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Ausgabe:

1912 Nr. 22

Spalte:

696-697

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Franz

Titel/Untertitel:

Dein Reich komme. Festpredigten 1912

Rezensent:

Schian, Martin

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695 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 22. 696

Kern hiermit zur Vorficht und Zurückhaltung in diefer
noch nicht abgefchloffenen (vielleicht nie abzufchließen- |
den) Frage mahnt, ift diefe Mahnung gewiß berechtigt, j
Aber auch bei den geiftigen Vorgängen kann die natur-
wiffenfchaftliche Betrachtung nicht Halt machen. Diefe
ftellen fich für die naturwiffenfchaftliche Auffaffung dar
,als ein gefetzmäßig geordnetes Getriebe nervöfer Gehirn-
funktionen' (S. 239). Aber Kern zeigt, fofehr er die Berechtigung
diefer Auffaffung vertritt, ebenfo deutlich ihre
Grenzen. Erftens ift die Darftellung der geiftigen Vorgänge
als räumlicher Bewegungen von Gehirnteilen zu
kompliziert und unüberfehbar. ,Wenn wir allein den
Gedankenlauf einer Feftrede, einer Parlamentsverhandlung,
eines Dramas in der Kombination der Gehirnbahnen dar-
ftellen wollten, würden Menfchenleben dazu gehören, ohne
damit fertig zu werden' (S. 248). Zweitens vermag die
räumlich materielle Darftellungsweife unfern fubjektiven
Anteil an den Dingen und Ereigniffen, unfere Luft- und
Schmerzempfindungen, Hoffnungen, Befürchtungen nicht
zum Ausdruck zu bringen. Infolgedeffen führt uns erft
eine Synthefe von ,naturwiffenfchaftlicher Weltanfchauung'
und von dem Idealismus (einerfeits in der Erkenntnis,
andrerfeits im Gefühlsleben) zu einer umfaffenden ,Welt-
erkenntnis'. Als einfeitiger ,Idealismus in der Erkenntnis'
werden dieWeltanfchauungen von Hegel, A. Comte, Ernft
Mach gekennzeichnet, als einfeitiger .Idealismus im Gefühlsleben
' Bergfon's Intuitionsphilofophie und der Pragmatismus
. Dagegen müffen die äfthetifchen wie die
ethifchen Werte, wenn fie auch unferm fubjektiven Fühlen
ihren Urfprung verdanken, von einer umfaffenden /Welttheorie
' berückfichtigt werden.

Kerns Philofophie hat fomit in ausgefprochener Weife
einen fynthetifchen Charakter. Berechtigte Gefichtspunkte,
die für fich allein zu einfeitigen Auffaffungen führen, bedürfen
der Ergänzung durch andere ebenfo berechtigte
Gefichtspunkte. Kern biegt die Gegenfätze nie äußerlich
zufammen, fondern führt ftets die einfeitigen Betrachtungen
bis auf ihre letzte Konfequenz durch, um dann zu zeigen,
wie fie einer Ergänzung bedürfen. So ift das Buch in
hervorragen der Weife geeignet, zurVerftändigung
in den divergierenden, fich oft gegenfeitig nicht
mehr verftehenden Strömungen der Philofophie
zu dienen. Das zeigt fich fchon in der Erkenntnistheorie.
Kern gibt mit Kant zu: Unfer Verftand bringt unfer Begriffs
- und Erkenntnisfyftem hervor. Aber genau fo berechtigt
ift ihm der andre Gefichtspunkt: Die Wirklichkeit
nötigt unfern Verftand, gerade diefe Begriffe zu bilden.
Es ift falfch, (mit Kant) eine abfolute Kluft zwifchen Subjekt
und Außenwelt anzunehmen. Denn unfer Sinnesapparat
ift felbft ein Teil der Welt, phylogenetifch durch
Einwirkungen der Außenwelt auf uns hervorgebracht.
Folglich ift die Annahme falfch, daß unfre Sinnesfunktionen
und Denkformen einen täufchenden Schein über die Wirklichkeit
ausbreiten. Vielmehr find unfere Denkformen
geeignet zur Erkenntnis der Außenwelt. Diefe Gefichtspunkte
werden S. 68—119 an den ,Ordnungsformen' Zahl,
Zeit, Raum und S. 120—182 an den ,Verknüpfungsformen'
Funktion, Urfache, Grund, Zweck, Subftanz, Gefetz in
umfichtiger Weife durchgeführt. Am unbefriedigendften
ift der Abfchnitt ,die religiöfe Weltanfchauung' S. 390—
412 ausgefallen. ,Gott und Welt find inhaltlich ein und
dasfelbe' (S. 387). Jede Transfcendenz wird abgewiefen
und damit der Religion ihr Herz weggefchnitten. Es
bleibt für die Religion die gefühlsmäßige Vertiefung in
das Weltganze und in alle feine Teile als Kern der erhofften
und erftrebten Weltreligion. Von diefem empfindlichen
Mangel abgefehen fcheint mir das Buch eine hervorragende
Leiftung zu fein. Allen philofophifch Intereffierten ift
ein gründliches Studium des Buchs zu empfehlen.

Bafel. Johannes Wendland.

Urfinus, Sem.-Oberlehr. Dr. Alfred: Einleitung ins Apoftoli-

kum. (VIII, 67 S. m. 1 färb. Taf.) 8<>. Quedlinburg, H.
Schwanecke (1912). M. —90; geb. M. 1 —

Dies Schriftchen bietet einen neuen eigenartigen
Verfuch, das Apoftolikum verftändlich und lieb zu machen,
und zwar gerade dadurch, daß die biblifch-theologifchen,
dogmengefchichtlichen, philofophifchen und praktifchen
Momente der Entwicklung und Beurteilung dargelegt
werden, und mit der fachlichen Kritik die praktifche Anleitung
zur Klärung fich verbindet. Der Verfaffer behandelt
: 1) die israelitifch-jüdifchen Grundlagen des Glau-
bensbekenntniffes (1—27), 2) die altchriftlichen Grundlagen
(28—35); 3) das altrömifche Symbol (36—51), 4) die
Zwifchenzeit (52—-55) und 5) das neurömifche Symbol
(56—65). Es handelt fich alfo um eine an die Gefchichte
des Apoftolikums angegliederte Glaubenslehre in nuce,
die auf Grund reichhaltiger moderner Literatur (67) mit
Fleiß, Gelehrfamkeit und Befonnenheit zufammengeftellt
ift. Es kommt hierbei nicht darauf an, ob dem Verfaffer
einzelne Irrtümer doch untergelaufen find (z. B. Juftin
Bifchof von Lyon S. 30), ob man über manche Dinge
andrer Meinung fein und Einzelheiten (z. B. über die
Schöpfung 57, die Himmelfahrt 47, den heiligen Geift 4,
Luthers Stellung zur Erbfündenlehre 23) noch praktifcher
formulieren oder auch (z. B. Licht vom Licht 53) mehr
ausnutzen kann. Auch daß die gefchichtliche Darlegung
an einzelnen Punkten durch Kritik oder durch vorzeitige
Fortführung bis zur Gegenwart nicht ganz zweckmäßig
unterbrochen wird, ift relativ gleichgültig. Die entfchei-
dende Frage ift die: ob man überhaupt auf dem vom
Verfaffer eingefchlagenen Wege das Glaubensbekenntnis
und die chriftliche Glaubenslehre verftändlich und lieb
machen kann. Ich möchte fie bejahen, — aber nur unter
der Vorausfetzung, daß ein verftändiger Lehrer auf Grund
eines folchen Kompendiums mündlich unterrichtet und
dabei mit voller Freiheit und Sachbeherrfchung die etwa
notwendigen übrigen Linien zieht, auf Fragen eingeht und
die erforderlichen Ergänzungen darbietet. Für Laien ift
die bloße Lektüre des Büchleins doch wohl nicht ausreichend
; und ob der Weg des Verfaffers der befte und
einfachfte ift, erfcheint mindeftens zweifelhaft. Denn an
fich bietet das Apoftolikum doch nur ein Fragment deffen,
was heutzutage wünfchenswert ift; und die Addition feiner
einzelnen recht verftandenen Glieder gewährleiftet noch
keineswegs das rechte Verftändnis des evangelifchen
Glaubens.

Frankfurt a/Main. W. Bornemann.

Dibelius. Oberhofpred. D. Dr. Franz: Dein Reich komme.

Feftpredigten. (III, 271 S.) 8°. Dresden, C. L. Ungelenk
1912. M. 2.75

Dibelius ift ein häufig gerufener Feftprediger. Nur
einmal habe ich ihn gehört; jene Anfprache ift mir noch
heute, nach Jahren, in Erinnerung durch ihre hinreißende
Frifche und ihre — das viel gemißbrauchte Wort paßt
hier — zündende Kraft. Den damals Gehörten erkenne
ich in diefen 20 Predigten genau wieder; es find ja fämt-
lich wie damals Gelegenheitspredigten, gehalten bei feft-
lichen Verfammlungen des Guftav Adolf-Vereins, der
Inneren Miffion, des Jerufalems-Vereins ufw., zur Eröffnung
von Landesfynode und Landtag, ferner Antrittsund
Abfchieds- fowie Kirchweihpredigten. Wir bekommen
alfo daraus kein Gefamtbild des Predigers, fondern nur eines
des Feftpredigers. Die charakteriftifchen Merkmale aller
Feftpredigt treten mit fcharfer Deutlichkeit hervor: die
befondere Beziehung auf den jedesmaligen Anlaß, der
rednerifche Schwung, die erhöhte Stimmung. Auch die
negativen Charakteriftika: Abwefenheit längerer, tiefer
eindringender Gedankengänge, Fehlen fpezieller Themen
(foweit nicht der Anlaß eine Spezialifierung mit fich bringt),
konkreter Entwicklungen, feelforgerlicher Bezugnahme