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Ausgabe:

1912 Nr. 16

Spalte:

506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zurhellen, Otto

Titel/Untertitel:

Die Religion der Propheten. Predigten 1912

Rezensent:

Kleinert, Hugo Wilhelm Paul

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Seite 1

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505 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 16. 5°6

Wicklung durch Sülze und zieht daraus die Folgerungen
für die Gegenwart. In knapper, meifterhafter Weife behandelt
Kirmß die Gemeindepredigt (1. Prediger und
Gemeinde; 2. die Gemeindepredigt für die ganze Gemeinde;

3- Freiheit und Gebundenheit der Gemeinde gegenüber;

4- Inhalt und Form der Gemeindepredigt; 5. wie entlieht
die Gemeindepredigt?). Das Thema ,die evangelifche
lebendige Gemeinde ein Bollwerk gegen Rom' hat fich
Kötzfchke erwählt; er behandelt es freilich nur in der
Einleitung und im Schluß, während fein eigentlicher
Gegenftand (S. 64—74) doch nur ,die lebendige Gemeinde'
ift, und zwar nicht ohne allerlei Unklarheiten. Eine wertvolle
Ergänzung zu den bisher landläufigen Gedankenreihen
bietet Lammers unter dem Titel ,die Gemeinde
als fittlich-religiöfe Autorität'. Matthes beantwortet warmherzig
und nüchtern die Frage: welche Ziele find für die
volkskirchliche Erziehung erreichbar?' (Auf S. 94 befinden
fich freilich einige gefchichtliche Irrtümer und auf S. 106
muß es .Luthergemeinde' heißen ftatt ,Lukasgemeinde').
In den Chor der Männer tritt mit der ihr gegebenen Ge-
wandtheitund Beredtfamkeit auch Paula Müller, über ,die
Gemeinde und die Frauen' fchreibend, — merkwürdigerweife
die bedeutfame und fegensreiche Tätigkeit der
Mutter als religiös-fittliches Vorbild und Erzieherin auch
nicht mit einem Worte ftreifend. Aus der Fülle der
Praxis heraus, witzig und anregend, bietet Niebergall
allerlei Winke für die .Gemeindepolitik', einen Ausdruck,
den ich verliehe und doch nicht eingebürgert fehen
möchte. Ein befonderes Verdienft erwirbt fich Schi an,
indem er Mahlings Aufftellungen über ideelle Gemeinde
und empirifche Gemeinde prüft und als unklar und unhaltbar
nachweift. Mir fcheint, daß von vornherein ,die
empirifche Lokalgemeinde' und ,die ideelle neuteftament-
liche Gemeinde' ganz difparate Begriffe find. Logifch
kann man wohl die empirifche Gemeinde dem Ideal einer
Gemeinde, wie es im N. T. gezeigt wird, entgegenfetzen;
oder die empirifche Gemeinde der Gegenwart der em-
pinfchen Gemeinde des N. T.s, die doch auch vom Ideal
weit entfernt war. Aber der Gegenfatz: ,die empirifche
Lokalgemeinde' und ,die ideelle neuteftamentliche Gemeinde
' fchließt eine doppelte oder dreifache Unklarheit
in fich, wenn der ideellen neuteftamentlichen Gemeinde
als Subjekt des Handelns allerlei Funktionen übertragen
werden, deren Objekt die empirifche Gemeinde fein foll.
Subjekt von Gemeindetätigkeit kann immer nur die empirifche
Gemeinde fein, und zwar, indem fie an fich felbft
arbeitet im Sinne des vom N. T. gezeichneten Ideals.
Die ganze Mahlingfche Formulierung dagegen kommt
darauf hinaus, daß als die ideale Gemeinde der jedesmalige
Gemeinfchaftskreis erfcheint, die übrige empirifche
Gemeinde aber als ,Welt' und Miffionsgebiet. Schian
weift mit Recht nach, daß dies das ftrikte Gegenteil zu
Sulzes gut proteftantifchem Grundgedanken ift. — Sehr
lefenswert ift auch Schoells Abhandlung über ,das Paro-
chialprinzip und den theologifchen Streit'; ich möchte
•nfonderheit auf den Gedanken hinweifen, den er S. 165
über Theologen und Laien ausfpricht. Aus einer reichen
Vergangenheit kann Siegmund-Schultze die Ergebniffe
ziehen, wenn er über Seelforgebezirke handelt. Die erfreuliche
Koinzidenz der eignen Ideale mit den aus ganz
andern Prämiffen gezogenen Forderungen Sulzes in bezug
auf das evangelifche Kirchengebäude fchildert Spi 11 a. Den
Schluß macht A. Stock mit einem Auffatz über ,dieKonferenz
für evangelifche Gemeindearbeit, insbefondere ihre
Aufnahme in der kirchlichen Öffentlichkeit', wobei ich
freilich zu S. 199 einige abweichende Bemerkungen hier
unterdrücke. Ich fchließe mit dem Wunfche, daß das
inhaltreiche Werk nicht bloß dem Jubilar Freude bereiten,
fondern vor allem auch, gründlich verarbeitet und bedacht
, für unfere Kirche fegensreich wirken möge.

Frankfurt a. M. W. Bornemann.

Zurhellen, Lic. Otto: Die Religion der Propheten. Predigten.
(III, 104 S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1911. M. 1 —

Der Doppeltitel des hübfch ausgeftatteten Büchleins
weckt zunächft ein Befremden. ,Die Religion der Propheten
', ein Problem gefchichtlicher Forfchung, wie mag
es durch ,Predigten' gelöft werden? Aber das Befremden
fchwindet beim Lefen. Es handelt fich nicht um die
Religion der Propheten, ihre Vorausfetzungen und ihren
gefchichtlichen Beftand, fondern um die Religiofität hervorragender
Prophetengeftalten des Alten Teftaments;
und diefe perfönliche Religiofität kommt fo zur Darfteilung,
daß hervorftechende Charakterzüge der Gemeinde vor
Augen geftellt und in ihrer unvergänglichen Vorbildlichkeit
durch markige und eindringliche Rede an Herz und
Gewiffen gebracht, daß alfo tatfächlich Predigten dargeboten
werden. Der mit Umficht und Fleiß erhobene
gefchichtliche Stoff wird nicht unter dem Gefichtspunkt
einer Mehrung hiftorifchen Wiffens, fondern unter dem
der Veranfchaulichung vorgetragen, die durch fich felbft
den Hörer von heut von der bleibenden Gleichheit und
Gültigkeit der religiöfen Grundmotive unter allen Wandlungen
der Zeiten und Kulturen überführt. Und wenn
bei aller Bemühung um gefchichtliche Treue doch die
nationale Schranke, die auch der altteftamentlichen Pro-
phetie anhaftet, nur feiten ins Bewußtfein gerufen wird, fo
wird fich auch dies daraus erklären, daß die Invention
des chriftlichen Predigers unbewußt und unwillkürlich
durch den Reflex nicht auf eine Zuhörerfchaft von Archäologen
, fondern auf die chriftliche Gemeinde beftimmt wird.
Auch die erfte Predigt, die den übrigen eine programma-
tifche Grundlage gibt, und die letzte, die die meffianifche
Weisfagung behandelt, entbehren trotz des Abfehens vom
perfönlich Vorbildlichen nicht der homiletifchen Bearbeitung
für den praktifchen Zweck. Uber manches gefchichtliche
Detail könnte man mit dem Verfaffer rechten. Daß
erft Jefaja den Gedanken Jahves als Weltgottes über den
Völkern gefchaffen, wird fich angefichts von Stellen wie
Arnos 2,1 3,2 9,7 fchwerlich halten laffen. Für die
urfprüngliche Kraft und im A. T. nicht überfchrittene Höhe
der Vorftellung von der Liebe Gottes wäre nicht Deutero-
jefaja, fondern Hofea heranzuziehen gewefen ufw. Doch
können folche Einzelheiten dem Gefamtverdienft keinen
Abbruch tun, daß Z. eine meift wenig gewürdigte und
höchftens oberflächlich abgefchöpfte Erbauungsquelle von
reicher Strömung für die Gemeinde der Gegenwart nicht
bloß erfchloffen, fondern auch fruchtbarem Gebrauch zugänglich
gemacht hat.

Berlin. P. Kleinert.

Hering, Univ.-Pred. Geh. Konfift.-Rat Prof. D. Hermann:
In Ihm war das Leben. Sammlung akadem. Predigten.
(IX, 308 S. m. 1 Abb.) gr. 8°. Halle a. S., Buchhandlung
des Waifenhaufes 1911. Mk. 6 —; geb. Mk. 7.50

Die Auswahl von 42 Predigten aus den letzten 10
Jahren der über ein Menfchenalter fich erftreckenden Tätigkeit
als Univerfitätsprediger, ift H's erfte Veröffentlichung
von Predigten und Abfchiedsgabe zugleich. Abgefehen
von den Schranken der Predigtgelegenheit für den Univerfitätsprediger
, ift die Auswahl weder von der Rückficht
auf das Kirchenjahr noch von der Abficht irgendwelcher
Vollftändigkeit beftimmt. Den 5 Predigten unter der Über-
fchrift ,Seelforgerworte an Studierende' zu Anfang folgen
andere, die nacheinander längere Schriftabfchnitte im Zu-
fammenhang behandeln (Joh. 3. 1—21, 4. I—26, Luk. 15.
11—32,1.Kor. 13, Math. 6. 9—13, Joh. 17), aber auch folche,
die unter verfchiedenen Gefichtspunkten des chriftlichen
Lebens oder der kirchlichen Feier zufammengeftellt find.
Die im Vorwort hervorgehobene feelforgerliche Aufgabe der
akademifchen Predigt macht fich in jenen 5 erften zwar
in reichlicherer, manchmal allzureichlicher Mahnung be-
fonders geltend, wird aber in allen forgfältig im Auge