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Ausgabe:

1912 Nr. 15

Spalte:

451-452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cheyne, Thomas Kelly

Titel/Untertitel:

The two Religions of Israel. With a Re-Examination of the Prophetic Narratives and Utterances 1912

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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45i

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 15.

452

Studie, die uns Nicholfon, der Meifter auf dem Gebiete
der islamifchen Myftik, hiermit darbietet. Die myftifche
Seite einer Religion geftattet uns die tiefften Einblicke
in deren Wefen. Daß wir, die Vertreter der chriftlichen
Kultur, einen folchen unparteiifchen Blick in das tiefere
Empfindungsleben des Islam gewinnen, ift um fo dankenswerter
, als in den früheren Polemiken zwifchen Islam und
Chriftentum von dem letzteren der Wert des Islam zu
niedrig eingefchätzt wurde. — Das von Nicholfon überfetzte
Werk ift ,Die Enthüllung des Verfchleierten', ein
Handbuch der Myftik, das Gaznawi ca. 1073 t verfaßte,
um feinen Landsleuten das Wefen der wahren Myftik
und ihre Gefchichte vor Augen zu führen und fie vor der
falfchen zu warnen. Diefe ,falfche' ift die buddhiftifche,
die das Nirwana (die vollftändige Auflöfung der individuellen
Subftanz der Menfchen in Gott) und den Pantheismus
lehrt. Gaznawi vertritt demgegenüber die Lehre
von einem gemäßigten Nirwana: nur die Eigenfchaften
des vollendeten Menfchen löfen fich bei der Verbindung
mit Gott auf. Die Subftanz bleibt erhalten. Dadurch
wahrt G. feine islamifche Orthodoxie.

Der hiftorifche Teil des Werkes berichtet Ausfprüche
und Wundererzählungen berühmter Myftiker, deren Grundzüge
und Erzählungsmotive mit denen chriftlicher Myftiker
vielfach übereinftimmen, was einer befonderen Unter-
fuchung wert wäre. Der theoretifche Teil befpricht die
Wege, auf denen der Menfch zur vollftändigen Beherrfchung
feiner Leidenfchaften und Verfenkung in Gott gelangen
kann. Dabei ergeben fich beftändig deutliche Parallelen
zum Chriftentume. In der Beurteilung des Zölibates hat
die islamifche Myftik fogar einen ungetrübteren Blick als
das katholifche Chriftentum: Im allgemeinen wird dem
Myftiker die Ehe empfohlen; denn der Zölibat .bedeutet
(S. 361 unt.) 1. eine Mißachtung von Traditionen des Propheten
und fteigert 2. die Leidenfchaft und Gefahr zur
Sünde, die doch beide bekämpft werden follen'. —■ Möge
diefe vortreffliche und gründliche Arbeit Nicholfons bei
uns Chriften recht viele Lefer finden und vielleicht zur
richtigen Orientierung der chriftlichen Polemik gegen den
Islam beitragen.

Bonn. M. Horten.

Cheyne, Prof. em. T. K., D. Litt: The two Religions of Israel.

With a Re-Examination of the Prophetic Narratives
and Utterances. (XV, 428 p.) 8». London, A. & Ch.
Black 1911. Geb. s. 12.6

Der Verfaffer diefer religionsgefchichtlichen Arbeit
hat fich in der wiffenfchaftlichen Welt weit über die Grenzen
feiner Heimat hinaus als Ausleger des Jefaja und der
Pfalmen vorteilhaft bekannt gemacht, und nicht wenige
der von ihm vertretenen Anfchauungen haben Zuftimmung
gefunden. Leider haben feine Publikationen in dem letzten
Jahrzehnt je länger um fo mehr den Widerfpruch feiner
Fachgenoffen herausgefordert, nicht nur um der Kühnheit
feiner Behauptungen willen, fondern wegen der ganzen
Methode feiner Arbeit, die man als verfehlt anfah. Diefe
Art der Arbeit zeigte fich zuerft in vielen Artikeln feiner
Encyclopaedia Biblica, und fie ift trotz des fcharfen
Widerfpruchs faft aller Kritiker diefelbe geblieben bis
zu diefer letzten Publikation. Der von Ch. in ihr vertretene
Hauptgedanke ift fchon aus jenen Artikeln bekannt:
die beiden Religionen find die des älteren Jerahme'el und
die des jüngeren Jahve, der Kampf zwifchen ihnen bildet
den Inhalt der israelitifchen Religionsgefchichte bis in die
Zeit desjeremja. Baal ift nur eine Variante des Jerahme'el,
wie andererfeits auch Jahve: Jahve und Jerahme'el wurden
miteinander verbunden, ja verwechfelt. Beide weifen
nach Nord-Arabien als ihrer Heimat, von dort hat Israel
feine entfcheidenden Einflüffe erfahren. Ch. glaubt diefe
Anfchauung aus dem A. T. nachweifen zu können, nur
ift das nicht unfer A. T., fondern ein von ihm auf dem
Wege der Konjektur zurechtgemachtes; durch fie glaubt

Ch. den hinter unferem Text liegenden älteren Text wiedergewinnen
zu können. Eine eingehende Kritik Ch.s ift
unmöglich, das würde ein befonderes Buch erfordern,
denn faft jede Seite fordert den Widerfpruch heraus, auch
fehlt es angefichts diefer Art der Arbeit Ch.'s an einem
gemeinfamen Boden, von dem aus eine Verftändigung
möglich ift. Ich greife daher einige charakteriftifche Bei-
fpiele heraus, welche die Methode ins rechte Licht fetzen
follen, und um Ch. ja nicht Unrecht zu tun, ziehe ich es
vor, ihn felbft zu Worte kommen zu laffen. Im Anfchluß
an biOns* Jef. 29,1 lefen wir S. 35: ,Aräbu is one of the
Babylonian names for the world of the dead, and I have
ventured to conjecture that it is a short and corrupt form
of the N. Arabian divine name Yerahme'el, carried far to
the north, with Adad (= Yahweh?) .... in an early Arabian
migration'. Nach Ch. gehören auch Mofe und Ahron
nach Nord-Arabien und findRepräfentanten nordarabifcher
Kultur, jener wefentlich Orakel-, diefer Kultuspriefter.
Jener gibt den Auftrag, die in Misrim d. i. nordarab.
Musri, lebenden bene Israel zu .diefem Berg' zu bringen.
Gott fagt zu Mofe: Ehyeh asher ehyeh und Ch. fügt
erklärend hinzu: Ehyeh, it appears, should be ashhur,
and asher shoud be asshur. Ashhur and Asshur are
equivalent; the latter is a gloss on the former, and the
second ehyeh i. e. Ashhur, is a dittograph. Seite für
Seite der prophetifchen Literatur —, freilich nachdem Ch.
den urfprünglichen Text erft wieder entdeckt hat — geben
ihm Zeugnis von diefem nordarabifchen Einfluß. Hofea
ift nicht ben Beceri, fondern urfprünglich ben 'Arabi und
war Jerahme'eliter; und Gomer bat Diblajim wird Gomer
bat Rebel Yaman d. h. fie ftammt aus dem nordarabifchen
Rebel. Hof. 3, I überfetzt Ch. auf Grund feiner Konjektur:
Go again, love a woman of Arabian Ashhur (gloss a
native of Arabia) and an adulteress, acording to the love
of Yahwe for the bene Israel, who turn to other gods
(gloss to Ishmael of the Sib'onites.) Am. 6, I findet Ch.
ebenfalls Nordarabien erwähnt, denn ftatt an Zion ift an
ismaelitifches Sib'on und ftatt an Samarien an nord-
arabifches Shimron zu denken und 3"Hyba "ifilBX 153p ft.
Bi"15i rriBX-i I3p5 und am Schluß des V. bsyottP ft. bXTiiri
zu lefen. Befonders inftruktiv find feine Konjekturen zu
Am. 7,14k, durch die er folgenden Sinn gewinnt: I am
no prophet, nor am I member of the prophets' guild, but
a (piain) Rakmite am I (glosses, an Ishmaelite, a Shak-
ramite); and Yahwe fetched me from Ashhur-Sib on, and
Yahwe said to me: Go, prophecy upon my people
Israel'. Er lieft alfo Dpi p ft. "ipm, bKi>W p ft. obl2;
Qiznpü ft. n^isp» und fsox -in©N ft. psn 'nna. In

Jef. 2, 1 konjiziert Ch. BtlT "ltö»a ft. Oi-inn BT »TD und

pnan ft. r/isam In 2,6 ift nip' in Dp i. e. on-p zu

ändern. S. 321 f. erfahren wir, daß Rezin ein nordarabifcher
| König war, und daß es fich damals nicht um p©zn fondern
um pOzn gehandelt habe. Ich könnte diefe Aufzählung
1 durch Beibringung von hunderten ähnlicher Konjekturen
ergänzen, die alle den gleichen Grad von Wahrfcheinlich-
keit haben, aber das Gefagte wird zur Charakteriftik
genügen. Schade um den Scharffinn und den Fleiß, den
Ch. feit einem Jahrzehnt auf eine verlorene Sache verwendet
, denn es handelt fich nicht um Ergebniffe wiffen-
fchaftlicher Arbeit, über die eine Auseinanderfetzung
möglich wäre, fondern um Einfälle, über die mit ihm zu
ftreiten nutzlos ift. — Der Druck des Buches ift korrekt,
die beiden Regifter erleichtern in erfreulicher Weife den
Gebrauch des Buches.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Elmslie, W.A. L., M. A.: The Mishna on Idolatry 'Aboda

Zara. Edited with translation, vocabulary and notes.
(Text and Studies. Vol. XIII, No. 2.) (XXIX, 136 S.)
8°. Cambridge, University Press 1911. s. 7.6

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