S. 171—176, f. 174b,
3—175 a, 2 = S. 177, f. 190a, 3—15 = S. 200— 202, j
f. 192a, 10—193a, 2 = S. 203—206.) Dieerkenntnistheore- j
tifch grundlegenden Ausführungen f. 155b—163a (mit
einer Lücke zwifchen 156b und 157a) werden auf S. 160 f.
kurz abgemacht. In diefem Falle haben wir die Ergänzung
in Hortens Artikel: ,Die Erkenntnistheorie des j
abu Rafchid' Arch. f. Gefch. Phil. 24 (1911), 433—48.
Solche Ergänzung fehlt für f. 194b, 8—195 b, 14, wo doch
eine wichtige Betrachtung über nazar und istidläl fich j
findet. Sehr ftark zufammengezogen ift die Lehre von
der Bewegung f. 83 a— 93b = S. 132—138. Große Lücken [
find in der Wiedergabe von f. 108b, 8—112a, 14 (== S. !
144, 6—32) und fo oft. Wo aber H. vollftändig über-
fetzt, oder nahezu fo, find die Verweife auf die Stellen der
Hdfchrift fo fpärlich angebracht, daß die Nachprüfung
die größte Mühe macht. Bei der Nachprüfung zeigten fich
einige Mißverftändniffe, von denen ich hier erwähne: S. 100, j
15 ,wenn Gott auch die Macht hat, fie ohne diefelben j
[die Naturkräfte] abfolut neu zu erfchaffen', gerade das I

Gegenteil fagt der Text: wa'in kän allähu qädiran 'alä
an juhdithä illä min hädihi 'ttabä'i' ,Gott kann fie nur
aus diefen N. erfchaffen'; diefe allein richtige Überfetzung
der Stelle gibtH. felbft in .Sylteme' 399, 10. — 101, 5 ,wir
lehren nämlich: Gott erfchafft den Menfchen aus den
vier Naturen, nicht aus anderen Prinzipien'; das ift das
Gegenteil von dem, was erwartet wird; Text: ,wir lehren
nicht, daß Gott ufw., noch auch aus anderen Grundftoffen'. —
127,22: ,wenn das Objekt verborgen ift': es lag kein Anlaß
vor, aus li'ainihi zu machen lighaibihi; Sinn: die Nachricht
findet nur ftatt wegen ihres beftimmten Objektes
(Einzelobj.); im Folgenden ift weder von Täufchungs-
möglichkeiten noch von Traditionen noch vom Propheten
die Rede; Z. 24—35 geben kein Bild von den verwickelten,
nicht leicht zu verftehenden Gedankengängen von 77 a, 7
—77b, 18. — 128,6: .während diefelbe Behandlung einer
gefunden Stelle' ufw.: dafehlteinwichtigerZwifchengedanke:
,bei derfelben Behandlung einer andern Stelle kommt
genau die gleiche unkörperliche Realität (ma'nä) zuftande,
wenn fie auch nicht Luftgefühl, fondern vielmehr Schmerzgefühl
ift'.

So verdienftlich die Energie ift, mit welcher Horten
auch den minder bedeutenden A. R. erlchloffen hat,
fo hätte fich doch eine ftrengere Beachtung deffen empfohlen
, was nun einmal in folchen Arbeiten Regel ift.
Die Syftematik, die die klaffifche Philologie in jahrhundertelangem
Mühen errungen hat, foll doch dankbar auf
den andern Gebieten nachgeahmt werden. Bei der Disziplinierung
der Islamkunde, die durch die neuefte Entwicklung
nähergerückt ift, wird hinfichtlich der Arbeitsteilung
und des Arbeitprogramms auch auf diefem Gebiete
auf eine Verftändigung hinzuarbeiten fein. Schon
jetzt fei feftgeftellt als wichtiges Defiderium die Herausgabe
der älteften Texte und ihre Bearbeitung nach
quellen- und textkritifcher Methode. An der Spitze wird
da der Mann flehen, der in der ,Metaphyfik Ävicennas',
in den .Ringfteinen Farabis', in den .Philofophifchen Problemen
' (f. oben) und nun wieder in der Bearbeitung
Abu Ralchlds den Beweis tiefften Eindringens in die Probleme
und die Arbeitsart einer Spekulation geliefert hat,
die für uns der Vergangenheit angehört, die Islamwelt
aber bis heute im Bann hält.

Hermsdorf b/Berlin. Martin Hartmann.

Baila, Priv.-Doz. Lic. Emil: Das Ich der Platinen Unterpacht
. (Forfchungen zur Religion u. Literatur des A.
u. N. Teil. 16.) (IV, 135 S.) gr. 8°. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht 1912. M. 4.80

R. Smend hatte im J. 1888 die alte Theorie wieder
aufgenommen, das Ich der Pfalmen fei kollektiv zu faffen,
als Bezeichnung der frommen Gemeinde oder ganz Ifraels
im Gegenfatz zur feindlichen Welt. Diefe von ihm faft
auf alle Pfalmen ausgedehnte Thefe begegnete zwar von
Anfang an ftarkem Widerlpruch und ift auch wiederholt
fchon mit durchfchlagenden Gründen bekämpft worden,
trotzdem herrfcht fie noch immer in der Pfalmenexegefe.
In der Überfetzung des Pfalters in der 3. Auflage von
Kautzsch's .Heiliger Schrift' wird fie allerdings mit einiger
Abfchwächung vertreten, aber es finden fich doch darin
noch eine Menge bedauerlicher Mißverftändniffe, z. B.
die kollektive Deutung des Ich von Pf. 22 mit der kaum
verftändlichen Begründung: Jeder Verfuch, diefen Pfalm
individuell zu deuten, und insbefondere die Schilderung in
v. 16 ff. buchftäblich zu verftehen, konnte nur zu Abfur-
ditäten führen.' Balla, ein Schüler Gunkels, hat fich
daher entfchieden ein Verdienft damit erworben, daß er
das Problem noch einmal in Angriff genommen und
durch neue Beleuchtung zu klären verfucht hat.

B. Hellt die Thefe unter Beweis, daß die Ich-Pfalmen
im Pfalter und in den übrigen Büchern des A. T. fämt-
lich individuell zu verftehen find, ausgenommen diejenigen,