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1912 Nr. 17

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534

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aus Posens kirchlicher Vergangenheit. Jahrbuch d. evang. Vereins f. d. Kirchengeschichte d. Provinz Posen. 1. Jahrg 1912

Rezensent:

Wotschke, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 17.

534

Einen Haupteinfchnitt macht P. mit dem Jahre 1567
d. h. mit Albas Auftreten. Der Mittelpunkt in diefer
Periode ift für das Luthertum Antwerpen, über deffen
Gefchichte für die erfte Zeit nach Kalkoff und Fre-
dericq berichtet wird.. Wertvoll ift S. 19f. das Verzeichnis
der niederländifchen Überfetzungen Lutherfcher Schriften,
auch der in W. A. nicht berückfichtigten Bibelüberfetzungen
(S. 34 Z. 5 v. u. lies Stillmeffe ftatt Seelmeffe). Die günftigen
Bedingungen für die Entwicklung einer Lutherifchen
Gemeinde fchnitt die Verfolgung 1523 ab, kleine verborgene
Kreife hielten fich. Sehr deutlich aber wird feit 1525
etwa das Luthertum durch Bucer und die Wiedertäufer
zurückgefchoben, Luthers Auftreten gegen die Bauern und
Zwingli wird übel vermerkt, nicht minder feine Ablehnung
des Gemeinfchaftschriftentums, wie es für die niederländifchen
Proteftanten damals geboten war; der Calvinis-
mus konnte diefes Bedürfnis füllen. Den calviniftifchen
Gemeinden gegenüber mußten die äußerlich im Rahmen
der römifchen Kirche lebenden Lutheraner verfagen,
immerhin erfchienen noch zahlreiche lutherifche Bücher
in Überfetzung (f. die Lifte S. 55 fr.), und 1567 betrug die
Zahl der Antwerpener Lutheraner ca. 4000, die aber nur
für wenige Monate es zu einer Organifation brachten, dank
der Oppofition der Gnefiolutheraner gegen die Gemein-
fchaftsorganifation. Der religiös-dogmatifche Standpunkt
der Antwerpener Lutheraner ift ganz der gnefiolutherifche
(S. 95ff.), mit Recht fagt Pont: Exotisch, 00k in haar
eeredienst, was de Antwerpsche Luthersche gemeente,
fie ftand dem Katholizismus näher als dem Calvinismus.
Kleinere lutherifche Kreife finden fich in Amfterdam,
Kuilenburg, Deventer, Woerden und Breda; Bemerkenswertes
ift von ihnen kaum zu berichten, Gemeindebildung
ift nicht erfolgt, der deutfche Einfluß in Amfterdam fpür-
bar. In den Provinzen (Friesland, Groningen und Drenthe,
Gelderland und das Oberquartier, Utrecht, Holland und
Seeland, Brabant und Limburg, Vlandern u. a.) ift ein
gewiffer Einfluß Luthers feftzuftellen, Luther heeft een
stoot gegeven aan de hier opkomende beweging, bleibende
Bedeutung aber hatte die deutfche Reformation nicht.
Amüfant ift die S. 248 mitgeteilte antilutherifche Parodie
des Te Deum: ,Te Lutherum damnamus, te hereticum
confitemur' etc.; ftark verbreitet waren Lutherfche und
lutherifche Schriften und Lieder (S. 26off). Die ganze
Entwicklung des niederländifchen Luthertums aber wäre
eine andere, kräftigere gewefen, wenn nicht 1567 die Ka-
taftrophe hereingebrochen wäre. Hier fetzt der zweite
Teil ein. In der erften Periode bis zur Genter Pazifikation
find Lutheraner nur in Antwerpen und Woerden namhaft
zu machen, um fo mehr finden fich zerftreute lutherifche
Niederländer in Deutfchland und bilden hier in Aachen
und Köln fogar Gemeinden. In den Berichten hierüber
fchließt fich P. namentlich an van Schelven, W. Wolff
und Simons an. Die Gemeinden haben ihre ,huiskerken'
(fo heißen fie zum Unterfchiede von den reformierten
,Gemeinden unter dem Kreuz') auch gegen die eigenen
Glaubensgenoffen (Weftphal und feine Anhänger) zu verteidigen
; aber ihre hier am Niederrhein durchgefetzte
Organifation hat auf das Heimatland zurückgewirkt. Wie
fehr aber hier aus dem Luthertum felbft kommende
Schwierigkeiten die Affimilation erfchwerten, zeigt u. a.
das Auftreten des Pfarrers Rudfe von Woerden, der gegen
die Regierung predigt, weil fie die Obrigkeit Philipps
von Spanien für befeitigt erklärt — gut Lutherifch!
Tyrannei einer böfen Obrigkeit ift eine Strafe des zürnenden
Gottes und muß geduldet werden, nur Gott darf
ftrafen, nicht der Menfch (f. die intereffanten Thefen
S. 374). Immerhin leben nach der Entfernung der Spanier
die lutherifchen Kreife zeitweilig wieder auf, können aber
aus den genannten Gründen fich nicht durchringen, in
den füdlichen Niederlanden fterben fie 1585 aus. 1592
organifiert fich die lutherifche Gemeinde von Amfterdam,
fie betrachtet fich als die wieder erweckte Antwerpener
Gemeinde und pflegt ftarke Beziehungen zu Deutfchland,

namentlich zu Hamburg. 1605 beruft Amfterdam die
Gemeinden von Woerden, Haarlem, Leiden, Rotterdam
und Middelburg — die einzigen, die damals organifiert
waren, zu einer Synode. Dokumentierte fie moralifch
die Vorherrfchaft Amfterdams, fo erfolgte die rechtliche
Fixierung 1614 durch die Errichtung des Allgemeinen
Konfiftoriums mit fcharfer Bücherzenfur. Deutliche Tendenzen
zur Schaffung einer Uniformitätskirche find da,
aber fie zerbrechen an der Selbftändigkeit der Einzelgemeinden
, auf die hier der Calvinismus abgefärbt hat
neben den lutherifchen Gemeinfchaftstendenzen. Das Allgemeine
Konfiftorium bleibt offiziell in Geltung, leiftet
aber nichts, das Amfterdamer Konfiftorium ift viel einflußreicher
.

Das ift in Kürze der gefchichtliche Entwicklungsgang
gewefen, von P. nach allen Seiten hin eingehend
dargelegt. Für den Fernerftehenden ift das Nebeneinander
von Calvinismus und Luthertum befonders wertvoll,
die beiderfeitige Eigenart tritt grell heraus, man verlieht
nur zu gut, wie das Volkslied diefe Ausländer mit ihrem
ganz andersartigen religiöfen und fozialen Empfinden als
,de Moffen en knoten' (S. 563) verfpottete.

Zürich. Walther Köhler.

Aus Pofens kirchlicher Vergangenheit. Jahrbuch des evangel.
Vereins f. die Kirchengefchichte derProv.Pofen. i.Jahro-.
(III, 130 S.) 8°. Liffa i. P., O.Eulitz 1911. M. 3—

Von allen preußifchen Provinzen hat Pofen die inte-
reffantefte kirchliche Vergangenheit. Hier hatte im 14.
Jahrhundert das tfchechifche Kelchnertum weite Verbreitung
gefunden, hier fehen wir im Reformationszeitalter
zahlreiche Gemeinden der Lutheraner und böhmifchen Brüder
, dazu auch Gruppen von Unitariern und vereinzelte Anhänger
Calvins. Hier haben fich die verfchiedenen evan-
gelifchen Bekenntniffe zuerft zu einer Union zufammen-
gefchloflen, aber freilich nur um nach drei Jahrzehnten
doch wieder in den alten Bruderzwift zurückzufallen.
Hier hat die Gegenreformation mit allen ihren Mitteln
gearbeitet und eine 200 jährige fchwere Leidenszeit über
die Gemeinden gebracht. Ein farbenreiches Bild religiöfen
Lebens und Kämpfens rollt fich vor uns auf, und die
völkifche Spaltung, die gegenfätzliche Stellung der deut-
fchen und polnifchen Bevölkerung macht das interefiante
Bild noch interefianter. Diefe reiche kirchliche Vergangenheit
zu erforfchen hat fich nach dem Vorangehen
anderer Provinzen auch in Pofen ein Verein für heimatliche
Kirchengefchichte gebildet. Seine erfte Veröffentlichuno-
hegt uns hier vor. D. Arnold (Breslau) bietet einen
feffelnden Auffatz: ,Schlefifches Kirchentum auf Pofen-
fchem Boden', der in großen Zügen die fechs Epochen
Pofener Gefchichte vorführt und den bedeutfamen Einfluß
der Nachbarprovinz feftftellt. Der Unterzeichnete <ribt
zwei Studien; ,das Huffitentum in Großpolen' und Johann
lurnowfki, ein Senior der böhmifchen Brüder' Von
Kurnatowfki (Kielmy, Rußland) befpricht in der Anzeige:
,Monumenta reformationis Polonicae et Lithuanicae' die von
der Wilnaer reformierten Synode geplante große Urkun-
denveroffentlichung, von der inzwifchen der erfte Band
der erften Serie in Warfchau erfchienen ift. Einige Re-
zenfionen und eine wertvolle Zufammenftellung der in
den letzten Jahren veröffentlichten deutfchen und polnifchen
Arbeiten zur Pofener Kirchengefchichte fchließen
das Jahrbuch. Der junge Verein, der übrigens feine Arbeiten
nicht auf den Pofener Boden befchränken, fondern
überhaupt der Kirchengefchichte des Oftens dienen, auch
die Ergebniffe polnifcher und ruffifcher kirchengefchicht-
licher Forfchung übermitteln will, hat durch feine erfte
Veröffentlichung fich in die wiffenfchaftliche Welt gut
eingeführt. Wir wünfchen ihm ein Fortfehreiten auf der
betretenen Bahn.

Santomifchel. Th. Wotfchke.