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Ausgabe:

1912 Nr. 2

Spalte:

35-36

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rießler, Paul

Titel/Untertitel:

Die kleinen Propheten oder das Zwölfprophetenbuch nach dem Urtext übersetzt und erklärt 1912

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 2.

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faßt, deren Verftändnis bekanntlich noch immer große
Schwierigkeiten zu überwinden hat. Nimmt man dazu
den fragmentarifchen Charakter der Tafeln und die vielfach
fehr fchlechte Befchaffenheit felbft des erhaltenen
Textes, und vergegenwärtigt man fich zugleich, daß nur
bei wirklichem Eindringen in den Sinn des Textes die
Anfertigung einer guten Kopie denkbar ift, fo verdient
die vorliegende Ausgabe volles Lob.

Leider ift nur die alte Philadelphiaer Gepflogenheit,
die Originalgröße der einzelnen Keilzeichen in den Kopien
peinlich genau einzuhalten, trotz der Bedenken, die dem
Verfaffer felbft gekommen find (vgl. Preface) auch hier
wieder befolgt worden. Es wäre recht zu wünfchen, daß
diefe Unfitte, die dem Lefer die Augen ruiniert und eine
photographifche Reproduktion doch nie erfetzen kann,
bei fo eng gefchriebenen Texten in Zukunft aufgegeben
würde. —

Die letzten 7 Texte (Nr. 12—18, anfcheinend aus
Sippar), die fämtlich in femitifcher Sprache abgefaßt find,
flammen aus der Zeit Affurbanipals (668—Ö26v.Chr.), deffen
Bruder, der bekannte unglückliche Samassumukin, König
von Babylon, in einigen von ihnen felbft als Beter auftritt.

Dem Inhalt nach find die Texte des ganzen Bandes
als ,Hymnen und Gebete' in 2 Gruppen geteilt, die fich
freilich nicht überall ftreng fondern laffen werden. Bei
den fumerifchen Texten ift, zumal bei ihrer fragmentarifchen
Befchaffenheit, ein Urteil in vielen Fällen noch nicht
möglich. Doch fcheinen Hymnen an Innanna, Gifch-
dar, Nina, Mullil, NIN-IB vorzuliegen, während die Gebete
großenteils an Schamafch gerichtet find.

Als einen Vorzug des Myhrmanfchen Bandes möchte
ich es bezeichnen, daß hier zum erften Mal von der traditionellen
,Überfetzung einiger ausgewählter Texte' Ab-
ftand genommen ift. Was wir dringend brauchen, find
fchnelle und zuverläffige Publikationen, die es einer größeren
Anzahl von Fachleuten ermöglichen, den Inhalt
der Texte zu verwerten. Dagegen muß das perfönliche
Intereffe des Herausgebers zurücktreten, fo fchwer es ihm
bisweilen werden mag, fein Material aus der Hand zu
geben. Gerade das lange Hinziehen der älteren Philadelphiaer
Keilfchriftpublikationen hat mehrfach zu berechtigten
Klagen geführt. Wenn Myhrmans Band hierin
vorbildlich wirken follte, fo wäre dies allein fchon ein nicht
zu unterfchätzendes Verdienft feiner vortrefflichen Arbeit

Heidelberg. Ranke.

Rießler, Prof. Dr. Paul: Die kleinen Propheten oder das
Zwölfprophetenbuch nach dem Urtext überfetzt und
erklärt. (VI, 294 S.) gr. 8°. Rottenburg, W. Bader 1911.

M- 5 — i Seb- M. 6 —
Die Unterfuchung der Prophetenfchriften hat in den
letzten Jahren in zweifacher Hinficht Fortfehritte gemacht:
in dem Verftändnis des religionsgefchichtlichen Zufammen-
hangs mit den außerifraelitifchen Erfcheinungen und in
der formal-ftiliftifchen Erkenntnis des prophetifchen Einzel-
fpruchs. Mit diefen beiden Dingen befchäftigt fich R.s
Kommentar weniger. Dagegen ift er mufterhaft in der
Erforfchung des Textes und macht in der literarkritifchen
Frage der Kompofition der ganzen Schriften neue beachtenswerte
Vorfchläge. Seine gründliche Befchäftigung
mit dem Text zeigt, daß hier noch manches zu holen
ift und daß die Vernachläffigung diefes Gebiets durch
den Gewinn der religionsgefchichtlichen Forfchung nicht
ausgeglichen wird. Im Gegenteil hat man beim Durchfeilen
diefes Kommentars den Eindruck, daß der Fort-
fchritt in nächfter Zeit in der foliden Beobachtung der
Textworte liegen wird. So bringt der Kommentar von
R. trotz der vielen vorhandenen Kommentare über die
Zwölfpropheten wirklich einen namhaften Ertrag für die
Wiffenfchaft.

Seine Textkorrekturen find zahlreich. Er folgt aber
dabei einer ftrengen Methode. Wo der Text verderbt

erfcheint, wird die Septuaginta zu Rate gezogen, der
R. einen bedeutenderen Wert beimißt, als meift gefchieht;
ferner wird als Fehlerquelle die Tachygraphie erkannt,
die Gewohnheit textlicher Abkürzungen in den antiken
Handfchriften, die fpäter falfch oder gar nicht aufgelöft
wurden; endlich fchließt fich R. der hafjptfächlich von
Roft vertretenen Stichwörtertheorie an. So legt R. manche
beachtenswerte Korrektur vor; wenn einem z. B. in
Mal. 3, 23 die /Bekehrung der Väter zu den Söhnen'
immer zu fchaffen machte, wird man den Vorfchlag von
R. mit Intereffe begrüßen. Man hat nie den Eindruck
der Willkür, fondern der liebevollen Verfenkung in die
Buchftaben des Textes und der Verfionen und in die
Gewohnheiten der Schreiber.

Eigenartig und frei ift die Art, wie R. fich die lite-
rarifche Kompofition denkt. Zu dem meift vom Propheten
felbft verfaßten Grundftock wurden fpäter Parallelen
aus feinen anderweitig überlieferten Reden hinzugefügt;
weitere Ergänzungen brachten Heilsreden, Stücke gleichen
oder ähnlichen Inhalts und Noten oder Scholien zum
Textbeftand hinzu. So ift z. B. Hof. 3, ia. 2—4a der
Grundftock der Ehegefchichte Hofeas, urfprünglich der
Anfang feiner Prophetenreden; Kap. 1 f. enthalten Parallelen,
Belege u. ä., ftanden anfangs am Rand und kamen fpäter
in den Text, und zwar vor das 3. Kap., um den Zu-
fammenhang zwifchen Kap. 3 und 4 nicht zu zerreißen.
Die Auffaffung des Weibes als Hurenweib (1,2) beruht
auf fpäterem Eintrag eines Gloflätors. R. glaubt, daß die
Prophetenfchriften ftark überarbeitet wurden; er denkt
fich den Prozeß der Überarbeitung eingehender aus als
fonft üblich ift und geht in der Annahme von Gloffen,
Noten, Einarbeitung von Heilsftücken u. dgl. ziemlich
weit. Andererfeits ermöglicht ihm diefe literarkritifche
Methode zahlreicher Einfchaltungen zuweilen, den Haupt-
verfaffern größere Beftände zuzuweifen. Micha z. B.
fchreibt er auch Kap. 6f. zu; in Sacharja trennt er nicht
zwifchen Kap. 1—8 und 9—14, fondern nimmt einen
einzigen, langlebenden S. an, nur mit Ausfchaltung zahlreicher
Stücke, die entweder aus einer früheren Periode
des S. oder, von einem unbekannten Autor herrühren;
ähnlich urteilt er über Habakuk (60g—561) oder Joel
(zwifchen 580 und 550). Das Büchlein Jona' verfetzt er
in fpäte Zeit und fieht darin eine religiös-didaktifche, für
Profelyten berechnete Erzählung, vermutlich von einem
i Profelyten gefchrieben (vgl. vielleicht Jonäh und Jonier).

In der Überfetzung find die verfchiedenen Beftand-
teile gekennzeichnet; durch den Sperrdruck des Grund-
ftocks, der nicht fehr umfangreich ift, treten die wert-
vollften Stücke heraus. Die dem überfetzten Abfchnitt
folgende Erklärung hält fich in allgemeineren Zügen, begründet
das literarkritifche Urteil, gibt die gefchichtliche
Situation u. dgl. Überall geht der Verf. mit felbftändiger
Sicherheit vor.

Tübingen. Volz.

The Cambridge Bible for Schools and Colleges. Cambridge,
University Press.

An Introduction to the Pentateuch by A. T. Chapman, M.A.
(XX, 339 S.) 8«. 19"- s. 3.6

The Book of Exodus. In the Revised Version by the Rev. S. R.
Driver, D.D. (LXXII, 443 S-) 8°- '9"- s. 3.6

The Book of Numbers. In the Revised Version. With Introduction
and Notes by A. H. McNeille, D.D. (XXVII, 196 S.)
8". 1911. s. 2.6

Ein halbes Hundert der hellblauen Bändchen find
nun erfchienen — hellblau ift die Farbe von Cambridge,
dunkelblau die von Oxford, die zumal bei dem jährlichen
Wettrudern auf der Themfe hervortreten — und
erftmals nun eines, das keinen Bibeltext enthält, fondern
ausfchließlich der Einleitung gewidmet ift (Chapman).
Dem Titel zum Trotz ift es eigentlich eine Einleitung in