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Ausgabe:

1912 Nr. 22

Spalte:

687-689

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zerener, Holm

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. IV. Ergänzungsband: Studien über das beginnende Eindringen der lutherischen Bibelübersetzung in die deutsche Literatur, nebst einem Verzeichnis über 681 Drucke,

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 22.

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damit begnügt, diefe Ausgabe Morels zu revidieren und j
zu modernifieren, fondern er hat fie erftens mit ihrer J
Vorlage, der Einfiedler Handfchrift, verglichen, er hat <
ferner für Buch I—VI die lateinifche Ausgabe der Soles- j
mer, für Buch I—III die textkritifchen Unterfuchungen
Stierlings (1907), aber auch die übrige neuere Mechtild-
literatur forgfam benutzt, er hat endlich auch durch
eigene Konjekturen den Text verbeffert.

Bedenkt man, durch wie viel Medien der Originaltext
hindurchgegangen ift, bis er die uns hier vorliegende
Form angenommen hat, fo ift man überrafcht zu finden,
wie fehr noch die urfprüngliche Frifche und Innigkeit des
Gefühls, der Schmuck und Reichtum der Rede hervor-
ftrahlt. Oehl verfteht es eben vortrefflich, ,die Eigenart
der altdeutfchen Sprachform fo viel als möglich zu bewahren
und nur das Unverftändliche, das Notwendige umzuformen
, damit dem Einfühlen, dem Sichvertiefen keine
unüberfteiglichen Hinderniffe entgegenftehen'.

Zwickau i. S. O. Clemen.

Archiv für Reformaticnsgefchichte. Texte u. Unterfuchgn.
In Verbindg. m. dem Verein f. Reformationsgefchichte
hrsg. v. D. Walt. Friedensburg. 8. Jahrg. (III, 424 S.)
gr. 8°. Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1911. M. 12.50

— Dasfelbe. IV. Ergänzungsbd. gr. 8«. Ebd. M. 5 —
Zerener, Dr. Holm: Studien über das beginnende Eindringen
der lutherifchen Bibelüberfetzung in die deutfche Literatur, nebft
einem Verzeichnis über 681 Drucke, hauptfächlich Flugfchriften
der J. 1522—1525. (X, 108 S.) 1911.

Zum erften Stück des VIII. Jhrgs. vgl. ThLZ. 1911,
717. In das Lutherhaus und die Lutherftätten in Wittenberg
mit einem Überblick über die dortigen Sammlungen
und die Bibliothek führt J. v. Pflugk-Harttung. In der
Unterfuchung über Rörers Handfchriften und Luthers
Tifchreden (ThLZ. 1909, 241; 1911, 718) kommt Kroker
auf das Verhältnis der Aufzeichnungen Veit Dietrichs
zu denen Rörers, welche nach feiner fcharffinnigen Darlegung
nicht die Vorlage von Obenander (1543/44), Ba-
varus (1548), Mathefius (1548) find. Denn Rörer fchrieb
erft 1550/51. Sie gehen wohl auf den Vater einer am
5. April 1535 vierjährigen Anaftafia (Nik. Medier?) zurück,
von dem noch eine kleine Reihe Tifchreden bei den genannten
drei ftammt. Wichtig ift das Verhältnis des
lateinifchen, fchon von Cyprian veröffentlichten Berichts
vom 12. Aug. 1536 zu dem deutfchen von 1540 über
Luthers Abgang aus Augsburg und die Briefe des Kur-
fürften und Spalatins, die Kroker jetzt für Parallelen hält.
Der lateinifche Bericht leidet an ftarken Unwahrfchein-
lichkeiten, d. h. offenbaren Mißverftändniffen des Schreibers.
Die Arbeitsweife Rörers und Aurifabers treten in helles
Licht.

Kalkoff beweift aufs neue feine genaue Kenntnis
von Luthers Prozeß in der gründlichen Studie ,Der Hu-
manift Hermann von dem Bufche und die lutherfreundliche
Kundgebung auf dem Wormfer Reichstag vom
20. April 1521'. Er gibt zugleich eine kritifche Beleuchtung
von Grifars Darfteilung und eine begeifterte Cha-
rakteriftik des tapferen Weftfalen, deffen Lebensbild noch
viele Lücken aufweift (vgl. aber ThLZ. 1907, 249).

Fein fchildert K. die reichspolitifche Lage, welche Luthers Freunde
unter den Humaniften zu dem Auffehen erregenden Anfchlag mit der
ftarken Bedrohung der F'einde und der Parole ,Bundfchuh' bewog. Der
plötzlich aus feiner Zurückhaltung tretende Kaifer, die geplante völlige
Knechtung des Geifteslebens, die den Rechtfinn des deutfchen Volks
verletzende Maßregel der Verbrennung aller Bücher Luthers, auch der,
in welche ,gute Lehren und L'nterweifungen eingeführt waren', find grell
beleuchtet. Dann befpricht K. den Text des Anfchlags, wie ihn die
Frankfurter Gefandten überlieferten, gegenüber dem von Grifar vertretenen
und fetzt fich über den Sinn mit Grifar und Beyhl auseinander. Be-
fonders dunkel find die Worte ,sunder anzeigung eines namen und zu-
fugung aller tyrannie über pfaffen im bistant.' K. lieht mit Recht hier
die Ungefetzlichkeit des Sequeftrationsmandats vom 10—26. März gerügt,
das weder vom Kaifer, noch Reicherzkanzler, noch einem kaiferlichen
Sekretär unterzeichnet war. Aber feine weitere Auslegung fcheint gezwungen
, wenn er ein Zeugma annimmt und fortfährt: mit LIinzufügung
aller Tyrannei, d. h. gehäffiger Zwangsmaßregeln, die über der Pfaffen
Beiftand hinausgehen, in weiterem Umfang und härterer Form, als es
zur Aufrichtung der kirchlichen Macht nötig war. Der Sinn ift annehmbar,
aber entfpricht nicht ganz dem Wortlaut. Auch konnte die Aufrichtung
der kirchlichen Macht den Humaniften nicht anliegen. M. E. fteckt der
Fehler der bisherigen Auffaffung in ,uber', das nicht Präpofition, fondern
Subftantiv ift. Leiter, mhd. Wörterbuch 2. 1687. Der Anfchlag fagt: Statt
die Unterfchriften wegzulaffen, follteii auch die Namen aller Tyrannei-
über-Pfaffen (ein Wort), ihrer Beiftänder, (Henifch, Thefaurus Sp. 267)
dabei liehen. Der bittere Spott möchte alle geiftlichen Helfershelfer
der 4 genannten altgläubigen Partien auch am Pranger fehen, z. Ii. Joh.
Burchard ufw. In der Erklärung von ,Siecht fchrib ich, doch groffen
fchaden mein ich' hat Beyhl S. 361 doch ziemlich das Richtige getroffen.
Die Altgläubigen follen die fchlichten Worte nicht verachten, denn hinter
ihnen flehen gefährliche, fchadendrohende Leute bei 8000 Mann. Diefer
Sinn entfpricht dem Zweck der Einfchüchterung mehr als ,die Klage über
Vertrauensbruch'. K. muftert dann die ganze Schar der anwefenden Humaniften
und kommt zu dem einleuchtenden Ergebnis, daß nur Hermann
v. d. Bufche der Urheber des Schreckfchuffes vom 20. April fein kann.

Auf unbeachtete Briefftücke Luthers macht E.Körner
aufmerkfam. Sie entflammen wohl Briefen an Erasmus
Alber, der fie in feiner Schrift /Widder die verfluchte
Lehre der Carlftadter' verwendete. Alf. Stern fchreibt
den Neukarfthans Butzer zu, überfieht aber W. Köhlers
Abhandlung Z. D. Phil. XXX (1898) 487 fr., der Hutten
für den alleinigen Verfaffer hält. In die gereizte Stimmung
Georgs von Sachfen läßt ein Schreiben feines Rats Hein,
von Schleinitz an Anark (nicht Quark! S. 399) von Wildenfels
vom 30. Jan. 1530 und die von Brück entworfene
Antwort, welche H. Becker mitteilt, einen Blick tun.

Drei Stücke greifen in die Gefchichte Kurbrandenburgs
ein. G. Berbig gibt ein Gutachten kurfächfifcher
Juriften und Theologen zur Rechtfertigung der Flucht
der Kurfürftin Elifabeth nach Sachfen auf Grund der h.
Schrift und des päpftlichen Rechts, wobei Joachims I. eheliche
Untreue, feine ,Teufelskünfte', Drohungen und Gewiffenszwang
betont werden. Der Text läßt zu wünfehen
übrig.

So fehlt S. 385, Z. 7 mann wandte. Z. 24 1. clerlich ftatt oberlich.
Z. 36 eicitur. S. 389, Z. 21 sleunigk. S. 391, Z. 3 ift suuder meher un-
verftändlich, 1. sunde nit meher. S. 393, Z. 13 1. bekommert.

W. Friedensburg teilt als erfte Äußerung der
evangelifchen Gefinnung Joachims II. deffen Antwort auf
den Glückwunfeh feines Bruders Hans zu feinem Anfchluß
an die Reformation vom 12. Nov. 1539 mit. G. Kawerau
gibt drei Berichte der Brandenburger Theologen AI. Ale-
fius und Joh. Lüdecke vom Wormfer Religionsgefpräch
dd. 7. Nov. 2.6. Dez. 1540. Sie fchildern ihre Schwierigkeiten
, da fie zu den obedientes, d. h. zur katholifchen
Partei gerechnet wurden und doch evangelifch waren,
wie die Weiterungen, welche die Altgläubigen wegen der
Augustana variata machten. O. Waldeck bringt feine
große Arbeit über die Publiziftik des Schmalkaldifchen
Kriegs zum Abfchluß und zieht auch die aus brieflichen
Mitteilungen entftandenen Zeitungen heran. Die Preffe
ift bereits eine Großmacht im Dienft der ftreitenden
Parteien zur Beeinfluffung der öffentlichen Meinung. Die
proteftantifchen Schriften feffeln durch kräftiges Nationalgefühl
, unleugbaren fittlichen Ernft, Begeifterung, Opferwilligkeit
und bei den Wortführern klare Erkenntnis der
wahren Ziele des Kaifers. Diefer, wie Moritz von Sachfen
vertreten ihre Sache nicht ungefchickt, aber fie überzeugen
nicht. Die ganz verzwickte Lage, in welche Moritz
durch feine Politik bei feinem Volk gerät, tritt deutlich
zutage. Dem Mangel an Nationalgefühl beim verkommenen
Adel und deffen Haß gegen die Reichsftädte gab
Jörg Lang von Simelbrunnen Ausdruck.

Zur Stimmung in proteftantifchen KreifeD, wie beim Adel, verdient
der Brief von Jak. Ratz an den Landgrafen vom I. Sept. 1546 Beachtung
. W. Vierteljahrshefte 1893, 421. Die Stimmung des Volks in Württemberg
ift S. 46 nicht richtig gezeichnet. Die rein lokale Bußpredigt
Klopiers darf nicht mit Janffeu verallgemeinert werden. Vgl. des Ref.
Württb. u. Janffen, S. 155, BlfwKG, 1898, 19 fr. Die Haltung des Volks
im Iuterim fpricht klar dagegen. Von den Schwenkfeldifchen, dem
Herzog feindlichen Thumb und Vellberg darf nicht aufs Volk gefchloffen
werden. Die ,Newe Zeyttung vom Teuffei' ftammt wohl von Naogeorgus,
der fich im fächfifchen Lager befand (Roth, Augsb. RefG. 3, 287).