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Ausgabe:

1912

Spalte:

655-656

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reichel, Gerh.

Titel/Untertitel:

Zinzendorfs Frömmigkeit im Licht der Psychoanalyse 1912

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 21.

656

Reichel, Doz. Lic. Gerh.: Zinzendorfs Frömmigkeit im Licht
der Pfychoanalyfe. Eine krit. Prüfg. des Buchs v. Dr.
Oskar Pfifter: ,Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig
v. Zinzendorf u. ein Beitrag zum Verftändnis der extravaganten
Lehrweife Zinzendorfs. (III, 192 S.) gr. 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1911. M. 4 —

Pfilter, Pfr. Dr. Osk.: Zinzendorfs Frömmigkeit im Lichte
Lic. Gerhard Reichels. (Sep.-Druck.)

Drei Schriften, die miteinander zufammenhängen,
deren Studium freilich ftellenweife dem einen oder anderen
Lefer einige Selbftüberwindung koften dürfte.

Die erfte hat es mit einer pfychologifchen Analyfe
der Frömmigkeit des Grafen Zinzendorf zu tun. Sie bedeutet
alfo einen Beitrag zur Religionspfychologie, jedoch
einen folchen, der feinem ganzen Inhalt und Umfang
nach beherrfcht ift von den Theorien des bekannten
Wiener Pfychiaters Sigmund Freud. Sie behandelt kurz
die Jugendzeit, ausführlicher das Mannesalter, innerhalb
deffen fie drei Perioden unterfcheidet: die Zeit von der
Verheiratung bis zur Schwarmperiode (1722—1741); die
,Eruptionsperiode' (1741 —1749); den letzten Lebens-
abfchnitt (1749—1760). Das Ergebnis läßt fich in aller
Kürze etwa fo charakterifieren: es befteht in dem doppelten

,Nachweis', ,daß die Schwarmperiode......einfach die

von jeher in Zinzendorf fchlummernden fadiftifchen und
mafochiftifchen, homofexuell gerichteten Begierden aus
ihrer Verdrängung befreite und im Gewände der Frömmigkeit
in vollem lageslicht fich exceffiv betätigen ließ';
daß aber auch in der ,letzten Periode' ,Zinzendorfs
Frömmigkeit fich ihrem Inhalte nach nicht im minderten
verändert hat, und daß hinter dem gemäßigten, dem
Vulgärpietismus eher angepaßten Ausdrücken überall die-
felben libidinöfen Kräfte liegen, wie hinter den religiöfen
Orgien der Eruptionsphafe'.

So fchmerzlich und verletzend derartige Anklagen
für Verehrer Zinzendorfs fein mögen, daß die Publikation
von wiffenfchaftlichem Ernft getragen ift, daß fie auf
forgfältiger Arbeit beruht und von einer gewiffen metho-
difchen Schulung zeugt, wird man ihr nicht abfprechen
können. Anderseits wird doch auch derjenige, der durch
kein Pietätsverhältnis Zinzendorf gegenüber gebunden ift, j
wofern er nicht bereits auf die Freudfchen Theorien
fchwört, fich fchwer des Eindrucks erwehren, daß die
Schrift dem Fehler der Übertreibung verfällt und der
Neigung, nun einfach alles ausfchließlich und allein von
einer Seite aus zu betrachten und zu erklären. So ließe
fich, um nur ein Beifpiel anzuführen, am Ende Zuftimmung
aufbringen für die Behauptung, daß bei Zinzendorf,
namentlich in einer Periode feines Lebens, fich mit einer
ftarken Religiofität die pfychifchen Wirkungen eines anderen
fehr ftarken Triebes, des Sexualtriebs, affoziierten und fie
fo entftellten: eine Thefe, die freilich an fich wieder fehr
verfchiedener Deutungen fähig ift. Dagegen ift es unzweifelhaft
zu viel gefagt und ftimmt nicht einmal zu
fonftigen Äußerungen des Autors, wenn es gelegentlich
heißt: ,als Hauptmotiv der Entwicklung Zinzendorfs zum
religiöfen Menfchen (sie) erkannten wir die riefigen infantilen
Sexualverdrängungen'. Wie alle Religiofität, fo
ift auch jedenfalls die Religiofität Zinzendorfs nicht vorwiegend
oder bloß das Erzeugnis infantiler Sexualverdrängungen
gewefen.

Wenn die Publikation hier und da den Schein erweckt,
als ob das möglich wäre, fo gerät fie nicht nur in die
Nachbarfchaft einer unerfreulichen Literatur, der fie doch
wohl innerlich fremd ift, fondern fie liefert zugleich eine
Uluftration zu der Bemerkung Wundts, daß die von der
bloßen Betrachtung der Individuen ausgehende Religionspfychologie
den Gefahren der Einfeitigkeit und der Verzeichnung
ausgefetzt ift.

Die zweite Schrift übt an der erften eine eingehende
und fcharfe Kritik. Allerdings nicht in der Weife, daß

der Autor auf die im Hintergrunde der Pfifterfchen Ausführungen
ftehende Freudfche Theorie und auf die foge-
nannte ,Pfychoanalyfe' überhaupt einginge. Vielmehr
fpricht und argumentiert Reichel wefentlich als Hiftoriker.
Er fchildert zunächft das Gefamtergebnis der an erfter
Stelle befprochenen Schrift, beleuchtet dann in zwei
Kapiteln Pfifters Auffaffung von der Zeit bis zur,Eruptionsperiode
' uud von der Zeit nach der ,Eruptionsperiode',
um im Anfchluß daran deffen Interpretation der .Eruptionsperiode
' oder .Sichtungszeit' befonders eingehend zu erörtern
. Zum Schluß bietet er eine .pofitive Erklärung
und Würdigung' der .Sichtungszeit dar und desgleichen
Auskünfte über die Struktur der Zinzendorffchen Mentalität
im allgemeinen und über die Stellung des Grafen zur Ehe.

Als einen Grundfehler der Schrift Pfifters bezeichnet
er es, daß darin das Innenleben Zinzendorfs in der Zeit
vor und nach der .Eruptionsperiode' nicht, wie doch
eigentlich felbftverftändlich wäre, auf Grund gefchicht-
licher Zeugniffe charakterifiert, fondern aus dem Verhalten
des Grafen während der .Eruptionsperiode' mittels pfycho-
logifcher Analyfe erfchloffen und mehr oder weniger
konftruiert werde. Im einzelnen hält er dem Gegner
Ungenauigkeiten beim Zitieren vor, Widerfprüche, Gewalttätigkeiten
und tendenziöfe Interpretation. Er bemüht
fich um den Nachweis, daß diefer beftimmte Äußerungen
einer anderen Periode im Leben Zinzendorfs zufchreibe,
als die ift, der fie tatfächlich angehören; daß er gelegentlich
ein Wort auf Zinzendorf zurückführe, das gar nicht
von dem Grafen flamme. Er tut dar, wie gerade die an-
ftößigften Redewendungen zeitlich bedingt und der bereits
vorhandenen Literatur entnommen feien. Er widerlegt
die Thefe, daß an den betreffenden Bildern kein Heils-
intereffe hafte; vielmehr bilde die lutherifche Verföhnungs-
lehre .wirklich den Ausgangspunkt der einfeitigen Konzentration
' auf Blut und Wunden und Ähnliches. Er
erklärt die Eigentümlichkeiten der Lehrweife Zinzendorfs
in der Eruptionsperiode aus einer ganz allgemeinen Neigung
zur .Bevorzugung finnlicher Vorftellungen und Begriffe',
wobei auch .mechanifche' und .chemifche' Prozeffe mit
herangezogen werden, wie fie in den Ausdrücken .zeichnen',
.figillieren', .einätzen', .beizen', .ausbrennen', kauterifieren',
.fchmelzen', .leimen', .löten', .kitten', .hineinformen', ,ein-
propfen', .durchfäuern' ufw. zur Erwähnung kommen. Er
bemüht fich endlich den .religiöfen' und .religiös-fittlichen'
.Ideengehalt der extravaganten Bilderfprache im einzelnen'
herauszuftellen.

Am eindrucksvollften ift die von Reichel geübte
Kritik wohl da, wo fie, geftützt auf eine reiche Fülle von
Material, zeigt, daß die von Zinzendorf verwandten wunderlichen
Formen größtenteils übernommen feien. Am an-
fechtbarften vielleicht da, wo fie den Schein erweckt, als
wollte fie auch den übermäßigen Gebrauch derfelben auf
rein religiöfe oder religiös-fittliche Motive zurückführen.

Die letzte kurze Schrift enthält eine Metakritik von
Seiten Pfifters. Es foll hier nicht davon die Rede fein,
daß fie durch den etwas herablaffenden Ton, in dem fie
Reichel behandelt, wenig geignet ift, den Lefer, der fich
um eine objektive Beurteilung der ftreitenden Partien bemüht
, für fich einzunehmen. Auch ift es ganz unmöglich,
auf das Detail der Ausführungen, in denen fie fich der
gegnerifchen Kritik erwehrt, einzugehen. Doch foll nicht
verfchwiegen werden, daß es ihr einigermaßen gelingt, wenig-
ftens den einen oder anderen Schlag zu parieren. Das Hauptargument
bleibt doch dies, daß es Reichel an dem
nötigen Verftändnis für die Pfychoanalyfe fehle. In der
Tat wird das letzte entfeheidende Urteil davon abhängig
fein, wie man fich zu den Theorien Freuds überhaupt
ftellt. Refer. muß fich begnügen, darauf hinzuweifen, daß
fie trotz einer gewiffen Popularität, deren fie fich momentan
hier und dort erfreuen, weit entfernt davon find, fich in
der Wiffenfchaft wirklich durchgefetzt zu haben.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.