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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

432-434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uhlhorn, Friedrich

Titel/Untertitel:

Geschichte der deutsch-lutherischen Kirche. 2 Bde 1912

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

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Toleranz unmittelbar die Wege gebahnt haben, bedeuten
nicht einen Bruch mit der Reformation, fondern erfcheinen
vielmehr als ein Weiterbauen auf dem Boden der Reformation
. Ein Locke, Pufendorf, Thomafius, auf die sich
P. beruft, find ohne den Proteftantismus fcnlechterdings
undenkbar. Ein flüchtiger Blick in deren Schriften zeigt,
wie tief fie in der Gedankenwelt der Reformation wurzeln. I
Sie find fich deffen bewußt, als geiftige Erben der Reformation
ihre Stimme für die Gewiffensfreiheit zu erheben,
ohne daß fie das Empfinden haben, zu ihr in direkten
Widerfpruch getreten zu fein. Eine Zufammenftellung
der Urteile über die Reformation im Zeitalter der Aufklärung
verdeutlicht die Abhängigkeit der freiheitlichen
Bewegung im 18. Jahrhundert von der religiöfen Erregung
im 16. P. erhebt gegen die Reformation den Vorwurf,
fie habe die Freiheitsideen der Renaiffance zurückgedrängt.
Hierbei foll aber nicht überfehen werden, daß fie in den
proteftantifchen Staaten zuerft wieder auflebten, in Holland
ununterbrochen fortbeftanden. Eine Erfcheinung wie die
Reformation darf nicht nur nach den Formen beurteilt
werden, die fie in ihrer Zeit gefchaffen hat, fondern muß
auf den Ewigkeitsgehalt ihrer Gedanken hin, deren letzte
Konfequenzen fpäteren Generationen vorbehalten bleiben,
geprüft werden. Die Intoleranz, die nun P. gegenüber
allen verfchleiernden Befchönigungen klar herausgearbeitet
hat, ift die eine Seite der Reformation. Daneben und da-
zwifchen laufen aber Ideen, die, vorläufig unter dem Drucke
der Verhältniffe zurückgeftellt, in der Folgezeit doch mit
ein neues Zeitalter heraufgeführt haben. Die als Problem
empfundene Spannung zwifchen der unduldfamen Praxis
und der evangelifchen Forderung der Gewiffensfreiheit,
die P. gelegentlich berührt, deutet den Fortfehritt an
gegenüber der mittelalterlichen Inquifition, mochten auch
die Ketzermaßregelungen in den proteftantifchen Ländern
inbezug auf die Energie, mit der man die Einheitlichkeit
des Glaubens zu erhalten bemüht war, jenen nicht nach-
ftehen. Schließlich löfte man die Spannung zugunften der
Gewiffensfreiheit, nachdem man fich überzeugt hatte, daß
bei dem Gegner ebenfalls Wahrheitsmomente vorhanden
feien, was man vorher nicht zugeftehen wollte. Eine ent-
fcheidende Rolle fällt in der modernen Toleranzgefchichte
dem proteftantifchen Staat zu. Die Wahrung der Ehre
Gottes und die Sorge um das Gefamtwohl machen die
Reformatoren der Obrigkeit zur Pflicht. Um der Ehre
Gottes willen wurde die Einheitlichkeit des Kultus aufrecht
erhalten. Die ftaatliche Intoleranz gegen den Katholizismus
und das Sektenwefen war die Folge diefer Entfcheidung.
Es konnte aber die Zeit eintreten, wo man fich an-
dererfeits mit Rückficht auf das Gefamtwohl zur Duldung
entfehloß. Auf diefer Linie liegt die Toleranz der Niederlande
. Es ift kein Zufall, daß die proteftantifchen Staaten i
wie Preußen, England, die Vereinigten Staaten mit der
Duldung von Diffidenten vorangingen. Die in anderen proteftantifchen
Gebieten bis ins 19. Jahrhundert fortbe-
ftehendeUnduldfamkeit hebt dem gegenüber dieBedeutung
des proteftantifchen Staates für die Duldung nicht auf. Der
Ausfchluß der Katholiken von der Duldung in England —
vor allem aus politifchen Gründen wegen ihrer Abhängigkeit
von der englandfeindlichen Kurie; auch Locke riet
von ihrer Zulaffung ,wegen ihrer Staatsfeindfchaft' ent-
fchieden ab — fchwächt den Eindruck der Toleranzakte
Wilhelms III 1689, der erften großzügigen Duldungskundgebung
eines proteftantifchen Staates in der modernen
Toleranzgefchichte, nur relativ ab. Die entfeheidende
Wendung in der Toleranzgefchichte ift der Verzicht auf die
Uniformität des Kultus d. i. in der Konfequenz auf die
Staatskirche. Die nordamerikanifchen Staaten, die 1776
auch den Katholiken volle Religionsfreiheit gewährten, '
bauten die englifche Duldung weiter aus. Das moderne
Europa folgte ihrem Beifpiel. Der Übergang von der
Intoleranz zur Toleranz und Parität vollzieht pch allmählich.
Die führende Rolle der proteftantifchen Staaten bei
diefem Prozeffe verdeutlicht den Anteil des Proteftantismus
an der modernen Toleranz. Die gelegentliche Oppo-
fition der konfervativen proteftantifchen Kreife gegen die
Neuerungen darf hierbei nicht als die Kundgebung des
Proteftantismus verwertet werden, da fie doch nicht den
gefamten Proteftantismus vertreten. Man komme doch
nicht immer mit dem Argument, daß es am Anfang nicht
fo gewefen fei, wie am Ende, fondern gehe vielmehr der
Frage nach, ob nicht das Ende von allem Anfang latent
vorhandene Kräfte herbeigeführt haben.

In der englifch-amerikanifchen Toleranz wirken noch
zwei proteftantifche Momente mit, die P. nicht gelten
laffen möchte: Die religiöfe Orientierung der Duldung,
deren Wurzel das evangelifche Perfönlichkeitsideal der
Reformation ift, und das Diffentertum, voran die Täufer,
die in der englifchen Revolution in Verbindung mit dem
freikirchlichen Calvinismus ihre theoretifche Toleranz prak-
tifch durchzufetzen vermochten. Wegen Raummangels
muß ich mir eine eingehendere Erörterung diefer beiden
Punkte verfagen und mich mit dem Hinweis auf meine
noch vor dem Erfcheinen des Werkes von P. wefentlich
abgefchloffene und eben erfchienene Arbeit über die Toleranz
und Intoleranz im Zeitalter der Reformation begnügen.

Für das reiche Tatfachenmaterial, das P. zur Toleranzfrage
erfchloffenhat, gebührt ihm der Dank der Forfchung.

Wien. Karl Völker.

Uhlhorn, Paft. Friedrich: Gefchichte der deutfeh-iutherifchen
Kirche. Zwei Bände. Leipzig, Dörffling & Franke 1911.
gr. 8°. M. 15—; geb. M. 18 —

I. (von 1517—1700) (III, 321 S.). M. 7—; geb. M. 8.50. — II.
(von 1700—1910) (III, 437 S.) M. 8 —; geb. M. 9.50

Das vorliegende Werk gibt fich in feiner ganzen Art
als eine populäre Darftellung der lutherifchen Kirchen-
gefchichte. Ohne Vorrede, Einleitung und irgendwelchen
wiffenfchaftlichen Apparat tritt es vor den Lefer und behandelt
feinen Gegenftand wefentlich defkriptiv, bemüht
fich jedoch nicht auch um die aetiologifchen Fragen nach
den Entwicklungsbedingungen und inneren Zufammen-
hängen der befchriebenen Ereigniffe, Zuftände und An-
fchauungen. Es beginnt mit Luthers 95 Thefen und
fchließt nach einer peffimiftifchen Betrachtung über die
gegenwärtige Lage der lutherifchen Kirche mit dem Ausdruck
der .Gewißheit, daß fie nicht untergehen, fondern
fich durch alle Kämpfe hindurch immer wieder zu neuer
Blüte entfalten' werde.

In der Auswahl und Behandlung des Stoffes geht
der Verfaffer meiftens eigne Wege. So faßt er nicht
nur den Stand des gegenwärtigen Wiffens nicht zufammen,
fondern hat es, allerdings nicht zum Vorteil feines Buches,
1 allem Anfchein nach auch unterlaffen, andere zuverläffige
Lehr- oder Handbücher der Kirchengefchichte zur Kontrolle
feiner eigenen Darlegungen vergleichend zu benutzen
. Das erfte mache ich ihm nicht zum Vorwurf,
denn wer felbftändig forfcht, hat auch ein Recht, feine
Funde und Ergebniffe mitzuteilen, ohne zugleich zur
Übermittelung aller bereits vorhandenen Kenntniffe in
demfelben Arbeitsgebiet aufkommen zu müffen. Und der
Verfaffer hat jedenfalls viel gelefen und gefammelt. Auch
manches entlegene Material, befonders lokalgefchichtliche,
kulturhiftorifche, hymnologifche, ftatiftifche und andere
Details, trägt er zufammen und verarbeitet es zu anfehau-
lichen Bildern. Gerade aber für dergleichen oft wertvolle
Einzelzüge feiner Darfteilung wären genaue Quellen-
nachweifungen unentbehrlich gewefen, wenn fie der ferneren
hiftorifchen Überlieferung nicht wieder abhanden kommen
follen. Denn andererfeits ift die Arbeitsweife des Ver-
' faffers nicht feiten zu forglos, als daß man alle feine Angaben
ohne weiteres ungeprüft übernehmen könnte. Um
fo leichter aber hätte ihn eine fortlaufende Berückfichti-
gung eines oder beffer noch mehrerer kirchenhiftorifcher
Lehrbücher vor manchen Fehlern, Mißgriffen und Unter-
laffungen bewahren können.