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Ausgabe:

1912 Nr. 20

Spalte:

637

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kater, Adf.

Titel/Untertitel:

Die Tragweite der sogenannten Gottesbeweise 1912

Rezensent:

Heinzelmann, Gerhard

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Seite 1

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637

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 20.

638

Die erfte der zur Befprechung vorliegenden Arbeiten ftellt
mit großer Umfleht alles zufammen, was gegen die traditionelle
Ableitung des vorchrifllichen Nazarenus von Nazareth fpricht und
was fleh zugunften einer Identifikation von Nazarenus oder Nazo-
raeus mit ayioq (Nafiräer, "t:) anführen läßt. Sie hat nicht nur
durch ihre vollftändige Sammlung eines fonft fehr zerftreuten
Materials felbftändigen Wert, fondern bringt auch an einigen
Punkten Neues. Auf die Wahrfcheinlichkeit der hier vertretenen
Hypothefe einzugehen, ift im Rahmen einer Anzeige nicht möglich,
da fie in Kürze weder zu erhärten noch abzuweifen ift. Ohne
nähere Begründung ift fie auch von Neftle (Expository Times 1908,
vol. XIX S. 523) zur Diskuffion geftellt worden; vgl. fonft die Artikel
,Nazareth' von Cheyne in der Encyclopaedia Biblica und
von Guthe in der PRE3, W. B. Smith, Der vorchriftliche Jefus
1906 S. 42 ff, Zahn im Matth. Comm. zu 2,23, zur vom Vf. beifeite-
gelaiTenen Kritik der Formen in der Textüberlieferung von Soden,
die Schriften des NT I S. 1388, Turner, J. of Th. Studies IX 1907
S. 82—84.

Dagegen nimmt die Arbeit von Wenck, übrigens eine ita-
lienifche Überfetzung eines deutfeh niedergefchriebenen Artikels,
wiflenfehaftliche Bedeutung im Sinn einer exakten Sammlung
und Prüfung des Materials oder einer neuen Problemftellung
nicht in Anfpruch. Für deutfehe Lefer ift fie neben der vom Vf.
genannten Monographie von Weinel, die Wirkungen des Geiftes
und der Geifter im apoftolifchen Zeitalter 1899, und der von ihm
leider nicht benutzten von Gunkel, die Wirkungen des heiligen
Geiftes nach der populären Anfchauung des apoftolifchen Zeitalters
und der Lehre des Apoftels Paulus 1888. 31908, ohne
jeden Wert. Der Hebräerbrief gilt S. 6 als Paulinifch.

Berlin-Steglitz. Hans von Soden.

Kater. Ob.-Lehr. Dr. Adf.: Die Tragweite der fogenannten Gottes-
beweile. (58 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1911. M. 1 —
Kater fucht in befonnener Weife den Wert und die Schranke
der fogenannten Gottesbeweife darzutun. Ihr Wert liegt darin,
daß fie ,Hinweife auf Grundmanifeftationen des Menfchengeiftes'
Interpreten unmittelbarer Bedürfniffe und Verpflichtungen des
Seelenlebens', .indirekte Wegweifer zu Gott' find (S. 55). Ihre
Schranke aber ift, daß fle fleh logifche Stringenz beilegen, die
ihnen doch fehlt (S. 49), und daß fie nicht zu dem Heilsgott des
chriftlichen Glaubens führen, ,den der fündige Menfch braucht'
(S. 51). Der Verf. befpricht nach einer kurzen Unterfuchung der
Möglichkeit einer natürlichen Gotteserkenntnis, die eigentlich
nur in einem dafür erbrachten Schriftbeweis befteht, die einzelnen
Argumente (das ontologirche, kosmologifche, teleologifche,
äfthetifche, moralifche), um dann feine Einzelergebniffe in einer
Gefamtwürdigung zufammenzufaffen. Die kritifche Stellungnahme
gegenüber den Beweifen lehnt fleh eng an Kant an. Ja, fle folgt
Kant auch da, wo diefer zweifellos felbft der Kritik bedarf, z. B.
in der Konftruktion des moralifchen Gottesbeweifes aus dem
Zwiefpalt zwifchen Tugend und Glückfeligkeit. Hier hätte die
eudämoniftifche Verunreinigung des Kantifchen Arguments nicht
von neuem mitgemacht werden follen. Bringt die Schrift auch
keine neuen Gedanken über die Bedeutung der Gottesbeweife,
fo ift fie doch zur Orientierung brauchbar und enthält den
richtigen Kanon der Beurteilung.

Göttingen. Heinzelmann.
Marth. Hauptpaft. Chriftian Frdr.: Die Wirrenrchaft der wahren
Menfchheit. (126S.) 8". Hamburg, Verlagsanftalt u.Druckerei-
Gefellfchaft m. b. H. (1911). Geb. M. 3 —

Großes unternimmt dies kleine Büchlein. Es will den Aufriß
liefern einer neuen einheitlichen Weltanfchauung, in der die
Gegenftände aller Einzelwiffenfchaften in eine Einheit zufammen-
gefaßt, in der fämtliche Bedürfniffe des Verftandes und Gemüts
befriedigt werden, in der nichts bloß geglaubt wird, fondern die
tiefften Gründe alles Seins in vollendeter Klarheit begriffen
werden. Wie erreicht es diefes hohe Ziel? Indem es ,den von
der deutfehen Philofophie betretenen Weg der Kritik, der gründlichen
Selbftbeflnnung zu Ende zu gehen' (S. 13) fleh bemüht.
Wer wollte da nicht mitgehen? Leider tritt der Verfaffer fchon
mit dem erften Schritte in den Abgrund. Das Fundament feines
neuen Syftems bildet die Wiffenfchaft vom Sein. Nach Kritik
fleht das von vornherein nicht aus. Aber wie geftaltet fleh diefe
Wiffenfchaft vom Sein? ,Die Wiffenfchaft des Seins beruht auf
der einen Grundtatfache, die fleh uns aufdrängt bei der Betrachtung
der Welterfcheinungen: Das Sein ift. In diefer einen
Tatfache liegt wie in dem Keime eine ganze Reihe von zufammen-
hängenden Tatfachen, die fleh vor unferem Auge entwickelt, und
die in der gegebenen Wirklichkeit gipfelt' (S. 19). Man follte

nicht glauben, was in diefem Satze: .Das Sein ift' alles drin fteckt
Es fteckt darin, daß es ein allgemeines und umfaffendes Sein
gibt, ein Sein, das völlig unbedingt und frei ift, das das gefamte
Dafein (Dafein im Unterfchied vom Sein bedeutet die Natur) fetzt
und beftimmt. Es fcheint auch irgendwie darin zu flecken, daß
diefes Sein ,fich uns offenbart' (oder ift hier eine neue Erkenntnisquelle
, Intuition oder dergleichen erfchloffen?) als ein Zufammen-
hang von Ganzen und Teilen, als Träger der Zahl und der Zeit,
welch letztere alfo nicht eine ,Anfchauungsform des menfehlichen
Denkens' ift, ufw. Es hat keinen Zweck aufzuzählen, welche
fonftigen Begriffe zum Teil in der feltfamften Weife aus dem
feienden Sein herausfiltriert werden, und wie das Syftem fleh
aus den ferneren grundlegenden Tatfachen, daß das Dafein da,
das Bewußtfein bewußt ift, daß das Denken das Denken denkt
(ausnahmsweife keine Tautologie), der Wille will etc. weiterentfaltet
. Selbft zu Hegels Zeiten, wo man aus der Identifikation
eines Begriffes mit feinem Gegenteil (z. B. Sein Nicht fein) lange
Entwicklungsreihen ableitete, würde man den Verfuch, aus der
Identifikation eines Begriffes mit fleh felbft, alfo einer leeren
Tautologie, eine Weltanfchauung herauszufpinnen, nicht wenig
angeftaunt haben. Sonderbar, daß folch ein Buch gefchrieben
und gedruckt werden konnte. Schon der Titel klingt wunderlich.
Iburg. W. Thimme.

Mitteilungen.

23. Apolinarii metaphrasis psalmorum, recensuit et
apparatu critico instruxit A. Ludwich1. Diefe zum erften Mal
1552 gedruckte Umdichtung der biblifchen Pfalmen im heroifchen
Versmaß und in fklavifcher Anpaffung an die Sprache Homers zu
lefen, ift ein kaum erträglicher Genuß. Man vergleiche etwa den
Pfalm 73 bei Apolinarius mit dem Luther'fchen, dem hebräifchen
oder dem Septuaginta-Text, um das Maß des Widerftrebens zu er-
meffen,das hier der Inhalt gegen die Form erhebt. Ob man dem berühmten
Laodicener Apolinarius diefe Gefchmacklofigkeit zutrauen
darf? Ludwich hat es früher auch beftritten, jetzt hat ihn das Zeugnis
des Gregor von Nazianz im Brief an Cledonius (ca. 381) von
der Echtheit überzeugt. Mir fcheint es eher dagegen zu fprechen,
und das ganze Machwerk eher dem Geifte des 5. Jhdts. ange-
meffen. Für den Theologen ift es in keiner Weife nutzbar, nicht
einmal als gelegentliches Hilfsmittel bei der LXX-Textkritik.
Daß der neue Herausgeber, der fleh feit lange mit diefen Stoffen
befchäftigt, aus dem reichen handfehriftlichen Material einen dem
Original nahe kommenden Text hergeftellt hat, bezweifle ich nicht;
in feinem Vorwort handelt er mit größter Sorgfalt über Verfaffer,
Quellen, handfehriftliche Zeugen, Interpolationen, fowie über die
bisherige dem Werk gewidmete gelehrte Forfchung. Aber über
die Technik der Spätgriechifchen Nachahmer des Homer fteht mir
kein Urteil zu.

Marburg. Ad. Jülicher.

1) Leipzig, Teubner 1912. (XXXVIII, 308S.) M.6—;geb.M.6.50

Neuelte Literatur

ausgewählt von P. Pape.

RG: Füller, HAG: The gods of Epicurus (Hibbertjourn 1912, july,
892—910). | Mondain, G: Les Malgacb.es et les faits miraculeux (Rev
ThQuestRel 1912, 4, 342—367). | Müller, FM: History of ancient Sanskrit
literature so far as it illustrates the primitive religion of the Brah-
mans. (336) 8° Lndn, Probsthain 12. s. 15 —

AT: Bacher, W: Aus der Bibelexegefe Jofeph Ibn Kaspis. Schluß
(MntfchrGefchWfchJudent 1912, 7/8, 449—455). | Boegner, A: A propos
d'Esaie 53 (RevThQuestRel 1912, 4, 368 376). | Bruston, Ch: Une
nouvelle inscription cananeenne antique (RevThQuestRel 1912, 4, 289—
308). | Burdach, K: Fault, u. Mofes. I. IL HL [Aus: .Sitzungsber. d.
preuß. Akad. d. Wiff.'] (358—789.) Lex-8" Berk, GReimer 12. 6— !
Codices graeci et latini photographice depicti duce Scatone de Vries.
Suppl. IX. Die KonUanz-Weingartner Prophetenfragmente. Einl. v. PLeh-
mann. (14 m. 79 blz. faesimile) grFol Leiden, AWSijthoff 12. f. 33.60 |
Cohen, J: Wurzelforfchgn. zu d. hebr. Synonymen d. Ruhe. (85) gr8u
Berk, Poppelauer 12. 2.50 | F f r e n c h, GE: The interpretation of prophecy
(Hibbertjourn 1912, july, 861—874). | Kent, CF: The makers and tea-
chers of Judaism: from the fall of Jerusalem to the death of Herod the
Great. (338) 8« Lndn, Hodder & S. 12. s. 5 — | Mitchell, HG, JMP
Smith, and JABrewer: A crit. a. exeget. Comm. on Haggai, Zechariah,
Malachi a. Jonah. (26, 362, 88 u. 65 S.) 8° Edinb., Clark 12. s. 12— |
Psichari, J: Lamed et'lambda (RevEtudJuiv I9l2,juill, I—29). | Troel-
stra, A: De naam Gods in den Pentateuch. (85) 8U Utrecht, GJARuys
12. f. 1.25 | Wohlgemuth, J: Das jüd. Religionsgefetz in jüd. Beleuchtg.
1. Heft. (96) Lex-8° Berk, Poppelauer 12. 2.40

NT: Bach, J: Monatstag u. Jahr d. Todes Chrifti. (52) 8° Freib.
k B., Herder 12. I_ I Bacon, BW: The Lucan tradition of the Lord's