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Ausgabe:

1912 Nr. 18

Spalte:

568-569

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Einführung in das theologische Studium. 2., verb. Aufl 1912

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 18.

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naturwiffenfchaftlichen und der religiöfen Betrachtung
darzutun, fofernjene es mit der Feftftellung der natürlichen
Urfachen der Erscheinungen zu tun habe, diefe dagegen
alles Gefchehen in das Licht eines letzten zweckfetzenden
Willens rücke; doch wird auf die Schwierigkeit ausdrücklich
hingewiesen, die Glaubensausfagen von Elementen
andersartiger Erkenntnis ganz rein zu erhalten und dadurch
die Konflikte zwifchen Glauben und Wiffen ein für
allemal auszufchließen. Es folgen dann Ausführungen
über ,Glauben und Gefchichte', die nicht nur die Ungefähr-
lichkeit eines gefchichtlichen Bibelverftändniffes, fondern
auch gerade feine befreiende und dem Glauben ficheren
Boden Schaffende Wirkung aufzuzeigen fich bemühen, und
die gegenüber etwaigen Konfequenzen des Entwicklungsgedankens
die Möglichkeit, in Jefu Perfönlichkeit die
höchfte religiöfe Erfchließung zu erblicken, fowie gegenüber
einem fich Verlaffen allein auf die eigene religiöfe
Kraft die Notwendigkeit, vom Erbe der Gefchichte zu
zehren, hervorheben. Der letzte Vortrag ,Die Kirche und
das Gegenwartsleben' behandelt das Verhältnis der Kirche
zu dem kulturfreudigen und individualiftifch gerichteten
Charakter unferer Zeit, von jener Offenheit für gefunden
Fortfehritt und Weitherzigkeit fordernd, den modernen
Geift andererfeits an beftimmte Unzulänglichkeiten und
Überfpanntheiten, die ihm nicht fehlen, erinnernd.

Diefe treffenden Gedanken kommen zum Ausdruck
in rhetorifch fehr wirkungsvoller Form, in einer gewählten,
aber von Künftlichkeiten freien Sprache; eingeftreut find
reichliche Zitate vor allem aus der jüngften religiöfen
Dichtung eines Schüler, Schoenaich-Carolath u. a. Zuweilen
allerdings, namentlich in dem Vortrag über glauben
und Wiffen', ift die Gedankenentwicklung etwas fprung-
haft, entbehrt fie der ruhigen, ftraffen Sicherheit; auch
wäre vielleicht gerade an beftimmten entfeheidenden
Punkten eine etwas genauere Begründung erwünfeht
gewefen; im letzten Vortrage vermiffe ich die Aufstellung
einiger greifbaren Forderungen für die Kirchenreform.
Nicht klar geworden ift mir die Stellung des Verf. zur
Wunderfrage; hier fcheint fowohl bei den allgemeinen
Ausführungen S. goff. wie bei denjenigen über die Wunder
Jefu S. mf ein Schwanken zwifchen der lediglich den
fubjektiven religiöfen Eindruck eines Ereigniffes und der
des letzteren Abweichung vom natürlichen Gefchehen
betonenden Auffaffung vorzuliegen. Doch möchte ich
nach diefen Ausstellungen noch einmal den fachlichen
und äfthetifchen Wert der Schrift nachdrücklich hervorheben
.

Leipzig. M. Scheibe.

C 0 r n i I s, Paft. Mart.: Theo log i e. Einführung in ihre Gefchichte,
Ergebniffe u. Probleme. (Aus Natur u. Geifteswelt.
347.) (IV, 173 S.) 8°. Leipzig, B. G. Teubner 1911.

M. 1 —; geb. M. 1.25

Die vorliegende Arbeit hat bei aller Anfpruchslofig-
keit auf neue wiffenfehaftliche Ergebniffe eine ungemeine
Schwierige Aufgabe zu löfen verfucht: eine Einführung
in die theologifche Wiffenfchaft für Laien. Wie der
Verf. im Vorwort fagt, will fein Buch ,Laien Luft machen,
und die Möglichkeiten geben, die Welt des Theologen
kennen zu lernen'_ (III.) Zu diefen Zweck führt es in
großen Umriffen die Gefchichte der Theologie (I. ,in der
griech. Kirche', II. ,in der abendländifch-latein. Kirche
des Altertums und des Mittelalters', III. ,in der Neuzeit,)
vor und behandelt dann die ,Ergebniffe und Probleme
der Gegenwart' in den Teildisziplinen der theologifchen
Wiffenfchaft.

Mit Recht betont der Verf., daß es fich bei populären
Darftellungen wefentlich um eine pädagogifche Aufgabe
handle (III). Man wird ihm bezeugen müffen, daß er
diefer Aufgabe weithin in glücklicher Weife gerecht
geworden ift. Er hat fich davor gehütet, von der großen

Hauptlinie der Entwicklung abzuweichen, und nur die
treibenden Faktoren herausgehoben. Und wo das nicht
möglich war ohne Rücksichtnahme auf philofophifche
Strömungen, hat er auch Schwierige philofophifche Dinge
fo einfach als möglich dargeftellt. Bei den Problemen
der Gegenwart war es fein Bemühen, Statt fertiger Reful-
tate einen Blick in die Arbeitsweife der modernen Theologie
zu geben. Freilich hat hier feine lebendige Anteilnahme
, z. B. an der Diskuffion zwifchen Troeltfch und
Kaftan, fein pädagogifches Talent etwas beeinträchtigt.

Der Standpunkt, von dem aus C. die Gefchichte und
gegenwärtige Lage der Theologie beurteilt, ift im wesentlichen
der von A. Harnack und E. Troeltfch, die Abhängigkeit
von letzterem zeigt fich vor allem in der
Beurteilung des Luthertums und des Alt-Proteflantismus
und in der Programmflellung für die Dogmatik (Statt
Dogm.: Religionspfychologie, Gefchichtsphilofophie, in ge-
wiffen Grenzen auch Metaphyfik). In eine Diskuffion der
theolog. Anfchauung des Verf.s einzutreten, verbietet der
Zweck der ganzen Arbeit. Es war felbftverftändlich, daß
der eigene Standpunkt fich bei der Darfteilung geltend
machte. Trotzdem wäre gerade für die Gegenwart eine
mehr objektive Behandlung des Stoffes dem Zweck der
Arbeit dienlicher gewefen. Einen wirklichen Einblick in
die gegenwärtige theologifche Situation erhält der Lefer
nicht. Er erfährt nicht einmal ausdrücklich, daß es neben
älteren Ritfchlianern und der ,religionsgefchichtlichen Bewegung
' noch andere Theologen gibt. Einen weiteren
Mangel zeigt die gefchichtliche Darftellung: fie gibt keinen
Eindruck von der felbftändigen Arbeit der Theologie.
Nach ihrem Abriß erfcheint die Theologie faft nur als die
Magd der Philofophie. Niemand wird die engen Zusammenhänge
beider Wiffenfchaften leugnen. Aber die Theologie
hat eine Eigenbeweguug. Und davon Spürt man in des
Verf.s Darftellung zu wenig. Daher erklärt es Sich auch,
daß wir kein Wort über das innere Verhältnis von chriftl.
Glauben und theolog. Wiffenfchaft hören, daß Paulus nur
als Verächter dergriechifchen Wiffenfchaft erwähnt werden
kann und die Gefchichte der Theologie erft mit den
Apologeten beginnt, und daß Harnacks Thefe von der
Konzeption des griechifchen Geiftes auf dem Boden des
Evangeliums hier durch den Satz überboten wird: ,Das
Christentum hat nicht eine christliche Wiffenfchaft aus
fich herausgefetzt, fondern die griechifche Philofophie wurde
die christliche Wiffenfchaft'! (S. 11) Eine mehr materielle
I als formale Darftellung der Gefchichte der Theologie
hätte den Verf. vor diefem Mangel bewahren können.

Einige Sätze muß ich als faktifch unrichtig beanstanden
: S. 80 ,Wir beurteilen das Urchristentum (? die
altkathol. Kirche) feit Harnacks (? A. Ritschis) neuen
Unterfuchungen als eine Entwicklungsform des Paulinifchen
Heidenchriftentums'. S. 126 ,Trotzdem hat fich die Erinnerung
daran erhalten, daß Jefus in Nazareth ohne
Erfolg^die Kranken zu heilen verfucht hat' (Mc 6, 5).
ovx kövvaxo heißt nicht = er verfuchte ohne Erfolg. S. 171
,Er (Jefus) kennt keinen Gott, als den, der jedesmal wenn
es nötig ift, in die Welt hineingreift'. Dagegen Matth. 5,45;
12, 29. 301

Göttingen. Heinzelmann.

Wernle, Prof. D. Paul: Einführung in das theologifche Studium
. 2., verb. Aufl. (XV, 524 S.) gr. 8°. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1911. M. 7—; geb. M. 8.60

Wernles Einführung hat nach drei Jahren eine zweite
Auflage erlebt. Nicht nur ihm felbft ift damit eine verdiente
Freude bereitet. Er teilt im Vorwort mit, daß
ihm von befreundeter Seite fei vorgehalten worden, er
habe eine Einführung in die liberale Theologie gefchrieben.
Das kann doch nur befagen, daß die entfchloffene Art,
in der W. den Lefer mit aller unerfreulichen Bevormundung
verfchont und ihm überall die verschiedenen Möglichkeiten
zeigt, zwifchen denen er felbft feine Entfchei-