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Ausgabe:

1912

Spalte:

682-683

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, Frdr.

Titel/Untertitel:

Hat sich Jesus überlebt? 1912

Rezensent:

Beth, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 22.

682

die urchriftliche Tradition. Nur in einem Anhang be- 1 durchaus originale Erfcheinung. Im Rahmen der johanne-
fpricht er kurz die Nachrichten des Jofephus. In einem j liehen Taufbewegung hat Jefus feinen Beruf gefunden.
Schlußabfchnitt verfucht er, die Tatfachen, foweit fie fich ! In der Wirksamkeit des Johannes hat Jefus die Nähe des
aus den Texten eruieren laffen, in den Zufammenhang , Gottesreiches gefpürt. Er hat ihm das höchfte Lob ge-
der Gefchichte einzureihen. Es galt kein Neuland zu be- ! [pendet. Aber fehr wahrfcheinhch hat er ihn nicht als
bauen fondern die bisherigen Aufftellungen zu erweitern, ■: Elias proklamiert. Auch Matth. 11, 11 b kann von Jefus nicht
das Sichere von dem Unficheren fcharf zu unterfcheiden, 1 genagt fein Das zeigt D. im einzelnen mit fachlichen

die Tradition gefchichtlich zu verftehen und fie auf ihre
Glaubwürdigkeit hin zu unterfuchen.

D. beginnt mit allgemeinen Grundfätzen, nach denen
er die Quellen betrachtet wiffen will. Formale Gefetze
und religiöfe Gefichtspunkte haben auf das Werden der
evangelifchen Tradition Einfluß ausgeübt. Daher muß

Gründen. Auch fucht er zu beweifen, daß Johannes zur
Zeit feines Wirkens ein beftimmtes Verhältnis zu Jefus
nicht eingenommen hat. Beide Männer haben nicht
nebeneinander gewirkt. Eine eigentümliche Erklärung,
welcher freilich der Ref. nicht zuftimmen kann, gibt D.
(fpeziell in Auseinanderfetzung mit Harnack) von dem

mit der Literar- und Realkritik auch die Stilkritik Hand logen. Stürmerfpruch Matth. 11, 12 = Luk. 16,16, indem
in Hand o-ehen Man hat auf die verfchiedene Faffung ' er der Matthausrezenfion den Vorzug gibt: bis jetzt wird
des Sammelgutes welches die Evangelien darbieten, den das Gottesreich vergewaltigt, und Gewalttäter (d. h. Geifter-
Blick zu richten. Mit Recht wird darauf aufmerkfam ge- • machte, vergl. I Kor. 2, 6 f.) bringen es in ihren Befitz.
macht daß man bei der Evangelienkritik gemeinhin viel In der Zwifchenzeit feit Johannes ift das Reich den
zu weni"- mit dem Fortleben der mündlichen Tradition J Weltregenten in der Geifterwelt preisgegeben(l). Im

rechnet. Die Urelemente der fchriftlichen Evangelienüberlieferung
find wahrfcheinhch nicht in unferem Sinne
als fefte literarifche Größen zu betrachten.

Urmarkus' ift D. der Name für alles, was fich im Markusevangelium
' nach Form und Inhalt als möglichft primärer Niederfchlag der
Überlieferung ausweift. Und wenn auch die Übereinftimmung von Matthäus
und Lukas die Traditiousfchicht Q erkennen läßt, fo foll doch eine
durchgehende Kekonftruktion diefer Quelle nicht möglich fein.

Ausgangspunkt der Unterfuchung bildet dann Jefu
Urteil über den Täufer. Jefu Ausfprüche, foweit fie fich
eruieren laffen, find beffere Quellen für die Gefchichte
des Täufers, als die vom Standpunkt der Gemeinde komponierten
Berichte der Evangelien. Richtig betont D.:
bevor man über die Gefchichtlichkeit der Daten der einzelnen
Quellen urteilen kann, ift es notwendig, die Tendenz
der Quellen zu beftimmen. In den fynoptifchen Texten
herrfcht das Beftreben vor, die Gefchichte des Täufers
zu chriftianifieren. Johannes ift der, welcher Jefus zum
Meffias gefalbt hat, andrerfeits aber nur der Waffertäufer.
In dem Johannesevangelium ift er eine Geftalt neben Jefu
geworden. Die johanneifche Taufe ift entwertet zu
Gunften der chriftlichen. Das Bild, welches vom Täufer
entworfen wird, erklärt fich nicht aus Kompofitionsrück-
fichten, fondern aus dem Kampf gegen feine Anhänger.
Auch in der Apoftelgefchichte wird Jefus dem Täufer
entgegengeftellt. Von Intereffe find hier befonders D.s
Darlegungen über die nebelhaften Berichte 18, 24 f. und
19, 1 f. Offenbar wollte der Erzähler damit betonen, daß
man erft durch die Geiftestaufe zu ,vollem Chriftentum'
kommt. An der Gefchichtlichkeit fpeziell von 19, 1 f. zu
zweifeln, liegt kein ftichhaltiger Grund vor. Im Gegen-
fatz zu den Forfchern, welche den Jofephusbericht
Ant. XVIII, 5, 2 für eine Hauptquelle der Gefchichte des
Täufers erklären, macht D. richtig auf die Subjektivität
des Berichts aufmerkfam. Jofephus ift der gebildete
Schriftfteller, welcher den Tatbeftand nach feinen Ideen
zurecht macht; er charakterifiert den Johannes als edlen
Moralprediger.

Betreffs der Nachrichten über den Täufer, die aus dem flavifchen
Text des Bellum Judaicum veröffentlicht worden find, wird mit Recht
getagt, daß die Frage nach der Beurteilung diefer Stücke nicht eher
lösbar'ift, als wir den vollftändigen Text des Slaven kennen.

Außer dem Verftändnis der Texte hat D. durch feine
Arbeit wefentlich die Kenntnis der gefchichtlichen Per-
fönlichkeit des Täufers gefördert. Es charakterifiert

Gegenfatz zu der gewönlichen Meinung, wonach die Frage
des Täufers an Jefus (Matth. 11, 2f.) eine Zweifelsfrage ift,
wird dann dargelegt, daß fich die Frage lediglich aus
dem erwachenden Intereffe für Jefus erklärt. In einer
ausführlichen Unterfuchung über die Predigt des Täufers
kommt D. zu dem Urteil: wenn auch die Tradition über
die Verkündigung des Meffias als Bringer des Geiftes
keinen Glauben verdient, fo ift doch die meffianifche
Predigt nicht für unglaublich zu halten. Die Predigt des
Johannes vom richtenden Meffias hat ihre Erfüllung in
Jefus nicht gefunden. Daher muß diefes Stück des evangelifchen
Berichtes als gute Tradition gelten. In der Darlegung
über den Sinn der Taufhandlung, diefes fo
fchwierigen Punktes, vermißt man ungern eine nähere
religionsgefchichtliche Beleuchtung. Was D. bietet, befriedigt
nicht. Abgelehnt wird der fündenvergebende
Zweck der Johannistaufe fowie ihre Ableitung von der
Prophetentaufe. Anfprechend ift die Vermutung, daß die
chriftliche Tauffitte von den Johannesjüngern übernommen
wurde, ebenfo wie die Faftenfitte und die Gebetsübungen.
Sehr wahrfcheinhch dagegen ift, daß das Eindringen der
Bitte um den Geift im Vaterunfer (bei Lukas), wie D.
meint, auf den Gegenfatz gegen die Johannesjünger zurückzuführen
ift. Nicht leicht ift endlich die richtige
Beurteilung des Todes des Täufers. Mit Recht wird von
D. die Hiftorizität der diesbezüglichen Angaben des Jofephus
betont. In den Evangelien liegt eine dichterifche
Ausfchmückung vor. Ob D. der Nachweis der Priorität
des Markusberichtes gelungen ift, erfcheint Ref. fehr
zweifelhaft. Doch ift kein ftichhaltiger Grund vorhanden,
die Rüge des Ehebruches für fagenhaft zu erklären. Infolge
einer Intrigue der Herodias wird Herodes den
Täufer haben töten laffen.

Breslau. G. Hoennicke.

Schulz, Pfr. Frdr.: Hat fich Jefus überlebt? [Aus:,Schweiz,
theol. Ztfchr.'] (30 S.) 8». Zürich A.Frick 1912. M. — 75

Diefe außerordentlich frifch und packend gefchriebene
gedankenreiche Abhandlung ftellt zunächft der Grundfrage
: Hat fich Jefus überlebt? die von diefer wachgerufene
andere voran: Hat fich Chriftus überlebt? Mit
vier Objekten hat es diefe Frage zu tun. 1. Der römifche
Chriftus, .herausgearbeitet aus uraltem heidnifchen und
den befonnenen Forfcher, daß er an verfchiedenen Punkten j jüdifchen Opfer- und Priefterbegriff, gipfelnd ,in der An-

mit einem non liquet fchließt. In methodifcher Beziehung ; betung des Leichnams Chrifti im Meßopfer', trägt, fo
wertvoll ift die Darlegung über die Kindheitsgefchichte: 1 unähnlich er auch dem Jefus von Nazaret fehen mag, noch
es wird hervorgehoben, daß in diefer Legende fich ein- kein Zeichen des Verfalls an feiner Stirn, ift vielmehr
zelne gefchichtliche Notizen erhalten haben können; und j unvergänglich, weil in ihm die Kirche ,der Sucht nach
zwar flehen zur Diskuffion die Abftammung aus priefter- 1 dem Wunder in ausgiebigfter Weife entgegenkommt und
liehen. Gefchlecht, das Datum der Geburt, die Miffion des I weil fie in dem immer gehetzter werdenden Kampfe ums
Täufers und fein Aufenthalt in der Wüfte. Wie die ! Dafein dem Wunfche, nicht auch noch in religiöfen Dingen
meiften proteftantifchen Forfcher leugnet auch D. den j denken zu müffen, jede Befriedigung gewährt'. Aber
Zufammenhang mit dem Effenismus. Johannes ift eine | Jefus von Nazaret hat fich in diefer Kirche wirklich über-

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