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Ausgabe:

1912

Spalte:

23-24

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauch, Bruno

Titel/Untertitel:

Geschichte der Philosophie. V. Immanuel Kant 1912

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 1.

tung einzelner Mängel in James' Lehre vom Willen zum
Glauben präludiert und mit der Erörterung einzelner
Konfequenzen des Pragmatismus abfchließt, um in einem
Hauptabfchnitt den zentralen Irrtum desfelben, die Be-
meffung der Wahrheit eines Urteils an deffen Folgen,
nicht ungefchickt zu bekämpfen. Soweit fich ein Standpunkt
des Autors, der mit Recht die Neuheit der angeblich
,neueften' Philofophie beftreitet, erkennen läßt, er-
fcheint er als ein eklektifcher. — Über den Druckfehler
,Bourtroux' könnte Boutroux fich beklagen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Bauch, Prof. Dr. Bruno: Gefchichte der Philofophie. V.

ImmanuelKant. (SammlungGöfchen536.) (207 S.) kl. 8°.
Leipzig, G. J. Göfchen 1911. Geb. M. —80

Eine genauere Befprechung eines Göfchenbändchens
bedarf bei der Wichtigkeit des behandelten Themas keiner
näheren Begründung. Nachdem Bauch im 4. Bande (die
Gefchichte der neueren Philofophie bis Kant) in einer
klaren und durchfichtigen Skizze dargetan, wie die Bewegungen
des allgemeinen Kulturlebens der neueren Zeit
zunächft ethifch-religionsphilofophifch gewendet erfcheinen,
dann dogmatifch-fpekulativ zugefpitzt werden, fchließlich
auslaufen in den Parallelismus einer rational gerichteten
und einer empirifch beginnenden und naturphilofophifch
(Naturalismus und Materialismus der Aufklärung)
endenden Epoche, gibt er jetzt im 5. ein abgerundetes,
glänzendes Bild des Riefenwerkes I. Kants.

Die Einleitung hätte ich etwas großzügiger und tiefgrabender
gewünfcht. Von Eucken und Windelband
hätte hier noch manches herübergenommen werden können.
Auch in der äußern: lebendigen und frifchen Darftellung
von Kants Perfönlichkeit und Leben vermiffe ich ein
Eingehen auf die Seiten- und Nebenftrömungen, befonders
auch auf die Lehrer Kants, auf das ganze geiftige Milieu
u. f. f. Ausgezeichnet aber ift die Klarlegung der Entwicklung
in den vorkritifchen Schriften, die endlich einmal
mit dem überlieferten Schematismus der .Perioden'
bricht. An fich recht brauchbar ift als Einführung der
Abfchnitt über die Theorie der Erkenntnis. Lobenswert
ift insbefondere das, vielleicht etwas zu breite, klärende
Eingehen auf die Terminologie. Eine fcharfe Begriffsentwicklung
führt in die Bedeutung des .Begriffes einer
Transfzendentalphilofophie' mit Glück ein. Ich bin allerdings
der Meinung, daß Kant mehr geleiftet hat als eine |
methodifche Durchführung der Arbeit am Erkenntnisproblem
. Es ift felbft nicht einmal richtig, daß Kants
theoretifche Philofophie fich als nichts anderes gegeben
habe denn als Erkenntnislehre. Bauch felbft betont ja
fchon mit Recht die Bedeutung der transfzendentalen
Methode, die er freilich nur in ihrer Anwendung auf das
Erkenntnisproblem gelten laffen will. Das Problem der
Möglichkeit der Erfahrung wird zu unvermittelt eingeführt.
Gut aber wird dann das a priori dargelegt. Mich dünkt
jedoch, daß hier und da die hiftorifchen Ausführungen
von modernen Überzeugungen fyftematifcher Art auffällig
gefärbt erfcheinen (S. Soff.). Der Verfuch, fowohl die
transzendental-pfychologifche als die transzendental-kri-
tifche Interpretation als hiftorifch berechtigte Anknüpfungen
an Kant zu erweifen, fo weitherzig er gedacht fein mag,
führt doch zu Unbeftimmtheit und Unentfchiedenheit in
prinzipiellen Fragen, von der fich felbft Bauch trotz eindringender
Analyfe nicht ganz frei gemacht hat (S. 58 ff.).
Eine genauere Unterfuchung der vorkantifchen und kan-
tifchen Terminologie würde zu dem Refultate führen, daß
man keineswegs Termini wie .Fähigkeit' u. a. ohne weiteres
transfzendental-pfychologifch deuten darf. Die Interpretation
der transzendentalphilofophifchen Erkenntnislehre
ift im allgemeinen mit Glück bemüht, die .hiftorifchen'
Zufammenhänge den Tatfachen entfprechend getreu wiederzugeben
. Bauch fieht aber felbft, daß feine Bemerkungen
dem Buchftaben nach nicht Kantifch find (S. 113).

Ich gebe ihm vollftändig darin recht, daß es allein darauf
ankommen kann, den Geift und die Tendenz der kan-
tifchen Erkenntnislehre zu erfaffen und darzuftellen. Ich
glaube auch, daß er im einzelnen fehr viel zum Verftänd-
nis Kants beigetragen hat. Nur feinen Verfuch, das Transzendental
-pfychologifche in Kant zu retten, kann ich nicht
als gelungen anerkennen. Ich beftreite durchaus nicht
das Nachwirken der älteren Tradition auch in Kant. Ich
meine aber, daß man diefe .fcholaftifchen' Elemente endlich
rein hiftorifch würdigen, fie aber nicht in das Syftem
als gleichberechtigten Faktor eingliedern follte. Die prak-
tifche Philofophie von dem Problem der theoretifchen aus
zu begründen, hat manches für fich. Es erfcheint aber
doch richtiger, zunächft das allgemeine Fundament der
kantifchen Kritik zu legen und von da aus zu den einzelnen
Disziplinen fortzufchreiten. Das Methodifche kommt
in diefem Abfchnitt etwas zu kurz. Befonders fympathifch
berührt hat mich das 5. Kapitel, das nach Windelbands
Vorgang den fteigenden Aufbau und die wachfende Bedeutung
der drei Kritiken, die Hinaufführung des Problems
auf die Höhe in der Teleologie gut veranfchaulicht
und darftellt. Als Abfchluß hätte wohl noch ein kurzer
Ausblick auf die übrige Leiftung Kants, feine Entwicklung
und der Ausbau des Syftems und eine kurze Darftellung
der unmittelbaren Einwirkung feiner Lehre und
der nächften Fortbildung geboten werden können. Das
Werk ift zwar klar und durchfichtig gefchrieben, aber
.populär' ift es glücklicherweife nicht geworden. Den
gebildeten Lefer darf man aber heute getroft näher und
genauer in die hiftorifche Forfchung einführen. Dafür
hätten manche fubtile Einzelheiten des Syftems leicht
ausgemerzt werden können.

Einzelne Wendungen find allzu üppig und breit (z. B. S. 42 Z. 9
v. u. S. 44 Z. 12 v. u. u. ö.). Einer zweiten Auflage follte ein Sach-
regifter beigefügt werden. Vielleicht gibt der VerfaiTer auch ein kurzes
erklärendes Verzeichnis der hauptfächlichftenTermini; es wäre das manchem
Lefer fehr lieb.

Ich wünfche auch diefem Buch des Verf. viele Lefer,
die es mit Nutzen und Gewinn benutzen werden.

Einbeck (Hannov.). Bruno Jordan.

Fifcher, Prälat Dr. Engelb. Lor.: Syftematifche Anleitung
zur Willens- und Charakterbildung. Ein Buch, fpeziell
f. Philofophen, Pädagogen, Geiftliche, Lehrer u. Selbft-
kultur. (209 S.) 8°. Berlin, Gebr. Paetel 1910.

M. 3—; geb. M. 4 —

Fassbender, Prof. Dr. Martin: Wollen eine KöniglicheKuntt.
Alte und neue Anfchauungen über Ziele und Methoden
der Willensbildung. (VII, 199 S.) 8°. Berlin, H. Walther
19"- M. 1.20

Diefe zwei Schriften zur Willenspflege, von katholi-
fchen Theologen gefchrieben, bieten inhaltlich viel Interef-
fantes und regen zu allerlei Gedanken an.

Fifcher ift eine ganz und gar philofophifch und päda-
gogifch gerichtete Natur. Nicht ohne feine vielen eigenen
Schriften reichlich anzuführen, legt er in einer fehr klaren
Einleitung — wie er überhaupt breit, aber klar zu fchreiben
weiß — einen metaphyfifchen Grund für alles weitere; diefer
befteht in einer panpfychiftifchen Weltauffaffung, die die
Einwirkung von Leib auf Seele und von Seele auf Leib fo
zu erklären fucht, daß ja beide Teile der körperlich-
geiftigen Gefamtwelt find, in der es keine Gegenfätze,
fondern nur Übergänge zwifchen phyfifchem und pfychi-
fchem Leben gibt. Darauf kommt eine ausgefprochen
voluntariftifche Pfychologie, die den Willen zum Herrfcher
des ganzen Seelenlebens macht, ohne ihn felber aber dem
Einfluß der übrigen feelifchen Regungen zu entziehen. —
Auf diefer Grundlage ruht zunächft die Lehre von der
indirekten Willensbeeinfluffung: fehr verftändig wird mit
der Pflege des Leibes begonnen, wobei zumal die ver-
fchiedenen Obftforten genau nach ihrem Nährwert für