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Ausgabe:

1912 Nr. 16

Spalte:

489-490

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Furneaux, William Mordaunt

Titel/Untertitel:

The Acts of the Apostles 1912

Rezensent:

Wright, A.

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489

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 16.

490

Linie geftellt werden dürfen: xvgioq ohne Artikel ift in
Zitaten aus dem AT. und in Nachbildungen des alttefta- 1
mentlichen Stiles Eigenname für Gott = Adonai—Jahveh,
o xvQiog (,unfer Herr', ,der wahre Herr') im felbftändigen
neuteftamentlichen Sprachgebrauch Eigenname für Chri-
ftus; dagegen ift &eög ohne Artikel immer appellativ (wie
es auch xvqioc fein kann) ,ein Wefen göttlicher Natur',
,Gott feinem Wefen nach', nur &sog jiatrjQ ift an manchen
Stellen zum Eigennamen geworden; ,der wahre (chriftliche
oder jüdifche) Gott' ift 6 freoc. Diefe Gedanken find freilich
ziemlich mühfam aus der Maffe des Stoffes und aus
der breiten, mehr theologifch-fpekulativen als grammatifch-
logifchen Ausdrucksweife herauszuholen; auch die mecha-
nifche Einteilung nach Kafus zerreißt die Gedanken mehr,
als daß fie fie ordnet. Im Einzelnen verdient etwa die
Befprechung der paulinifchen Formel Iv (tcö) xvqico (■qficöv
I?/öov Xqiotw) S. 102—109 Erwähnung; mit Recht weift
W. darauf hin, daß das ganz kurze Iv xvgim feiner Ar-
tikellofigkeit wegen aus dem älteften chriftlichen, an den
jüdifchen angelehnten, Sprachgebrauch flammen muß.

Schiers (Graubünden). A. Debrunner.

Furneaux, Dean William Mordaunt, D.D.: The Acts of
the Apostles. A Commentary for English readers.
(XI, 424 S.) gr. 8°. Oxford, Clarendon Press 1912. s. 8.6
Es ift ein nützliches Buch, das Lefer, die nicht grie-
chifch können, in moderne Gedanken einführen will. Aber
auch Kennern des Griechifchen werden die Anmerkungen
nützlich fein. Wenn das Buch nicht viel originale Gedanken
enthält und viele Schwierigkeiten unberührt läßt,
fo bringt es doch eine Catena von Anflehten bedeutender
Autoritäten. Der Standpunkt ift ftreng orthodox. Der
Verfaffer ift fparfam in der Annahme von Wundern. Er
hat Intereffe für die Gefchichte und die Einrichtungen
der erften Kirche. Ein ausgezeichnetes Beifpiel feiner
Methode ift feine Behandlung des Murrens betreffs der
Witwen in Kap. 6.') — Viel Sorgfalt ift auf die Überfetzung
verwendet. Die Wiedergabe von ovvaXiCöfitvog (1,4)
,having assembled them with Hirn' gibt eine falfche Zeitform
und verlangt avrovs. .Während er mit ihnen Salz
aß' wird durch die lateinifche Vulgata .convescens' unter-
ftützt. — Indem F. .Griechen' den .Helleniften' in Kap. 11, 20
vorzieht, nimmt er nicht nur eine fchlecht bezeugte Lesart
an, fondern überfieht auch die Tatfache, daß, da die
Stelle ein Rückblick ift und auf Stephanus Martyrium
zurückgeht .Helleniften' richtig fein muß. Die Schwierigkeit
von xtd ift durch Dr. Cnases glänzende Korrektur
tXaXovv xai [ovve^tovv] Jigög rovq ^EXXijvioxäq befeitigt.
Indem F. die Zahl der Matrofen, Soldaten und Paffagiere
bei dem Schiffbruch befpricht, vergißt er, daß .ungefähr
76' beffer aufrecht zu halten ift als ,276'. Die Bemerkung,
daß in Kap. 17,4 Paulus fich ,in der Richtung nach der
Külte' aufmachte, um feine Verfolger von feiner Spur
abzulenken, entfpricht der Lesart <oq em, aber nicht der
befferen Lesart ta>q

Es ift fchwer zu glauben, daß Lucas die Natur der Gabe
der Zungen vollftändig mißverftanden oder mit Willen
falfch dargeftellt haben könnte. Die Vermutung, die
durch den Unterzeichneten aufgeltellt und von Dr. Chase
angenommen wird, daß nämlich die Gabe in Stichworten
aus Predigten in einer fremden Sprache beftand, die von
Menfchen in ekftatifchem Zuftand durch abnormes
Arbeiten des Gedächtniffes wiedergegeben wurde — was
in Zeiten intenfiver religiöfer Erregung gewöhnlich und
den Pfychologen wohlbekannt ift —, hätte wenigftens als
Alternative gegeben werden können.

1) Doch ist die Annahme, daß dort 14 Almofenpfleger, 7 Hebräer
u. 7 Helleniften waren, nicht nur unwahrfcheinlich, fondern angefichts
von 21,8, wo fie als die .Sieben' bekannt find, ganz unmöglich. Nicht
allein waren die Helleniften zahlreich in den erften Tagen, fondern beeinträchtigt
wie fie waren, votierten fie (— eine allgemeine Erfahrung
bei Wahlen) — mit voller Kraft und fiegten fo.

Die Annahme, daß die Hellenilten einfach griechifch
fprechende Juden waren, zwingt den Verfaffer, Paulus
einen Helleniften zu nennen trotz des Apoftels Anfpruch,
ein .Hebräer von Hebräern' zu fein. Die Orthodoxie
war in diefer Periode mehr als die Sprache das Unter-
fcheidende. Ein Pharifäer war ein Hebräer, mochte feine
Mutterfprache auch das Griechifche fein. — Die Annahme,
daß Paulus Petrus tadelte, nicht weil er mit den Heiden
aß, fondern weil er aufhörte dies zu tun, läßt feiner
Sprache kaum Gerechtigkeit widerfahren. Offenbar
fand er es notwendig, folche Einladungen abzulehnen.
Da er ein Jude war, konnte er nicht .leben wie die Sünder
aus den Heiden'.

Aber das Buch muß nicht nach diefen Ausftellungen
beurteilt werden. Es bringt forgfältig erwogenen und
klar dargeltellten Stoff in Menge. Es ift fehr zu hoffen,
daß eine billigere Ausgabe das Buch bald in den Bereich
eines .viel größeren Leferkreifes bringen wird.

Cambridge. A. Wright.

Hoskier, H. C, The Golden Latin Gospels P in the library
of J. Pierpont Morgan (formerly known as the .Hamilton
Gospels' and sometimes as King Henry the VIII üVs
Gospels). Now edited for the first time, with critical
introduetion and notes, and aecompanied by four
full-page fac-similes by H.C.H. (CXVI, 363 [365] S.)
fol. mit 4 großen, vorzüglichen Nachbildgn. New York,
privately printed: 1910. (Der Kolophon auf S. [365]
gibt das Jahr 1911.)

Diefer ftattliche Band ift ein neuer Zeuge für das
wachfende Intereffe an Handfchriften in Amerika und zu
gleicher Zeit für die Freigebigkeit, mit der die Amerikaner
bereit find, biblifche Handfchriften nicht nur zu erwerben,
fondern auch herauszugeben und zu verfchenken. Der
Befitzer der Handfchrift, J. P. Morgan, ift derfelbe, der
neulich das Luther-Autograph für eine außerordentlich
hohe Summe erwarb und dann dem Kaifer gab. Es war
ein trauriges Zeichen für den Geilt unferer Tagespreffe,
daß fie Morgan, den Käufer des Autographs, mit Zorn
und Hohn überfchütteten, aber Morgan, den großherzigen
Schenkgeber, mit der fchlichten Mitteilung der gefchehenen
Schenkung abfertigten.

Der Herausgeber, H. C. Hoskier, ift ein englifcher
Kaufmann oder Bankier, der feit einigen Jahren in
Amerika, in New Jersey, wohnt. Er hat fich feit längerer
Zeit in erfreulicher Weife eingehend mit der Textkritik
des Neuen Teftaments befchäftigt. Es gehört vielleicht
mit zu der Schneidigkeit eines Gefchäftsmannes, daß er
bisweilen ficherer redet, als die Akten, genau genommen,
es rechtfertigen, doch finden wir die Neigung zu einer
folchen Sicherheit auch bei Gelehrten, die gefchäfts-
unkundig find. Das Wort .edited' auf dem Titel ift
durchaus unberechtigt.

Hoskier gibt, S. III—IX, in einem Vorwort Rechen-
fchaft über fein Vorhaben. Sonderbar genug fchiebt er
S. III die Schuld für die verwirrten Zuftände im latei-
nifchen Text nach der Arbeit des Hieronymus diefem
Gelehrten zu, als ob die Rezenfion günftiger aufgenommen
worden wäre, hätte Hieronymus feine Arbeit beffer gemacht
. Das Volk und die Geiftlichkeit fragt wenig nach
der Güte einer Revifion des biblifchen Textes. Es findet
den alten Wein beffer. Es ift zu bedauern, daß Hoskier,
S. 4, die bahnbrechenden, monumentalen Arbeiten des
zu früh heimgegangenen Franzofen Samuel Berger
mit einem wegwerfenden Satz erwähnt. Auf S. VI raubt
Hoskier Porson, um feinen Helden, den genialen und
ftreitfüchtigen Dean of Chichester, mit dem Spruch
.verify your references' zu fchmücken. Hätte der Herausgeber
mehr Muße gehabt, fo hätte er gewiß die Sprache
und die Korrektur etwas mehr gefchliffen und etwas
peinlicher beforgt.

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