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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

471

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schertel, Ernst

Titel/Untertitel:

Schellings Metaphysik der Persönlichkeit 1912

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

472

Schertel, Dr. Ernft: Schellings Wletaphyfik der Perrönlichkeit. zum religiöfen Erlebnis geworden ift (S. 47), fo ift das
(85 S.) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1911. M. 2.80 fur Eucken und feine Weltanfchauungspredigt fehr be-
„ . , , -, . , . zeichnend; doch dient es diefer Philofophie nicht zur

In einer großzugig angelegten und fehr emdmcks- ; Empfehlung, wenn Keffeler für ihre Einheit und Konvoi
en Einleitung fuhrt der Autor aus welche bedeutende j f ^ n£ht beffere Bd hat Auch kann es nicht
Rolle das Verlangen nach perfonlicher GeftaItimg des f N dig wiffenfchaftlichkeit von K.'s Unternehmen ein-
Dafeins und damit das I roblem der Perfonhchkeit die nehm wenn er meine Kritik des religiöfen Wahrheits-
Frage nach der Möglichkeit eigenwertiger, finnvoller Exi- begriffs'in der Philofophie Euchens (Göttingen 1910), die
ftenz in der Gegenwart fpielt und bei der gefamten ^ fdne Arbeiten nicht unangetaftet ließ, ignoriert,
kulturellen Lage fpielen muß. | oder follen ^ auf K ,g yiermai {n Anmerku* an.

In einem erften ,darfteilenden Teil' fchildert er dann
Schellings, gewiffe Gedanken Leibniz' und Kants kom-

binierende ,Metaphyfik der Perfönlichkeit', das heißt die uber Dag rdi iöfe problem. geäußert hat, ift die Aus
Lehre diefes Phüofophen von der Entfaltung desAbfoluten , ' f ;rcrPtAwdrhp WMfrht nnrrWhX™ rW reh

gepriefene Schrift ,R. Euchens Bedeutung für das moderne
Chriftentum' warten? Nach dem, was K. hier im Kapitel

zur Perfönlichkeit und von der Beftimmung des Menfchen
Im einzelnen befpricht er: I. Den Prozeß der Perfonali-
fierung des Abfoluten (a. das Abfolute, b. die Teilung des
Abfoluten in Dunkel und Licht, c. die Verbindung des
dunklen Grundes mit dem Licht zum wirklichen persönlichen
Gott oderUrmenfchen); II. Die metaphyfifche Struktur
der Perfönlichkeit (a. den Urmenfchen, b. den Fall des
Urmenfchen und die empirifche Perfönlichkeit); III. Die
Beftimmung der empirifchen Perfönlichkeit (a. die ethifche
Aufgabe, b. das zeitliche und das ewige Leben). Durchweg
macht fich das Beftreben geltend, Schelling möglichft
felbft zu Worte kommen zu laffen

ficht auf irgendwelche kritifche Durcharbeitung der religiöfen
Fragen hoffnungslos, ebenfowenig wie wir dem
gleichfalls vorangezeigten Opus ,Euckens Bedeutung für
die moderne Pädagogik' noch etwas zutrauen. Ich mag
mein früheres Verdikt über Keffelers Euckenianismus
nicht wiederholen (a. a. O. S. 67), bedauere aber fehr,
daß ich ihm nichts von feiner Schärfe nehmen kann.

Marburpf i. H. Karl Bornhaufen.

Durand-Pallot, Paft. Prof. Ch.: La eure d'äme moderne et

ses bases religieuses et scientifiques. (Preface de M.

in'einem "weiten Teil' verflicht der le Prof- Th. Flournoy.) (IX, 405 S.) gr. 8«. Paris, Fisch-

bacher. — Genf, Edition Atar (1910). fr. 7.50

Wie die holländifche ,Empirifche Gottesdienftpfycho-
logie' von Pfarrer Dr. J. G. Geelkerken, Amfterdam, Schel-
tema und Holkema 1909, 412 S., fo ift auch die vorliegende,

Autor, indem er die ,rational-empirifche' und die .intuitiv-
mythifche' ,Lebenshaltung' unterfcheidet und eine Rangordnung
zwifchen beiden ftatuiert, eine Würdigung der
auf der ,intuitiv-mythifchen' Lebenshaltung beruhenden

Stellungnahme Schellings. I gedanken-, aber z. T. auch wortreiche, in franzöfifcher

Man könnte verfucht fein zu beklagen, daß die ver- ; Naturwiffenfchaft fehr belefene Monographie auf empirifche
fchiedenen Perioden in der geiftigen Entwicklung des | Grundlage geftellt. Je mehr die enge Verkettung der
Phüofophen nicht auseinandergehalten werden. Verf. be- 1 Pfychologie mit Phyfiologie auch die empirifche Auffaffung
gegnet felbft diefem Einwand mit der Erklärung: .Schellings ! der Religionspfychologie im Sinne der biblifchen Einheit
Syftem ift ein organifches Gebäude, das fich zwar zeitlich I von Sorna und Pfyche zur Folge hat, je mehr ift man

entwickelte und wandelte, bei dem aber der Anfang im
Ende und das Ende im Anfang ruht'. Und man wird
geneigt fein, das von ihm eingefchlagene Verfahren gutzuheißen
, wenn man bedenkt, daß es ihm weniger darauf
ankommt zu befchreiben, ,wie es eigentlich gewefen ift',
als die .endgültige Abficht' Schellings, die bleibenden
Werte in feiner Philofophie und deren Bedeutung für die
Gegenwart herauszuarbeiten. Daß ihm das gelungen ift,
darf ihm unfraglich nachgerühmt werden, wie denn überhaupt
das anfprechende Büchlein mit einer Art Kongenialität
gefchrieben ift.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Kelleier, Kurt: Rudolf Euckens Werk. Eine neue idealift.
Löfg. des Lebensproblems. Zur Einführg. in fein Denken
u.Schaffen. (XII, 135 S.) 8°. Bunzlau, G. Kreufchmer
I911- M. 2.50

In feinen erften kurzen Euckenftudien vom Jahre 1909
hatte der Verf. eine größere Ausführung über Euckens
Philofophie verfprochen, die über die Oberflächlichkeiten
der früheren Schriften tröften follte. Jetzt liegt diefes
Buch auf 131 Kleinoktayfeiten vor; aber befriedigen kann
fein Inhalt nicht. Es wird in ihm der Gedankengang der
Euckenfchen Philofophie erzählt: das wäre ja ein Verdienft,
wenn man fie dadurch beffer verftehen lernte. Aber da
der Verfaffer meint, mit Euckenfchen Ausdrücken und
reichlichen Zitaten diefe Philofophie zu erläutern, und feine
originalen Zutaten auf Andachts- und Bewunderungs-
exklamationenbefchränkt,wird diefes Klärungsunternehmen
wohl nicht gelungen fein. Glaubt Keffeler wirklich, daß
wir neben Piaton und Kant ohne weiteres Eucken als
dritten Größten im Bunde anerkennen (S. 22), daß wir
das Hineinlegen von Bibelfprüchen und Jefusworten in
Euckens Philofophie als richtig, gefchweige denn als
gefchmackvoll empfinden (S. 47, 130)? Wenn ihm Eucken

verfucht, auch die Seelforge unter diefe Gefichtspunkte
zu rücken. Die Medizin, die immer mehr nach der anima
eindringt, mag ein Veto gegen Grenzüberfchreitungen
einlegen, die die Religion auf ihr Eigengebiet zurückweift
und fo die cura animae vor Verflachung und Veräußer-
lichung fchützt, aber wie die Medizin mit Recht religiöfe
dementia, fixe Ideen der Hyfterie als ihr Reffort bean-
fprucht, fo find in der Tat die Grenzen fließend. Verf.
dürfte in feinem Beftreben, der rpfychologifchen Ausrüftung
des Seelforgers die phyfiologifche Sicherheit zu leihen,
jene Gedanken nicht völlig geklärt haben, jenen Gefahren
der Veräußerlichung trotz feines orthodoxen Standpunkts
nicht entgangen fein. Auch fo ift das Buch, auf deffen
viele Schwierigkeiten das Vorwort des bekannten Pfycho-
logen hinweift, ein beachtenswerter Verfuch einer wirklich
modern wiffenfehaftlichen Seelforge. Sicherlich ift
die Arbeit eine brauchbare, wenn auch lofe Zufammen-
ftellung der phyfiopfychifchen Fragen, die künftig der
Lehre der Seelforge voranzuftellen find. Wenn allmählich
aber die traditionelle Art einer, kafu eilen Paraklefe des Irrenden
, Leidenden und Sündigen mit dem modernen pfycho-
logifchen Grundriß verfchmolzen ift, dann wird aus diefer
theologifchen Darlegung der pfychophyfifchen Zuftände
und Methoden über Heilung und Heiligung vielleicht von
felbft die wiffenfehaftlich fundierte Praxis fich ergeben,
die keiner befonderen, kafuellen Winke bedarf.

Diefe vorangefchickten Direktiven wollten dem überreichen
Inhalt im Ganzen auf dem fo befchränkten Raum
einer Befprechung zu Recht verhelfen; gleichkam als Beleg
für diefe Beurteilung folge eine kurze Inhaltsangabe.
I. Problem der Seelforge (S. 1—48), Kap. 1: Vernach-
läffigte Seelforge, nämlich verkannte Wichtigkeit und
Urfachen der Unfruchtbarkeit, Kap. 2: Vorausfetzungen
einer Erneuerung, nämlich Gefetz göttlichen und menfeh-
lichen Zufammenwirkens, Kenntnis der Beziehungen von
Phyfiologie und Moral fowie Wege zur Befferung. Wenn