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Ausgabe:

1912 Nr. 23

Spalte:

713-716

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiegand , Friedrich

Titel/Untertitel:

Dogmengeschichte der alten Kirche 1912

Rezensent:

Scheel, Otto

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713

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 23.

7H

Freitag, Paft. Lic. Albert: Zerltört die hiftorifche Theologie
den Wert der neutertamentlichen Schriften als Gefchichts-
quellen? Vortrag, geh. auf der Allg. Schief. Predigerkonferenz
zu Breslau 1910. (58 S.) 8°. Gießen A.
Töpelmann 1911. M. 1.25

Wenn es auch in der neuteftamentlichen Forfchung
zwei Gruppen gibt, eine mehr traditionell, eine mehr
kritifch gerichtete, fo ift heutzutage doch alle wiffenfchaft-
liche Arbeit am N. T. hiftorifch-kritifch. Das wird an
den verichiedenen Schichten und Formen des n.t.lichen
Schrifttums gezeigt. Der Vortragende ftellt fich dabei
faft durchgehend auf die Seite der fchärferen (deutfchen)
Kritik. Fünfzehn von den 27 n.t.lichen Schriften ift er
geneigt, mit ihr als ,Fälfchungen' anzufehen; wenn das
eine erichreckend große Menge zu fein fcheint, fo muß
man an die Menge der im Altertum von Juden und auch
von Chriften gefälfchten frommen Schriften denken, auch
an das Schwanken im Urteil der älteren Väter über das,
was fie für kanonifch hielten. Unfer Begriff der .Iitera-
rifchen Fälfchung' ift alfo auf jene frühere Zeit nicht
anwendbar, man empfand ihn damals fchlechterdings
nicht S. 13 (das .fchlechterdings' ift doch etwas zu viel
gefagt — diePfychologie der damaligen .Fälfchung' bedürfte
einmal einer befonderen Unterfuchung). Die kritifchen
Bedenken gegen diefe 15 Schriften werden fachkundig

j Eine folche kurze Feftftellung könnte aber Gefahr laufen,
dem Verfaffer Unrecht zu tun, feiner Arbeit geringere
Bedeutung für die wiffenfchaftliche Forfchung zuzuweifen,
als dem in ihr enthaltenen Arbeitsernft und dem Bemühen
, gewiffenhaft und objektiv den Lefer zu unterrichten
, entfprechen würde. Der Verfaffer äußert jedoch
felbft im Vorwort, das Feld der älteren Dogmengefchichte
fei in den letzten Jahrzehnten fo fleißig beackert, daß
wenigftens vorläufig auf ihm nicht allzuviel zu tun übrig
bleibe. Er zweifelt, ob für einen neuen Grundriß überhaupt
noch ein Bedürfnis vorhanden fei. Die Ausficht
jedoch, fefte Paragraphen für feine eigenen Vorlefungen
zu bekommen, die ihm das läftige und zeitraubende Diktieren
erfparen follten, hat ihn beftimmt, fleh an die
entfagungsvolle Arbeit heranzuwagen. Daneben ließ er
fleh von der Erwägung leiten, einem weiteren Kreis in
gedrängter, der gefchichtlichen Entwicklung folgender
Darfteilung die wiffenfehaftlichen Ergebniffe der neueren
dogmengefchichtlichen Forfchung vorzuführen und den
Wunfeh zu wecken, mit den größeren Werken fich zu
befaffen.

Demnach beanfprucht W. überhaupt nicht, mit diefer
Publikation der dogmengefchichtlichen Forfchung neue
Erkenntniffe zu vermitteln oder durch neue Fragen neue
Bewegung in die Forfchung zu bringen. Vielleicht wird
der zweite Band, der in Jahresfrift zu erwarten ift, ein

S. 4, 27 f; die Apoftelgefchichte kommt etwas zu kurz,
richtig aber wird die Wichtigkeit des in all diefen
Schriften geführten Kampfes betont. Ein zweiter Teil
tut die zeitgefchichtliche Bedingtheit der paulinifchen
Erlöfungslehre dar; im dritten werden namentlich gegen
B. Weiß die Logienfammlung und Mk als die wahren
Gefchichtsquellen des Lebens Jefu bezeichnet, wobei die
Gefchichtlichkeit des Gefamtbildes bei Mk wohl über-
fchätzt wird. Goethes Verslein über die verfchiedenen
Fähigkeiten der Evangeliften fchließt daher zwar hübfeh,
aber nicht ganz paffend diefen Teil und den Vortrag ab.
Aber der ganze Vortrag ift fehr erfreulich, als ein Bei-
fpiel dafür, daß die wiffenfchaftliche Forfchung und Debatte
doch von tüchtigen Pfarrern verftändnisvoll aufgenommen
und weitergetragen wird. Und der Vorfitzende der All-
o-emeinen Schlefifchen Predigerkonferenz bezeichnete es
mit Recht (wie im Vorwort mitgeteilt wird), im Rückblick

------ - - - ---- o anderes Gepräge tragen. In diefem erften Bande hat W,

vorgetragen. Beim Johannesevangelium wirc die Vor- ^ offenbaif übserhau£t nicht als feine Aufgabe betrachtet,
herrfchaft der Idee betont, auch gezeigt daß es. n cht 1 auf Probleme aufmerkfam zu machen. Darauf deuten fchon
als Ergänzung der^<>P^„f^ä^u^ i&e Literaturangaben hin. Hier vermißt man nämlich
fcheidung wird abgelehnt. Eph. wird ™7«>M™£g£ manche Werke, die nicht fehlen dürften, wenn dem Buch
als Rundfehreiben des Paulus an ihm "JSfJ^ rfeht nur die Aufgabe geftellt wäre, die eigene Auf-
meinden, dann aber doch als fpater« Ehinge- ^ und das Intereffe für ößere>

ftellt. S. 25, zui H Theffi wirdi Hainacks Hyp^efe nur ähnlicher Linie fleh bewegende Unterfuchungen zu
erwähnt; die Unechtheit und V*&*^^e™ j wecken. Nicht als ob überall die Literaturangaben nur
Paftoralbriefe wird, befonders eindrucksvoll dargetan | ^ ^ im ^ gegebene Darftellusng zu erbringen
hätten. Zuweilen entfernt fich W. recht erheblich
von den in dem einen oder anderen angeführten
Werk enthaltenen Darbietungen. Sie werden alfo offenbar
ftillfchweigend abgelehnt; dem durch W. zu eingehenderer
Beschäftigung mit dem Gegenftand angeregten
Lefer bleibt es überlaffen, das Problem zu Tuchen und
nun mit eigenen Kräften zu löfen. Aber für Ws. Grundriß
ift dies Verfahren doch nicht typifch. In der Mehrzahl
der Fälle wollen die Literaturangaben den Lefer
in der Richtung weiter führen, in die er durch W. felbft
fchon gewiefen ift. So wird man es fich wohl erklären
müffen, daß wichtige Unterfuchungen und Monographien
nicht genannt find. Von Cumonts und Reitzenfteins Arbeiten
wird an der entfeheidenden Stelle (43) nichts mitgeteilt
; aber auch nicht vorher oder nachher. Nicht einmal
Wendland ift genannt. Daß der Lefer bei eingehen-

IIUL XvCCllL vti^, mm * ~- .. —.-----ö--------------- —--------- , T> r 1 • ° . --- — -^.v-.v., .-iiil'cucil-

auf Vortrag und Debatte als einen Ruhmestitel der °er Belchaftigung mit dem Gegenftand auch auf diefe

fchlefilchen Paftorenfchaft, daß auch fo heikle Fragen y|r_f ftpßen wird, würde kaum rechtfertigen können,

mit folch aufgefchloffenem Verftändnis und folch brüder- da£ W ihrer nicht gedenkt, wenn nicht die Literaturan-

licher Geftnnung befprochen werden konnten, wie hier p,pen die vermutete, fpezielle Bedeutung befitzen. Die

gefchah w 1 ^el'ke gehören darum vermutlich zu den

. ' Arnold Mever 1 v j' auf.die W- nicht unmittelbar die Aufmerkfam

Zunch- Arnold Meyer, keit deS ^ren Kreifes lenken möchte. Auch von

-_-----—~ ■ • 1 L I . >_ 1 I HU 'l.mc, A AUVU V VII

K. Böhms Unterfuchungen über die Entftehung des Ka-
Wiegand, D. Friedr.: Dogmengefchichte der alten Kirche, tholizismus erfährt man nichts. Darum ift wohl auch
(Evano-elifch-theolomfche Bibliothek. Hrsg. v. B. Beß.) Harnacks Monographie über die Gefchichte der Kirchen-
Vm 141 S) LeioziT Ouelle & Meyer 1912. vertaffung und des Kirchenrechts in den erften zweijährig
in, 141 B.) Keipz.OI yu 7 y zehnten nicht genannt. Das hat natürlich zur Folge, daß

J ' 8 ' a° dem Lefer die unter Sohms Einfluß entftandene ftarke
Über Wiegands Dogmengefchichte der alten Kirche Bewegung auf diefem das gefchichtliche Verftändnis der
zu referieren, ift eine etwas heikle Aufgabe. Nicht weil Entwicklung des Chriftentums zum Katholizismus be-
W. neue Wege einfehlüge oder auch nur in wichtigeren dingenden Teilgebiet der dogmengefchichtlichen Forfchung
Teilgebieten dieErgebniffe eigener, neue Probleme fchaffen- unbekannt bleibt. Warum Knopfs, die ältere Forfchung
der Unterfuchungen vorzulegen hätte; fondern weil er fo J zufammenfaffende Darftellung des nachapoftolifchen Zeit-
fehr im herkömmlichen Rahmen fich zu halten fcheint, - alters nicht angeführt ift, entzieht fich der Vermutung,
daß der Referent überzeugt lein könnte, mit der Feft- Daß die von Windifch vorgelegte dogmengefchichtliche
ftellung diefer Tatfache feiner Pflicht genügt zu haben. I Monographie über die Entwicklung der Anfchauung von