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Ausgabe:

1912 Nr. 21

Spalte:

654-656

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfister, Osk.

Titel/Untertitel:

Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf 1912

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 21.

654

tag v. Augsburg 1530. 2 Tie. Lex.-8°. Leipzig, B. G.
Teubner 1911. M. 28—; geb. M. 32 —

1. Tl.: Unterfuchungen. (VIII, 546 S.) — 2. Tl.: Texte. (IV, 422 S.)

Ohne Zweifel gehört vorliegendes Werk zu den be-
deutfamften Veröffentlichungen der Auguftanaforfchung
in den letzten Jahren. 31 der wichtigften Aktenftücke
fürftlicher und ftädtifcher Herkunft werden uns in beiden
Abteilungen geboten. Zwar teilweife fchon bekannt,
manche fchon gedruckt — aber der Forfcher wird es dankbar
begrüßen, wenn er diefe Sammlung zur Hand nehmen
kann. Nicht nur ift allen Forderungen, die man heutzutage
an die Publikation folchen Materials ftellt, Rechnung
getragen; es find auch folche Aktenftücke zufammenge-
ftellt, die zur weiteren Forfchung unbedingt nötig find.
Seit K. E. Förftemanns Urkundenbuch und C. G. Bret-
fchneiders Veröffentlichungen im 2. Band des Corpus
Reformatorum das erfte derartige Werk wiederum.

Noch bedeutfamer aber wird diefes Werk, wenn wir
achten auf den Gefichtspunkt, von dem aus Gußmann
feine Forfchungen betrieben hat. Es handelt fich um
grundlegende Fragen. .Springt die Auguftana wie ein
einfamer, alles beherrfchender Gipfel unvermittelt aus der
Ebene auf, oder lagern ihr niedrigere Gebirgszüge vor'
(I, 1, 244). Das Verhältnis der Auguftana zu den ähnlichen
Schriftftücken, mit denen fich andere evangelifche
Stände zum Reichstag rüfteten, fucht Verf. zu ergründen;
erft dann läßt fich ihre allmähliche Umgeftaltung und
endgültige Redaktion befriedigend erklären. Erft dann
kann auch ihre rechte Bedeutung voll gewürdigt werden.
Damit ftellt fich Gußmann eine Aufgabe, deren Bedeutung
jeder fühlt, deren Löfung aber bis jetzt noch nicht gelingen
konnte. In neuerer Zeit hatte Hans von Schubert in
feinem überaus verdienftvollem Werk ,Bekenntnisbildung
und Religionspolitik 1529/30 (Gotha 1910)', auf Anregungen
von Kolde fußend, Vorarbeiten dazu geliefert.

Wie löft nun Gußmann feine Aufgabe? Er unter-
fucht die Vorbereitungen der Stände zum Augsburger
Reichstag. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, daß allein
die Arbeiten der brandenburgifchen Geiftlichen, die
Nürnberger und Heilbronner Bedenken famt Spenglers
,Auszug aus dem päpftlichen Rechte' eine parallele Stellung
zur Auguftana einnehmen, wozu als Ergänzung ver-
fchiedene Gutachten aus den Kreifen der einzelnen Unterzeichner
der Auguftana kommen. In einem neuen Ab-
fchnitt würdigt er nun die felbftändige Bedeutung der
einzelnen Ratfchläge, um dann ihr Verhältnis zur Auguftana
zu erörtern. Er kommt dadurch zu dem Ergebnis, daß
die Ifolierung, in der fie bis jetzt betrachtet wurde, aufzugeben
ift, daß aber gerade ihre Vorarbeiten fie um fo
hefler erftrahlen laffen.

Mit diefen methodifchen Grundfätzen kann ich mich
einverftanden erklären. Es tritt dadurch klar hervor, daß
die Vorbereitungen der kath. Stände ,die gravamina' bedeutungslos
für die aufgeworfene Frage nach der Ent-
ftehuno- der Auguftana find; ebenfo konnte die Sonder-
ftelluno- der Tetrapolitana klar zum Ausdrucke gebracht
werden. Ich verftehe auch, warum Gußmann die Haltung
der evängelifchen Stände während des Reichstages geändert
zur Darftellung gebracht hat.

Aber hätte fich nicht vielleicht das Bild lebensvoller
und wirkungsvoller geftalten können, wenn mit dem
Augenblicke, da die einzelnen Stände in Augsburg eintrafen
, eine zufammenfaffende Darftellung Platz gegriffen
hätte? Die verfchiedenen Intereffen und Richtpunkte, die
dann doch in der Unterzeichnung der Auguftana fich zu-
fammenfanden, hätten fich um fo fchärfer von einander
abgehoben.

Gußmann hat fich nicht begnügt, die einzelnen Er-
eigniffe zu gruppieren und eingehend zu fchildern; er ift
vielmehr befonders den treibenden Motiven nachgegangen
und fucht die Stellungnahme der einzelnen Stände aus
ihren Grundanfchauungen zu erklären. Hier wird es vielleicht
noch manchen Widerfpruch geben. Aber die Haltung
des Markgrafen Georg und der Reichsftadt Nürnberg hat
er richtig gewürdigt. Georg war ein religiöfer Fürft, dem
nur allzuviele Schwierigkeiten hemmend in den Weg
traten; Nürnberg fechte immer Deckung hinter andern,
man hat nicht mit Unrecht von einem ,Krämervolk'
geredet.

Daß die Forfchungen mit diefer Arbeit abgefchloffen
find, wird Gußmann felbft am wenigften behaupten. Es
ift viel, was er geleiftet hat; aber das wichtigfte feiner
Arbeit fehe ich in dem neuen Anftoß, den er der Forfchung
gegeben hat, und in der Richtung, die er ihr gewiefen
hat. Dazu ift aber unbedingt Erfchließung neuen Materials
nötig. Und daß folches möglich ift, zweifle ich nicht
im minderten. Wenn es nur wieder einem Forfcher vergönnt
wäre, ähnliche Studien zu unternehmen, wie es einft
W. Friedensburg zur Herausgabe der Gefchichte des
Reichstages von Speier 1526 möglich war. Nicht unbemerkt
möchte ich laffen, wie reiches Verdienft fich fo
mancher erwerben könnte, dem die fyftematifche Durch-
forfchung eines Archivs möglich ift. Wie bin ich felbft
dazu gekommen, den Faszikel mit der bis jetzt bekannten
Urgeftalt der Auguftana zu finden? Noch befinden fich
im Nürnberger Kreisarchiv die großen Repertorien des
alten reichsftädtifchen Archivs. Ich las den großen
Folianten der ,A Lade' durch, um jeden Akt zu notieren,
der nur einigermaßen in Betracht kommen konnte. Trotz
vieler Lücken ift genug noch erhalten. Da fließ ich auf
einen, jetzt genugfam bekannten Faszikel: ,Handlung,
ob man dem Kaifer mit Gewalt widerftehen feilte, wenn
er die Stände bedrücken feilte, weil fie den Abfchied
nicht angenommen. 1531' (S. I. L. 68 N. 6; alte Lade 127).
So wenig wie er find andere zahlreiche Akten, befonders
die über den fehwäbifchen Bund und feine Fortfetzung,
den neunjährlich kaiferlichen Bund, erforfcht, wo mehr zu
finden ift, als der Titel angibt. Leider ift es mir jetzt
nicht mehr möglich, alfe fyftematifch zu arbeiten; aber
einzelnem, fo den Noten an dem Ratfchlag der Oberländer
will ich nachgehen.

Das gedruckte und ungedruckte Material ift umfallend
benutzt. Die reichen Anmerkungen zeugen davon.
Manche überrafchende Auffchlüffe verdanken wir diefem
Studium cf. das Reutlinger Bekenntnis. Nachträge find
allerdings möglich (f. z.B. gegen I, 2, 327: Rurer war doch
in Regensburg 1541 f. M. Lenz, Briefwechfel Philipp des
Großmütigen mit Bucer. Leipzig 1891. III. S. 24) ; auch
Lefefehler find mir aufgeftoßen (I, 1, 403, Z. 18, v. 0. lies
Krebyß ftatt Kiebyß; heutzutage Krebes in Sachfen).
Aber die amtliche Neufertigung unferer bayr. Pfarrbe-
fchreibungen läßt mich nicht dazu kommen, alles im einzelnen
durchzufeilen. Auch daß zuviel geboten ift in den
Anmerkungen, kann ich nicht finden. Ein jeder wird
dankbar die Zufammenftellungen begrüßen. Befonders
möchte ich aber mein Einverftändnis damit erklären, daß
Gußmann an der älteften Literatur nicht achtlos vorübergegangen
ift. Hier ift doch mehr zu finden, als man gewöhnlich
meint.

Möge der in Ausficht geftellte zweite Band bald er-
fcheinen; mögen befonders die Akten der Reichsftädte
hier in reichlichem Maße vertreten fein. Die Nürnberger
Berichte famt den Antworten des Rates dürften fchon
längft abgedruckt worden fein.

Alfeld bei Hersbruck. Schornbaum.

Pfifter, Pfr. Dr. Osk.: Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig
v. Zinzendorf. Ein pfychoanalyt. Beitrag zur Kenntnis
der religiöfen Sublimierungsprozeffe u. zur Erklärg. des
Pietismus. (Schriften zur angewandten Seelenkunde.
Hrsg. v. S. Freud. 8. Heft.) (VI, 122 S.) gr. 8». Wien,
F. Deuticke 1910. M. 4.50