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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

437-440

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neeser, Maurice

Titel/Untertitel:

La Religion hors des Limites de la Raison. Traits principaux d’une philosophie de la religion sur les bases du Kantisme 1912

Rezensent:

Bornhausen, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

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Das geben alle Chriften zu, fofern fie wenigftens das
Tragifche aus dem Chriftentum noch nicht ganz ausgemerzt
haben. Wie viele, oder vielmehr wie wenige
.denken' diefen Satz aber auch richtig durch und beziehen
dm auf fich felbft? (Vom .Erleben' diefes Satzes ganz
zu fchweigen!)

Kierkegaard hat mit eiferner Konfequenz diefe Denkarbeit
zu leiften verfucht. Zwar nicht um ein Paradigma
zu geben. Der .furchtbare Däne', wie er genannt wurde,
ift kein Schulmeifter. Hat er doch nie einen einzigen
Schüler gehabt.

Aber lernen follen wir aus dem Buche, fo mutig und
.exiftenziell' zu denken wie K.

.Exiftenziell' (der Ausdruck ift von K.), d. i. alles mit
Strenge auf uns felbft beziehend und die chriftlichen Forderungen
mitten in das menfchliche Leben hineinftellend.
Zugleich pfychologifch vorgehend, und uns auf den Boden
der Tatfachen des inneren Lebens ftellend. (Hier fei bemerkt
, daß die termini technici, und auch die Methode
der Beweisführung, bei K. z.T. veraltet find).

Mutig: ,Nur der Chrift weiß was die Krankheit zum
Tode bedeutet' (S. 7). Was der natürliche Menfch für
min Geld, fein Leben, feine Ehre fürchtet, ift bloß Kinder-
fpiel im Vergleich damit. In jeder Gemütsverfaffung und
Lebenslage nimmt K. den Menfchen vor und zeigt, daß
er überalfder Verzweiflung verfallen ift, auch wenn er
es nicht weiß. Sie, ganz eigentlich, ift die Sünde, und
zugleich die Krankheit zum Tode.

Mögen viele fich durch das Büchlein hindurcharbeiten,
dabei an den Franzofen Pascal denkend!

Genf. Raoul Hoffmann.

Neefer, Maurice: La Religion hors des Limites de la Raison.

Traits principaux d'une philosophie de la religion sur
les bases du Kantisme. (320 S.) 8°. Saint-Blaise, Foyer
Solidariste 1911. fr. 5 —

Der bedeutfame Titel und der Umfang des Buches
laffen in ihm einen Grad von Originalität erwarten, den
die fleißige und gründliche Arbeit doch nicht rechtfertigen
kann. Der Verfafler, ein Pfarrer der franzöfifchen Schweiz,
hat fich mit beachtenswerter Energie die Gedankengänge
des Kantifchen Syftems angeeignet, und feine Verarbeitung
der Kantifchen Philofophie führt zu dem Schluß, daß Kants
Religionsbegriff außerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
liegen müffe. Der Zweck des Buches erfchöpft fich
daher im Wefentlichen in einer klaren Darftellung und
Durchführung der Kantifchen Denkprinzipien. Der Aufriß
des Buches ift kurz der folgende.

Den Auftakt bilden zwei Kapitel über Religion und
Gefchichte und Religion und Pfychologie. Diefe doppelte
Einleitung ift nicht unwichtig durch die negative Stellung,
die der Verf. gegen Gefchichte und Pfychologie einnimmt,
um einer ausfchließlich erkenntnistheoretifchen Ableitung
der Relio-ion die Wege zu bahnen. Diefe Abficht führt
aber zu einer unzeitgemäßen und auch ungerechten Skep-
fis auf hiftorifchem und pfychologifchem Boden. Die geschichtliche
Ermattung, die in manchen Führern der kriti-
fchen Theologie eingetreten ift, wird als ein Endftadium
angefehen (S. 43) und nicht beachtet, wie gerade die kritifche
Gefchichtsunterfuchung immer größeres Vertrauen zu den
Quellen gewinnt und einer philofophifchen Befragung
uiftorifcher Gedankenbeftände die Bahn öffnet. Die pro-
teftantifche Theologie kann fich doch der Tatfache nie
entziehen, daß das Joch der Gefchichte ihr nun einmal
aufgelegt ift und daß mit hiftorifcher Skepfis fie ihren
ureigenften Befitz verleugnet. Mag der Verfuch der Ge-
fchichtsphilofophie, der aber im Augenblick ebenfo auf
allen anderen geifteswiffenfchaftlichen Gebieten unternommen
wird, in der Theologie als Vermittlungsunternehmen
erfcheinen, fo ift er dennoch notwendig: denn ohne Gefchichte
gibt es kein Chriftentum. In einer Grundlegung
uer Religionsphilofophie auch auf Kantifcher Bafis kann

daher keinesfalls das hiftorifche Problem als refultatlos
beifeite gefetzt werden. Die Teleologie in Kants Gefchichts-
philofophie zeigt, daß wir Kant felbft damit Unrecht täten,
wie wir auch die Entwicklung der Gegenwart verkennten.

Ähnliches gilt auch von Neefers radikaler Ablehnung
der Pfychologie: man entbehrt eine verftändnisvolle Durcharbeitung
des Problems, das die heutige religionspfycholo-
gifche Forfchung aufgibt. Gewiß ift es richtig: ,Die
Pfychologie ift nicht mehr Wiffenfchaft, fie ift noch nicht
Philofophie' (S. 92). Aber gerade als Grenzgebiet ftellt
fie der fyftematifchen Theologie eine neue Aufgabe. Neefer
hält fich nun an Erfcheinungen der franzöfifchen und ameri-
kanifchenReligionspfychologie(Murifier,James) und vergißt
ganz, irgend eine Läuterung des Begriffs .Pfychologie'
vorzunehmen. Auch Kant arbeitet doch mit einer Pfychologie
; auch der empirifchen Pfychologie fo abgeneigte
Denker wie Natorp und Cohen fordern eine reine allgemeine
Pfychologie. Was hat diefe für die Religion zu bedeuten
in der enzyklopädifchen Auffaffung menfchlicher Geiftes-
tätigkeiten ? Diefe Aufgabe, die aus der Pfychologie gerade
als junger Wiffenfchaft für die Religionsphilofophie erwächft,
wird vom Verf. beifeite gelaffen. Ich kann nicht zugeben,
daß man die beiden Vorausfetzungen einer zukünftigen
Religionsphilofophie, Gefchichtsphilofophie und Pfychologie
, To wenig in ihrer Bedeutung zur Geltung kommen läßt.

Nach 'diefen beiden in ihrer Kritik zwar negativen,
aber inhaltlich fpannenden und vielverfprechenden Einleitungskapiteln
will der Verf. in der Kantifchen Erkenntnistheorie
die Bafis für feine religionsphilofophifchen Gedanken
finden und er verfäumt nicht, den Lefer an feiner
ganzen Kantbearbeitung teil nehmen zu laffen. Leider
muß ich fagen, daß bei diefer breit angelegten Überficht
über das Kantifche Syftem, die das fpezififch religiöfe Ziel
zunächft ganz aus dem Auge verliert, das Intereffe des
Lefers ftark erlahmt. Wenn wenigftens die Lektüre durch
fcharffinnige Textexegefe und Unterfuchung der verfchie-
denen Kantifchen Gedankenanfätze verlohntel Aber fchon
das ift mir bedenklich, daß die gründliche Arbeit
A. Schweitzers ,Die Religionsphilofophie Kants von der
Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft' (1899), die die verfchiedenen
Pläne und Gedankenrichtungen von Kants Religionsphilofophie
aufdeckte, in keiner Weife aufgenommen ift. Verf.
fucht vielmehr auf eigene Fauft ohne Berückfichtigung
von Vorgängern feine Kant-Darlegung zu geben. Ich
glaube, daß fein Meifter H. St. Chamberlain ihn da nicht
zum Guten beeinflußt hat. So zieht denn das erfte Hauptkapitel
des Buches mit feinen 131 Seiten an uns vorüber,
ohne zu etwas anderem als den wohlbekannten Refultaten
der Kantifchen Vernunftkritik, Trennung der Welt der
Erfahrung von der der Ideen, zu führen. Es ift, als ob
rCu VrerL feine fleißigen Exzerpte aus Kant, durch die er
fich felbft Klarheit über das kritifche Syftem verfchafft
hat hier wieder gäbe. Und diefe klare Darlegung wird
im franzöfifchen Sprachgebiet notwendig und fehr verdienft-
voll fein. Der deutfchen Theologie kann fie aber nur
wenig bedeuten, wenn zum Schluß die Problemftellung
von I roeltfch und Cohen fo kurz und fchematifch fkizziert
wirdJS. 224—26). Wohl ift S. 224 ff. der Standpunkt
von Troeltfch und Cohen zutreffend gefchildert, aber doch
nicht kntifch genug, um das fchnelle Urteil .verunglückte
Verfluche' zu rechtfertigen. Ich fehe bei Cohen fowohl
wie bei Troeltfch ein Unternehmen, im Anfchluß an Kant
konfequent weiterzudenken, von denen jedes mir Richtiges
zu enthalten und ernfter Beachtung würdig erfcheint, trotzdem
ich mich felbft ebenfo wie Neefer zu keinem diefer
Verfluche bekennen kann.

Welchen Weg fchlägt nun Neefer felbft zwifchen
Troeltfchs fpekulativer Religionsbegründung und Cohens
ethifcher Religionsauflöfung ein? Das vierte Kapitel fucht
die Religion außerhalb der Grenzen der Vernunft. Dabei
folgt der Verf. weiter langfam dem Gang der Kantifchen
Gedanken: Kants Äfthetik wird dargeftellt und zwar zu-