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Ausgabe:

1912

Spalte:

569-570

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fritsch, Paul

Titel/Untertitel:

Friedrich Paulsens philosophischer Standpunkt, insbesondere sein Verhältnis zu Fechner und Schopenhauer 1912

Rezensent:

Kowalewski, Arnold

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 18. 570

düngen zu treffen hat, als liberal empfunden wird. Aber
für diefen Liberalismus werden, hoff ich, beide, Glaube
und Wiffenfchaft, eintreten. Denn mit einer fertig vor-
gefchriebenen Marfchordnung oder Zielbeftimmung wäre
weder dem einen noch der andern gedient. — W. hat
auf die zweite Auflage erftaunlichen Fleiß gewandt. Bei
etwas gedrängterem Druck ift die Seitenzahl im Ganzen
die gleiche geblieben, dabei aber die ,fyftematifche Theologie
' um 17 Seiten angewachfen. Die Abfchnitte über
das Wefen der Religion und über die Wahrheit der Religion
und des Chriftentums haben die ftärkfte Umarbeitung
erfahren. Sachliche Änderungen find kaum zu beobachten:
etwa die Streichung einer gewagten Ausführung über
Paulinismus in der Gefchichte des Chriftentums ('302, dazu
ein Satz '235) und eine, irre ich nicht, etwas ftärkere
Betonung der Verbindungslinien von Jefus zu Paulus und
Johannes (22 87f.). Die Religionspfychologie hat weitere
Berückfichtigung erfahren (^272 ff.). Ich hätte hier gern
betont gefehen, daß die allgemeine Pfychologie im Begriff
ift, aus einer philofophifchen in eine naturwiffenfchaftliche
Disziplin umgewandelt zu werden. Aus diefer Umwandlung
erklärt fich doch zum guten Teil die Verwirrung,
die unter den begeifterten Vertretern ihrer verftärkten
Anwendung auf theologifche Wiffenfchaft zu beliehen
Icheint. Denn für diefe fleht nun immer wieder vor der
vollzogenen Anwendung die Maffe der gefchichtstheore-
tifchen Fragen. Ohne diefe Komplikation ift mit Pfychologie
für den Theologen nichts anzufangen. Ich fcheue
mich dabei faft, meine Defiderien zur erften Auflage
(ThLZ. 1909, 323) zu wiederholen. Aber die gefchichts-
philofophifchen Ausführungen (-366 f.) genügen mir nicht.
Und wenn W. hier mit Recht alles auf den Gegenfatz
und Zufammenhang von Prinzip und Perfon zufpitzt, fo
zeigen die Unterfuchungen von Wobbermin (ZThK, Ergänzungsheft
1911: ,Gelchichte und Hiftorie in der Re-
ligionswiffenfchaft') und W. Köhler (Idee und Perfönlich-
keit in der Kirchengefchichte 1910), daß ich mit diefen
Nöten nicht allein flehe. Aber das ift eine Einzelheit, die
den Dank für das Ganze gewiß nicht mindern wird.

Gießen. S. Eck.

Fritlch, Dr. Paul: Friedrich Paulfens philoiophifcher Standpunkt
, insbefondere fein Verhältnis zu Fechner und
Schopenhauer. (Abhandlungen zur Philofophie und
ihrer Gefchichte. Heft 17.) (43 S.) gr. 8°. Leipzig,
Quelle & Meyer 1910. M. 1.25

Zunächft wird das allgemeine philofophifche Programm
Paulfens umfchrieben, das auf eine ,Metaphyfik
von unten' im Anfchluß an die Ergebniffe aller Einzel-
wiffenfchaften hinausläuft. Hierbei tritt die Verwandt-
fchaft mit Fechner deutlich zutage. Im ,erkenntnistheo-
retifchen Unterbau', den das 2. Kapitel der Abhandlung
darlegt, bringt Paulfen eine darwiniftifche Modifikation
des Hume'fchen Empirismus, die der Verfaffer an den
Begriffen der Kaufalität und Subflanzialität genauer erläutert
. Mit der metaphyfifchen Deutung des Selbft-
bewußtfeins lenkt der Philofoph aber wieder in die
Bahnen Schopenhauers und Fechners ein, wie das nächfte
Kapitel zeigt Diefer Anfatz zum eigentlichen Syftem
erfahrt — feiner Wichtigkeit entfprechend — eine be-
fonders eingehende Erörterung. Paulfens Theorie des
psychophyfifchen Parallelismus fowie feine als /Voluntarismus
' terminologifch feftgelegte Lehre vom Willensprimat
werden mit allen wünschenswerten Details vorgeführt.
Schade, daß der Verfaffer nicht das Fundament folcher
introfpektiven Metaphyfik kritifch geprüft hat, die auszeichnende
Bewertung der pfychologifchen Reflexion, ein
alt eingewurzeltes erkenntnistheoretifches Vorurteil, gegen
das Malebranche und Kant vergebens anzukämpfen fachten.
In einem weiteren Abfchnitt werden die kosmologifchen
Konfequenzen des Parallelismusprinzips und des Voluntarismus
entwickelt, die bei aller Anlehnung an Fechner
und Schopenhauer doch gewiffe eigenartige Züge bieten.
Nachdem dann noch Paulfens Stellung zur Religion be-
fprochen worden ift, kommt zum Schluß ein ,kritifcher
Rückblick', in dem der Verfaffer nicht mit Unrecht
namentlich den Gottesbegriff feines Philofophen bemängelt
und auf die befriedigenderen Lehren von Eucken und
Siebeck hinweift. Zur vollen Würdigung Paulfens muß
aber auch der liebenswürdige perfönliche Akzent berück-
fichtigt werden, der alle feine Philofopheme auszeichnet
und ihn zum klaffifchen Popularphilofophen im edelften
Wortfinne gemacht hat. Er liegt natürlich jenfeits des
Machtbereichs einer bloß referierenden Darfteilung, wie
fie die vorliegende klare und gefchickte Arbeit von
Fritfch zu liefern unternimmt.

Königsberg i. Pr. A. Kowalewski.

Derfs, Pfr. E. A.: Pafliflora. Zeugniffe eines Kämpfenden.
(VIII, 517 S.) 8°. Gütersloh, C.Bertelsmann 1912.

Mk. 4 — ; geb. Mk. 4.50
Der Untertitel diefer Predmtfammlung, die in ihrer
erften Hälfte die altkirchlichen Epifteln — jedoch in der
Regel nur Sprüche oder Abfchnitte aus ihnen — in ihrer
zweiten die Evangelien zu Grunde legt, ift mißverftändlich.
Man denkt da zunächft an einen Kampf um die Welt-
anfchauung. Spuren eines folchen find aber in keiner
Predigt zu entdecken. Der Verfaffer fleht auf dem Boden
einer milden Orthodoxie, und das Schriftwort ift ihm beinahe
felbftverftändliche Wahrheit. Man vergleiche folgende
Stelle: ,Als er nun in der Hölle und in der Qual war . ..
Das fagt kein andrer als Chriftus felbft. Dadurch ift es
mit Evidenz erwiefen, daß der Tod nicht das letzte Wort
hat ufw.' (S. 287). Wohl aber fühlt man an manchen
Stellen den Kampf des Glaubens gegen das Leiden nachzittern
, einen Kampf, den der Prediger in langer, fchwerer
Krankheit perfönlich durchgefochten hat. Das gibt feiner
fchlichten Rede, der man einen etwas gleichmäßigeren Fluß
wünfchen möchte, oft eine zu Herzen gehende Wärme.
Die Predigten find im allgemeinen praktifch und anfchau-
lich, häufig wird auf fchweizerifche Verhältniffe Bezug genommen
— der Verfaffer ift ein thüringifcher Paftor, der
nach feiner Genefung in einer Aargauer Gemeinde An-
flellung fand. Alles in allem ein fympathifches Buch,
wenn auch ohne befondere Eigenart.

Iburg. W. Thimme.

Benler, Pfr. Hermann: Das moderne Gemeinfchaftschrilten-

tum. 1.—6. Taufend. (Religionsgefchichtliche Volksbücher
. IV. Reihe, 14. Heft.) (48 S.) Tübingen, J. C.
B. Mohr 1910. 8°. M. —50; geb. M. —80

In drei Kapiteln fucht Benfer das Gemeinfchafts-
chriftentum unferer Tage zur Darfteilung zu bringen:
,Aus der Gefchichte' ,Die Frömmigkeit' und ,Das Verhältnis
zur Umwelt'. Das I. Kapitel will und kann bei
dem vorhandenen Räume natürlich nicht erfchöpfen,
fondern nur einzelne Bilder geben, und diefe find knapp,
überfichtlich und anfchaulich gezeichnet, fo namentlich
das 1., .Erweckungsbewegungen', wo gefchickt die Oxforder
Bewegung, die Erweckung von 1905 und die
Zungenredenbewegung zufammengeftellt find. Gibt der
2. Abfchnitt einen kurzen Überblick über die .Philadelphiabewegung
', d.h. die im Gnadauer Verbände zufammen-
gefaßte organifierte Bewegung, fo behandelt der 3. ,Die
alte und neue Allianz1, die Entwicklung Blankenburgs im
Unterfchiede von der alten Evangelifchen Allianz und
der 4. den .Eifenacher Bund'. Nicht eigentlich den
anderen gleichzuftellen war ,Der Kampf ums Eigentumsrecht
'; diefer Konflikt in Vandsburg bezüglich der Eintragung
der Anfialten als Gefellfchaft m. b. H. ift doch
ziemlich bedeutungslos verlaufen. Dafür wäre es vielleicht

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