Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 17

Spalte:

535

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maire, Siegfried

Titel/Untertitel:

Über württembergische Waldenserkolonisten in den Jahren 1717 - 1720 1912

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

535

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 17.

536

Maire, Gymn.-Prof. Dr. Siegfr.: Über wüttembergifche Wal-
denferkoloniften in d. J. 1717—1720. Progr. (41 S.) Lex.-8».
Berlin, Weidmann 1911. M. 1 —

Wie kann man über die württembergifchen Walden-
ferkoloniften in den Jahren 1717—1720 Ichreiben, ohne die
fehr forgfältigen Forfchungen von Rößger oder das kleine,
aber inhaltsreiche Buch von Pfarrer Markt ,Die württembergifchen
Waldenfergemeinden 1699—1899', das aus
felbftändigen Studien in den württembergifchen Archiven
und den gedruckten Quellen erwachfen ift, heranzuziehen?
Maire fagt uns, daß er ,faft vollftändig aus den Akten
der Geh. Staatsarchivs in Berlin' gefchöpft hat. Er zitiert
nur die gute, aber kurze Württembergifche Gefchichte
von Eugen Schneider. Das rächt fich an der fehr willkommenen
Arbeit, die ein Schlaglicht auf die Auswanderungsbewegung
unter den räumlich befchränkten, aber
fich mehrenden Waldenfern nach dem fpanifchen Erbfolgekrieg
und deffen fchweren Folgen für das nord-
weftliche Württemberg und damit auch für die dortigen
Waldenfer wirft. So kommt Maire z. B. zu keiner Klarheit
über die Heimat der Waldenfer; vgl. Märkt S. 17.
Noch unklarer find feine Angaben über ihreNiederlaffungen.
In Brackenheim und Calw gab es keine Waldenfer, wohl
aber in den nach diefen Städten genannten Ämtern in
Nordhaufen und Bourfet, fpäter Neuhengftett genannt. Da
Nordhaufen bis 1708 kein Pfarrhaus hatte, wohnte der
Pfarrer in Brackenheim. Wahrfcheinlich wird der Pfarrer
von Bourfet, Abel Gonfaley, auch erft in Calw gewohnt
haben, weshalb er in den Verhandlungen mit Preußen
als Pfarrer in Calw erfcheint. Ein Amt Neuenburg gibts
nicht, wohl aber Neuenbürg, zu welchem Mutfchelbach
und Grünwettersbach (nicht Hohenwettersbach S. 4) gehörten
, auf deren Gebiet der Ort Palmbach gegründet
wurde. Die meiften Waldenfer aber wurden in dem von
Maire ganz überfehenen Amt Maulbronn angefledelt, deffen
Vogt Greber große Verdienfte um fie hatte. Das Urteil über
die Urfachen der Auswanderungsbeftrebungen hätte fich
nicht nur auf die Angaben von Gonfaley, der mit dem
Dauphineer Poyas und dem Arzt Caumon die Seele der
Bewegung war, ftützen dürfen. Die Verleumdungen gegen
Männer, wie Henri Arnaud, deffen Biographie von Klaiber
Maire nicht nennt, und Jean Giraud als Bedrücker ihrer
Landsleute S. 16, um die fich doch Arnaud die größten
Verdienfte erworben hatte, find empörend. Wie beredt
fprechen die von Märkt mitgeteilten Grabfchriften beider
Paftoren! Das Schlußurteil Maires über König Friedrich
von Preußen ,bei deffen Regierungsmaßregeln immer die
Staatsraifon den Ausfchlag gab', wenn die Intereffen
feines reformierten Glaubens mit der wirtfchaftlichen Förderung
feines Landes in Widerftreit kamen S. 41, ift gewiß
richtig. Es ift auch fehr verdienftlich, daß wir nun Klarheit
über die Verhandlungen mit Preußen erhalten. Über
den Verbleib der zweiten Truppe der von Friedrich L
zurückgewiefenen Waldenfer, den Maire nicht kennt, gibt
Märkt S. 31 Auskunft. Bitter enttäufcht kehrten 32 Familien
nach Württemberg zurück.

Stuttgart. G. Boffert.

Zur Auseinanderfetzung mit Jatho. Frankfurter Vorträge.
5. Reihe. (70 S.) 8°. Frankfurt a. M., M. Diefterweg 1912.

M. 1.20

Inhalt: Fo erft er, Pfr. D. Erich: Die Hauptfache im Chriften-
tum. — Kübel, Pfr. Johannes: Brauchen wir Dogmen? — Zur-
hellen, Pfr. Lic. Otto: Sollen wir in der Kirche bleiben?

Die Abfetzung Jathos veranlaßt die Frankfurter Pfarrer,
die hier die 5. Reihe ihrer ,modern-theologifchen Vorträge'
bieten (der Wechfel in der Perfon der Vortragenden hat
nur äußere Gründe), von neuem ihreExiftenz in der Kirche
zu erwägen. Jathos Art aber drängt die Frage auf, ob
religiöfe Gedanken wirklich nur nach ihrer Wirkung aufs

Gemüt zu beurteilen find, ob es hier nicht doch auf begriffliche
Klarheit, theologifche Formulierungen ankommt.
Als Vorfrage wird behandelt, worin das tieffte Wefen der
Religion, befonders des Chriftentums liegt. So ift die
Reihenfolge der Vorträge die oben angegebene.

Foerfter macht einen kräftigen Verfuch, das Wefen
des Evangeliums in der Sprache neuzeitlicher Ethik zum
Ausdruck zu bringen; charakteriftifch für ihn ift, daß als
erfte Pflicht nicht die Liebe, fondern die Tätigkeit erfcheint
. Einige fcharfe Formeln, wie daß das Wefen der
chriftlichen Frömmigkeit allein in dem Verhältnis des
Menfchen zu feiner eigenen Seele befteht, erklären fich
aus dem Zufammenhang; hiftorifch unerweislich ift aber,
Jefus fei überzeugt gewefen, daß, fo wie er Gott erlebt,
ihn alle erleben können (wenn nämlich der Ton auf dem
So liegt). Erfcheint das Chriftentum als Willensfache,
PTömmigkeit als Charakterbildung, fo wird in fcharfen
Gegenfatz dazu jede Auffaffung der Religion als Erkenntnis
geftellt, und damit werden Orthodoxe und Moniften abgelehnt
. Daß Kübel die Formulierung wählt: brauchen
wir Dogmen? und Ja antwortet, zeigt Mut; mir fchiene
aber beffer, ftatt Dogmen religiöfe Begriffe zu fagen, fo-
fern Dogma doch immer fo verftanden wird, daß fein
Korrelat der Autoritätsglaube ift. Solche Dogmen lehnt
er eindrücklich, ftellenweife draftifch, ab, und verlangt
eine neue Dogmatik, deren Mittelpunkt nur das wirklich
religiös Erfahrbare bildet. Z urhellen zeigt, daß in der
evangelifchen Kirche, die freilich von der katholifchen
ihrem Wefen nach verfchieden ift, zu bleiben unfere Pflicht
ift, fowohl weil unfer Beftes aus Überlieferung ftammt,
als auch weil wir anderen religiös dienen follen. Überdies
fei der Austritt angefichts der gegenwärtigen Rechtslage
in Preußen abzulehnen, und religiös wüßten wir uns mit
den Vertretern einer veralteten Theologie doch eins. Daß
im Begriff der Gefinnungskirche, zu der unfere Bekenntniskirchen
umgeftaltet werden follen, Probleme liegen, wird
zugegeben. Die Vorträge find wieder, namentlich für
Gefinnungsgenoffen der Redner, wertvoll als Apologetik
im beften Sinne.

Halle. H. Mulert.

Wendland, Prof. Dr. Johs.: Der Wiedereinzug der Metaphyfik
in die Theologie. (In: Verhandlungen der Schweize-
rifchen reformierten Prediger-Gefellfchaft. 67. Jahres-
Verfammlung 1911. S. 21—70.) 8°. Herifau 1911.

Über diefen Gegenftand trug der Verf. auf der am
15. Auguft 1911 in Herifau tagenden Jahresverfammlung
der Schweizerifchen reformierten Prediger-Gefellfchaft
einen Bericht vor, der das relative Recht der Ritfchlfchen
Pofition nicht verkennt, aber die gegenwärtig in allen
Richtungen der Theologie fich kundgebende Wiederanknüpfung
an die Metaphyfik' zum Ausdruck bringt.
,Metaphyfik ift jede Ausfage über das letzte, dem Dafein
zugrunde liegende Reale. Daher ift jede Weltanfchauung
Metaphyfik. Die Ausfcheidung der Metaphyfik aus der
Theologie führt zu der Gefahr, daß man in der Religion
blos fubjektive Gefühle und Ideale ohne objektiven Wirk-
lichkeitshintergrund findet'. Gegen die Scheidung von
theoretifcher und praktifcher Vernunft macht W. geltend,
daß ,alles theoretifche Erkennen im praktifchen Erleben
wurzelt, und daß die praktifche Vernunft beftimmter
theoretifcher Erkenntniffe bedarf, wenn fie nicht auf bloßen
Poftulaten oder Wünfchen beruhen foll'.

Der Korreferent Pf. D. Hauri (Davos) will die Freude
über den Wiedereinzug der Metaphyfik, der keineswegs
großartig ausgefallen fei, etwas herabftimmen. Wie be-
fcheiden nehmen fich die ,metaphyfifchen Hypothefen'
jener metaphyfikfreundlichen Theologen aus im Vergleich
zu den großen metaphyfifchen Syftemen des vorigen
Jahrhunderts! Dazu kommt, daß auch die Metaphyfiker
über das Zuftandekommen religiöfer Uberzeugung nicht