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Ausgabe:

1912 Nr. 23

Spalte:

721-722

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uebele, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Johann Nicolaus Tetens nach seiner Gesamtentwicklung betrachtet 1912

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 23.

722

naheliegen, Klarheit über die Umftände herrfcht, unter
welchen der Übergang gerade diefer Familie erfolgte,
kann man daraus fehen, daß felbft ein Gelehrter wie der
verftorbene Tfchackert vor einigen Jahren öffentlich die
Frage tat: wann und wie denn der Ubergang ftattgehabt?

Die verfchiedenartigften und dankenswerteften Auskünfte
— obwohl nicht gerade Antwort auf diefe Frage
— wird man nun in den ,Materialien' finden: wie fich
die Einzelfürforge im 17. und 18. Jahrhundert geftaltete,
wie die Zentralifierung des Kirchenregiments 1713 wirkte,
wie die Einführung der Union feit 1817 den Status der
reformierten Gemeinden verkleinert obwohl nicht völlig
reforbiert, wie der gegenwärtige Stand ift, welche Geift-
lichen und wie fie tätig gewefen find — Angaben, die
zum großen Teil auf forgfamer Spürarbeit in verfchie-
denen Sammlungen beruhen und eine fo bedeutfame
Wegweifung darfteilen, daß jeder fernere Bearbeiter dem

er geht nicht mit feiner ganzen Perfönlichkeit in fein Werk
ein, er fteht darüber, wie andererfeits das Ziel über jedem
individuellen Verwirklichungsbeitrag fchwebt. Kant will
überall ein Ganzes, zeitlos Wertvolles, er hat in fich den
Impetus des Reformators, Perfon und Werk decken fich ...
Kant (ift) mehr der Mann des Willens als der Grund-
fätze; T. hat mehr Gemütswärme und Aufgefchloffenheit
für fremde Eigenart' (S. 25).

Für eine gefchichtliche Betrachtungsweife ift diefer
Eklektiker vornehmften Stils ebenfo bedeutfam durch
feine Synthefe von Leibniz und Locke, wobei ihn auf
jenen Kants Differtation, auf diefen Hume hinweift und
zu erneutem vertieften Verftändnis verhilft, als durch die
Methode und Eigenart feiner pfychologifchen Forfchungen.

Innerhalb der empirifchen Pfychologie erfchien es
ihm als die Hauptaufgabe, die feelifchen Grundtriebe feft-
zuftellen und zu gliedern. Dabei ift ihm die Seelenmo-

Verf. in hohem Grade dankbar fein muß. Auch die nade, das Schema einer fich von Vermögen zu Vermögen,

Anlagen (S. 177—202), fowie die illuftrative Karte und
genauen Regifter verdienen alle Anerkennung.

Königsberg. Benrath

Uebele Prof. Dr. Wilhelm: Johann Nicolaus Tetens nach
feiner Gefamtentwicklung betrachtet, m. befond. Berückficht
, des Verhältniffes zu Kant. Unter Benützg.
bisher unbekannt gebliebener Quellen. (Kantftudien
Nr. 24.) (VII, 238 S.) gr. 8°. Berlin, Reuther & Reichard
1911. M. 8 —
J. N. Tetens, deffen Pfychologie von den älteren
Pfychologen (Beneke, Ed. Erdmann) und dem Hiftoriker
der Pfychologie MaxDeffoir gerühmt, von den Erkenntnistheoretikern
z. T. freundlich anerkannt, z. T. aber auch
getadelt, von den Fachpfychologen endlich wie Stumpf
im Grunde abgelehnt wird, deffen Erkenntnistheorie umgekehrt
von den Pfychologen eine wohlwollende Beurteilung
, von den Erkenntnistheoretikern eine überlegene
Zurückweifung erfährt, ift trotz alledem ohne Frage eine
der bedeutendften Erfcheinungen unter den Vorläufern
Kants. Seine Zeit nannte ihn den deutfchen Locke; Beneke,
der ihn wieder ausgrub, lies ihn an Hume anknüpfen
und richtigere Wege wandeln als Kant; der letzte Darfteller
feiner Lehre vor Übele, Störring, in feinem verdienft-
vollen Buch über Tetens Erkenntnistheorie fieht in
feinem Syftem eine Synthefe von Hume und Leibniz.
Zeller erkannte ihm eine Mittelftellung zwifchen Locke
und Leibniz zu. Eine Synthefe von Leibniz und Locke
ift er auch nach der vorliegenden Unterfuchung. Wichtiger
ift fein Verhältnis zu Kant. Am ftärkften betonte
eine Abhängigkeit Kants von ihm Ed. Erdmann (nach
Hamanns brieflicher Äußerung vom 17. Mai 1779), B. Erdmann
hält fie für die Lehre vom inneren Sinn aufrecht,

J. B. Meyer fchränkt fie erheblich ein. Immerhin paral- j indem er" die kritifche Frage aufwirft. ~ÄneinTr&^

kontinuierlich nach oben entwickelnden, einheitlichen Spontaneität
Vorausfetzung. Mit Hilfe der Erfahrungen (In-
tusfpektion und Beobachtungen anderer) will er auch den
rationalen Teil der Pfychologie, die Seelenmetaphyfik fördern
. ,Sein Standpunkt charakterifiert fich vielleicht am
beften als bedeutfamfter damaliger Vereinigungsverfuch
der deutfchen Lehre von der Spontaneität des Denkens
und Bewußtfeins mit der von Engländern und Franzofen
aufgebrachten, in Deutfchland befonders durch Männer
wie Sulzer übernommenen Einficht in die Bedeutung der
rezeptiven Sinnlichkeit' (S. 213).

Am intereffanteften ift fein Verfuch einer pfychologifchen
Fundierung der Ontologie, der oberften meta-
phyfifchen Difziplin. Die fcharfe Scheidung von Strengallgemeinem
und Komparativallgemeinem (Induktion), die
Einficht fogar in das ideelle Moment des Strengallgemeinen
u. ä. fcheinen auf einen Zug des Logicismus hinzudeuten
. Umfo befremdlicher aber erfcheint die pfychologi-
fierende Art der Vernunftverankerung der Prinzipien
(erfahrener Nötigung, erlebter Zwang I). Am wertvollften
find wohl Tetens Unterfuchungen über das .Wirklichkeitsproblem
' — ein Problem, das befonders im 18. Jahrh.
noch gar fehr der Aufhellung bedarf. — Objektiv wahr
ift nach ihm das vernunftgefetzlich regulierte Subjektive.
Damit ift der rationaliftifche Wahrheitsbegriff zertrümmert
. Wir fehen Tetens den letzten Teil des Weges vom
naiven Realismus über den Idealismus (Empirismus, Rationalismus
) gehen; er betont zwar, die Subjektivität enthalte
einen Hinweis auf das Objektive, aber er gleicht
beide, das fubjektiv und das objektiv Reale fo fehr aneinander
an, daß er unbedenklich immer mehr das Rationale
unmittelbar ins Objekt .überträgt'. Er wollte letzthin auf
pfychifcher Tatfächlichkeit allein Objektgiltigkeit der Erkenntnis
aufbauen. Darin zeigt fich der Irrweg feiner
pfychologifchen Methode. Er ift ein Doppelränp-er Kants

lelifieren ihn mit Kant (und Lambert) noch Riehl und j löft einfeitig nach englifchem Vorbild. Er ift ein Mit-
Stumpf, und die neueren Bearbeiter O. Ziegler und Brenke kämpfer Kants, indem er in der Ethik die höchfte Form
beurteilen ihn faft nur vom Standpunkte Kants aus. der menfchlifchen Spontaneität erblickt Aber ihm fehlt
Nach alledem muß es mit befonderer Genugtuung ! der noumenale Unterbau'. Ihm fehlt der Impetus des
begrüßt werden, wenn uns nunmehr in dem vorliegenden j Nicht-Sondern: Nicht Metaphyfik fondern Ethik!' Er ift
Werk eine umfaffende hiftorifch-kntifche Würdigung des ; fchließlich ein Gegner Kants: er hält an der überkom-

Gefamtwerkes diefes fo verfchieden beurteilten Mannes
dargeboten wird, die fich nicht bloß wie die früheren
Arbeiten auf fein Hauptwerk, fondern auf das gefamte
hinterlaffene fchriftliche Material ftützt.

menen Methaphyfik feft.

Ich möchte ihn nicht mit Übele einen Nachfolger des
yorkritifchen Kant nennen — ein Vorläufer des kritifchen
ift er nun fchon gar nicht — fondern ihn höchftens als

Am Schluffe einer eingehenden Darftellung des Lebens einen zurückgebliebenen Mitläufer des vorkritifchen Kant
und Wirkens gibt Übele eine feinfinnige Charakteriftik t betrachten. Möge Übeles glänzende Leiftung überall die
von Tetens in Geftalt eines Vergleichs mit Kant. Dem | gebührende Würdigung finden!
Denker Kant gegenüber fteht der Beobachter Tetens. Einhpri. »_.,_„ . ,

,T. arbeitet mit an den wiffenfchaftlichen Aufgaben feiner | tlnbe<*- Bruno Jordan.

Zeit, im Befitz umfaffendfter Kenntniffe des feither Ge-
leifteten greift er an, um da und dort, nicht an untergeordneten
, fondern entfcheidenden Punkten die Wiffen-
fchaft weiter zu rücken. Aber wir behalten das Gefühl,