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Ausgabe:

1912 Nr. 21

Spalte:

663-665

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Megerlin, F.

Titel/Untertitel:

Was hat uns Johannes Müller zu sagen? 1912

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 21.

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(fich ,läuternden') guten Willens: es /wird' ganz eigentlich
im Zeitprozeß etwas ,erwirkt' für das ewige Sein. — Von
den Schlußfeiten, die intereffante und wertvolle Betrachtungen
über den religiöfen und den philofophifchen Beweis
für die Unfterblichkeit, befonders aber über das |
transzendente Ich enthalten, können wir abfehen, um einen
Rückblick zu tun und ein Gefamturteil zu verbuchen.

Daß St.s Ausführungen in einen umfaffenderen Zu-
fammenhang hineingehören, hat er felbft ausdrücklich
erklärt und an manchen Stellen feiner Schrift angedeutet
(Vgl. S. 95, 157. 161, 165). Diefes Ganze nennt er felbft
transzendenten Perfonalismus'. Was er darunter verfteht,
zeigen manche der in den vorliegenden Unterfuchungen
eröffneten Ausblicke. Dem Urteil, daß ,in unferer Zeit
erftaunlich viel Unklarheit über Sinn und Bedeutung aller
ins Transzendente gehenden Gewißheit der Religion, gerade
auch der unfrigen' herrfcht, wird ein jeder zuftimmen,
welcher gleichfalls mit dem Verf. die ,rafchfertigen Ab- I
ftriche an diefem Transzendenten im Intereffe moderner ■
Immanenzgelüste' aufrichtig beklagt. ,Daß wir mit diefen j
Dingen noch lange nicht fertig find oder doch zum min- j
deften, daß fich nicht alles fo einfach ins Immanente |
wenden läßt, möchten meine Ausführungen an einem be-
ftimmten Punkt zum Bewußtfein bringen'.

Den ausgezeichneten Beiträgen, die St. der Zeitfchrift
für Theologie und Kirche und der von ihm felbft geleiteten
Zeitfchrift,Religion und Geifteskultur' geliefert hat, reihen
fich die vorliegenden Unterfuchungen in durchaus ebenbürtiger
Weife an. Der in Ausficht geftellten Durchführung
eines fyftematifchen Entwurfes des transzendenten
Perfonalismus fehen wir mit Erwartungen entgegen, die
ficherlich keine Enttäufchung erfahren werden, wenn dem
Verf. die Verwirklichung feines verheißungsvollen Pro-
grammes vergönnt fein wird.

Straßburg i/E. P. Lob stein.

Müller,Johs.: Hemmungendes Lebens. 3.Aufl.(III,202 S.) 8°.

München, C. H. Beck 1911. Geb.M. 3—; inLdr.M.4.50
— Die Reden Jefu, verdeutfcht u. vergegenwärtigt. 2. Bd. Von
der Nachfolge. (VII, 352 S.) 8°. München, C. H. Beck

1912. Geb. M. 4 —

Megerlin, Stadtpfr. Dr. F.: Was hat uns Johannes Müller

zu lagen? Vortrag auf der Tagung der Freunde der

Chriftlichen Welt am 19. April 1911 in Bafel. (52 S.)

8°. München, C. H. Beck 1911. M. — 80

Will man über einen bedeutenden Mann famt dem
Eindruck und dem Einfluß leiner ganzen Wirkfamkeit
berichten, fo fragt man am beften danach, wo fein Pathos
liegt. Das liegt aber in der Regel an einem Punkte, wo
er aus feinem Innerften heraus irgend einem vorhandenen
Zuftande widerfprechen muß. Diefer Punkt tritt bei M.
klar hervor: es find, wie der Titel des erften Buches be-
fagt, die Hemmungen des Lebens, die feine Tätigkeit
herausfordern. Überall wo der Menfch durch äußere oder
innere Mächte gedrückt und gebunden, wo er paffiv und
nicht aktiv ift, greift M. mit feinem klaren und ftarken
Worte ein. Wir Menfchen follen niemals darunter, fondern
immer darüber ftehn. So behandelt M. in diefer erften
Schrift, die ich für feine befte halte, die Hemmungen, die
die Trauer, die Furcht, die Sorge, die Unficherheit, der
Zweifel und der ,Andere' in uns über uns bringen. Jeder
Seelforger kann hier überaus viel lernen; denn M. ift ein
Menfchenkenner und Seelforger, zumal einer der verwickeiteren
Naturen, wie es wenige geben mag. In alle
ihre Schlupfwinkel geht er jenen Feinden nach; geradezu
unheimlich ift es, wie er die tiefften Urfachen jener
niederdrückenden Unluftgefühle aufdeckt; befreiend wirkt
der ftarke, oft harte Geilt, mit dem er immer in die
Wahrheit und Kraft eines echten Menfchenlebens hineinführen
und die Gebundenen zu freien Herren ihrer felbft

machen will. Urfprünglich und nicht fentimental, unmittelbar
und nicht reflektiert, aus dem Ja leben und
nicht aus dem Nein, das find einige der Ratfchläge, die
er dazu gibt. Zuletzt freilich weift er immer auf den
Propheten eines folchen ftarken eignen und perfönlichen
Lebens, auf Jefus hin.

Mit Jefu Worten befchäftigt er fich ausführlich in dem
zweiten Buch. In ihm behandelt er eine Reihe von Reden,
die von der Nachfolge handeln. M. gefallt mir immer
beffer, wenn er, wie in dem erften Buche, ganz frei und
ohne Anfchluß an einen folchen Text, feine Gedanken
ausfpricht; er ift zu ftark, um jemand anders, auch Jefus
felber, ganz zu feinem Recht kommen zu laffen. Zwar
gerät ihm in feiner Auslegung mancher feine Gedanke
und mancher prächtige Ausdruck; fo wenn er für Meffias
der Erfüller fagt, oder wenn er meint, Jefus würde heute
ftatt des ungerechten Haushalters den Hauptmann von
Köpenik als Vorbild aufstellen. Aber zu oft hat wenigstens
der theologifcheLefer exegetifcheBeklemmungen; foetwa,
wenn M. bestreitet, daß Jefus an den jüngsten Tag gedacht
habe, wo er davon fpricht, daß einige, die bei ihm ftehn,
den Tod nicht fchmecken werden, bis das Reich komme;
hier foll, echt Müllerfch, die kraftvolle Offenbarung des
neuen Werdens gemeint fein. Aber davon fei nichts mehr
gefagt; jeder überfetzt fchießlich Jefu Worte in feine Sprache,
und auf der Linie Jefu bleibt M. unbedingt. Denn das
Neue und Große, das in die Welt kam, und das in jedem
einzelnen zu Tage treten foll als ein ganz neues Werden
voll erlöfender Kraft und Fülle, das tritt immer bei ihm
ftark und mächtig heraus, wie jeder immer das betont, was
ihm als fein Eigenes an den großen Gestalten und Ereig-
niffen der Welt aufgegangen ift. Reich ift auch diefe
Schrift an guten und treffenden praktifchen Winken, wie
fie dem Lefer feiner Grünen Blätter bekannt, aber nicht
langweilig find: man foll fachlich und nicht fubjektiv leben,
man foll nichts, auch fich felber nicht tragifch nehmen,
man foll fich nicht immer um fich felbft drehen — man
merkt, M. befitzt die Gabe, feine Gedanken behaltbar zu
formen; es kann einem geradezu zu einer Plage werden,
wenn fie einem immer nachlaufen.

Es möge nicht als eine theologifche Pedanterie an-
gefehen werden, wenn im folgenden die theoretifche
Seite feiner Gedankenwelt etwas angefehen und unterfucht
wird. Wenn unfereiner darin natürlich Widerfprüche
findet, fo hat das für M.s Wirkfamkeit, die ja die eines
Evangelisten und nicht die eines Theologen fein will, wenig
auf fich; aber man darf doch auch einmal diefe Seite
feiner Schriften vornehmem Mir fcheint, daß er zwei
Gedankenkreife mit einander verbindet; von diefen ift der
erste mit Wörtern bezeichnet, die bei ihm eine große
Rolle fpielen: das Chaos des Innern, das urfprüngliche
Wefen und die Wahrheit der Dinge, das Hinterfinnliche
und die Seele des Alls — der Genius des Menfchen, der
Spürfinn der Seele für das Hinterfinnliche, ihr Werdedrang
und ihre Menfchwerdung famt der fchöpferifchen Entfaltung
ihres unsichtbaren Wefens — endlich die Forderung, unmittelbar
und geradezu zu leben und immer ftark und
felbftändig zu erleben und zu empfinden. — Der andere
Kreis ift mit folgenden Ausdrücken bezeichnet: das Arge
— das Reich Gottes, der Vater — die Nachfolge Jefu,
in der man feine Gebote hält, Kraft aus ihm fchöpft und
ihn Gestalt in fich gewinnen läßt. — M. bedient fich diefer
beiden Gedankenkreife, die man als den unperfönlich-
moniftifchen und als den perfönlich-jefuanifchen bezeichnen
kann, indem er je die entfprechenden Glieder einander
gleichfetzt, fodaß also etwa das Hinterfinnliche als Reich
Gottes und als Jefuswefen bezeichnet werden kann. Diefe
Gleichfetzung kann ich wenigftens nicht gut vertragen.
Die Annahme liegt ihr zugrunde, daß das Ewige, das
Geistige oder wie wir es nennen wollen, in der Tiefe des
Menfchen zu finden ift. Mir will immer noch zu feiner
Bezeichnung die dualiftifche Bildrede beffer gefallen, die
es in der ,Höhe' ftatt in der .Tiefe' fucht. Für mich