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Ausgabe:

1912 Nr. 22

Spalte:

692-694

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strecker, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der Wert der Menschheit in seiner historisch-philosophischen und seiner heutigen naturwissenschaftlichen Bedeutung 1912

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 22.

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religiöfen Motive und das fpezififch chriftliche Intereffe
feines Erwählungsglaubens voll zur Geltung bringt, ohne
die theologifche Faffung der Praedeftinationslehre auch
nur mit einem Worte zu berühren. In der Peroratio erhebt
fich der Reformator zu einer nur in feinen gehoben-
ften Augenblicken erreichten Beredfamkeit.

Für die Veröffentlichung diefer Schrift, die in dem
reichen Schatze der Werke Calvins ein Kleinod erfter
Größe darfteilt, gebührt dem Herausgeber unfer wärmfter
Dank. Die auf gründlicher Kenntnis der Quellen ruhende
Einleitung bildet einen wertvollen Beitrag zur Gefchichte
eines edlen Menfchen, der unter Calvins Korrefpondenten
längere Zeit eine hervorragende Stelle behauptet, der aber
dem gewaltigen Freunde feine perfönliche Überzeugung
durch Desavouierung Bolsec's und Caftellio's nicht zum
Opfer bringen wollte.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Kroeß, P. Alois, S. J.: Gefchichte der böhmifchen Provinz der

Gefellfchaft Jefu. I. Gefchichte der erften Kollegien in
Böhmen, Mähren u. Glatz v. ihrer Gründung bis zu
ihrer Auflöfung durch die böhm. Stände 1556—1619.
Nach den Quellen bearb. (Quellen u. Forfchungen
z. Gefch., Literatur u. Sprache Öfterreichs u. feiner
Kronländer. Durch die Leogefellfchaft hrsg. v. J. Hirn
u. J. E. Wackernagel. XI.) Wien, A. Opitz Nachf.
1910. (XXVII, 1008 S.) M. 12.50

Es ift mir eine Freude dies Werk — leider etwas
fpät — zu empfehlender Anzeige zu bringen. Eine Fülle
höchft lehrreichen, teilweife noch unbekannten Materials
religiöfen, kulturellen und politifchen Inhaltes ift über-
fichtlich und in meift fließender Darfteilung verarbeitet.
Stiliftifche Unebenheiten fehlen allerdings nicht. Wo
immer man das Buch auffchlägt, ift es intereffant. Dabei
hat man das Gefühl, daß der Verfaffer der gefchichtlichen

Wahrheit dienen, daß er nicht wahrheitswidrig fchönfärben : Probleme — bringt die reale Erklärung und Erfüllung

Strecker, Dr. Friedrich: Der Wert der Menfchheit in feiner
hiftorifch-philofophifchen und feiner heutigen natur-
wiffenfchaftlichen Bedeutung. Grundzüge einer neuen
Weltauffaffung. (XIII, 392 S.) gr.8°. Leipzig, W. Engelmann
1910. M. 7.40

Strecker will in diefem Buche die Grundzüge einer
neuen Lebensauffaffung geben. Diefelbe hat ihre Grundlagen
vornehmlich in naturwiffenfchaftlichen, man könnte
auch fagen, in naturphilofophifchen Erwägungen. Von
den fünf Hauptteilen feiner Arbeit befchäftigen fich vier
mit folchen Fragen. Ein, allerdings befonders umfangreicher
, erfter Teil flicht der Gefchichte der Philofophie
ihren Beitrag zur Löfung des Problems abzugewinnen.
Als eine die naturwiffenfchaftlichen Erwägungen ergänzende
geiftesphilofophifche Grundlegung kann man diefen
erften Teil aber nicht bezeichnen. Er arbeitet nicht mit
den geiftigen Tatfachen und ihrer Eigenartigkeit, fondern
lediglich mit den philofophifchen Theorien. Wie fern fich
diefe Erwägungen den vorliegenden geiftigen Tatbeftänden
halten, zeigt befonders deutlich die Konftruktion der
,chriftlichen Idee' als .Ausdruck einer wahren Beziehungs-
philofophie' — wirklich: ,Idee' und .Philofophie'. Im Zeitalter
der vergleichenden Religionsforfchung und der Re-
ligionspfychologie follten dergleichen Verzeichnungen
irgendeiner Religion in ganz etwas anderes als Religion
doch eigentlich nicht mehr vorkommen. Strecker aber
konftruiert uns ,die eigentliche fpekulative Grundidee des
Chriftentums' (S. 70), nämlich fo: ,Gott-Menfch foll der ab-
foluten Gottheit zuftreben, diefe zu gewinnen fuchen durch
Beherrfchung des Leiblichen und der Welt' (S. 71). Das
Eigentümliche früherer folcher .fpekulativer Ideen des
Chriftentums' war immer, daß fie fich merkwürdig in
nächfter Nähe der fpekulativen Ideen ihrer Entdecker
hielten, bereit, dort hinein zu münden. Nicht anders in
unferem Fall. ,Die heutige Biologie — nämlich in der
Streckerfchen fpekulativen Deutung und Löfung ihrer

will, obwohl Liebe zu feinem Orden und zur römifchen
Kirche überall erkennbar ift. Aber die Darfteilung bleibt
ftets, und das ift der Vorzug des Buches, auf wiffen-
fchaftlicher Höhe. Wer Böhmens, Mährens und Schlefiens
religiöfe, kulturelle und politifche Zuftände im 16 und 17.
Jahrhundert gründlich kennen lernen will, und fie find der
Kenntnis wert, greife zu dem Werke.

Eins wundert mich. Es fehlt dem Werke der Zenfur-
vermerk des Ordens. Daß es die Ordenszenfur paffiert

einer tiefen philofophifchen Faffung, die feinerzeit in der
chriftlichen Idee als Gleichnisform niedergelegt worden
ift' (S. VII). Hier wie früher find diefe .fpekulativen Ideen'
eben nicht aus einem wirklichen Studium der Religion
erwachfen, fondern aus einer Andeutung von dem und
jenem, was fich dort fand, an die fpekulativen Ideen des
betreffenden Entdeckers. Das ift aber überhaupt das
Verfahren in dem ganzen erften Teil. Darum ftünde
derfelbe beffer nicht zuerft — was den Anfchein erweckt,

hat, ift, nach den ftrengen Beftimmungen der Ordens- , als wäre er irgendwie grundlegend, fondern zuletzt. Ift
fatzungen, zweifellos. Warum da nicht offen die Wahr- j es doch tatfächlich ein Verfuch, die Gefchichte der Philo-
heit bekennen? Um fo mehr, als es der Ordenszenfur nur [ fophie von anderswie gewonnenen, vorher feftltehenden

zur Ehre gereichen kann, daß fie diefe Arbeit hat paffieren
laffen. Ob ganz ohne Streichungen??

Einige Einzelheiten. Was die Gefchichte des ganzen
Jefuitenordens durchzieht, tritt auch hier ftark zu Tage:
Streben der Jefuiten nach Einfluß, Macht und Geld;
heftige Streitigkeiten mit Behörden, Geiftlichkeit und anderen
Orden; ihre Unbeliebtheit; ihr Hochmut und ihre
Prunkfucht; ihr Wunder- und Aberglaube; fchwere Miß-
ftände innerhalb des Ordens. Angenehm berührt eine
nicht feiten bewiefene Duldsamkeit gegen die Utraquiften.
Lehrreich ift das nicht fehr foziale Verhalten der Jefuiten
als Grundherren gegen ihre Bauern und Untertanen. Den
Schluß des Buches bildet die Schilderung der Vertreibung
der Jefuiten aus Böhmen, Mähren, Schienen anläßlich
der den 30-jährigen Krieg einleitenden Wirren.

Das Werk ift mit I. bezeichnet. So darf man wohl
auf das baldige Erfcheinen des zweiten Bandes hoffen.

Berlin-Lichterfelde. Graf Hoensbroech.

Prinzipien aus zu durchleuchten, womit übrigens nicht
geleugnet werden foll, daß dabei auf manche einzelne
Erfcheinung ein nicht nur intereffantes, fondern wirklich
beleuchtendes Sehl?glicht fällt.

Das Ganze ift alfo eigentlich nur von der Natur-
forfchung aus wirklich unterbaut. Nicht zufällig. .Mehr
wie je erkennen die Philofophen von Fach, daß fie vollkommen
auf eine Bafis angewiefen find, die nicht ihre
Tat, fondern die Errungenfchaft anderer ift', nämlich auf
die Refultate der Erfahrungswiffenfchaften (S. 80); die aber
find für Strecker eben die Naturwiffenfchaften. ,Es ift
das unbeftreitbare Verdienft der modernen Naturwiffenfchaften
, in unermüdlicher Arbeit die neuen vertieften
Grundlagen für eine Weltanfchauung gefchaffen zu haben'
(S. 109).

Für diefe Naturwiffenfchaft ift allerlei endgiltig ausgemacht
und abgemacht z. B.: ,Gott als extramundanes
Wefen ift völlig auszufließen' (S. Iii); alles in der Welt
ift nur Kraft und Stoff (S. 4). Sie erfreut fich einer fehr
ungetrübten Sicherheit, auch in den doch zum Teil fehr
hypothetifchen und ganz eigentlich fpekulativen Vermutungen
der neuen Lebensauffaffung. Die Grundzüge
derfelben find etwa die folgenden: