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Ausgabe:

1912 Nr. 20

Spalte:

623-627

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mitteis, Ludw.

Titel/Untertitel:

Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde 1912

Rezensent:

Schulten, A.

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 20.

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Fifeher, Geh. Med.-Rat. Prof. Dr. Herrmann: Die Krankheit
des Apoftels Paulus. (Bibl. Zeit- u. Streitfragen.
VII.Serie, Heft4.) (28 S.) 8°. Gr.-Lichterfelde, E.Runge
1911. M. — 50

Das Heftchen fucht wieder einmal zu erweifen, daß
Paulus doch an Epilepfie gelitten hat und wendet fich
gegen Seligmüller, der eine Epilepfie für unwahrfchein-
lich hält. Was ich bei einer Befprechung jener Arbeit
(f. Theol. Lit.-Ztg. 1911 Sp. 236) ausgeführt habe, gilt auch
für die Fifcherfche Brofchüre. Bei der Spärlichkeit der
Nachrichten, der Unklarheit der Bilderfprache (die Fifcher
felbft zugibt) werden wir nie zu einer definitiven Löfung
diefer Frage gelangen, weil die wenigen Notizen, die
uns von der Krankheit Kunde geben, eben ganz verfchieden
gedeutet werden können.

Im Gegenfatz zu Seligmüller glaubt Fifcher, daß bei
Paulus zwar keine intellektuellen Defekte, aber gemütliche
Schwächezuftände und eine zunehmende Nervofität auftrat
. Diefe will er als Beweis für die Epilepfie heranziehen.
Aber alles was er in diefer Richtung anführt, fpricht
ebenfofehr für Hyfterie oder eine angeborene degenerative
Anlage, wie für Epilepfie. Inkonfequent ift Fifcher auch
darin, daß er zwar das Vorhandenfein einer Epilepfie,
die zu Krämpfen und zu Deppreffions- und gemütlichen
Schwächezuftänden führt, annimmt, aber dabei doch aus-
fchließen will, daß das Ereignis vor Damaskus das
pfychifche Aequivalent eines epileptifchen Anfalls war.
Diefer Beweisführung kann man als Mediziner nicht mehr
folgen. Wenn ich von einem Menfchen weiß, daß er
periodifch auftretende Krampfanfälle, Attaken vonfeelifcher
Depreffionjähzorn und zunehmende gemütliche Schwächezuftände
hat, fo muß ich die weitere Schlußfolgerung
machen, daß die Behauptung diefes Menfchen, er habe
mehrmals göttliche Erfcheinungen gehabt und die Stimme
des Herrn gehört, ebenfalls durch einen Anfall feiner
Krankheit zu erklären ift. Diefer Schlußfolgerung auszuweichen
, wenn man die Vorausfetzung — das Beliehen
einer Epilepfie — als richtig annimmt, ift gekünftelt
und unlogifch.

Der ganze Streit um die Krankheit des Apoftels
Paulus beruht aber auf der falfchen Annahme, daß alle
Leute, die gelegentlich an epileptifchen Anfällen oder
an einem anderen epileptifchen Symptom leiden, auch
Epileptiker find. Wir wiffen heute, daß einzelne Symptome
der Epilepfie bei allen möglichen Zuftänden auftreten
können.

Aber nur die Krankheit dürfen wir als echte Epilepfie
bezeichnen, bei der periodifche Anfälle mit Bewußtfeins-
verluft und periodifche Dämmerzuftände eintreten und
die allmählich zu einer eigenartigen Charakterveränderung
und Verblödung führt. An diefer echten Epilepfie hat
aber weder Paulus, noch Napoleon, noch Helmholtz, den
Fifcher auch als Epileptiker bezeichnet, gelitten. Ob
aber bei diefen großen Männern eines oder das andere
an Epilepfie erinnernde Symptom gelegentlich aufgetreten
ift, hat für die Beurteilung ihres Charakters und ihrer
Leiftungen keine Bedeutung.

Chemnitz. Weber.

Mitteis, Ludw., u. Ulr. Wilken: Grundzüge u. Chreftomathie
der Papyruskunde. 2 Bde. in 4Hlbbdn. Lex. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1912. M. 40—; geb. M. 48—

L Bd. Hiftorifcher TL I. Hälfte : Grundzüge v. W. (LXXII, 437 S.)
M. 12 —; geb. II 14 —. — 2. TL: Chreftomathie v. W. (VIII, 579 S.)
M. 14 —; geb. M. 16—.

II. Bd. Juriftifcher TL I. Hälfte: Grundzüge v. M. (XVIII, 298 S).
M. 8 —; geb. M. 10 —. — 2. Hälfte: Chreftomathie v. M. (VI, 430 S.)
M. 12—; geb. M. 14—.

Das Erfcheinen diefes Werkes wird von allen, die
der Papyruskunde näher und noch mehr von denen, die

I ihr ferner flehen, mit großer Freude begrüßt werden.
Denn es ermöglicht zum erften Male eine vollkommene
Orientierung auf diefem ebenfo wichtigen wie fchwierigen
Gebiet. Die kleinen, bisher vorliegenden Führer (Wilcken:
Griechifche Papyri, 1897 und Mitteis: Aus den griechifchen
Papyrusurkunden, 1900) konnten bei ihrer Kürze nur ein
Hinweis, keine Einführung fein.

Das Schwergewicht der 4 Bände liegt befonders für
den den Papyri ferner Stehenden in den beiden erften,
von Wilcken verfaßten Bänden. In ihnen hat W. ein

i Handbuch gefchaffen, wie es die doch foviel ältere Epi-
graphik nicht befitzt. Man vergleiche nur einmal Larfelds

I formlofe griechifcheEpigraphik mit diefemWerk! Seit feiner
Differtation(Observationesadhistoriam Aegypti provinciae

j romanae, Berlin 1885) hat fich W. faft ausfchließlich mit
Ägypten und feinen Papyri befchäftigt und ift auf diefem
jüngften, erft feit30jahren erfchloffenenGebiet desAltertums
der Meifter und Führer geworden. Wie bei feinem Lehrer
Mommfen, der nur das römifche Altertum, aber diefes
bis in die entlegenften Winkel hinein beherrfchte, kann
man auch bei W. fehen, daß die Einfeitigkeit die wahre
Vielfeitigkeit ift. W. hat, um nur feine wichtigften Arbeiten
zu nennen, in feinen ,Oftraka' auf Grund der auf
Tonfeherben (Oftraka) gefchriebenen Quittungen und der
Papyri eine Darftellung des ägyptifchen Steuer- und
Finanzwefens gegeben, die fich Böckhs klaffifchem Werk
über den athenifchen Staatshaushalt an die Stelle ftellen
darf. In dem ,Archiv für Papyrusforfchung' hat er
der jungen Wiffenfchaft ein Organ gefchaffen. Er bereitet
jetzt eine Sammlung fämtlicher ptolemäifchen Urkunden
vor.

In der Einleitung werden als Gegenftand der Papyruskunde
die griechifch und lateinifch gefchriebenen ,Ur-
kunden' bezeichnet. Die literarifchen und die orientalifchen
Papyri find aber ausgefchloffen. Dabei ift ,Urkunde' im
Sinn von Schriftftück verftanden — denn die privaten
Briefe und die Schreibungen eines Abc-Schülers und
ähnliches werden eingerechnet — und vielleicht hätte
Wilcken beffer definiert: ,die auf Papyrus geschriebenen
griechifchen und lateinifchen Texte mit Ausfchluß der
literarifchen Papyri'. Wie die Epigraphik und die mittelalterliche
Diplomatik ift die Papyruskunde keine eigene
Wiffenfchaft, fondern eine Hilfswiffenfchaft, und ihre Aufgabe
: ,die neuen Materialien in die verfchiedenen, hiftorifch
arbeitenden Wiffenfchaften hinüberzuleiten', womit die
Philologie, alte Gefchichte und Theologie gemeint ift.
Was die Theologie den Papyri verdankt, zeigen befonders
die Arbeiten von Deißmann.

Abgefehen von älteren, ganz fporadifchen Funden
beginnt die Papyruskunde erft mit den großen Funden
aus den Kehrichthaufen der antiken Städte des Fayüm
(1877). Sie ift mit den 1899 beginnenden zuerft von
englifchen Gelehrten unternommenen, wiffenfehaftlichen
Grabungen nach Papyri in ihr jüngftes Stadium getreten.
Außer den Müllhaufen entflammen die neuen Maffen von
Papyri den aus Papyri hergeftellten Kartonnagefärgen
und Mumienhüllen. Die fo gewonnenen Schätze find zum
größten Teil nach London, Oxford, Paris, Wien, Berlin
gekommen, kleinere Beftände über die ganze Welt zer-
ftreut. Bei dem fortwährenden und ftarken Zuwachs ift
die Zeit zur Herausgabe eines .Corpus Papyrorum' noch
lange nicht gekommen und es ift fehr fraglich, ob es
jemals ein folches geben wird. Angefichts der Tatfache,
daß nicht einmal die von der Berliner Akademie unternommene
Sammlung der griechifchen Infchriften in vollem
Umfang hat durchgeführt werden können, und daß ein
Corpus Nummorum, das, als Sammlung aller verfchiedenen
Münzftempel gefaßt, den Vorteil einer faft abgefchloffenen
Materie hatte, ein frommer Wunfeh geblieben ift, fcheint
mir das Corpus Papyrorum eine fehr zweifelhafte Sache.

In dem Kapitel über die Schrift beklagt W. mit
Recht, daß Epigraphik und Papyruskunde nicht mehr
zufammenarbeiten, wo doch beide mit derfelben, nur durch