Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 15

Spalte:

457-458

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krebs, Engelbert

Titel/Untertitel:

Der Logos als Heiland im ersten Jahrhundert. Ein religions- u. dogmengeschichtl. Beitrag zur Erlösungslehre 1912

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

457

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 15.

458

Krebs, DD. Engelbert: Der Logos als Heiland im ertten

Jahrhundert. Ein religions- u. dogmengefchichtl. Beitrag

zur Erlöfgslehre. Mit e. Anh.: Poimandres u. Johannes.

Kritifches Referat über Reitzensteins religionsgefchichtl.

Logosftudien. (Freiburger theolog. Studien. 2. Heft.

(XX, 184 S.) Freiburg i.B., Herder 1910. gr. 8°. M. 4 —
Krebs beginnt in feinem Vorwort in charakteriftifcher
und erfreulicher Weife mit einer Anerkennung der Notwendigkeit
der religionsgefchichtlichen Arbeit: ,Das reli-
gionsgefchichtliche Arbeiten kann dem theologifchen
Arbeiter unferer Tage nicht mehr erfpart bleiben, wenn |
er nicht der Pflicht fich entziehen will, welche der Apoftel
Petrus der jungen Kirche eingefchärft hat: „Seid alle Zeit
bereit zur Verantwortung vor Jedem" ufw.' Diefem Pro- I
gramm entfpricht die Ausführung der Arbeit. Der Verf.
zeigt eine geradezu erftaunliche Belefenheit in der ein- j
fchlägigen Literatur, die er bis in ihre entlegenften Winkel |
kennt (vgl. das Literatur-Verzeichnis p. XIII—XIX). So
läßt er denn auch bei der Darfteilung der Gefchichte
des Logos-Begriffes feinen Blick weit über die Religionen
hinfchweifen. Er beginnt mit den orientalifchen Religionen.

Hier fei vermerkt, daß er jede Möglichkeit einer Berührung der
Spekulationen Philos mit den eigentümlichen Hypoftafen-Lehren der per-
fifchen Gathas beftimmt ablehnt, obwohl er die innere Verwandtfchaft
der Phantafien hüben und drüben durchaus anerkennt. Er tut das gewitzt
auf die bekannten Thefen Darmefteters von der fpäten Eutftehungs-
*eit refp. der Fälfchuug der Gathas und auf eine Arbeit von Lagrange, j
die fich ganz in den Bahnen Darmefteters bewegt. Aber Darmeileters
Theorien haben allmälich faft auf der ganzen Linie der in Betracht
kommenden Forfchung eine runde Ablehnung erfahren und auch Lagrange's
Ausführungen werden an diefem Tatbeftaud nichts zu ändern vermögen.
Es hätte aber doch dem Verf. bekannt fein und in diefem Zufammenhang
nicht übergangen werden dürfen, daß Philo nach feinen eigenen Worten
die Spekulationen der perfifchen Weifen über die Eigcnfchaften Gottes
tatfächlich kannte. (Quod omnis probus liber K. II.)

Dann wendet fich der Verf. dem Logos in der grie-
chifchen Philofophie zu; verdienftvoll ift es hier, daß er
auf die halb philofophifchen, halb mythologifchen Logos- I
Spekulationen in der 'ElltjtMX^ OtoXoyla des Cornutus I
aufmerkfam macht, hier hätte er vielleicht die Nachweife
Brehiers (Philon) von der engen Verwandtfchaft der
Spekulationen Philos mit Sätzen des Cornutus heranziehen
dürfen. Wertvoll find auch feine Hinweife auf
Plutarchs Logoslehre, die er unter Benutzung der Arbeiten
Lebretons gibt. Bemerkenswert ift im folgenden Ab-
fchnitt über den griechifch-ägyptifchen Synkretismus fein
Zugeftändnis an Reitzenftein: ,Die religiöfe Vorftellung
Hermes-Logos-Tat dürfte für das erfte chriftliche Jahr- j
hundert gefichert fein'. Dagegen bieten des Verf. Ausführungen
über Philos Logoslehre nichts Neues und
Förderndes; es ift dem Verf. nicht gelungen, innerhalb
der verwirrend vielen und fich widerfprechenden Be-
urteiluno-weifen des jüdifch-alexandrinifchen Theofophen
einen beftimmten Standort zu gewinnen und von hier aus die
Probleme zu entwirren. Die biblifche Weisheitslehre enthält
natürlich für den Verf. die ewige Wahrheit, die in allen
anderen Spekulationen nur verborgen zum Ausdruck
kommt. Über das Alter der jüdifchen Memra-Lehre äußert
er fich mit Recht fkeptifch, und gefreut hat mich, daß
er .Harnacks Entdeckung' einer jüdifchen vorjohanne-
rfchen Myftik in den Oden Salomos a limine abweift.
Intereffant ift es dann wieder, wie der Verf. die paulinifchen
Chriftus-Spekulationen mit der altteftamentlichen Weisheits-
lehre in Beziehung fetzt und faft ausfchließhch von dorther
zu begreifen fucht. Was für eine Bedeutung der
zwifchen den Ausfuhrungen über Paulus und Johannes
Gehende Abfchnitt ,die urchriftliche Liturgie' eigentlich
hier haben foll, habe ich nicht recht einzufallen vermocht
fs folgt der Hauptabfchnitt über die Logoslehre des
Johannesevangeliums. Hier wird von K. der metaphyfifche
Charakter des Logosbegriffes betont und im ftnkten
Gegenfatz zu Harnack der enge Zufammenhang des Prologs
DJit der gefamten Lehre des Evangeliums betont: ,der
Prolog ift gerade das, was er nach Harnack nicht fein

foll, der Schlüffel zum Verftändnis des Evangeliums'.
Zum Schluß fchlägt dann doch die religionsgefchichtliche
Betrachtungsweife ihre Wellen in die Darftellung hinein.
,Man kann vermuten, daß gerade die Oppofition gegen
den Kult der falfchen Logoi (Verf. nennt im Folgenden
die griechifche Hermes-Logos-Verehrung, die jüdifche
Sophia-Offenbarung und Memra-Spekulation, die philo-
nifche Logosverherrlichung, die ägyptifche Ehrfurcht vor
dem mächtigen Wort der Götter, die perfifche Anrufung
Vohumanos) den Gebrauch des Logos-Namens für Chriftus
häufig gemacht habe.'

In einem Nachwort fetzt fich der Verf. mit den
Arbeiten Reitzenfteins und namentlich mit deffen Ausführungen
über das Corpus hermeticum im ,Poimandres'
auseinander.

Vor allem erörtert er von euem das überaus wichtige Problem
der zeitlichen Datierung des gefamten Corpus. Die Auslührungen, die
er gibt, um die Datierung des Terminus ad quem für das ganze Werk,
die Reitzenftein gewonnen zu haben meint, zu erfchüttern, haben mich
freilich nicht überzeugt. Nach wie vor glaube ich, daß die .Rede an
die Könige' am heften in der Zeit Diocletians zu verliehen ift, und überhaupt
feheint mir das ganze Werk mit großer Wahrfcheiulichkeit in die
Zeit des ungebrochenen Heidentums, d. h. der heidnifchen Kaiferzeit,
hineinzugehören. Daß freilich der Hirt des Hermas von dem Poimandres
des hermetifcheu Corpus abhängig fei, halte auch ich nach wie vor mit
Krebs und anderen Kritikern zum mindelten für nicht erwiefen; ent-
fchieden aber muß ich widerfprecheu, wenn Krebs auf Gruud einer
Vergleichung der Valentinianifchen Gnofis mit den Spekulationen des
Poimandres den fpäteren Charakter der letzteren Schrift zu erhärten
unternimmt. Schon das ift nicht billig, daß er die gereinigte Geftalt
des Valentinianismus mit der verworrenen Form der gegenwärtigen
Überlieferung des Poimandres vergleicht: die urfprüngliche Form des
letzteren zeigt entfehiedeu einen altertümlichen und einfacheren und von
chriftlichen EinflüfTen ganz unberührten Charakter. Für das größere
Alter des Poimandres fpricht auch der Umftand, daß in feinem Zeutrum
noch die ausführliche Anthroposlehre fleht, während jene im guoftifchen
Syfteme nur noch als Fragment und Hieroglyphe vorkommt.

Im Ganzen und Großen fpürt man gegenüber der
Arbeit trotz alles Guten und Trefflichen, das fie bietet,
doch überall zum minderten einen latenten Widerfpruch.
Es kommt ja dabei auf die Datierung diefer oder jener
Quelle und auf die Entfcheidung der Abhängigkeitsfrage
in diefem oder jedem Sinn garnicht fo fehr an.
Aber darauf allerdings kommt es an, daß der vollkommene
Parallelismus der jüdifchen und chriftlichen Spekulationen
mit all den anderen Phantafien über mittlerifche Wefen
erkannt werde, die ihren Entftehungsort auf der Grenz-
fcheide von Polytheismus und Monotheismus haben, und
daß auch die chriftliche Spekulation, die uns fo meilenfern
liegt, in diefen Zufammenhang eingeftellt und verftändlich
gemacht werde. Wem aber die chriftliche Spekulation
von dem Logos als einer zweiten Perfon der Gottheit
ewige Wahrheit ift, der gegenüber alle andern Phantafien
als unvollkommene Schattengeftalten daftehen, der kann
dem Ernft des vorliegenden Problems nicht gerecht werden
trotz aller religionsgefchichtlichen Kenntniffe im einzelnen.
Göttingen. Bouffet.

Haale, Dr. Felix: Begriff u. Aufgabe der Dogmengefchichte.

(IV, 93 S.) gr. 8°. Breslau, Goerlich & Coch 1911. M. 1.40

Haafes Unterfuchung erörtert in einem elften Teil
den Begriff des Dogmas, in einem zweiten den Begriff
und die Aufgabe der Dogmengefchichte. Der Schwerpunkt
der Arbeit liegt in den letzten Ausführungen des
4. Abfatzes des erften Teils (I 4b: chriftlicher und kirchlicher
Dogmenbegriftj und im erften Abfatz des zweiten
1 eils (II 1: Begriffder chriftlichen und kirchlichen Dogmengefchichte
). Die erften Abfätze des erften Teils entwickeln
nach einer gefchichtlich philologifchen Erörterung den
römifch-katholifchen Dogmenbegriff (I 2) und ,das Dogma
in der evangelifchen Orthodoxie' (I 3). Der vierte Abfatz
charakterifiert zunächft (I 4a) die neueren Auffaffungen
über das Dogma und feine Genefis und findet dann in
Anlehnung an meine Ausführungen in der Theologifchen
Rundfchau 1911 den Übergang zur Darfteilung des chriftlichen
und kirchlichen Dogmenbegriffs. Das Ergebnis von

**