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Ausgabe:

1912

Spalte:

577-578

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deussen, Paul

Titel/Untertitel:

Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahabharatum 1912

Rezensent:

Franke, R. Otto

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Fortgeführt von Professor D. Arthur Titius und Oberlehrer Lic. Hermann Schuster

Jährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich 9 Mark

Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find ausfchließlich an , _ ,

37 Jahre Nr. 19 Profeffor D. Titius in Göttingen Nikolausbcrger Weg 66, rufenden. 14. SepteiTlDer 1912

s_»/„ UCU.XJ.g. xnx« Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Deuffen, Der Gefang des Heiligen (Franke).
d'Ollone, de Fleurelle, Lepage, de Boyve:
Recherches sur les Musulmans chinois (Haas).
Möller, Wider den Bann der Quellenfcheidung

(Nowack).

Gray and Peake, A critical and exegetical
Commentary of the Book of Isaiah (Lohr).

Revue des Etudes Juives, Nr. 125 (Bacher).

Bennett and Adenay, A biblical Introduction
(V. Bauer).

Swete: The Holy Spirit in the New Testament
(Wende).

Eiert, Die Religiofität des Petrus (Fiebig).
M. Minucii Felicis Octavius(Hans v. Soden).
Sefan, Kirche u. Staat im römiich-byzaiitifchen
Reiche (Ph. Meyer).

Groll, Die Elemente des kirchlichen Freiungs-

rechtes (v. Srbik).
Sufta, Die römifche Kurie und das Konzil v.

Trient unter Pius IV (Benrath).
Ernft, Die Entftehung des wiirttembergifchen

Kirchenguts (Karl Müller).
Lang, Rechtfertigung und Heiligung nach Calvin;

Calvin und der moderne Gemeindegedanke

(Lobftein).

Mayor, Mary Baker Eddy et la Science chre-

tienne (R. A. Hoffmann).
Richter, Religionsphilofophie (E. W. Mayer).
Hunzinger, Das Wunder (Johannes Wendland).
Hold von Ferneck, Die Idee der Schuld (A.

Köhler).

Das Leben Jehl Chrifti in Predigten berühmter
Prediger, hrsg. v. O. Lebrecht (Schian).

Monumenta Germaniae Paedagogica. Bd. XLIX
Dokumente z. Gefch. d. humanift. Schulen in
d. bayer. Pfalz, 2. Bd. (Knoke).

Pfeifer, Ethik in der Volksfeinde (Niebergall).

Referate :Marmorftein, Religionsgefchichtliche
Studien. — Pfleiderer, Die Vorbereitung des
Chriftentums in der griechifchen Philofophie.
— Monod, Noüvelles esquisses de morale
evangelique. — Bibelblatt der Preußifchen
Hauptbibelgefellfchaft 5. Jahrgang. — Heffel-
bacher, Aus der Dorfkirche. — Felden,
Grundriß eines modernen Religionsunterrichts.

Mitteilungen: (22) Eine neue Quirinius-Infchrift.

Wichtige Rezenfionen. — Neuefte Literatur.

Deullen, Prof. Dr. Paul: Der Gelang des Heiligen. Eine
philofoph. Epifode des Mahäbhäratam. Aus dem San-
krit überf. (XXIV, 132 S.) S«. Leipzig, F. A. Brockhaus
1911. M. 3—; geb. M. 4 —

,Der Gefang des Heiligen' ift jenes bekannte zugleich
tief philofophifche und poetifche Stück des Sanskrit-Epos
Mahäbhärata (Buch VI, Kap. 25—42), das im Original
Bhagavadgitä, sc. upanisad, heißt: ,die vom Erhabenen
gelungene Upanisad'. Die Upanisaden find eine im letzten
jahrtaufend vor Chr. einfetzende Literaturfchicht philo-
fophifchen Inhaltes, die zu den letzten Ausläufern der
Veda-Literatur gehört. Im Unterfchied zu den gewöhnlichen
Veden-Upanisaden haben wir hier eine dem Epos
eingefügte Upanisad vor uns. Die Philofophie, die fie (und
das Mahäbhärata überhaupt) enthält, ift nach Deuffens
Auffaffung eine Übergangsform von der eigentlichen Upani-
saden-Lehre, der Lehre von der alleinigen Realität des
Atman (der Weltfeele), zum Sämkhya, dem dualiftifchen
Syftem, nicht aber eine Mifchung aus beiden Philofophien
(S. XVII f. und S. VII). Deuffens Wiedergabe des Titels
fcheint uns nicht billigenswert. Krsna, der mit dem ,Hei-
ligen' gemeint ift, ift die inkarnirte Üniverfalgottheit. Mit
,heilig'& pflegen wir einen anderen Begriff zu verbinden.
Den Text der Verfe hat D. in ganz gut klingende Profa
überfetzt. Der Überfetzung geht eine informierende kurze
Einleitung voraus und folgt ein Regifter, das Sachliches,
Namen und Termini enthält. Nur diefe Einleitung und
diefes Reoqfter find neu; die Überfetzung felbft ift ein
Wiederabdruck von D.s Bhagavadgitä-Überfetzung, die er
als Teil (S 31—107) feiner ,Vier philofophifchen Texte
des Mahäbhäratam .., in Gemeinfchaft mit Dr. Otto
Strauß aus dem Sanskrit überfetzt' im felben Verlag 19x06
erfcheinen ließ Nur fehr vereinzelt find kleine Änderungen
des Ausdrucks angebracht. Eine Bemerkung über diefen
Sachverhalt, wie man fie vielleicht erwarten dürfte, finden
wir nirgends in der vorliegenden Neuausgabe. Auch fonft
ift die Bhagavadgitä fchon oft überfetzt, z. B. von K. R.
S. Peiper Leipzig 1834, Franz Lorinfer Breslau 1869, Rob.
Boxberger Berlin 1870 (in Reimen; eine Probe in Profa
Erfurt 1863), Kashinath Trimbak Telang Oxford 1882
(F. Max Müllers Sacred Books of the East Vol. VIII),
R. Garbe Leipzig 1905, und zahlreichen Anderen. An-

gefichts der Wichtigkeit und Schönheit des Werkes wird
aber Niemand Etwas gegen eine neue Überfetzung aus
der Hand desjenigen Gelehrten einwenden wollen, der am
meiften dafür getan hat, den Europäern den Zugang zu
der pantheiftifchen Philofophie Indiens zu öftnen und ihr
Verftändnis zu fördern.

Daß unfere Überfetzung in allen Hauptfachen dem
Inhalt des Originals gerecht wird, braucht als bei D.
felbftverftändlich kaum befonders hervorgehoben zu werden
. Eher könnte man fchon kleine Ungenauigkeiten,
Verfehen und Ungefchicklichkeiten auffällig finden, von
denen einige vielleicht zwecks Nachprüfung und Ver-
befferung in einer zweiten Auflage dem Herrn Überfetzer
genannt werden dürfen.

pratäpavän I, 12 ift wohl nicht ,der Bußereiche', fondern ,der
Majeftättfche' oder ,Mächtige'. Des Gottes Kisna Behendes Epitheton
hysikes'a mit ,der Struppige' wiederzugeben, Verfloßt doch wohl ein
klein wenig gegen den Gefchmack. Das ftarke und fchöne Haar wird an
den indogermanischen Gottheiten fehr oft gerühmt, und diefem Sinne ift
die Bedeutung des Wortes offenbar irgendwie anzupaffen (vorausgefetzt
natürlich, daß die in ganz anderer Richtung liegende Kommentarerklärung
zu ignorieren ift, wie fie auch D. ignoriert hat), ghnato pi I, 35 heißt
,auch wenn fie töten', nicht: ,follte ich auch felbft getötet werden'. Indirekt
ließe fich freilich auch letzterer Sinn herauslefen, aber es kommt
hier nicht auf das ,mich', fondern auf das .töten' an. In I, 38 ift kulak-
sayakrtam dosam nicht .welche Schuld wir durch Vernichtung unferer
Familie auf uns laden', fondern ,. . . fie . . .'. II, 43 kämätmänah nicht
,111 Werken befangen', fondern ,nach Genuß ftrebend' oder ähnlich.' IV, 6
prakrtim svam adhisthaya nicht .indem ich eingehe in meine eigene
X atur', fondern doch wohl .geftützt auf meine Natur', ,kraft meiner Natur'.
XI, 23 bahudamstrakarala nicht .deine vielen klaffenden Zähne', fondern
,bei welcher (deiner Geftalt der Mund) von den vielen Fangzähnen
klafft', nnd 25 damstrakaraläni ca te mukhäni uicht ,deiue Münder
mit klaffendem Gebiß', fondern .deine von Fangzähnen klaffenden Münder'.
Entfprechend dann auch in 27. XVIII, 30 bhayabhaye nicht ,zu fchauen
und nicht zu fchauen', fondern .Gefahr und Nicht-Gefahr'. In den Kapitel-
Lnterfchnften hat D. die Worte .Kapitel mit dem Titel' des Originales
immer ausgelaufen. Aber weder von der logifchen noch von der äfthe-
tifchen Seite find Unterfchriften wie: ,So lautet in der Bhagavadgitä die
Verzagtheit des Arjuna' ftatt ,das Kapitel mit dem Namen »die Verzagtheit
des A.«' zu billigen. Die Wendung ,voll und ganz', die fogar wiederholt
vorkommt, z. B. S. XIV und 123, wirkt in einem poetifch-philofo-
phifchen Werke noch furchtbarer als in der Zeitung. Derartige ganz
vereinzelte Verfehen oder diskutable Dinge wiegen aber leicht im Verhältnis
zum guten Ganzen.

Königsberg i/Pr. R. Otto Franke.

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