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Ausgabe:

1912 Nr. 1

Spalte:

596-597

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mayor, Alfred

Titel/Untertitel:

Mary Baker Eddy et la Science chrétienne (Scientisme) 1912

Rezensent:

Hoffmann, Richard Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 19.

Herzog Chriftophs. Für fie ift am meiften charakteriftifches
Neues herausgekommen. Vor allem hat fich ergeben,
daß die Ausfcheidung der für das Kirchengut beftimmten
Befitztümer, die bis dahin in weltlichen Händen gewefen
waren, keineswegs fo genau gewefen und daß insbefondere
den reichen Pfarreien noch manches abgenommen worden
ift. Hier dürfen wir vielleicht von weiteren Forfchungen
noch anfchaulichere Ergebniffe erhoffen. —

Sodann hat der Verf. feftgeftellt, daß die Überfchüffe
aus der Verwaltung der 14 großen .Mannsklöfter' nicht,
wie bisher angenommen worden war, in den .allgemeinen
Kirchenkaften', fondern in ein befonderes Klofterdepofitum
hoffen, von deffen Verwendung der Herzog die Land-
ftände ebenfo vollftändig ausfchloß als die Kirchenmänner.
Erft unter feinen Nachfolgern wurde das anders, aber
nicht zum Nutzen des Kirchenguts. Denn wenn nun die
Grenzen zwifchen dem Depofitum und dem Kirchengut
mehr und mehr verwifcht wurden, fo mußte der Kirchenkaften
, den fchon Chriftoph für die Aufgaben des Hofs
und Landes ftark in Anfpruch genommen hatte, um fo
mehr für diefe Zwecke herhalten. Zugleich macht der
Verf. fehr zutreffend darauf aufmerkfam, daß mit der
Bildung des gemeinen Kirchenkaftens der Herzog viel
ftärker von den Landftänden abhängig wurde, als fein
Vater. Eben darum hat auch fein zweiter Nachfolger,
Herzog Friedrich (1593—1608), ein Mann von fcharfem
fürftlichem Selbftgefühl, rückfichtslos in den Kirchenkaften
eingegriffen, um fich die Stände vom Leib zu halten.

Ich enthalte mich, meine Bedenken gegen einzelne
untergeordnete Punkte, wie die allgemeine Faffung des
Satzes, daß nach mittelalterlicher Anfchauung die Kirchengüter
eines Territoriums fürftliche Kammergüter gewefen
feien, näher auszuführen, möchte vielmehr zum Schluß nur
noch auf einige intereffante Einzelheiten hinweifen, die fich
nebenher ergeben haben. So auf die Statiftik über den Anteil
, den der Herzog, die geiftlichen Inftitute, der Adel, die
Untertanen des Herzogtums und auswärtige Herrfchaften
am Ende des Mittelalters an den Pfründen des Landes I
hatten (S. 9: andere Territorien S. 11), dazu die Änderungen
des Beftandes der geiftlichen Stellen unter Herzog
Ulrich (S. I4f). Ebenfo aber auch auf die ausgezeichneten
Unterfuchungen, die derfelbe Verfaffer jüngft in den 1
Befchreibungen der württembergifchen Oberämter Urach
(1909) und Münfingen (1912) über die dortigen kirchlichen
Verhältniffe, insbefondere über die ältefte Organifation
der Pfarrfprengel und ihre Kirchen im Oberamt Münfingen
gegeben hat (S. 357—361). Das find Unterfuchungen, die I
auch für andere Gegenden anzuflehen wären!

Tübingen. Karl Müller.

Lang, Dompred. Prof. D. A.: Zwei Calvin-Vorträge: Rechtfertigung
und Heiligung nach Calvin; Calvin u. der moderne
Gemeindegedanke. (Beiträge zur Förderg. chriftl. Theologie
. 15. Jahrg. 1911. 6. Heft.) (64 S.) 8°. Gütersloh
, C. Bertelsmann 1911. M. 1.20

Die zwei Vorträge wurden bei der Hauptverfammlung
des Reformierten Bundes in Detmold, fowie bei dem damit
zum erftenmal verbundenen Ferienkurfe am 22. und 23.
Auguft 1911 gehalten. Der Verf. hat es verftanden, feine
gründliche Kenntnis der Gedankenwelt Calvins in den Dienft
der religiöfen und kirchlichen Unterweifung der Gegenwart
zu ftellen.

Im erften Vortrag weift L. nach, wie Calvin die ur-
fprünglichen Motive des Rechtfertigungserlebniffes Luthers
in kongenialem Verftändnis ergriffen und durchgeführt hat.
Damit ftellt fich Calvin auf den Boden der Rechtfertigung
und Heiligung neben Luther als gleichwertiger, echt evan-
gelifcher Reformator dar. Zum andern zeigt L. wie Calvin
die Linien der lutherifchen Grundauffaffung auch nach
der ethifchen Seite hin konfequent verlängert und auf der
Grundlage der inneren Einheit von Rechtfertigung und I

Heiligung einen neuen Typus evangelifchen Chriftentums
gefchaffen hat, der dem konfeffionell lutherifchen auch in
der Heilslehre ergänzend zur Seite tritt (7—36).

Im zweiten Vortrag begegnet fich L. mit Ed. Simons
in dem Urteil, daß feit der urchriftlichen Zeit keiner fo
nachdrücklich wie Calvin den Gedanken der Gemeinde
zur Geltung gebracht hat. Nach der impulfiven Bahnbrecherarbeit
Sulze's fei es nun Zeit, eine Definition des
evangelifchen Gemeindebegriffs zu geben, die zugleich
allen wiffenfchaftlichen Anfprüchen genügt und für die
Not der Gegenwart fruchtbar gemacht werden kann.
Calvin liefert uns die beften Beiträge zu einer folchen
Definition, die L. in folgenden Sätzen formuliert: ,Ge-
meinde ift die örtliche Zufammenfaffung aller Glieder der
auf Gottes Wort und die Sakramente begründeten und
durch fie zufammengehaltenen chriftlichen Kirche, welche
demfelben Glaubensbekenntniffe anhängen, an den Ge-
meindegottesdienften und der Sakramentsverwaltung regelmäßig
teilnehmen, fowie einen von offenbaren Laftern
freien, oder doch nach der Befreiung ftrebenden chriftlichen
Wandel führen. Die Gemeinde ftellt unter ihrem
Oberhaupt Chriftus eine Lebensgemeinfchaft dar, welche
fort und fort daran arbeitet, fich immer mehr als eine
gottesdienftliche, Erziehungs-, Seelforge- und Zucht-, fowie
endlich als Liebesgemeinfchaft auszugeftalten' (56).

Der Wert der Vorträge liegt in der Virtuofität, mit
welcher der Verf. Calvins dogmatifche, ethifche und
kirchliche Gedanken für die Gegenwart zu verwenden weiß,
— ein Verdienft, das durch einzelne anfechtbare Äußerungen
nicht beeinträchtigt wird (S. 46—47 bringt den
Grundgedanken eines Smend'fchen Vortrags auf einen
Ausdruck, in dem der Verf. fich fchwerlich wiederfinden
wird; S. 58 wird die Bemerkung über ,die Prinzipien einer
echtproteftantifchen Staatsauffaffung' wohl begründete Bedenken
erregen). — Zur Charakteriftik der calviniftifchen
Frömmigkeit in ihrem Verhältnis zum Pietismus und Methodismus
gibt der Schluß des erften Vortrags einige, für
die Religionspfychologie und die Konfeffionskunde beachtenswerte
Anregungen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Mayor, Alfred: Mary Baker Eddy et la Science chretienne

(Scientisme). (VIII, 295 S. m. Bildnis) 8 °. Neuchatel,
Delachaux & Nieftle S. A. 1912. fr. 3 —

Wir haben hier eine flott gefchriebene, kritifche Biographie
der berühmten ,Mutter' der amerikanifchen .Kirche
der chriftlichen Wiffenfchaft' vor uns, der man nur
wünfchen könnte, daß fie einen deutfchen Überfetzer fände.
Der Verf. zeigt gründliche Beherrfchung feines Stoffes
und weiß aus guten Quellen manch intereflantes Detail
beizubringen. Er hat einen scharfen Blick für die zahlreichen
Charakterfchwächen der großen Frau, ihre Herz-
lofigkeit dem einzigen Sohne gegenüber, ihre Prozeßfucht,
Habfucht und Herrfchfucht. Ein feiner, leifer Spott zieht
fich durch feine Darftellung, der oft nicht übel angebracht
ift, gelegentlich freilich der unleugbaren Größe der Mrs.
Eddy nicht ganz gerecht wird. Der Verf. zeigt mehrfach,
wie fie es mit der Wahrheit nicht immer genau genommen,
wie fie z. B. das erfte Genefungswunder, das fie erfahren,
fpäter aufgebaufcht und anderfeits ihre ftarke Abhängigkeit
von ihrem Lehrer Quimby, dem fie die wefentlichften
ihrer Ideen verdankte, hinterher zu verfchleiern gebucht
hat. Mayor betont mit Recht, daß ihre ausgeprägte
Hyfterie den Schlüffel zum Verftändnis vieler ihrer Handlungen
wie ihrer Leiden bildet, dabei ift ihm nur das eine
entgangen, daß auch die ftarken Gedächtnisfchwankungen
in der Wiedergabe erlebter Dinge von hier aus fich bei
ihr erklären.

Sehr intereffant ift die Schilderung des wahrhaft
drakonifchen und abfolutiftifchen Regiments, das fie
unter ihren fie größtenteils vergötternden Anhängern ausüben
durfte. Man fragt fich unwillkürlich: war denn unter