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Ausgabe:

1912 Nr. 16

Spalte:

495

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Greven, Jos.

Titel/Untertitel:

Die Anfänge der Beginen. Ein Beitrag zur Geschichte der Volksfrömmigkeit und des Ordenswesens im Hochmittelalter 1912

Rezensent:

Clemen, Otto

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495

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 16.

496

In derfelben Handfchrift des Verklärungsklofters finden
fich auch umfangreiche Abfchnitte aus Hippolyts Danielkommentar
, die Diobouniotis hier veröffentlicht 1) weil
darunter auch Stücke ftehen, die fonft nur aus der flavifchen
Überfetzung bekannt find, 2) wegen der Anordnung des
Textes der Gerichte, 3) wegen der guten Lesarten. Auf
diefe Punkte wird daher Rückficht genommen, und es
werden namentlich die von der Ausgabe der Berliner
Kirchenväter-Kommiffion abweichenden Lesarten verzeichnet
.

München. Hugo Koch.

Greven, Kaplan Dr. Jof.: Die Anfänge der Beginen. Ein

Beitrag zur Gefchichte der Volksfrömmigkeit u. des
Ordenswefens im Hochmittelalter. (Vorreformations-
gefchichtliche Forfchungen. Hrsg. v. Heinr. Finke.
VIII.) (XV, 227 S.) gr. 8°. Münfter i. W., Afchen-
dorff 1912. M. 5.50

Es ift ein Genuß, fich von dem Verfaffer führen zu
laffen. In der ,Vorbemerkung' entfchuldigt er fich wegen
der ,Umftändlichkeit' der Unterfuchung. Aber gerade
fie erzeugt in dem Lefer das angenehme Gefühl der
Sicherheit.

Gr. gibt zuvörderft einen Überblick über die Legenden,
die über den Urfprung der Beginen aufgefchoffen find,
und über die wiffenfchaftliche Forfchung, wobei natürlich
der ,Commentarius' des Johannes Lorenz von Mosheim
befonders gewürdigt wird. Das Ergebnis ift, daß Gr. fich
genötigt fieht, noch einmal ganz von vorn anzufangen
und Schritt für Schritt vorwärts zu gehen.

Er Hellt zunächft feft, wann und wo die Beginen
zuerft urkundlich nachweisbar find: 1230 in Köln, 1232
in Löwen, 1233 in Cambrai. Darauf lenkt er unfere Auf-
merkfamkeit auf Nachrichten über die Entftehung des
Beginenwefens im Herzogtum Brabant im Jahre 1207 in
den Chroniken von Afflighem, Grimberghen und in dem
Compendium chronicarum des 1390 als Prior von Floreffe
geftorbenen Petrus von Herentals. Diefen Nachrichten
tritt ergänzend zur Seite eine Notiz in einer innerhalb
des Gebiets von Cambrai zwifchen 1256 und 1258 verfaßten
Schrift, dem ,Bonum universale de apibus' des
Thomas von Chantimpre, wonach die Beginen in dem
füdbrabantifchen Städtchen Nivelles aufgekommen find.
Die beiden letzteren Gefchichtswerke bezeichnen nun als
eine Quelle über den Urfprung der Beginen die 1215
verfaßte Biographie der Maria von Oignies bei Namur
(f 1213) von dem Auguftiner-Chorherrn Jakob von Vitry.
Die Betrachtung diefer Schrift fteht im Mittelpunkt unferer
Abhandlung; fie wurde gefchrieben, hauptfächlich um
den Vorwurf der Albigenfer gegen die Kirche abzuwehren,
daß die Heiligkeit aus ihr entfchwunden fei; Maria wird
darin als Typus weiblicher Frömmigkeit innerhalb ihrer
Umgebung gefchildert. Von diefer ficheren Grundlage
aus kritifiert Gr. die weitere Überlieferung und ftellt endlich
klar, daß das Beginenwefen als eine Genoffenfchafts-
bildung nach Art des Tertiarierwefens anzufehen ift.
Nachdem die Orden, befonders die Prämonftratenfer und
Ciftercienfer, die Frauenwelt für ihre religiöfen Ideale
begeiftert hatten, konnten fie fich bald des Zuftrömens
frommer Frauen nicht mehr erwehren. Sie mußten ihnen
ihre Pforte verfchließen, um nicht ihren eigentlichen Aufgaben
entfremdet zu werden. So bildeten fich die Beginen-
höfe. Ähnlich ift die Genefis der fratres de vita com-
muni zu denken.

Zwickau. O. Clemen.

Roth, Friedr.: Augsburgs Reformationsgefchichte. 4. Bd-

1547 bis 1555. (X, 732 S.) gr. 8°. München, Th. Ackermann
1911. M. 15 —

Wie Ref. ThLZ. 1909 Nr. 4 riet, hat Roth fein fchönes
Werk mit feiner gründlichen Quellenforfchung, feinem

billigen Urteil und feiner feinen Schilderung bis zum
Augsburger Religionsfrieden herabgeführt und fo Klarheit
über die Zeit des Interims, der Verfaffungsänderungen,
aber auch der katholifchen Reftauration gefchaffen. Der
Gewinn für die Gefchichte des Reichs, des Proteftantis-
mus, der evangelifchen Frömmigkeit, wie die Beurteilung
der Urheber des Interims und der Gegenreformation ift
bedeutend. Jetzt fällt die Maske, die Karl V. feit Jahren
getragen. Das Ziel leiner Politik ift klar: Vernichtung
des Proteftantismus, dem er das Interim allein auflädt.
Diefe Mißgeburt feiner Religionspolitik wird jetzt auch
für Augsburg in ihrer Unhaltbarkeit und Graufamkeit
enthüllt, der kaiferlichen Regierung famt ihren Theologen
fehlt jedes Verftändnis für das Wefen und die Kraft
evangelifchen Glaubens. Rätfeihaft ift neben Agrikola
Butzer, von dem Roth ganz neue auffallende Nachrichten
gibt (S. 157 Anm. 78.) Die ,ganz perfide' Regierung Karls
(S. 667), fein wiederholter Wortbruch (S. 426), fein Friedensbruch
nach dem Paffauer Vertrag (S. 569) ift grell
beleuchtet, ebenfo der Reftaurator des Papfttums in Augsburg
, Kardinalbifchof Otto Truchfeß, der fich mit gemeinen
Weibern abgibt (S. 247, 287 Anm. 17), wegen unerfätt-
licher Geldgier und als ,großer Pfründenfreffer' vom Volkswitz
Scherer genannt wird (S. 283) und vom Domkapitel
ein unerhörtes Sündenregifter zu hören bekommt (S. 329).
Abflößend wirken Ottos und des Dominikaners Joh. Faber
von Heilbronn Predigten, während die Heldings etwas
anfprechen. Erhebend ift die Haltung Johann Friedrichs,
der all fein im Krieg verlornes Anfehen wieder gewinnt,
aber ebenfo auch die Fettigkeit und Treue der Evangelifchen
Augsburgs, die von 1546 bis 1648 ,abgefehen von
Magdeburg wohl mehr für ihren Glauben erduldet und
fchwerere Opfer gebracht haben, als irgend eine andere
unter den großen Bürgerfchaften des Reichs' (S. 688).
Mit Andacht erfüllt die Weihnachtsfeier nach der Schilderung
Roger Afchams (S. 341) und der ftille Ernft in
der gottesdienftlofen Zeit nach Vertreibung der Prädi-
kanten vom 26. Aug. bis Ende Dez. 1551. Und die von
Bifchof Otto in einer Predigt treulos, meineidig, verfüh-
rerifch, abtrünnig gefcholtenen Prädikanten, obwohl keine
großen Theologen, ftehen als aufrechte Leute da, bereit
für ihre Überzeugung zu leiden, bedacht, fich ein gutes
Gewiffen zu bewahren und ein treues Herz für die Kirche
und Ehrerbietung gegen Kaifer und Stadtobrigkeit. Selbft
bei dem unter fchwerem Druck und trugvollen Vor-
fpiegelungen abgenötigten Eid erwecken fie nur achtungsvolles
Mitleid. Daß die Reformation nichts weniger als
Revolution ift, beweift die Haltung der Prediger und der
Gemeinde in den fchwerften Tagen faft unerträglichen
geiftigen Drucks und fchonungslofer Seelenmarter. Wie
klein erfcheint dagegen Karl der Städtezerftörer mit feinem
Hafenrat, feinen Spaniern, und ,der Frivolität feiner
Vertrauensperfonen' (S. 358) oder ,Büttel' (S. 650).

Nur noch hingewiefen fei auf das wichtige Kapitel Täufer und
Schwenkfelder S. 612, die Geftalt Joh. Bapt. Hainzels S. 227 fr., die
Würdigung der Kirchenordnung S. 594, die Streitfucht der von Melanch-
thon als friedfertig empfohlenen Sachfen. Zu Molther S. 138 ift die
Abhandlung des Ref. Bl.f.w.K.G. 1887, 57—61 und die Befchreibung
des Oberamts Heilbronn 1, 160 zu vergleichen. Zu Joh. Klinger S. 403,
der von Wafferburg flammte, vgl. die eben zitierte OAB. Heilbronn 1, 158,
zu Melhorn Theol. Stud. a. Württb. 7, 50—51. Georg Eckardt war 1545
Schulmeifter in Göppingen, Wurde aber entlaffen, weil er Tag und Nacht
im Wirtshaus lag. Auch ihn empfahl Melanchthon (S. 573). (Bl. f. w.
KG. 1905, 17. Urkunde v. 2. Mai 1547. Schneider Württb. Ref.G. 61.)
Wie verhält fich der Interimift Georg Ratz zu Jakob Ratz in Pforzheim
RE. 16 3, 470?

Stuttgart. G. Boffert.

Sonntag, Jofef: Der Zu[ammenbruch des Vatikans, (170 S.)
kl. 8°. Frankfurt a. M., Neuer Frankfurter Verlag 1912.

M. 2—; geb. M. 3 —

Der Titel ift geeignet, vom Lefen des Büchleins ab-
zufchrecken. Wie mag man von einem Zufammenbruch
des Vatikans reden in einem Augenblick, wo es dem Papft