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Ausgabe:

1912 Nr. 18

Spalte:

562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leskien, A.

Titel/Untertitel:

Zur Kritik des altkirchenslavischen Codex Suprasliensis 1912

Rezensent:

Trautmann, R.

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 18.

562

Sozomenos ift erwiefen; gleich der Ausgangspunkt von
Schoos Unterfuchung ift hier unmöglich: Sozomenos I 1,
15—16 redet nicht von zwei, fondern ganz allgemein von
mehreren Urkundenfammlungen. Auch van den Veens
Ausführungen über die Benutzung der griechifchen Uber-
fetzung der Vita Hilarionis durch Sozomenos (Jerome et
la vie du moine Malchus le captif 108 ff.) und Lietzmanns
Vermutungen über die Benutzung der apollinariftifchen
Kirchengefchichte des Timotheus von Beryt (Apollinaris
von Laodicea 43 f.) exiftieren für Schoo nicht. Er hätte
die Literatur, wenn er fie nicht kannte, von dem Auffatz
im Rhein. Muf. abgefehen, fämtlich aus dem Sozomenos-
artikel der RE. kennen lernen können, den Auffatz im
Rhein. Muf. z. B. durch das zweite Stück der Schwartz-
fchen Athanafiana, deren erftes Stück wenigftens er benutzt
; auch die vollftändige Lektüre der von ihm zitierten
Abhandlung im Rhein. Muf. 60 hätte ihn auf ihn führen
können; fie hätte ihn zugleich vielleicht vor den unkorrekten
Angaben über die Anfprache Conftantins an die
nicaenifchen Väter (S. Iii) bewahrt, und den Geppertfchen
Ausführungen über die Benutzung des Synodikons durch
Gelafius gegenüber mit Mißtrauen erfüllt.

Freilich durch Literaturverwendung allein wäre Schoos
Unterfuchung auch noch nicht abfchließend geworden.
Eine Unterfuchung über die Quellen des Sozomenos ift
überhaupt nicht mit einer Aufzählung diefer Quellen und
der mehr oder minder ficheren Zurückfuhrung der einzelnen
Abfchnitte des Sozomenos auf diefe Quellen getan. Es
muß außerdem gezeigt werden, wie Sozomenos diefe
Quellen verwertet hat; und da ift, was Schoo in den
einleitenden Abfchnitten über ,Fleiß und Wahrheitsliebe
des Sozomenos', ,feine Kritik', ,Die Verwertung feiner
Quellen' fagt, zum minderten dürftig. Fragen wie die, was
Sozomenos alles aus feinen Quellen hätte lernen können
und doch nicht gelernt hat, oder inwieweit es ihm bei
feiner Nacharbeit gelungen ift, die Irrtümer des Sokrates
zu vermeiden, werden nicht verhandelt, ein wirklicher Eindruck
von der Arbeitsweife ift uns darum nicht gegeben;
auch wenn man das fpäter über die Ergänzung des Sokrates
aus Rufin ufw. Gefagte heranzieht, bekommt man
ihn noch nicht voll; denn die Beobachtungen find fpora-
difch. Überdies tut Schoo Sozomenos in einem von ihm
felbft nicht als gleichgültig gewerteten Punkte unrecht.
Er behauptet, daß Sozomenos die Quellen, die er in
größerem Umfange benutze, zu verbergen ftrebt (S. 13/14
und fpäter), und argumentiert fogar aus diefem Gedanken
heraus (S. S1)- Meines Erachtens kann davon gar keine
Rede fein. W enn Sokrates, der die Grundlage für das
Werk des Sozomenos bildet, weder in den einleitenden
Bemerkungen des Sozomenos über feine Quellen noch
im weiteren Verlaufe feines Werkes genannt wird, fo ift
der Grund, daß er Zeitgenoffe ift und für Sozomenos daher
keinen autoritativen Zeugenwert befitzt. Auch Rufin
ift nicht alt genug, um von Sozomenos genannt zu werden.
Eufebius aber wird I 3, 2 in der ganz charakteriftifchen
Form zitiert: Kvot'ßcoc ye fifjvo IIa[i(pilov avrov (p^aavxog
tvcofjoTcog xov ßaOiXtcog axTjxot'vai loyyQl^exai: er wird
nicht als Quelle, wohl aber als Zeuge angegeben. Das
Verfahren des Sozomenos ift in diefer Frage kein wefent-
lich anderes als das des Gelafius; die namenlofen aXloi
.-rltloxoi 0001, die Gelafius nach dem Vorwort feiner
Kirchengefchichte neben den dort namentlich genannten
ausfchreibt, find die als Zeitgenoffen gerechneten Sokrates
und Theodoret. Die Zeit hat andere Begriffe als wir vom
Plagiat. Auch aus zweiter Hand Gefchöpftes ohne weiteres
zu zitieren hat für fie fchlechterdings nichts anftößiges;
nur weil Schoo es dem Sozomenos doch zum Vorwurf
macht (S. 14), muß ich dies Selbftverftändliche ausdrücklich
fagen.

Man fieht, es gibt manchen Wunfeh Schoos Arbeit
gegenüber. Trotzdem muß fie mit Dank hingenommen
werden. Solche Ouellenanalyfen find ebenfo nötig wie
wenig vergnüglich. Befonders die Schlußtabelle ift wertvoll
und bequem; ich würde wünfehen, daß ihre Angaben
in revidierter Geftalt in einen analytifchen Apparat
der neuen Berliner Sozomenosausgabe übergingen.

Göttingen. fGerhard Loefchcke.

Leskien, A.: Zur Kritik des altkirchenflavifchen Codex Sup-
rasliensis. I. u. II. Abhandlungen der phil.-hift. Klaffe
der KgL Sächs. Gef. d. Wiff. 27. Bd., Nr. 13 bzw.
28. Bd., Nr. 1. Leipzig, B. G. Teubner 1909. 10. (23
u. 26 S.) gr. Lex. 8°. Je M. 1 —

Das umfangreichfte altkirchenflavifche Denkmal, der
Codex "Suprasliensis, enthält ein unvollftändiges Menaeum
für den März, ein Gebet, 20 Homilien des Joh. Chryfo-
ftomos, je eine von Bafilius dem Großen, von Photius und
von Epiphanius von Kypern: alles Überfetzungen aus
dem Griech., wie wir insbefondere feit den Unterfuchungen
von Abicht und Schmidt wiffen (Jagic's Archiv Bd. 15,
16 und 18). Die Wiedergabe der zum Teil fehr fchwierigen
griechifchen Texte ift voller falfcher Uberfetzungen und
Auslaffungen, erfcheint überwiegend zu fklavifch an den
Grundtext gebunden, fo daß ohne diefen das Verftändnis
häufig unmöglich ift. Auf dies Verhältnis zwifchen dem
flavifchen und griechifchen Text aufmerkfam zu machen,
insbefondere die Fehler der Übertragung zu kennzeichnen,
ift Leskiens Aufgabe, der fich übrigens auf 15 Homilien
des Chryfoftomos befchränkt. Es ift felbftverftändlich,
daß dem Meifter flavifcher Philologie fein Ziel ,Fehler
und Mißverftändniffe nachzuweifen und dadurch eine
sichere Benutzung der Texte für die Grammatik, namentlich
für Lexikon und Syntax, zu fördern' vollftändig gelungen
ift. Es ift nun weiterer Forfchung Aufgabe, diefe
Kritik auch auf die anderen Stücke auszudehnen, feftzu-
ftellen, wo Fehler und Auslaffungen dem Überfetzer, der
Überlieferung oder der vorliegenden griech. Hf. zur Laft
fallen (es gibt Dutzende von Stellen, wo die Entfcheidung
fchwer fällt), um dann fchließlich ein Gefamtbild der
Überfetzungstechnik der Überfetzer zu geben. Vielleicht
gelingt es auch den auf diefem Gebiete arbeitenden
Theologen die noch fehlenden griechifchen Texte auf-
zufpüren!

Zum Schluß möchte ich zu Leskien 1, 17, wo die
Überfetzung des zum Verftändnis notwendigen avfiftexQov
vermißt wird, bemerken, daß an der betreffenden Stelle
des .Cod. Sup. (ed. Sevefjanov 405, 17) .dinesf fteht:
der Überfetzer hat alfo ovfifiexgov in orjfiEQOP verlefen.

Prag. R. Trautmann.

Texte aus der deutlchen Myltik des 14. u. 15. Jahrhunderts.

Hrsg. v. Adolf Spamer. (216 S. m. 1. Fksm.) 8°. Jena,
E. Diederichs 1912. M. 4—; geb. M. 5.50

Diefe Sammlung myftifcher Texte reiht fich an die
von Hermann Büttner beforgte Ausgabe der .Schriften
und Predigten Meifter Eckeharts' und des .Büchleins vom
vollkommenen Leben', fowie die von Walter Lehmann
herausgegebenen .deutfehen Schriften Heinrich Seufes' an;
endlich foll auch noch in diefem Jahre eine Ausgabe von
.Predigten Johannes Taulers' von Lehmann bei Diederichs
erfcheinen. Unfre Sammlung ift dem Nachwort zufolge ,als
kurzgefaßtes und handliches Einlefebüchlein gedacht' und
foll .befonders als Hilfsmittel und Ausgangspunkt für
feminariftifche Übungen' dienen. Dazu paßt aber nicht
recht die vornehme Ausftattung. Eine Ausftattung, wie
fie Lietzmanns .Kleine Texte' aufweifen, hätte vollauf genügt
und einen bedeutend billigeren Preis ermöglicht.

Der pädagogifche Gefichtspunkt kommt fowohl in
der Textauswahl als auch in der Textgeftaltung zur
Geltung. Ausgewählt find vornehmlich Texte, die geeignet
fcheinen, zum Studium verfchiedener Probleme,
| theologifch-philofophifcher, fprachlich-philologifcher oder